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Hochzufrieden

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Hochzufrieden

Der Rundfunk Berlin Brandenburg (rbb) hat eine filebasierte, standort übergreifende Produktionsplattform aufgebaut. Nach und nach werden nun alle Formate und Redaktionen der ARD-Anstalt, sei es für TV, Radio oder Online, an das System angeschlossen. Als technischer Partner und Genral-unternehmen war Qvest Media maßgeblich an dem Projekt beteiligt.

„Vor Projektbeginn haben wir erst einmal geschaut, was in den anderen Anstalten gemacht wird und wurde“, erzählt Jakob Brüning, Projektleiter filebasierte Produktion beim rbb. „Welche Technologie dort eingesetzt wird, wie die Workflows gestaltet sind, welche Erfahrungen man gemacht hat und was man aufgrund dieser anders machen würde.“ Ursprünglich wollte man für die beiden zentralen Standorte des rbb in Potsdam und Berlin je ein System bauen, entschloss sich aber aus Performance- und Kostengründen ein standortübergreifendes System einzurichten. Die Server des Systems sind auf die beiden Standorte verteilt und über miteinander vernetzten Cisco 7000 Nexus Cross Switches verbunden. Es ist also nicht notwendig vor Bearbeitung Material von einem Standort zum anderen zu kopieren. Zwischen den Standorten liegen vier 

10-Gigabit-Glasfaserleitungen, von denen je zwei unabhängig voneinander entlang des Wannsees und der Stadtautobahn verlaufen. In den beiden Funkhäusern sind sie über getrennte Eintrittspunkte mit den Servern verbunden. Dies garantiert eine maximale Ausfallsicherheit. Die komplette Technik für die filebasierte Produktion wird durch das Media Asset Management System (MAM) VPMS von arvato Systems gesteuert. Der Zugang dazu erfolgt über das MediaCenter, oder die Software Open Media von Annova, die auf einem Standard-Webbrowser läuft. So ist die gesamte Technik über nur ein Interface für alle Redakteure, Reporter und andere Mitarbeiter zugänglich, die von ihren Arbeitsplätzen aus auf alle Video- und Audiofiles sowie deren Metadaten zugreifen, sie sichten, bearbeiten sowie verwalten können. Dies gilt auch für die Landesstudios in Cottbus, Frankfurt/Oder, Perleberg und Prenzlau. Innerhalb der Anstalt gibt es das Regio-Net, bei dem Frankfurt/Oder und Cottbus mit jeweils 10-Gigabit angebunden sind sowie die beiden anderen Studios mit geringeren, aber ausreichenden Kapazitäten, die den Materialtransfer gewährleisten. Alle Standorte nutzen VPMS über das Interface des MediaCenters und laden darüber auch Material hoch und runter. 

Der filebasierte Workflow wurde im Dezember vergangenen Jahres mit „Brandenburg Aktuell“, dem regionalen Nachrichten-Format des rbb Potsdam, in den Live-Betrieb genommen. Im Frühjahr folgten „zibb – zuhause in Berlin & Brandenburg“ sowie das Wirtschaftsmagazin „was! – Wirtschaft, Arbeit, Sparen“ und die Trailer-Redaktion. Nach und nach werden alle weiteren Sendungen und Redaktionen aus dem Fernsehen auf die neue Produktionsinfrastruktur umgestellt. Die „Abendschau“, das Berliner Nachrichtenformat, wurde am 30. November 2015 an das neue System angeschlossen. Alle weiteren Redaktionen an das System anzuschließen, ist laut Brüning nicht mehr so aufwändig, weil die Technik vorhanden und arbeitsfähig ist. Für die Redaktionen ist es jedoch eine große Umstellung, weil ihre Arbeitsweisen an das System angepasst werden müssen, was nicht ohne Schulungen, Einweisungen und Workshops funktioniert. „Das werden wir bis Mitte 2017 fertig bekommen, damit das ganze Haus auf filebasiertes Arbeiten umgestellt ist“, beschreibt Brüning den Zeitplan, der wie die bisherigen Zeitpläne weder verhandelbar ist, noch angepasst werden musste. 

