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Ambitioniertes Konzept

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Ambitioniertes Konzept

Mit dem Ü6 hat TVN Mobile Production aus Hannover einen neuen UHD/HDR Ü-Wagen vorgestellt, der in Sachen Raumdesign und Produktionsworkflows neue Wege geht. Den Anforderungen der anspruchsvollsten Kunden gerecht zu werden, war das ausgegebene Ziel bei der Entwicklung des neuen Produktionsfahrzeugs. mebulive sprach auf der IBC 2019 mit TVN-Geschäftsführer Markus Osthaus über den neuen Truck und zukünftige Geschäftsentwicklungen.

Er gilt als der größte 4K-HDR-Übertragungswagen Europas – der neue Ü6 von TVN Mobile Productions, entwickelt und integriert von Sony Professional Solutions Europe. Seine Feuertaufe hat er beim Fußballländerspiel Nordirland–Deutschland in Belfast bestanden.

Das neue Produktionsfahrzeug ist aber nicht nur groß, sondern auch in vielerlei Hinsicht innovativ. Die Raumaufteilung etwa, mit den beiden gleichwertigen Regien und der Tonregie in der Mitte. Oder der Möglichkeit, Simulcast für bis zu vier Hauptfeeds und parallele Hybrid-Produktionen in UHD und HD, HDR und SDR zu produzieren. „Große Sportevents werden in Zukunft vermehrt in UHD/HDR produziert werden. Daher wollten wir einen innovativen und hochmodernen Truck entwickeln, der diesen Anforderungen gerecht wird“, erklärt Markus Osthaus, Geschäftsführer bei TVN Mobile Productions und führt aus: „Als wir in die Planung gegangen sind, haben wir zunächst aus Kundensicht gedacht. Das Fahrzeug muss für die komplexen Anforderungen unserer Auftraggeber optimiert sein. Außerdem wollten wir ein Fahrzeug mit zwei gleichwertigen Regien, um uns die Organisation der Produktionen zu erleichtern und gleichzeitig zwei große Kunden mit einem Auto bedienen zu können.“ Auch hat man sich bei TVN bewusst dazu entschieden, statt auf auf IP, eine 12G-SDI Infrastruktur aufzusetzen. „Wir produzieren mit diesem Truck in Zukunft richtig wichtige Events, die alles von uns abverlangen. Da ist es enorm wichtig, ein System mitzubringen, auf das man sich zu 100 Prozent verlassen kann. In Zeiten, in denen unsere Kunden sehr viel Geld für Lizenzrechte ausgeben, muss einfach eine Ausfallsicherheit gewährleistet sein. Da sticht SDI das Internet Protokoll einfach aus. Von vielen Herstellern bekommt man das auch so bestätigt. Es steht dabei außer Frage, dass IP-Technologie in Zukunft sehr wichtig wird. Für uns wird das aber erst in den nächsten fünf Jahren ein Thema werden”, erklärt Osthaus die Hintergründe, auf 12G zu setzen. Neben den gleichwertigen Hauptregien des Ü6 bietet der zugehörige Rüstwagen zwei weitere Produktionsräume, die flexibel als zusätzliche Video-oder Audio-Regien, Schnittplätze oder Redaktionsräume genutzt werden können. „Im TVN-Ü6 konnten wir unser gesamtes, umfangreiches Produktions-Know-how umsetzen“, erläutert Christoph Moll, Technischer Leiter der TVN. „Daher vereint der neue Doppelzug sämtliche innovativen Produktionsfeatures auf Basis neuester Technologien.

 

Zu den neuesten Technologien gehören zwei Sony VS-8000 UHD-Produktionsmischer mit je 10 ME, 24 Sony HDC-4300 Kameras mit UHD Lizenzen. Die Kameras sind mit Canon UHD Premiumoptiken, von Hyper Weitwinkel bis 122-fach Telezoom, ausgestattet. Zehn XT VIA und die Content Management Suite IPDirector von EVS stehen im Zentrum des UHD Edit- und Recording-Systems. Das Videoprocessing übernehmen Lynx Up-, Down- & Cross-Converter sowie ein Sony HDRC-4000 Multi-HDR Formatwandler.

Die große Tonregie auf dem Truck arbeitet mit Lawos mc²96 Audio-Mischpult. Es ist mit 72 Reglern ausgestattet und produziert in Dolby Atmos, 5.1 und Stereo. Kommuniziert wird über eine digitale Riedel Artist Intercom-Anlage mit MADI, VOIP und analoger Konnektivität. Für die Kommunikation am Set stehen zusätzlich 16 Bolero-Einheiten zu Verfügung.

