Mebucom / News / Technik / 40 Jahre Steckverbindungen
40 Jahre Steckverbindungen

News: Technik

40 Jahre Steckverbindungen

Die Neutrik AG, führender Steckverbindungs-Hersteller für die Pro-AV-Branche mit Hauptsitz in Liechtenstein, feiert dieses Jahr ihr 40. Firmenjubiläum. Dirk Rösler, Produktspezialist bei der Neutrik Vertriebs GmbH in Deutschland, erläutert gegenüber MEDIEN BULLETIN die aktuellen Trends in der Kabeltechnikbranche.

Vor 40 Jahren begannen Bernhard Weingartner und Werner Bachmann in einer Scheune im Liechtensteiner Ort Schaan Steckverbindungen zu konstruieren. Daraus entwickelte sich die Neutrik AG, die heute Weltmarktführerin für Steckverbindungen in der professionellen Unterhaltungsindustrie ist. Bis zum diesjährigen Firmenjubiläum lieferte Neutrik über eine Milliarde Steckverbindungen aus. Damit hat sich die Produktion gegenüber dem Jahr 1983 vertausendfacht, als das Unternehmen gerade die Millionengrenze knackte.

Den Ausgangspunkt, so erzählt Dirk Rösler, Produkt- und Marketing-Manager bei der Neutrik Vertriebs GmbH in Dachau, bildete der Cannon-XLR-Stecker, den Werner Bachmann, heute Geschäftsführer von Neutrik, optimierte. Der XLR-Stecker geht auf den US-amerikanischen Unternehmer James Cannon zurück, dessen Firma mittlerweile Teil der ITT Corporation ist. Cannon entwickelte den XLR-Stecker bereits in den 1940er Jahren für die US-amerikanische Radioindustrie. Doch erst um 1975 begann sich der XLR-Stecker in Europa durchzusetzen. Weingartner arbeitete zu der Zeit für einen Mikrofon-Hersteller und bemerkte, dass die XLR-Stecker noch nirgendwo in Europa produziert wurden.

In diese Lücke stießen die beiden Gründer. Weingartner fand die notwendigen Investoren, um ihre Idee umzusetzen. Von Anfang an, so erläutert Rösler, habe das Unternehmen ganz auf Qualität gesetzt, was für den Erfolg auf dem professionellen Markt sicherlich grundlegend war. Neutriks XLR-Steckverbindungen hätten Maßstäbe in der Haltbarkeit gesetzt, so Rösler. Bis heute bilden XLR-Steckverbindungen das Hauptgeschäft der Neutrik AG, die auch für weitere Kabelverbindungen wie Speakon oder Powercon wohlbekannt ist. „Die kupferbasierten Steckverbindungen sind nach wie vor das Brot- und-Buttergeschäft des Unternehmens“, erläutert Rösler. Auch Ethernet-Kabelverbindungen wie die professionellen Ethercon-Verbindungen basieren auf Kupfer. Doch seit gut zehn Jahren gehe der Trend in der AV-Industrie weg von Kupferleitungen und hin zu optischen Steckverbindungen, sagt Rösler. „Optische Verbindungen sind in puncto Leitungslänge und Bandbreite sowohl Koaxial- wie auch Cat-Kabeln weit überlegen“, so Rösler zum Hintergrund der Entwicklung. Zwar sind Netzwerkkabel wie Cat5 weit günstiger als optische Verbindungen. „Doch Cat5-Kabel sind auf Leitungslängen von 80 bis 100 Meter begrenzt“, sagt Rösler. Für große Veranstaltungen, wie den Eurovision Song Contest, würden daher nur noch Glasfaserverbindungen verwendet. „Kabellängen von 80 Meter sind hier zu wenig“, erläutert Rösler. Die Live-Rental-Industrie setze daher zunehmend auf Glasfaserverbindungen, nicht nur um Audio, sondern auch um Steuerungs- und Videosignale über weite Entfernungen zu übermitteln.