Das Projekt musste auf den Tag genau erfüllt werden, da alle Folgeprojekte wie Umbauten von Studios und Regien sowie der Umstieg anderer Redaktionen, auf das System aufbauen. Mit dem Starttermin kaskadiert der Gesamtprozess, der mit der Aufschaltung der ersten Sendung auf den filebasierten Workflow am 30. November 2015 begann. Bisher ist es gelungen, den Zeitplan tagesgenau einzuhalten.  „Wir wussten, dass Qvest eng mit arvato und den Hardware-Herstellern zusammen arbeitet, um unseren engen Zeitplan zu realisieren. Da liefen wir nicht in Gefahr, dass irgendein Aspekt über die Zeit vergessen wird“, sagt Brüning. 

Für die Entwicklung der Produktionsplattform gab es drei wesentliche Vorgaben: P2-Kameras als Materiallieferanten, die Nutzung des Hausformats ARD_ZDF_HDF02a (AVC-Intra 1080i/25 im MXF Container) sowie Open Media. Räumlich waren zudem Studios und Regien gesetzt. Für den Rest gab es Ideen, aber grundsätzlich konnte alles entsprechend drum herum gebaut werden. Design, Planung, Integration und Inbetriebnahme der Infrastruktur wurden gemeinsam vom rbb und Qvest Media umgesetzt. Das Unternehmen fungierte als Generalunternehmer und verantwortete in enger Zusammenarbeit mit dem rbb sämtliche Projektphasen. „Wir entwickeln keine eigene Technik, sondern stellen mit unseren Partnern passende Lösungen zusammen“, erklärt Marco Berndt, technischer Projektleiter bei Qvest Media das Proceder.  

Die Planungen für das System begannen mit der Erstellung des Leistungsverzeichnisses und wurden nach Auftragsvergabe mit der gemeinsamen Erstellung der Feinspezifikation von Qvest Media und dem rbb nach weiteren sechs Monaten detailliert fortgesetzt. Um Lösungen zu finden, wurden laut Berndt zahlreiche Workshops mit den Herstellern abgehalten. Qvest Media und arvato haben nach der erfolgreichen Produktivnahme des Potsdamer Systemteils ein dreiviertel Jahr gemeinsam mit dem rbb den Integrationsplan für Berlin, der aus verschiedenen Modulen bestehenden Technik, ausgearbeitet. Diese wurde anschließend im laufenden Produktionsbetrieb zwischen Anfang bis Mitte 2016 sukzessive in Betrieb genommen. Das System wurde dafür an Wochenenden um die neuen übergreifenden Produktionsworkflows erweitert. Dafür mussten die Redaktionen an den Integrationswochenenden im Havariemodus arbeiten. Zuvor mussten alle existierenden Systeme, auch jene, die gerade verwendet wurden, im laufenden Betrieb auf die neuesten Versionsstände gebracht werden, die gebraucht wurden, um die Workflows anzupassen. 

Als Produktionsformat setzt der rbb an allen Standorten auf den vom Institut für Rundfunktechnik (IRT) für ARD und ZDF entwickelten MXF Broadcast-Standard HDF02a mit AVC-I 100 Codierung. Qvest Medias Aufgabe war es, mit den beteiligten Herstellern wie EVS, arvato Systems oder Dalet die entsprechende Spezifikation des Containerformats an allen Stellen im System sicherzustellen. Eine über beide Standorte aufgespannte Amberfin-Farm von Dalet sorgt für die erforderliche Transcodierung. So wird das Material an allen relevanten Schnittstellen, wie dem zentralen VPMS-Ingest, beim Material-Upload ins VPMS und an insgesamt sechs zentralen Ingest-Plätzen, davon drei in Potsdam und drei in Berlin, auf ein einheitliches Produktionsformat gebracht. Ein weiterer Bestandteil der Systemintegration war die Modernisierung der Avid-basierten Postproduktion. Der rbb verfügt über zwei Avid-Produktionsinseln mit 13 Craft Editing-Plätzen in Potsdam und 17 in Berlin, die jeweils an ein Avid ISIS Zentralspeichersystem angeschlossen sind. Das Material wird mittels Avid Interplay Transfer Engines, VPMS und EVS in die Postproduktion ingestiert und etwa an das EVS-Playout in den Regien übergeben. Abgelegt werden die Daten auf einem angeschlossenen Zentralspeicher vom Typ EMC-Isilon. Dieser verfügt mit 167 Terabyte in Potsdam und 307 Terabyte in Berlin über ausreichend Speicherkapazität HD-Material in AVCHD 1080i/25. Ebenfalls angebunden an die End-to-End filebasierte Produktion sind die Newsredaktionsplätze, die mit Annova Open Media ausgerüstet sind, sowie das Web Content Managementsystem Adobe Experience Manager. Für einen schnellen und unkomplizierten Materialfluss ins Web lassen sich die Files direkt aus dem arvato MAM-System als Web-fähige mp4-Dateien mit H.264 Codec aufbereiten und per XML-Import auf den Webseiten des rbb veröffentlichen.

