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Workflow-Definition aus einem Guss

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Workflow-Definition aus einem Guss

Mit der Einrichtung des neuen Nachrichtenstudios ist bei ARD-aktuell ein Paradigmenwechsel eingeläutet worden. Zum ersten Mal hat das Programm mit seinen Ideen ein Projekt gemeinsam mit der Produktion auf den Weg gebracht. Dieses Konzept erforderte es, die Workflows neu zu gestalten.

„Wir haben die Redakteure in Schulungen intensiv auf die neue Gestaltung vorbereitet, mit der eine ganz andere Fotosprache einhergeht“, erklärt Kai Gniffke, Chefredakteur von ARD-aktuell. „Die Redaktion hat sich sehr schnell auf die neuen Herausforderungen eingestellt und schöpft begeistert die Möglichkeiten aus, die sich mit unserem neuen Studio eröffnen.“ Den Schlüssel zum Erfolg sieht der Initiator des Studioprojekts Georg Grommes in der engen Zusammenarbeit zwischen Programm und Produktion. „Die Produktionsmitarbeiter und Redakteure haben vom ersten Brainstorming zum neuen Studio über den Pitch für das neue Set bis hin zur Realisierung des Betriebskonzepts ganz eng kooperiert und dabei auch räumlich zusammengesessen.“ Daraus resultiert die „Workflow-Definition aus einem Guss, von der wir jetzt im Betrieb enorm profitieren.“

Das Herzstück des neuen Studios bildet die 17,5 Meter große Medienwand. „Wir bespielen diese echte Wand virtuell, ohne den Boden der Realität zu verlassen“, betont Grommes. „Unsere Grundidee war, dass alles, was der Zuschauer sieht, auch tatsächlich im Studio vorhanden ist“, sagt Gniffke. „Der Moderator bewegt sich nicht in einem leeren Raum und kann auf Dinge zeigen, die dort auch vorhanden sind. Das gibt jedem, der in einem Studio arbeitet, auch mehr Sicherheit, die sich am Ende auch auf den Zuschauer überträgt.“

Die Medienwand ermöglicht es, ein durchgehendes, stegloses Bild auf einer gebogenen Fläche von ca. 17,70 x 2,20 m zu projizieren. Das Bild auf der Medienwand entsteht durch die Projektion von sieben Beamern (PT-DS20K von Panasonic), die abgesenkt im Studiofußboden montiert sind. Die Beamerbilder werden über zwei Umlenkspiegel auf die gebogene Projektionsfläche geführt. Um nahtlose Übergänge zwischen den einzelnen Beamerbildern herzustellen, wird das Softedge-Verfahren eingesetzt, bei dem sich die Bilder der benachbarten Beamer in einem bestimmten Übergangsbereich überlappen. In den Softedge-Bereichen wird die Bildhelligkeit der miteinander vernetzten Beamer automatisch so reduziert, dass der optische Eindruck eines durchgehenden Bildes gewahrt bleibt.

Damit die Bilder mit hinreichender Helligkeit und Schärfe auf die Medienwand projiziert werden können, sind die Beamer mit vier Lampen bestückt, die über 20.000 ANSI Lumen liefern. Die Auflösung des Beamerbildes entspricht mit 8.260 x 1.050 Pixeln in etwa HD-Qualität. Die Beamer werden progressiv mit 50 Frames bespielt. Beim Ausfall einer der vier Lampen in einem Beamer reduzieren die anderen automatisch ihre Helligkeit, so dass auf der Medienwand ein einheitliches, circa 15 Prozent dunkleres Bild erscheint.

Die Beamer erhalten ihre Signale aus dem Echtzeit-Grafikrenderer HDVG4 von ORAD. Dieser ermöglicht es, eine 3D-Szene entsprechend dem OnAir Design zu erzeugen, die auf sieben Videoausgängen ausgespielt wird. Die Anforderung bei diesem Echtzeit-Grafiksystem sah vor, die gekrümmte Medienwand mit großen Grafiken und Fotos zu bespielen, aber auch die 20 Uhr-Einstellung mit geraden Schriften. Die Schrift durfte dabei nicht der Krümmung der Wand folgen, wenn die Kamera heranfährt. „Der blaue Streifen auf der Medienwand fungiert dabei als Horizont und schafft eine Distanz, damit nicht der Eindruck entsteht, dass sich der Moderator mitten in der entsprechenden Szene befindet“, erläutert Grommes.