 

Dank Schubladenauszügen auf beiden Seiten beider Auflieger des Ü6 und seines Rüstwagens entstehen über 100 qm Innenraumfläche. Möglichst viel Platz für angenehme Produktionsbedingungen zu schaffen war das anvisierte Ziel. Die insgesamt 41 Arbeitsplätze des Ü6 sind vorkonfigurierbar. „Wenn Programm-Anbieter höchste Anforderungen bei der Produktion ihrer komplexen Events stellen, können wir ihnen mit dem Ü6 zukünftig ein perfektes Produktionsmittel bieten“, sagt Osthaus über die Fertigstellung des ambitionierten Konzeptes. „Der TVN-Ü6 ist ein weiterer, innovativer Baustein, um mehrere Sendungen und Feeds parallel zu produzieren und trotzdem auf Komfort und Flexibilität nicht verzichten zu müssen. Er ergänzt unsere Ü-Wagenflotte weiter nach oben und setzt im Premiumbereich den neuen Standard.“ Ein Hauptaugenmerk bei der Planung des neuen Ü6 war das Raumdesign. Vor allem sollte die Kommunikation zwischen Produktionsstab und Kunde optimiert werden. „Man betritt den Ü6 und hat direkt das Gefühl, konzentriert arbeiten zu können. Das war uns beim Design sehr wichtig. Zum anderen wollten ein Fahrzeug entwickeln, in dem sich das Produktionsteam gut austauschen kann und das nicht nur über Sprechstellen. Die Audio-Regie in der Mitte des Fahrzeugs ist da eine schöne Lösung, wie wir finden. Der Produktionsengineer hat Blickachsen zu allen Bereichen in dem Truck“, erklärt Osthaus.

 

Zwei unterschiedliche Signale

 

Ein weiteres Highlight ist ein TVN-eigener Workflow, der es ermöglicht, HD-und UHD-Signale völlig unabhängig voneinander zu verarbeiten – so sind parallele Feeds in UHD/HD und HDR/SDR möglich. Damit ist eine gegenseitige Beeinträchtigung ausgeschlossen, was laut TVN die bestmögliche Signalqualität gewährleistet. „Wir bilden zwei Produktionsworkflows ab. Wir haben uns, anders als viele englische Kollegen, dazu entschieden, UHD und HD als zwei komplett getrennte Signale zu verarbeiten und nicht ein UHD-Signal runter zu konvertieren. UHD hat aus unserer Sicht immer noch ein paar Kinderkrankheiten wie etwa Motion Blur. Würden wir das UHD konvertieren, dann hätten wir ein HD-Signal mit Motion Blur. Und das wollen wir vermeiden”, sagt Osthaus zum neuen TVN-Workflow im Ü6 und ergänzt: „Sportcast oder Sky haben uns immer bestätigt, dass der Großteil ihrer Kunden immer noch in HD konsumieren. Dafür wollen wir das bestmögliche Signal liefern können.”

 

Partnerschaftliche Zusammenarbeit

 

Wichtig für die Entwicklung des neuen Ü6 war laut Osthaus auch die langjährige Zusammenarbeit mit einem Großteil der Technik-Lieferanten, die aus seiner Sicht wichtig ist, um innovative Konzepte zu entwickeln: „Es war beeindruckend zu sehen, wie alle Beteiligten ihre technologische Kompetenz genutzt haben, um die einzelnen Systemkomponenten möglichst flexibel miteinander zu verbinden. Die verbaute Technologie kann letztendlich jeder kaufen. Der Trick ist aber, die Technologie so miteinander zu integrieren, dass der Ü-Wagen den vielfältigen Kundenanforderungen bestmöglich entspricht.”

Damit das gelingt, sind vertrauensvolle enge Partnerschaften nötig, so Osthaus. Auch der Bau des Ü6 habe davon profitiert. „Wir haben immer ein großes Interesse daran, sowohl in unseren Kunden-, als auch in unseren Lieferantenbeziehungen Partnerschaften aufzubauen. 2006 haben wir uns aus verschiedenen Gründen entscheiden, im Ü-Wagen-Bereich von Grass Valley auf Sony Produkte umzusteigen. Bei Sony haben wir das Gefühl, dass Ideen oder Anregungen zur Funktionalität von Produkten konstruktiv besprochen werden können und manches Mal auch integriert werden”, so Osthaus.