„In den kommenden Jahren wird ein massiver Wandel stattfinden“, prophezeit Rösler. Für HD-Auflösung reichten Kupferkabel. „Doch bei 4k oder 8k führt kein Weg mehr am Lichtwellenleiter vorbei“, so Rösler. Japan sei hier ein guter Vorreiter. Der japanische Sender NHK wolle 2020 mit den Olympischen Spielen die 8k-Übertragung starten. Bei 4k oder gar 8K-Auflösung steigt die Bandbreite auf bis zu 24 Gigabit pro Sekunde. Eine Datenrate, bei der das langbewährte Koaxialkabel passen muss, vor allen Dingen in Sachen Leitungslänge. Dies gelte dann für die gesamte Signalverteilung innerhalb eines Fernsehstudios, sagt Rösler. „Dem Glasfaser ist es egal, was es überträgt“, erläutert Rösler. Daher transportiere es HD-SDI-Signale ebenso, wie MADI, Cobranet, Dante, Ravenna oder AES-67, so Rösler. 

Doch Glasfaser-Steckverbindungen wie LC (Lucent Connector), SC (Subscriber Connector) oder ST (Straight Tip), die eigentlich für den professionellen Bereich konzipiert wurden, bieten unter Produktionsbedingungen viel zu wenig Sicherheit. Diesen Bedarf erkannte Neutrik bereits vor Jahren, und entwickelte daher für die Pro-Audio- und die Broadcast-Industrie das Opticalcon-System, das im Jahr 2005 auf den Markt kam. Die Besonderheit aller Opticalcon-Verbindungen ist neben der Arretierung, die bei XLR-Verbindungen allgemein üblich ist, ein zusätzlicher mechanischer Schutz, der Staub und Schmutz von den haarfeinen Glasfasern abhalten soll. Opticalcon ist auf LC-Verbindungen ausgelegt, doch Neutrik bietet Patchkabel von SC auf LC.

Während Neutrik die Steckverbindungen für die Kupferkabel ausschließlich zuliefert, konfektioniert der Liechtensteiner Hersteller die Glasfaserkabel komplett selbst. Kupferkabel fertigen beispielsweise Hersteller wie Klotz oder Belden für den Handel. Doch bei den filigraneren Lichtwellen-Verbindungen möchte Neutrik kein Risiko eingehen. „Wenn eine Verbindung nicht funktioniert, fällt das unweigerlich auf uns zurück“, sagt Rösler. Das möchte das Unternehmen natürlich vermeiden. Allenfalls zertifizierte Partner dürften die Glasfaserstrippen selbst anfertigen, die ansonsten überwiegend im Werk in Liechtenstein produziert werden.

Neutriks Palette an optischen Kabeln umfasst verschiedene Varianten und Qualitätsklassen. Die zweiadrige Glasfaserverbindung heißt Duo, sie eignet sich etwa für die reine Audioübertragung über weite Distanzen. Je nachdem, ob Multimode oder die feineren Singlemode-Fasern verwendet werden, lassen sich die Lichtwellen bis zu 2.000 Meter oder gar bis zu 10.000 Meter übermitteln. Während für Broadcast Singlemode-Lichtwellenleiter (LWL) Standard seien, würden im Live-Rental-Bereich überwiegend Multimode-Verbindungen verwendet, erläutert Rösler. Neben der Duo-Variante bietet Neutrik die vieradrige Glasfaserverbindung Opticalcon Quad. Sie befördert noch höhere Datenmengen, wie etwa für hochauflösendes Video, Audio- und weitere Datenverbindungen. Zudem fertigt Neutrik die Opticalcon MTP-Kabel, das ganze zwölf Lichtwellenleiter in einer Kabelverbindung unterbringt. Das MTP-Kabel werde beispielsweise von Telekommunikationsunternehmen oder auch für Festinstallationen genutzt, so Rösler.

