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Verschlankung der Außenübertragung

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Verschlankung der Außenübertragung

Fernsehen muss sich immer wieder neu erfinden, um frisch zu bleiben. Insbesondere die Live-Berichterstattung und Außenübertragung unterliegt einem steten Wandel, der immer neue Superlative verlangt, immer häufiger aber auch zu einer Rückbesinnung auf das Wesentliche, das Einfache führt – wie es jetzt beim Hessischen Rundfunk geschieht.

Die Pläne des Hessischen Rundfunks (hr), seine Außenübertragung auf neue, schlankere Beine zu stellen, existieren schon länger. Der Führungswechsel der FS Produktionstechnik Außen mit dem neuen Leiter Mathias Hundt bot dazu den geeigneten Zeitpunkt. 

Ein unerwartetes Momentum erhielten sie, als in der Nähe des Funkhauses Ende August vergangenen Jahres bei Bauarbeiten eine Weltkriegsbombe gefunden wurde, die am Sonntag, den 3. September, entschärft wurde. Für die Zeit der Entschärfung musste das komplette Funkhaus des hr in der Bertramstrasse im Stadtteil Dornbusch evakuiert und der Sendebetrieb ausgelagert werden. Für das hr-Fernsehen produzierte man von Außerhalb eine Live-Sendung, die letztendlich 15 Stunden dauerte. „Die wahrscheinlich entscheidende Einsicht, die uns die Live-Sendung zur Bombenentschärfung gebracht hat, ist, dass sie uns gezeigt hat, welches die wesentlichen Dinge sind, die wir wollen und wie wir sie möglichst passgenau und in kürzester Zeit erreichen können“, sagt Hundt. „Insofern war die Evakuierung eine gute Erfahrung für alle, weil sie uns zwang , unsere Routinen zu verlassen und unkonventionell zu handeln. Wenn wir das mit der Bombenentschärfung ein Jahr vorher gewusst hätten, wäre es wahrscheinlich kompliziert geworden, weil wir uns alle total verplant hätten. Gewohnte Dinge hinter sich zu lassen, ist entscheidend, um erkennen zu können, dass es auch anders geht. Das hat auch mit den Ängsten zu tun, dass das ‚Qualitäts- und Hochglanzfernsehen‘ so wie wir es gewohnt sind, verschwinden könnte. Doch woran erkennt man Qualitätsfernsehen, wie definiert man es? Unsere Aufgabe ist es, Geschichten für das Lagerfeuer Fernsehen zu erzählen und da kommt es vor allem darauf an, wie ich eine Geschichte erzähle. Es geht um das Storytelling, um ein adäquates Erzählen. Der Zuschauer bleibt hängen, wo er es spannend findet, wo es für ihn inhaltlich relevant ist und weniger beim physikalisch perfekten und fehlerfreien Bild.“ Für Hundt geht es nicht darum auf Teufel komm raus einzusparen. „Es wird immer Sendeformen, Orte und Anlässe geben, die man aufwändiger halten muss“, hält er fest. „Aber es gibt genügend Fälle, wo man durchaus Risiken eingehen, mit Pannen offen umgehen und den Zuschauer mitnehmen kann. Das macht nahbar und sympathisch und stellt eine authentische Verbindung zum Zuschauer her.“

 

Sender ohne Sendezentrum

Während der Bombenentschärfung stand das Sendezentrum den kompletten Sonntag bis zum Abend nicht zur Verfügung. Das betraf nicht nur den hr selber, sondern auch den beim hr angedockten ARD-Sternpunkt, über den die Hörfunk- und Fernsehsender der ARD zusammen geschaltet werden. Der Knotenpunkt musste auf den Havarie-Stützpunkt zum ZDF nach Mainz ausweichen. 

„Der Umstieg erfolgte reibungslos und lief inklusive der Rückschaltung auf die Systeme am Dornbusch fehlerfrei. Ganz nebenbei mussten wir ja um 20.15 Uhr noch das Kanzler-Duell über unser Sendezentrum abwickeln“, sagte Stephen Wagner, Leiter des ARD-Sternpunkts. Die für die Programmverbreitung benötigten wichtigsten technischen Gerätschaften wurden zum Großen Feldberg in den Taunus geschafft. „Es war eine echte Herausforderung, in der Kürze der Zeit die Verbreitung all unserer Programme auf die verschiedenen Plattformen zu gewährleisten“, sagt Michael Kesselring von der Programmverbreitung. „Es konnten alle erforderlichen Anwendungen an allen Außenstudios und im Krisenzentrum zur Verfügung gestellt werden.“ Eine Task Force des hr selbst verrichtete ihre Arbeit aus einem Frankfurter Hotel.

