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Über die Jahre gewachsen

News: Produktion

Über die Jahre gewachsen

Der Ironman Triathlon in St. Pölten ist einer von vielen Events auf dem Ironman Kalender, mit dem großen Finale auf Hawaii. Das Interesse an einer Übertragung des Events wächst von Jahr zu Jahr. So auch die Produktion selbst. Während zu den Anfängen nur minimale Aufwände betrieben worden sind, kann mittlerweile, dank eines kompakten Produktions-Set-Ups, das gesamte Rennen übertragen werden. mebulive sprach mit dem verantwortlichen Produktionsleiter Claudio Schütz.

Claudio Schütz arbeitet als Radiomoderator für den ORF und seit einigen Jahren als freischaffender Produktionsleiter für den Ironman. Seine Verbundenheit zum Triathlon Sport und zum Ironman geht zurück in Zeiten, in denen er als Moderator die ersten Events in St. Pölten begleitet hat. Die Eventreihe des Ironman mit dem großen Finale, der Weltmeisterschaft auf Hawaii, ist seitdem stark gewachsen. Und mit der Bekanntheit des Sports auch das Interesse der Fans an Bewegtbildinhalten. In diesem Jahr hat man einen größeren Aufwand betrieben als je zuvor. Trotz eines geringen Budgets und der Finanzierung über Sponsoren und Werbeeinnahmen, war der Anspruch, dem Zuschauer im Netz eine qualitativ hochwertige Produktion zu präsentieren.

Ein interessanter Mix aus unterschiedlichen Technologien kam dabei zum Einsatz. „Schon 2002 habe ich mich dafür interessiert, wie man Bilder von dem Event produzieren kann. Wir haben damals angefangen, die Wechselzonen abzudecken und so einen Eindruck vom Event zu geben. Vor fünf Jahren haben wir dann erstmals professionelles Equipment von Blackmagic Design gekauft um die Produktion auf das nächste Level zu heben. Dabei war das Budget ganz klar begrenzt. Wir konnten nicht aus dem offiziellen TV/Media-Budget des ORF schöpfen, sondern haben ein kleines Entertainment-Budget dazu genutzt, Bilder von Start- und Ziel auf die Videowände einzuspielen”, erinnert sich Schütz. Obwohl das Budget zur Produktion auch 2019 stark begrenzt war, wird mittlerweile eine ganze Live-Show abbildet – inklusive Bildern von der Strecke, Zuspielern und Moderatoren. Möglich macht das unter anderem die Investition in LiveU-Produkte und die Entscheidung, den Moderator remote einzubinden. 

 

Die Bilder aus St. Pölten werden auf der Webseite des Ironman, sowie auf allen gängigen Social Media Kanälen, inklusive Facebook Watch, Vimeo und Youtube live gestreamt. Und auch der ORF bekommt für die Landes-Nachrichtenstudios im Anschluss des Events Bilder für eine 26-minütige Highlight-Show von ORF Sport+ zur Verfügung gestellt.

 

Über Facebook Watch werden je nach Event etwa eine bis zwei Millionen Menschen erreicht. „Das ist natürlich nicht mit einer Fernsehreichweite zu vergleichen”, gibt Schütz zu, fügt aber an: „In St. Pölten hatten wir aber immerhin 40.000 Menschen, die den Stream über die Webseite angesehen haben. Da haben wir sogar eine durchschnittliche Sehdauer von zwei Stunden und 50 Minuten erreicht.” Das gestiegene Interesse an dem Sport zeigt auch eine eigene Produktionsreihe von Facebook Watch. So werden aktuell elf der rund 60 Rennen weltweit im großen Stil von Vsquared, derselben Produktionsfirma, die auch für die Tour de France verantwortlich zeichnet, für das soziale Netzwerk produziert. Das Budget für diese Produktionen kommt von Facebook Watch. Kleinere Events, wie etwa das in St. Pölten oder Zell am See, werden teils aufgrund regionaler Verträge von anderen Teams produziert.

 

Dass das Ironman Event in St. Pölten überhaupt produziert werden kann, ist der Entwicklung der Mobilfunktechnik geschuldet. „Bis vor fünf, sechs Jahren bevor LTE wirklich gut ausgebaut war, war eine Produktion von der Strecke aus finanzieller Sicht quasi nicht möglich. Da hat die Übertragung solcher Events gut und gerne 200.000 Euro gekostet“, erklärt Schütz und fügt an: „In Frankfurt bei der Ironman-Europameisterschaft produziert der Hessische Rundfunk und das kostet sogar noch etwas mehr. Und da sich der Ironman nicht so vermarkten lässt wie etwa Fußball, sind solche Produktionskosten nicht zu rechtfertigen geschweige denn zu refinanzieren.“ Oberstes Ziel war es daher, ein System zusammenzustellen, das ein komplexes Produktions-Szenario über lange Strecken hinweg bewerkstelligen kann und gleichzeitig hohen qualitativen Ansprüchen genügt. 