Um Fotos, Grafiken und Schriften auf der gebogenen Medienwand „gerade“ aussehen zu lassen, erhält der Medienwand-Renderer die Trackingdaten (also die Raumkoordinaten und Optikparameter) der jeweils aufnehmenden Kamera. „Mit diesen Daten ist es dem Renderer möglich, das auf der Wand projizierte Bild so verzerrt darzustellen, dass es im Bild der Kamera dann wieder ‚gerade‘ aussieht“, erläutert der NDR-Projektleiter Wolfgang Kuhlmann. „Tracking-Datenerfassung und deren Verarbeitung sind Grundbestandteil jedes virtuellen Studios. Der Effekt muss bei der Programmierung der Szene umgesetzt werden.

Sendeautomation von VizMosart

Das neue Studio verfügt über eine Pre-Set-Regie mit automatisierten Kran-Kameras, deren Voreinstellungen bereits im System gespeichert sind. Um die Sendungen mit größtmöglicher Sendesicherheit produzieren zu können, ist die Sendeautomation von VizMosart installiert worden, die ein hohes Maß an Möglichkeiten eröffnet. Die Redaktion bei ARD-aktuell kann Kommandos für Mikro, Kamera, Licht geben, die über sogenannte Bricks in den Sendeablauf eingefügt werden. Damit alle Sendungen von ARD-aktuell ein möglichst einheitliches Erscheinungsbild aufweisen, sind geprüfte Standards bereits als Presets oder Bricks vordefiniert worden. „Die Redakteure wählen im Redaktionssystem Open Media vor der Sendung zu jedem Beitrag bei der Sendungsplanung einen Brick aus, der alle für die betreffende Einstellung notwendigen produktionstechnischen Kommandos und Anweisungen enthält“, erläutert Kuhlmann. „Diese Einstellungen werden mit dem Ablauf vor der Sendung in die Regieautomation geladen und während der Sendung manuell aufgerufen.“ Sämtliche Bild- und Tonelemente des neuen Designs werden von der Sendeautomation manuell so gesteuert, dass die gewünschten, in Voreinstellungen vorbereiteten Einstellungen abgerufen werden. Bei kurzfristigen Ablaufänderungen während der Sendung kann der Redakteur im Open Media-Sendungsablauf den Sendungsplan entsprechend aktualisieren. Der Regisseur prüft, ob die Änderung mit der Dramaturgie der Sendung verträglich ist und verändert bei Bedarf den Brick dieses Beitrags.

Brick-Konzept von Annova

Entwickelt worden ist dieses Brick-Konzept, das an die Open Media e-Regie anschließt, von Annova Systems. Der gesamte Aufwand für die Realisierung des Brick-Konzeptes, den die Münchener Softwarefirma geleistet hat, belief sich einschließlich der Konfiguration und Inbetriebnahme vor Ort auf circa 180 Manntage. Das Brick-Konzept wird für alle Sendeformen von ARD-aktuell angewendet. Für jede Sendeform erfolgt in Open Media eine Vorfilterung der einsetzbaren Bricks. So können Redakteure für die einzelnen Beiträge nur zugelassene Einstellungen einsetzen. Zudem wird die Ablaufreihenfolge der Beiträge auf Plausibilität geprüft. Der Redakteur wird so informiert, ob die Auswahl der Bricks korrekt ist.

„Auch für die Ingenieure und Techniker sind das völlig neue Workflows“, betont Dr. Michael Rombach, Produktionsdirektor des NDR. „Natürlich wird immer noch gelernt, mit den Herausforderungen eines jeden Tages umzugehen. Wie passiert Havarie-Management und wie geht man damit um, wenn doch einmal etwas passiert. Da ist Routine durch nichts zu ersetzen. Drei Monate sind noch keine echte Routine, aber natürlich trägt der Erfolg und die Reputation des Produkts auch in die Technik hinein.“

Dank der Verknüpfung von Redaktions- und Automationssystem ist es über die Bricks möglich, Anweisungen für die ferngesteuerten Kameras im Studio zu geben. Das neue Nachrichtenstudio von ARD-aktuell ist mit drei deckengestützten Robot-Kameras von Camerobot sowie drei bodengestützten Robot-Kameras von Shotoku ausgestattet. Auf den deckengestützten Systemen befinden sich Sony-Kameras vom Typ HDC-P1 und an den bodengestützten Stativen die Sony-Kameras HDC-2400, welche allesamt über ENG-Objektive verfügen. Alle Robot-Kameras sind aus der Regie fernbedienbar. Die bodengestützten Systeme können im Studio auch über Hinterkamerabedienungen gesteuert werden. Die Kameraysteme erzeugen Trackingdaten, die in Echtzeitgrafik-Renderern ausgewertet werden können. Sämtliche Kameras sind mit Telepromptern versehen.

