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Alle Kräfte unter einem Dach

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Alle Kräfte unter einem Dach

Der neue Campus von Mediacorp bündelt alle Kräfte unter einem Dach. acht TV-sender, zwölf Radiosender, dazu Tageszeitungen und Online-Plattformen sind sukzessive in das Medienzentrum umgezogen, um Synergien besser zu nutzen. Mit Hilfe modernster Technik wird die Medienproduktion für den südostasiatischen Markt zukunftssicher gemacht. MEDIEN BULLETIN war vor Ort, um sich den neuen Hightech-Campus genauer anzusehen.

Der in Singapur ansässige Broadcaster Mediacorp hat seinen Sitz im neuen Mediapolis-Areal bezogen – ein riesiger Gebäudekomplex, designt von den bekannten Architekten Maki & Associates. Innerhalb des Campus befindet sich nicht nur das große Theater mit 1.500 Sitzplätzen, sondern auch alle Produktionsstätten der acht Fernseh- und zwölf Radiokanäle von Mediacorp. Die Gründe für den Umzug auf den neuen Campus waren vielfältig. So war der alte Standort ein Konglomerat mehrerer Gebäude, die Wege für Mitarbeiter für Kabel lang. Ein weiterer Grund war der exklusive Standort der Medienanstalt, die einen weiteren Ausbau von Mediacorp teuer gemacht hätte. Und letztendlich wollte Mediacorp transparenter und zugänglicher für die Zuschauer und Zuhörer in Singapur sein. „Die gesamte bauliche Architektur unterstreicht die Offenheit des neuen Campus,“ erklärt Konstantin Knauf, Managing Director bei Qvest Media in Singapur. 

Bereits 2013 wurde das Unternehmen nach einem öffentlichen Vergabeprozess von Mediacorp als Consultant & Master Systemintegrator engagiert. Es zeichnete, von der Anforderungserhebung bis zur Implementierung und Fertigstellung, für alle Projektschritte verantwortlich. „Wir haben uns damals entschieden, zusammen mit Mediacorp zunächst ein generisches Systemdesign zu skizzieren, um dann in einem zweiten Schritt die jeweils besten Technologiepartner für die einzelnen Disziplinen mit ins Boot zu holen,” berichtet Knauf. Eine besondere Herausforderung sei der Ausschreibungsprozess sowie die Evaluierung und Auswahl geeigneter Hersteller gewesen. „Mediacorp suchte dafür einen Systemintegrator, der internationale Erfahrung und Know-how mitbringt, um die technologischen Anforderungen des neuen Campus in ihrer Gesamtheit und Abhängigkeit zueinander zu verstehen. Basierend auf unserer Anforderungsanalyse ließen sich dadurch für die einzelnen System- und Produktionsbereiche mehr als 70 auf den spezifischen Bedarf ausgerichtete Vergabepakete ausschreiben – alles unter der Prämisse, dass am Ende die Technik reibungslos zusammenspielt,“ sagt Knauf.

Auch die Planung zum Bau des neuen Gebäudes war „anspruchsvoll” weil vor der Definition von Kabelwegen und der dafür nötigen Wanddurchbrüche die Innenplanung schon abgeschlossen war. Eine enge Abstimmung zwischen Qvest Media und dem Bauträger war deshalb nötig. „Was in diesem Zusammenhang eine erhebliche Rolle gespielt hat, war, dass wir es bei diesem Projekt, neben der technischen Planung und Ausrüstung für den rund 80.000 qm großen Neubau, auch mit einer umfangreichen technischen Migration von Teilen des ursprünglichen Senders in das neue Gebäude zu tun hatten. Es bedurfte demnach einer nahtlosen Projektsteuerung, um unter anderem bestehende Studiotechnik, Lizenzen und Daten umzuziehen,“ meint Knauf. Teng Teng Yeo, AVP Technology Support von Mediacorp ergänzt: „Es hat rund zwei Jahre gedauert, das Gebäude mit der technischen Sendeinfrastruktur einzurichten. Wir sind in mehreren Abschnitten umgezogen, um den Sendeablauf nicht zu stören.“ 

Während der Übergangsphase übernahm Aspera Orchestrator die Workflow-Abwicklung zwischen den Systemen. „Wir haben Orchestrator als Integrationsschicht genutzt, um die bis dato bestehenden Technologie-Silos aufzulösen und die verschiedenen Teilsysteme der Infrastruktur auf einem gemeinsamen Layer zusammenzuführen. Daher haben wir die Metadatentransformation, die Materialverteilung und die Anbindung der verschiedenen Workflow-Systeme mit dem Orchestrator vorgenommen,“ sagt Knauf. Dazu seien intensive Workshops mit Mediacorp und den beteiligten Partnerfirmen zur Definition von Workflows und Use Cases nötig gewesen, um dann die herstellerübergreifenden Softwareintegrationen zu steuern.