 

Blackmagic Design-Regie

 

Das Herzstück des Systems kommt von Blackmagic Design. Die Gründe, Technologie vom australischen Anbieter zu beziehen, waren vielfältig: „Zum einen ging es darum, die Latenz möglichst gering zu halten, da wir auch die Videowall bespielen wollten. Da darf die Verzögerung nicht so groß sein. Deshalb wussten wir, dass wir auf Hardware-Produkte zurückgreifen mussten und die Produktion nicht mit rein softwarebasierter Technik stemmen konnten. Funktion und Preis haben uns dann zu den Blackmagic-Produkten gebracht. Alternativen gab es damals eigentlich nicht”, sagt Schütz. Ein weiterer wichtiger Punkt war die Modularität der Systeme und die Möglichkeit, über HDMI-Eingänge je nach Bedarf Go Pros einzubinden. „Grundsätzlich vergleichen wir die aktuellen Systeme immer miteinander. Ein Tricaster-System von NewTek wäre auch super gewesen, weil Features, wie Zeitlupe und Untertitel, schon integriert sind. Für eine Videowall-Produktion ist das System aber ungeeignet, da es damit immer ein bis drei Sekunden Delay gibt”, erklärt Schütz. Für die Produktion wird ein ATEM Production-Studio eingesetzt. Als Backup wird ein Television Studio HD vorgehalten. Das Bedienpult ist ein ATEM Advanced Panel. Zudem werden zwei Hyperdeck Shuttle eingesetzt, um zum einen den Clean Feed aufzuzeichnen und zum anderen die Zuspielungen einzuspielen. „Für Zeitlupen-Einspielungen nutzen wir ein einfaches System von Data Video. Das ist für unsere Zwecke ausreichend – sonderlich viel Zeitlupe brauchen wir beim Triathlon ohnehin nicht”, erklärt Schütz. Die Grafiken werden in St. Pölten mit dem Titler 4 von NewBlueFX eingespielt. Über eine 19 Zoll UltraStudio-Karte werden die Grafiken dann an den Mischer übergeben. 

 

Videoproduktion mit LiveU

 

„Die Videosignale werden uns über LiveU-Systeme zugespielt. Wir nutzen die LU200 Variante, die kleinste von LiveU, und kommen gut damit aus. Die Signale werden auf einen Linux-basierten Server geschickt, der mit vier Blackmagic Design-Karten ausgerüstet ist, die SDI-Signale ausgeben“, erklärt Schütz. Mit dem LU200-System kamen drei Sony X70-Kameras zum Einsatz. Diese haben laut Schütz den Vorteil, dass kameraintern ein bestimmtes Format aufgezeichnet, aber ein anderes Format ausgespielt werden kann. „Wir zeichnen in 1080P50 auf und übertragen die Bilder wegen der geringeren Datenrate in 1080P25”, führt Schütz aus. Zusätzlich wurden im Start/Ziel-Bereich zwei JVC GY-HM850-XT17-Kameras genutzt, eine war festverkabelt und die andere über Terradek Bolt wireless angebunden. Unterstützt wurde das Set-up auf der Laufstrecke durch ein Handy mit Osmo Mobile Gimbal und LiveU Smart App. Bilder aus der Luft lieferte eine DJI Mavic Drohne. „Ist das Budget mal größer, leisten wir uns zusätzlich einen Kran”, erklärt Schütz die Strategie.

Und auch bei den Personalkosten konnte gespart werden. So arbeitete man in St. Pölten mit der dortigen Fachhochschule zusammen. „Das hat wirklich fantastisch geklappt”, sagt Schütz und fügt an: „Die Produktion in St. Pölten war ein schönes Beispiel dafür, wie man mit geringen Mitteln tolle Bilder produzieren kann. Die Systeme haben gut zusammengearbeitet und ich bin sehr happy mit dem Ergebnis der Produktion.“ 

Der Moderator des Events saß unterdessen in Sevilla und kommentierte remote. „Zur Übertragung seiner Stimme verwenden wir die IP-Software von LUCI. Auch hier war der Kostenpunkt der entscheidende Faktor. Ein Moderator, den man einfliegen muss, der irgendwo übernachten muss, kostet schnell einmal 4.000 bis 5.000 Euro. So haben wir einen Moderator, der von zu Hause aus arbeiten kann und auch nur für diese Zeit bezahlt werden muss.”

 

Die einzige Herausforderung war laut Schütz, die offiziellen Rennzeiten in das Grafiksystem zu überspielen. Da es aktuell keine Schnittstelle zwischen der Produktionsumgebung und dem Zeitnehmer Mika Timing gibt, mussten die Zeiten von einem Monitor abgelesen und manuell in das Grafiksystem übertragen werden. „Das ist teils ein schwieriges Unterfangen, vor allem, wenn währenddessen ein Führungswechsel passiert. Dann stimmen die Grafiken nicht mehr”, erklärt Schütz. Ein weiteres Problem sieht Schütz bei der Übertragung von Live-Events auf Facebook oder Youtube. Das unberechenbare Rechtemanagement und die Automatismen der Plattformen seien ein Stolperstein in der Produktion, wenn während des Events lizensierte Musik zu hören ist. Er erklärt: „Teilweise bricht Facebook Watch den Stream schon ab, wenn an der Laufstrecke ein Auto mit laut aufgedrehter Musik steht. Das ist natürlich eine Katastrophe für uns und die vielen Zuschauer.”

Nichtsdestotrotz zeigt sich Schütz sehr zufrieden mit der Entwicklung über die Jahre. Gemessen daran, dass das Budget alle operativen Entscheidungen beeinflusst, könne man die Übertragung des Ironman in St. Pölten als vollumfängliche Produktion sehen, die beim Zuschauer zu Hause sehr gut ankommt.                                             

Niklas Eckstein

MB 3/2019

© 2019 Getty Images

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