 

Auch sei es schwierig, an manchen Herstellern vorbeizukommen. Technik, die sich über die Jahre bewährt hat, wolle man nicht einfach ersetzen. „Über ein Lawo-Audiopult muss man nicht groß diskutieren. Selbiges gilt für eine Riedel-Kommunikationsinfrastruktur”, meint Osthaus und ergänzt: „Ich war trotzdem überrascht zu sehen, dass auf vielen Ü-Wagen, die ich auf der IBC gesehen habe, eine RTS-Intercom verbaut war. Aber gerade auf dem deutschen Markt geht kein Weg an Riedel vorbei.”

 

Blaupause für neue Ü-Wagen

 

Aktuell zeigt man sich bei TVN sehr glücklich über die bestehende Ü-Wagen-Flotte und denkt vorerst nicht an einen Bau weiterer Trucks. „Ich denke, dass wir aktuell mit zwei UHD/-HDR Fahrzeugen ganz gut aufgestellt sind und dass es kurzfristig keinen Mehrbedarf gibt. Wir werden in der Winterpause unseren Ü3 auf 3G umrüsten, weil wir in der glücklichen Situation sind, bei der UEFA-Europameisterschaft zwei Venues produzieren zu dürfen. Und dafür müssen wir vier Trucks stellen”, erläutert Osthaus.

 

Remote Produktionen

 

Aufgrund des außergewöhnliches Raumkonzepts und der einzigartigen technischen Leistungsfähigkeit, ist der Ü6 für TVN eine Produktionslösung der Zukunft. Doch auch die Entwicklung von Remote-Produktionen wird bei TVN genauestens beobachtet. „Sowohl unsere Partner von Sportcast als auch wir beschäftigen uns mit dem Thema. Ich denke aber, dass es zunächst egal ist, ob man die Produktionen mit einem Ü-Wagen oder remote produziert. Der wichtigste Punkt bei den meisten unserer Produktionen ist sicherzustellen, dass die Bild- und Produktionsqualität stimmt. Zudem sind die Ü-Wagen-Preise in Deutschland nicht so sonderlich hoch. Für eine Remote-Produktion ergeben sich da kaum Kosteneffekte – das hat auch Sandro Reitano von Sky (Vice President Sports Production anm. d. Red.) auf dem SVG Sport Production Summit zur IBC 2019 bestätigt,” sagt Osthaus.

 

Man müsse von Fall zu Fall entscheiden, ob eine Remote-Produktion Sinn macht, findet Osthaus. Für TVN jedenfalls, das eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Produktionen übernimmt, sei es nach wie vor am Sinnvollsten Ü-Wagen einzusetzen. Zudem scheint es so, dass gerade individuelle High-End-Produktionen, wie etwa die der Bundesliga, nach wie vor stark auf die Verlässlichkeit und Qualität von Ü-Wagen-Übertragungen setzen. „Wir müssen uns multifunktional aufstellen. So machen wir am Dienstag Champions League für DAZN, am Mittwoch Europa League für RTL, am Wochenende Bundesliga und dazwischen produzieren wir das Wacken-Festival. Die Komplexität unserer Arbeit ist also enorm. Und das können wir aktuell am besten mit Ü-Wagen abbilden”, erklärt Osthaus.

 

NEP etwa, die vermehrt auf Remote-Technologien setzen und in Hilversum einen zentralisierten Hub aufbauen, sei dagegen in einem Land aktiv, dass sich grundsätzlich vom deutschen Markt unterscheide. „In den Niederlanden gibt es mit NEP und Euromedia nur noch zwei Anbieter und nicht wie in Deutschland viele kleine. Bei der Entscheidung ein Remote-Hub aufzubauen macht das einen großen Unterschied”, so Osthaus. Außerdem käme es auch immer drauf an, was für Verträge man mit den Kunden abschließen könne: „In anderen Ländern kommt es vor, dass man einen Fünfjahresvertrag für die Rechte an einer bestimmten Liga unterschreibt und dann dafür eine spezielle Produktionsumgebung baut. Das macht dann schon Sinn.”

 

Ob TVN in fünf Jahren noch mit vier, fünf Ü-Wagen durch Deutschland rollt, mag Osthaus nicht vorhersagen. Der anhaltende Trend hin zur Remote-Produktion bereitet ihm jedenfalls keine Sorgen: „Unsere Technik und unser Know-how wird weiter gebraucht. Es sei denn, man setzt nur noch auf künstliche Intelligenz und verbaut überall in den Stadien Robotik-Kamera-Systeme. Dann würde sich unser Business komplett anders darstellen. Aber das wird erst einmal nicht passieren.”                                      

Niklas Eckstein

MB 4/2019

© TVN

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