Qvest Media konnte das Projekt im ersten Quartal 2017 erfolgreich abschließen. Seitdem läuft das Tagesgeschäft ausschließlich über den neuen Standort. Knauf: „Wir sind nach wie vor, im Rahmen eines 24/7 Supportvertrags, mit einem Team vor Ort und unterstützen Mediacorp im technischen Operating, nehmen laufende Systemwartungen sowie Troubleshooting und Bugfixing vor.”

Bei der Planung des neuen Campus wurde das Thema 4k bewusst ausgeklammert. „4k und IP als End-to-End-Lösung werden sicher erst mittelfristig bei Mediacorps an Relevanz gewinnen. Bei Projektbeauftragung war die Produkt- und Marktentwicklung noch nicht so weit. Da Mediacorp eine semi-staatliche Einrichtung ist, hatte vielmehr eine schnelle Umsetzung des Projekts auf Basis betriebssicherer Lösungen oberste Priorität,“ erklärt Knauf. Yeo ergänzt: „4k ist für uns noch kein Thema, da wir im frei empfangbaren terrestrischen TV unterwegs sind. Die analoge Übertragung stellen wir hier erst Ende 2017 ein. 

Neu bei Mediacorp ist indes das Thema Studio-Automation. So können Sendungen entweder mit einer vollbesetzten Regie oder mit Hilfe von vorgefertigten Templates abgewickelt werden. „Wir haben uns hier für die Lösung von Vizrt entschieden. Viz Mosart steht dabei im Zentrum und arbeitet mit Viz Engine und dem Template basierten Grafik-System Viz Pilot zusammen,” erklärt Yeo. 

TV- und Radiostudios sind jeweils untereinander zuordenbar, was in Havarie- oder Wartungsszenarien dazu führt, dass Sendungen von allen Mediacorp-Regien gefahren werden können. „Dadurch, dass alle Studios und Kameras mit jeder Regie über unsere Router verbunden sind, können wir jede Sendung von überall aus produzieren. Das macht das Arbeiten, gerade in Ausnahmesituationen, sehr viel leichter und unbeschwerter,” so Yeo. Den „besten” Platz im neuen Campus hat man laut Yeo im Master Control Room. Von dort wird der gesamte Sendeablauf überprüft und gesteuert. „Alle externen Signale kommen hier an und werden hier erstmals verarbeitet. Außerdem werden von hier aus Free-to-Air Sendungen ausgespielt. Von hier aus wird auch das Frame-Sync Assignment betrieben. Im wesentlich wird hier der gesamte Sendeablauf überwacht,” erklärt Yeo und führt aus: „Um das Routing zu überwachen, nutzen wir das Lawo VSM. Die Router selbst sind aus der NVISION-Serie von Grass Valley. Außerdem nutzen wir das Grass Valley-Playout- System iTX und Grass Valley-Multiviewer.” Im Newsroom sitzen die meisten der rund 600 Journalisten auf einer großen Freifläche zusammen. Dabei trennt Mediacorp räumlich nicht von TV-, Radio- oder Online-Redakteuren, sondern hofft, dass in der interdisziplinären Zusammenarbeit Synergien entstehen. Zusätzlich zu den Workstations der Journalisten, sind Ministudios eingerichtet, in denen spezielle Ableger der News-Sendungen produziert werden können. „Wir sind räumlich nicht nur auf die großen Studios limitiert, sondern können auch hier produzieren“, meint Yeo. „Das Newsroom System ist von Octopus. Es dient der redaktionellen Zusammenarbeit unserer Produzenten und Redaktionsteams – von der Auftragserteilung bis zu dem Moment, in dem die fertige Story auf den Teleprompter erscheint“, erklärt sie. 

Mediacorp setzt auf Avid-Software für Audio- und Video-Editing. Die Schnittplätze schneiden in High-Res, die Reporterplätze, die mit Adobe Premiere ausgestattet sind, in Low-Res. In Zusammenarbeit mit dem Xtend-Modul von Dalet, das den Austausch von Videos, Shotlisten und Metadaten übernimmt, sowie den verbauten EVS-Server ist so eine effiziente Arbeitsumgebung geschaffen worden. Die EVS News PAM-Infrastruktur verarbeitet 56 HD-SDI Kanäle und die 500 Terrabyte Zentralspeicher entsprechen rund 12.000 Stunden HD- und 20.000 Stunden Low-Res-Bildmaterial. Insgesamt sind bei Mediacorp 86 Avid Pro Tools-Schnittplätze sowie 90 Avid Media Central Clients eingerichtet worden. Zusätzlich können alle Journalisten über die Integration von EVS und Octopus-Rohschnitte anfertigen. „Die integrierte News-Lösung von EVS, die Recording, Playout, den Zentralspeicher und Archivierung vereint, ist State of the Art. Zudem machen die EVS-Lösungen das Durchstöbern von High- und Low-Res-Video-Dateien möglich und beschleunigen so das News-Editing auf dem Campus enorm,” so Knauf. 