Beim Radio kam es durch den erzwungenen Auszug zu teils erheblichen Einschränkungen beziehungsweise Umstellungen. Die Jugendradiowelle YouFM wurde auf Automatikbetrieb gestellt. Auch die Kulturwelle hr2 lief in Automation. Da das Sonntagsprogramm des Senders aus aufgezeichneten Konzerten, Lesungen und Ähnlichem besteht, mussten die Hörer lediglich auf die Live-Nachrichten verzichten. Die Wellen hr1, hr3 und hr4 wurden zusammen geschaltet und sendeten live ein wildes Mischprogramm aus den drei Farben. 

Gesendet wurde über den ferngesteuerten Schaltraum in Frankfurt aus dem Studio Kassel, wo sonst nur hr4 produziert wird. Für die Moderation zwischen 10 und 15 Uhr reaktivierte man die hr-Moderatorenlegende Werner Reinke, der 1971 zum ersten Mal beim hr moderierte. Nur hr-info sendete – wenn auch aus Kassel und unterstützt von Kolleginnen und Kollegen am ‚Desk Information‘ in Wiesbaden – sein reguläres Programm. Das Online-Team bezog in Wiesbaden das Landtagsstudio und auch der Hörerservice pausierte nicht. Er zog ins Landesstudio nach Darmstadt.

Am stärksten betroffen waren wahrscheinlich die Studio-Vorproduktionen mit Publikum für die Sendung „Straßenstars“, die am Sonntag hätten stattfinden sollen. Von den drei geplanten Folgen wurden je eine auf die Aufnahmetage am Freitag und Samstag gelegt, die dritte wurde in die folgende Staffel verschoben. Zudem musste ein Kammerkonzert im Sendesaal abgesagt werden.

15 Stunden Live-Fernsehen

Das hr-fernsehen sendete den größten Teil des Tages live. Das Programm startete um 6 Uhr morgens und wurde während der kompletten Laufzeit von Kristin Gesang und Andreas Gehrke moderiert. Als Backup gab es mehrere 45-minütige Dokumentationen über Hessen, von denen jedoch nur zwei gesendet wurden. Wirklich notwendig war das nicht, da die Live-Sendung gut lief und – wie man später sehen konnte – gut angenommen wurde. Der Grund, die beiden Aufzeichnungen zu senden, war ziemlich unspektakulär: die beiden Pausen dienten allen Beteiligten durchzuatmen und sich neu zu organisieren. Der Tagesanteil in Hessen für die Live-Sendung hatte 22,3 Prozent. Normal sind lediglich sechs bis sieben Prozent. hessenschau.de verzeichnete 1,05 Millionen Visits und überschritt damit zum ersten Mal die Millionengrenze. Die Hessenschau wurde von 700.000 Hessen gesehen, was 34,8 Prozent der Zuschauer entspricht. Auch bundesweit konnte ein großes Interesse am Programm gemessen werden.

Der eigentlich spannende Teil, die Bombenentschärfung selbst, konnte nicht direkt gefilmt werden. Das Entschärfungsteam hätte das als störend für die Konzentration bei ihrer extrem heiklen und gefährlichen Arbeit empfunden. So kam das Team um Mathias Hundt auf die Idee eine bereits vorhandene Holzwand, die in etwa 20 Metern Entfernung zur Bombe als Sichtschutz errichtet war, für die Berichterstattung zu nutzen. Da aufgrund der Sicherheitslage kein Personal für diese Kamera eingesetzt werden durfte, fand das Team mit dem LiveU-Streamingrucksack eine gangbare ferngesteuerte Lösung, bei der die komplette Technik, wie Blende, Schärfe, Farbe, Zoom und Schwenk über alle Achsen über das LTE-Telefonnetz gesteuert wurde, über das das abgehende Sendesignal der Kamera direkt in den Ü-Wagen übertragen wurde. Für die erforderliche Stromversorgung wurde eine Autobatterie für Dieselfahrzeuge genutzt.