Der Einsatz von Robotkameras im Fernsehstudios erfordert Sicherheitsvorkehrungen, die zum Schutz der Moderatoren getroffen worden sind. Personen, die sich dem Gefahrenbereich einer Robot-Kamera nähern, müssen automatisch erfasst werden. „Bei einer Distanzunterschreitung gibt es eine Sicherheitsabschaltung“, erklärt Kuhlmann. Zudem sorgt das Sicherheitssystem dafür, dass eine Kollision der Robotiksysteme untereinander beziehungsweise. mit Monitorsäulen oder Scheinwerfern verhindert wird.

Im Tagesschaustudio sind 99 ARRI L7-C LED Fresnel Scheinwerfer im Einsatz, die an einem Licht-Rigg an der Decke angebracht sind. Die Steuerung erfolgt durch ein Transtechnik-Pult. Die LED-Scheinwerfer ermöglichen eine variabel einstellbare Farbtemperatur und verbrauchen deutlich weniger Energie als herkömmliche Scheinwerfer. Das Tagesschaustudio wird mit einer Temperatur von ca. 6000 K gefahren, um mit der Medienwand die bestmöglichen Kamerabilder zu erzielen. Dank dem Einsatz von LED-Technik werden zudem Interferenzen mit den TouchSensoren an der Medienwand, die mit Infrarottechnik arbeiten, vermieden. „Ein ca. 4,00 x 2,20 m langer Teil der Medienwand ist berührungssensitiv“, erläutert Grommes. „In diesem Bereich ist ein Infrarotsensor integriert, dessen Signale die Szene des Echtzeitgrafik-Renderers steuern können und so interaktive Grafiken entstehen lassen.“ Der Einsatz dieses Features ist eine Option, die erst in Zukunft genutzt werden soll. Die vielfältigen Möglichkeiten und Anwendungen, die das neue Studio eröffnet, sind längst noch nicht ausgereizt, sondern sollen sukzessive weiter ausgebaut werden.

„Die Einführung innovativer Tools zur Darstellung von Informationen wird nur sehr behutsam und nach sorgfältiger Prüfung auf Sinnhaftigkeit geschehen“, betont Gniffke. „ARD-aktuell wird sich grundsätzlich nicht mit technischen Spielereien befassen. Der Zweck des Einsatzes innovativer Tools muss eindeutig noch bessere Informationsvermittlung sein.“

Dazu gehört auch Einsatz von 3D-Elementen, durch welche die Information optisch vertieft und nachhaltig beim Zuschauer verankert werden soll. Großformatige Bilder und eine Unterstützung der inhaltlichen Dramaturgie sollen dazu führen, die Informationen verständlicher und attraktiver zu vermitteln. „Das Studio als Newscenter mit zwei Tischen, die von allen Seiten bespielbar sind, präsentiert den Gedanken der Vernetzung und des aktiven Informationsaustausches“, versichert Grommes. „Das Kamera-Konzept geht auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der einzelnen Sendungsformate ein.“ Für die Tagesschau bedeutet dies ein dynamisches Opening, während der Sendung eine dem Format angemessene, eher ruhige Dramaturgie. Nachrichten-Magazine wie die Tagesthemen werden durch die großformatige Bespielungs-Möglichkeit der Medienwand und die Beweglichkeit der Kameras in ihrer dynamischeren Ansprache an den Zuschauer adäquat unterstützt. Der Vorteil: Gänge an die Medienwand, Gespräche im Studio, Übergaben zu Nachrichten und Sport und das schnelle Reagieren auf außergewöhnliche Ereignisse sind damit konzeptionell erfasst und optimal umsetzbar. Die präsentere Darstellung von Interviewpartnern ermöglicht sowohl dem Zuschauer als auch dem Moderator die bessere und schnellere Interpretation von Gestik und Mimik. Der Wirkung von „Augen-Blicken“ kommt manchmal zentrale Bedeutung zu. „Nachrichten leben von Verlässlichkeit, Sicherheit und Glaubwürdigkeit“, unterstreicht der Chefredakteur von ARD-aktuell. „ARD aktuell glaubt, diesen höchsten Ansprüchen im realen Raum besser gerecht werden zu können. Alles, was die Zuschauer sehen, ist auch real im Studio vorhanden.“