Die Benutzeroberfläche Open Media, die sich an jedem Arbeitsplatz öffnen lässt, dient neben dem MediaCenter als Fenster in das ganze VPMS-System. Hier lassen sich Sendepläne anlegen, Sendungen einfügen und auf das gesamte Material zugreifen, das auf den Servern des rbb liegt. In Open Media ist auch immer der aktuelle Stand der Produktion zu erkennen. Hier werden die Metadaten der Redaktion eingepflegt wie Beitragstitel, Autor, Redakteur, Länge, Kostenstelle usw.. In Open Media werden auch die Karten für die benutzen P2-Kameras vorbereitet und mit den Aufträgen versehen. Jede Karte wird für alle Fälle auch mit Leeraufträgen ausgestattet, die von der Kamera aus spezifiziert werden können. Mit der Metadaten-Struktur wird beim Ingest sichergestellt, dass alles richtig zugeordnet wird. Von dem vom rbb verwandten Material werden rund 30 Prozent selber produziert, während der Rest Übernahmen und Fremdproduktionen sind. Übernahmen werden in der Regel per SDI-Signal oder ARD-VideoFileTransfer überspielt und beim Ingest mit Pflichtmetadaten angereichert. Archivmaterial wird filebasiert oder mit Hilfe eines entsprechenden Players eingespielt. Parallel werden über einen Retrodigitalisierungsroboter rund 12.000 Stunden Archivmaterial pro Jahr digitalisiert, um sämtliches Material digital vorliegen zu haben und später in das Produktionssystem stellen zu können. Das Material liegt großteils auf Kassetten vor und reicht bis circa 1965 zurück. Während des Ingests ist das Material, das zugleich über einen Transcoder in einer LowRes-Version abgelegt wird, sofort zugänglich. Material, das nicht im Hausformat vorliegt, muss gewandelt werden. Manchmal, etwa bei Aufnahmen mit dem Smartphone oder Live-Zuspielungen, geht das am einfachsten und schnellsten wenn man es mit einem Screengrabberprogramm wie der vom rbb verwendeten Vidigo Toolbox macht. 