„Diese Kameraposition klingt erst einmal langweilig“, sagt Hundt. „Aber die Spannung lag darin, dass jeder wusste, dass die Entschärfung genau hinter dieser Wand erfolgte. Da wurde dann auch ein Eichhörnchen spannend, das plötzlich davor herum lief. Die Regie hatte erstaunlich oft auf die Kamera geschnitten, ein Zeichen, dass sie ihren Zweck – Spannung zu erzeugen – erfüllt hat.“ Ein vor der Hauptfeuerwache in Frankfurt positionierter, von Nobeo angemieteter Groß-Ü-Wagen diente als provisorische Sendezentrale. Aus ihm wurde nicht nur das laufende Programm des Hessischen Rundfunks abgesetzt, sondern auch die gesamten Zulieferungen zur ARD. 

 

LiveU-Kameras und Ü-Wagen als Sendezentrale

Reportage-Schnittplätze fand man bei Magenta TV in Wiesbaden, wo auch der Haupt-Ü-Wagen (FÜ-2) des hr stand, der über die Magenta TV-Standleitungen mit allen Knotenpunkten verbunden werden konnte. Von hier aus wurden auch die sieben eingesetzten LiveU-Kameras koordiniert. Sie waren das Herzstück einer weiteren technischen Entwicklung des Teams um Mathias Hundt: einem mobilen LiveU-Server für Streaming-Rucksäcke. Standardmäßig werden die Signale der Rucksäcke in die Sendeabwicklung geschickt. Die durch die Bombenentschärfung bedingte Räumung des hr zwang das Team nun dazu, diese Empfangsstation mobil zu machen. Glücklicherweise war dies in der jüngeren Vergangenheit mehrfach erfolgreich getestet worden: Beim Besuch von Prinz William und seiner Frau Kate in Deutschland, beim Feuerwerk-Spektakel „Rhein in Flammen“ sowie dem Begräbnis von Helmut Kohl. „Es ist praktisch, wenn man die LiveU-Signale direkt am Ü-Wagen empfängt und nicht indirekt über eine Regie im Sender“, erklärt Hundt. „So stelle ich mir zukünftig einen wichtigen aktuellen Teil der AÜ vor, da wir auch sternförmig arbeiten wollen.“ In diesem Falle erhält der Ü-Wagen in den Augen von Hundt eine neue, zusätzliche Bedeutung: Ihn nicht nur als reinen klassischen Kamera-Ü-Wagen einzusetzen, sondern auch mal als Sendezentrale, um die herum in verschiedenen Abständen die LiveU-Rucksäcke, SNGs, Smart-Ü-Wagen, mobile Regien und so weieter arrangiert sind.

Auf diesem Weg können kompaktere Ü-Wagen als Sendezentrum auch für größere Events eingesetzt werden. „Das hat allerdings den Nachteil, dass die redaktionelle Durchsicht durch alle beteiligten Kameras nicht mehr gebündelt an einem Ort vorliegt, sondern der Redakteur die gestalterische Verantwortung der jeweiligen Orte auch an die angeschlossenen Satelliten abgibt“, erläutert Hundt. „Dennoch ist dies etwas, was wir in Zukunft für ganz verschiedene Veranstaltungen nutzen können, wie die Silvester-Live-Sendung oder den Hessentag. Aus der Bombenentschärfung haben wir gelernt, dass wir sehr flexibel sind, wenn wir so arbeiten. Das gilt es zu fördern. Viele kleine Sub-Regien zu haben, zahlt sich in der Flexibilität und darüber hinaus in der Gesamtqualität der Sendung aus.“ 

Dass bei dieser Produktionsart nicht alle Möglichkeiten zur Verfügung stehen können, auf die Fernsehmacher heute in ihrer eingespielten Routine zurückgreifen können und die sie lieb gewonnen haben, ficht Hundt nicht an. Auch Sendesicherheit ist für ihn kein Thema. „Die digitale Technik ist heute bei gleicher Qualität weitaus stabiler, komplexer und miniaturisierter als sie es zu Röhrenzeiten war“, erinnert er. „Deshalb können wir es uns inzwischen auch leisten mit kleinerer Ausrüstung zu arbeiten. Geschickt eingesetzt, liegen Mischkamerasysteme optisch nicht mehr so weit auseinander, wie es noch vor fünf Jahren der Fall war. Wenn es uns nun auch gelingt die Kompatibilität dieser Systeme untereinander zu optimieren, könnten wir deutlich mehr optisches Volumen in unsere Produkte bringen. In diesem Fall wären wir mit den Möglichkeiten, die wir beim hr haben – SNG, mobile Regie, Smart-Übertragung und so weiter  – so flexibel und stark, wie wir es zuvor noch nie waren.“ 