Davon ausgenommen ist nur das Wetter. Bei dem Wetterstudio handelt es sich um ein Virtual Set, das in enger Abstimmung mit ARD-aktuell bei Cumulus Media in München als Annäherung an das neue Hamburger Erscheinungsbild realisiert worden ist. Die Panne, bei der die Einspielung des Wetters nicht erfolgt ist, soll nicht wieder vorkommen. „Es handelt sich um einen einmaligen Fehler, der auf der Steuerungsschnittstelle zum Videoserversystem nachvollziehbar aufgetreten ist“, berichtet Kuhlmann, „und dessen Ursache in enger Zusammenarbeit mit den Herstellern noch gesucht wird.“

Reibungsloses HD-Upgrade mit Quantel-System

Völlig reibungslos ist die Umstellung mit Quantels Produktionssystem Enterprise sQ von SD auf HD erfolgt. Das HD-Update des bestehenden Serversystems wurde in ausreichendem Abstand vor dem Sendestart durchgeführt, um beim Umstieg auf das neue Studio die Nachrichtenfilme auch in HD senden zu können. Das System lässt einen gemischten SD/HD Betrieb zu. „Der Umbau bei laufendem Sendebetrieb war möglich, weil das Quantel-System aus zwei voneinander unabhängigen Server- Zonen besteht, die sich nacheinander auf HD umrüsten lassen“, erklärt der Projektleiter. Während im neuen Studio komplett in nativem HD produziert wird, ist noch nicht planbar, ab wann sämtliche von außen zugelieferten Beiträge in nativem HD vorliegen werden. Um möglichst schnell auf aktuelle Ereignisse reagieren zu können und bereits Bilder zu liefern, bevor eine SNG-Einheit an Ort und Stelle ist, haben ARD-Reporter seit Anfang des Jahres die Möglichkeit, mit ihrem Smartphone über die Tagesschau-App Videos und Bilder live zu schicken.

„Wir können wie ein Start Up-Unternehmen reagieren und unsere Inhalte sehr schnell zur Verfügung stellen“, berichtet Grommes. „Wir bedienen verschiedene Plattformen, darunter auch, Facebook, Twitter und Instagram. Unsere Headlines finden sich auf Info-Säulen in den Einkaufszentren, wir haben Videotext, wir haben Crawls mit Headlines und RSS-Feeds, über die unsere Nachrichten abrufbar sind. Wir sprechen auch mit der Autoindustrie, um in die zunehmend (auto-) mobile Welt zu kommen. „Der Grundgedanke ist, unter dem Icon der ‚1‘ alles an News zu subsumieren, was wir für alle Ausspielwege produzieren.“

Für alle wichtigen Systeme haben wir in unserer Investitionsplanung entsprechende Mittel für Updates und Weiterentwicklungen vorgesehen. Angesichts der rasanten Entwicklung der Medien wäre alles andere fahrlässig“, verrät Rombach. „Wir haben das alte Studio bis an die Grenze der natürlichen Lebensdauer aller Systeme ausgereizt.“ Das 23,8 Millionen teure, neue Studio wird voraussichtlich zehn Jahre lang 24 Stunden täglich an sieben Tagen pro Woche im Einsatz sein.

„Das Studio ermöglicht problemlos behutsame Entwicklungen und Anpassungen in der Darstellung der Marke Tagesschau an die sich rasant verändernde Medienwelt. Das neue Design sollte eine Evolution, keine Revolution des Erscheinungsbildes sein“, resümiert Gniffke, „denn die 20 Uhr-Ausgabe der Tagesschau ist mit neun Millionen Zuschauern die vielleicht erfolgreichste Nachrichtensendung der Welt.“

Birgit Heidsiek

MB 5/2014

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