Die Infrastruktur für den kompletten Produktionsbetrieb am neuen Standort basiert auf dem VSM Broadcast Control und Monitoring System von Lawo, das als Steuerungslösung im kompletten Campus dient.  Mit dem VSM-System und den Redundanz-Features möchte Mediacorp eine hohe Ausfallsicherheit und zugleich hohe Flexibilität im Workflow-Management erreichen. Ziel der Bemühungen ist, Zeit bei der Programmvorbereitung zu sparen. Die beiden redundanten Miranda Router des Mediacorp-Campus dienen dazu, die Audio- und Video-Signale zu schalten. Beide Router sind direkt angebunden und routen die Signale simultan ohne Master- oder Backup-Hierarchie, sondern auf Basis einer Master-/Master-Anordnung. Das VSM-System sorgt für die grundlegende Synchronisierung der beiden Router und erreicht so zwei wesentliche Vorteile dieses Setups: Erstens kann die Wartung eines Routers offline durchgeführt werden, ohne den Produktionsplan zu stören. Zweitens dient jeder Router im Falle einer Störung als Backup-Router für den jeweils anderen.

Für den TV-Bereich mit seinen Studios setzt Mediacorp eine weitere besondere Funktion des VSM ein: Boxing. Mit Boxing können komplette Produktionen zur Vorbereitung oder bei Störungen von einem Studio zum anderen übertragen werden. So kann der User eine Produktion in einem Studio vorbereiten und in einem anderen ausführen, indem er mit nur einem Klick auf den gespeicherten Workflow umschaltet. 

Innerhalb des Radio-Bereichs des Campus setzt Mediacorp auf ein ähnliches Redundanzkonzept mit dem Einsatz von zwei parallel geschalteten Lawo Nova73-Audio-Routern. Für die zwölf (plus zwei Back-up) Radio-Kanäle dient VSM als Steuerungs- und Monitoringsystem. VSM hält die Koppelpunkte der beiden redundanten Router synchron und überwacht die Übertragungsketten in Hinblick auf Silent Detect, Alarmmanagement und weitere Funktionen. Weitere Features des VSM sind Scheduler zur Vorbereitung von Koppelpunkten, die zu einem vordefinierten Zeitpunkt geschaltet werden sollen. Mit zwei Software- und zwei Hardware-Bedienfeldern ist VSM in der Lage, die gesamte Übertragungskette zu steuern. Insgesamt verfügt das Mediacorp-Medienzentrum über zwei große Produktionsstudios und drei Nachrichtenstudios. Alle Studios sind ähnlich ausgestattet. So finden befinden sich in allen Studios native HD-Kameras von Sony. Verwendet werden die drei 2/3"-CCD Modelle HDC2400/T, HDC1700/T und HDC-P1. Die Kameras sind in den Nachrichtenstudios auf ferngesteuerte Robotics von Shotoku montiert. Die Regien sind jeweils mit Kahuna-Bildmischern von Snell ausgerüstet, der Ton wird mit Lawos mc2 56 abgemischt. Grass Valley stellt, wie schon erwähnt, mit dem Kalaido-X die Mulitviewer in den Regien. Das Bild wird über Referenz-Monitore von Sony abgenommen und die Großformat-Displays sind von Samsung. Das Intercom-System auf dem Mediencampus stammt von RTS und die Lichtsteuerung wird entweder mit dem ETC Ion oder ETC Gio vorgenommen.

Für die Bereiche Nachrichten, Rundfunk und Radio wurden drei separate Systeme benötigt, die den Mitarbeitern unabhängig vom jeweiligen Standort sofortigen und flexiblen Zugriff auf die Geräte ermöglichen. Den News-Bereich steuert ein komplett redundantes Draco tera enterprise KVM-System, das die Anwender mit einer breiten Palette von Broadcast-Geräten verbindet. Im Rundfunkstudio-Bereich wurde ein ähnlicher, kleinerer Aufbau mit Draco tera compact Matrizen gewählt. Mit dem verzögerungsfreien KVM-System können die Anwender auf eine Vielzahl an Broadcast-Geräten zugreifen, darunter die erwähnten Vizrt Tools, Avid, Adobe und EVS, Regie-Equipment, NRS Teleprompter, Radioplanungssysteme und computerbasierte Steuerungsgeräte. Die bidirektionale USB-Datenübertragung soll für eine reaktionsschnelle Steuerung des Equipments über Tastatur, Maus, Touchscreen und andere Eingabegeräte sorgen. „Wir brauchten ein transparentes System, das den Anwendern erlaubt, sich auf die Kreativarbeit zu konzentrieren ohne die Technik dahinter beachten zu müssen“ erklärte Wang Yin, der zuständige Projektmanager bei Mediacorp. „Eines, das zuverlässige Redundanzmöglichkeiten enthält, sicher und flexibel im Betrieb ist.“ 

Mit dem Umzug auf den neuen Campus hat Mediacorp vor allem in den Bereichen Automation und Kollaboration einen wichtigen Schritt in die Broadcast- und Medienzukunft getan. Synergien werden bestmöglich genutzt und Automationen helfen, Mensch und Maschine effizient auszulasten. Eine Auszeichnung dafür winkt Mediacorp am 17. September, wenn die IBC den Gewinner der Innovation Awards in der Kategorie Content Creation kürt – Mediacorp ist da nominiert.

Niklas Eckstein

MB 3/2017

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