Und um seine Ausführungen zu untermauern, erzählt er ein Beispiel, als er als Zwei-Mann-Team mit seinem Kollegen Frank Petry vom russischen Weltraumhafen Baikonur den Start einer Mars-Rakete mit Hilfe einer kleinen tragbaren Satellitenschüssel nach Darmstadt zur ESA übertragen hatte. Wie sich herausstellte, war die Übertragung die einzige des mitgereisten internationalen Teams, die technisch funktionierte. 

 

Blackmagic URSA Mini Pro-Kameras beim hr

Ein zentrales Element des jüngsten Familienmitglieds der Produktionsmittel des hr sind die Blackmagic Design URSA Mini Pro Kameras. Ausgestattet mit den passenden Objektiven erlauben sie im Livebetrieb eine typische „Spielfilmästhetik“ (flache Schärfe), können aber auch als Reportagekameras im Vorfeld einer Liveproduktion eingesetzt werden. Sie sind über WLAN erreichbar und können über iPads ausgesteuert werden. Für die Kameras lässt sich elektronisch ein bestimmter Look einrichten, abspeichern und am Drehort auf die Kameras aufspielen. 

 

Spielfeld Konzertübertragungen für arte

Das neue Arbeiten wie es Hundt vorschwebt, ist nicht auf den Bereich Aktuelles beschränkt. Seit 1995 als freier Kameramann beim hr und dann als Video Jockey (VJ), kommt er zwar von dort, doch das Neudenken begann schon früher bei Konzertaufzeichnungen für arte. Vor circa fünf Jahren fragte der Sender Manuel Meyer – den arte-Beauftragten des hr – ob man nicht Konzerte in einer kleineren, smarteren Form aufzeichnen könne, als bislang üblich. Er und Hundt steckten daraufhin die Köpfe zusammen und Hundt, der damals als VJ arbeitete, schlug vor, dies mit VJ-Kameras zu machen. Bei einem entsprechenden Test kam man zu dem Ergebnis, dass dies zwar machbar sei, allerdings mit der Konsequenz, dass so ziemlich alle dramaturgischen Aspekte der Produktion wie Regie, Schnittliste, Gestaltung, Verzicht von Schärfentiefe und so weiter neu entwickelt werden müssten. Ergänzt um Hartmuth Niemczik und Mathias Hohn, bildete sich im hr aus dieser Idee die interdisziplinäre Gruppe CTM (Content Team Musik). Bei Standardkonzerten des hr-Sinfonieorchesters wurde diese Idee nach und nach neu umgesetzt. Auf technischer Seite sind vor allem zwei Aspekte in Zusammenarbeit mit Arte verändert worden: Es gibt keine klassische Kamerakontrolle (KK) mehr – die Kameraleute passen ihre Kameras eigenständig an und ziehen anschließend im Konzert in Absprache mit der Regie die Blende – und der Ton wird in der Regie nicht bearbeitet, sondern kommt direkt vom Hörfunk. Gleichzeitig werden nur die gegebenen Strukturen des Veranstaltungsortes genutzt. Es wird auch kein Fernsehlicht mehr aufgebaut, sondern nur – falls möglich – in das normale Licht integriert. „Prinzipiell bilden wir die Veranstaltungen ab wie sie sind. Wir gestalten sie nicht mehr für das Fernsehen“, sagt Hundt. Das spart eine ganze Menge an Zeit, Energie und Geld. Gerade im Lichtbereich, für den man für Konzerte auch schon mal eine Woche brauchte.