Alles Material wird auf den Isilon-Speichern in Berlin und Potsdam abgelegt. Diese sind nicht nur zwischen den Standorten aufgeteilt, auch an den einzelnen Standorten gibt es eine räumliche Aufteilung in zwei durch eine Feuerschutztür getrennte Räume. Alle Systeme sind redundant und über Kreuz verkabelt. Allein das VPMS gibt es nur einmal. „Keine standortübergreifende Redundanz gibt es bei der VPMS-Datenbank, da es keinen Sinn macht einen SQL-Server auf zwei Standorte zu verteilen“, begründet Brüning die Entscheidung. „Die Technik ist so sensibel, dass man selbst mit dem schnellsten Netzwerk nicht sicher sein kann, dass sie problemfrei funktioniert. Also haben wir in Potsdam zwei SQL-Server in zwei verschiedenen Brandschutzzonen stehen. Sind die Standorte getrennt, kann Berlin dennoch weiter senden – allerdings ohne MAM-Unterstützung. Mehr Ausfallsicherheit kann man mit einem solchen System nicht bekommen.“ Kommt es zu einer Havarie, sind die Workflows extrem einfach gehalten. „Je komplexer es wird, desto unwahrscheinlicher ist es, dass sich im Havariefall jemand daran erinnert“, so Brüning. Für den Fall der Fälle, sind alle Schnittplätze zusätzlich mit SDI-Kabel verbunden, gerade Schnitt und Regie, denn wenn man kein MAM mehr hat, wird das Material in Echtzeit am Schnittplatz eingespeist und nicht mehr über den Ingest, und von dort über SDI der Regie oder der Sendeabwicklung zugespielt. Das ist eine Technik, die es seit Jahrzehnten gibt und die jeder – auch intuitiv – beherrscht. Basierend auf der SDTI-Verkabelung kann so im Zweifel ohne MAM jedes Video transferiert werden, sodass der rbb immer weiter senden wird.

Zwar ist das System als Gesamtkonstrukt konzipiert, gebaut und zu benutzen, dennoch gibt es aus praktischen Erwägungen heraus Inseln. Diese Entscheidung macht es einfacher die Systeme mit Updates zu versorgen. Wäre es ein System, ließen sich Updates nur an beiden Standorten gleichzeitig durchführen, was deutlich komplizierter wäre. Inseln sind die Schnittsysteme, und Regien, da sie Standortbezogen sind. Da jedoch ein übergreifendes System geschaffen werden sollte, wurden die Inseln im VPMS so verknüpft, dass die Nutzer am Ende genau diesen Eindruck haben.

Auch ist die Handhabe des vernetzten Schnittsystems von Avid etwas trickreich. Wird Material von dem jeweils anderen Standort benötigt, wird es erst von dem einen Isilon-Speicher auf den anderen kopiert, rewrappt und dann erst auf den ISIS-Speicher der Avid-Umgebung geschickt. So gibt es zwar einen, dem Avid-System geschuldeten File-Hop, der im Workflow laut Brüning allerdings nicht auffällt. Grund ist, dass in der Avid-Welt das abgeschlossene OP1A-Dateiformat (OP = Operational Pattern), das Audio und Video in dem MFX-Container zusammen führt, in eine Video- und acht Audio-Dateien aufgesplittet wird. Das von Avid verwandte Format OP-Atom wird beim Ausspielen in das OP1A-Format zurück gewandelt. 

Der rbb ist zwar die letzte ARD-Anstalt, die sich mit der Umstellung auf einen filebasierten Workflow auseinandergesetzt hat, aber sie ist nach eigenem Bekunden die einzige, die ein Gesamtsystem geschaffen hat, das von jedem Punkt aus zugänglich ist. Vorreiter bei der filebasierten Produktion war der NDR. Aber auch dort gibt es mit den einzelnen Funkhäusern einzelne VPMS-Systeme, die miteinander verknüpft sind. Der WDR hat ein eigenes großes Projekt für die filebasierte Produktion, doch dort arbeiten bislang nur Köln und Düsseldorf zusammen und es wird noch etwas dauern bis alle Studios angebunden sind. Allerdings hat der WDR einen anderen technologischen Ansatz. Dort wird das VPMS nur für End-User als Oberfläche eingesetzt, während darunter ein anderes System installiert ist. 

Der Vorteil eines späten Starts ist auch, dass die anderen Anstalten bereits viel getestet haben und man dadurch zahlreiche Anfangsprobleme einer filebasierten Produktion hinter sich lassen konnte. Dafür hat der rbb jetzt unter allen öffentlich-rechtlichen Anstalten ein sehr ausgereiftes Produktionssystem, das zudem auf dem modernsten Stand der Technik ist und in Deutschland beim rbb zum ersten Mal eingeführt wurde. Es gibt kaum Innovationen im Broadcastbereich, die nicht in diesem Produktionssystem vorhanden sind.           

Thomas Steiger

MB 4/2016

© Sandra Wildeboer

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