Das eigentliche Hindernis beim Umbau der AÜ ist nach Hundts Ansicht der hierzulande vorherrschende Perfektionismus. „Wir wollen immer auf alles vorbereitet sein, das bläht einerseits Havariekonzepte auf und hemmt uns auch, neue Dinge einfach mal auszuprobieren. Das führt zwar zu perfekten Produkten. Diese sind aber auch oft aufgrund der formatierten Sicherheit in ihrer Anmutung zu kühl. Die Franzosen sind da entspannter. Wenn das Bild unscharf ist, wird einfach wieder scharf gestellt. Fast so, als ob die Unschärfe zuvor gewollt war. In Deutschland wird hingegen oft hektisch korrigiert, so dass jeder merkt, dass es ein Versehen war. Wir brauchen einfach mehr Vertrauen, mehr Optimismus und gute Laune. Dies sind für mich drei zentrale Dinge bei der AÜ.“

Den Musikern hilft die neue Art der Produktion auf zweierlei Weise: die URSA Mini Pro, die für die Übertragungen genutzt werden, wirken nicht so „bedrohlich“ wie die großen TV-Kameras und verschwinden für sie unsichtbar irgendwo am Rande, als wären sie nicht da. Außerdem wächst ihre Bekanntheit durch die vielen Konzert-Mitschnitte, die seit einiger Zeit auf einem eigenen YouTube-Kanal zu Verfügung stehen, rasant. 

 

Zukunft der hr-Außenübertragung

Der Umbau der hr-Außenübertragung soll nicht dazu führen, dass Jobs wegfallen oder zusammengelegt werden. Er soll sie fit machen für die Herausforderungen der Zukunft, wie es etwa von der rbb-Intendantin Patricia Schlesinger beim PTKO-Presseforum von ARD und ZDF während der IFA 2017 für die ganze ARD angemahnt worden ist (MB 4/17, S. 84). „Die zentrale Frage ist doch: welche Technik braucht man für welche Veranstaltung, für welches Produkt? Da könnte man viel mehr differenzieren. Es wäre doch großartig, wenn man bei Sportübertragungen irgendwann einmal ohne Kabel auskommen könnte. Es wird gefilmt, einer schneidet auf dem Tablet, es wird gesendet, man packt ein und fährt wieder. Man kann sich eventuell auch in existierende Glasfasernetze einklinken – und über solche Netze dann die Kameras auch vom Funkhaus aus steuern“, führt Hundt aus. 

„Ich sehe meine Rolle vor allem als Übersetzer zwischen Technik und Redaktion, denn aufgrund der rasenden technischen Entwicklung wissen die Redaktionen oft nicht, was inzwischen technisch überhaupt machbar ist. Der Technik erkläre ich im Grunde , was die Redaktion braucht und der Redaktion, was sie technisch kann. Überbordende Wünsche sind jedoch längst nicht mehr umsetzbar, anderseits gibt es technische Angebote, die eine schlankere, flexiblere Produktionsweise erlauben. Man muss sie nur kennen. Mir ist es wichtig, dass die Redaktion sich auf ihre wesentlichen Aufgaben konzentrieren kann und dem Techniker klar wird, dass die ganz große Lösung nicht mehr in allen Fällen umsetzbar ist, man daher kreativer werden muss. Wenn man das alles zusammen bekommt, werden wir mit den ganzen kleinen Regien, die die größeren Produktionsmittel flankieren, eine wunderbare Zukunft haben.“

Die Live-Sendung zur Bombenentschärfung hat den Blick im hr auf die eigenen Möglichkeiten verändert. Nicht nur darauf, was man als Sender spontan leisten kann und will. Auch für das Selbstverständnis des Senders und der Menschen, die dahinter stehen. „Die Anstrengungen um die Evakuierung haben geholfen, sich daran zu erinnern, dass man ein Team ist, einen gemeinsamen Nenner hat sowie zu erkennen, dass man durch viele formatierte Verhaltensmuster, die man über die Zeit entwickelt hat, sich hin und wieder auch einmal selbst im Weg steht“, sagt Hundt. Eine Basis, auf der man aufbauen und sich weiter entwickeln möchte. Die erste Sendung nach dem neuen Muster war die Silvestersendung. Und auch der Hessentag im kommenden Mai/Juni wird in diesem Jahr ähnlich produziert. 

Für Hundt ist eine verschlankte Produktionsweise auch eine großartige Chance für das lineare Fernsehen, das seiner Einschätzung nach auch davon lebt, mit leichten und unkomplizierten Tools den Eventcharakter von Ereignissen und Veranstaltungen spontan und unmittelbar live abzubilden. Man müsse nur schneller und effektiver darauf eingehen können, was die Zuschauer interessiere.

Thomas Steiger

MB 1/2018

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