Glasfaserverbindungen können auch die kupferbasierten Triax-Kabel ersetzen, mit denen üblicherweise Broadcast-Systemkameras mit der Studioperipherie verbunden werden. Dafür eignet sich die Opticalcon-Variante Duo SMPTE, die dem Standard ST2091 der gleichnamigen US-Branchenvereinigung für die mobile Broadcast-Industrie entspricht. Diese Verbindung werde, so Rösler, besonders für 4k- oder UHD-Produktionen oder aber für besonders lange Kamerakabel-Strecken im AÜ-Bereich nachgefragt, wie für Bundesliga-Fußballproduktionen. Im Opticalcon Duo SMPTE verlaufen vier zusätzliche Kupferleitungen neben den beiden Glasfasern im Kabelmantel. Zwei dickere Kupferadern dienen zur Spannungsversorgung des Kamerakopfes mit zwölf bis 240 Volt. Zwei weitere dünnere Kupferleitungen fungieren als sogenannte Sense-Verbindung zur Kommunikation zwischen Steuerungseinheit (CCU) und Kamerakopf.

Als Triax-Ersatz bringe das Glasfaser weitere Vorteile mit, so Rösler: Mit dem Neutrik-Kameraswitch, einer Kreuzschiene für Systemkameras, müssten Fernsehkameras nicht von Hand umgesteckt werden. Praktisch etwa, wenn sich mehrere Regien ein Fernsehstudio teilen. Mittels des Camera Switches ließen sich die Studiokameras bequem auf die CCUs im gewünschten Studio routen, ohne Hand anlegen zu müssen. So habe man vor kurzem das Landesstudio Düsseldorf des WDR samt der Steckfelder komplett auf Glasfaser umgerüstet.

Weitere Kunden aus dem Broadcastbereich seien etwa tpc und RSI in der Schweiz oder das ZDF. Auch Systemhäuser wie BFE in Mainz oder Wellen & Nöthen in Köln würden viele Projekte mit Glasfaserverbindungen von Neutrik umsetzen. Allerdings sei Neutrik nicht der einzige Anbieter in diesem Bereich. Auch LEMO, bekannt etwa für Audio-Steckverbindungen bei Fernsehsendern, ist im Broadcastbereich verbreitet. Die Kosten für die Umrüstung auf Glasfaser seien für kleinere Fernsehstudios überschaubar. Die Anbindung der Peripherie könne über Wandler und Umsetzer erfolgen, etwa für SDI auf Glasfaser. Allerdings würden im Zuge solcher Umbauten stets auch Teile der Peripherie erneuert und Geräte mit passenden Glasfaser-Schnittstellen erworben. Dies treibe die Kosten in die Höhe.

Zudem zählen Unternehmen aus dem Live-Rental-Bereich zu den Kunden wie die Satis-fy AG mit Hauptsitz in Karben bei Frankfurt. Vor allem im Eventbereich befriedige das Glasfaser den Kundenwunsch nach höchster Audio- und Video-Qualität. „Die Kunden aus der Industrie wollen für ihre Events stets die bestmögliche Auflösung“, sagt Rösler, „wie für die Vidiwalls auf Automessen.“

„Das Glasfaser ist die Kabelverbindung der Zukunft“, resümiert Rösler. Gerade in allen Bereichen, in denen mehr und mehr Bandbreite gefragt ist, wie die Veranstaltungstechnik oder die Broadcastindustrie. Dennoch werde das Kupferkabel noch mehrere Jahre erhalten bleiben und nicht völlig verschwinden, schätzt Rösler. Einen der größten Aufträge für optische Kabelverbindungen erhielt Neutrik beispielsweise für die Fußball-WM 2006 in Deutschland. Die Bandenwerbung wurde zu der Zeit auf LED-Panels umgestellt. Für die Video-Signalverteilung zu den Panels verlegten die Stadionbetreiber Glasfaserverbindungen. Selbst im Privatbereich sei das optische Kabel auf dem Vormarsch, verrät Rösler. Etwa für die Verteilung von Kabel- oder Satellitenfernsehen in Mehrfamilienhäusern oder größeren Wohneinheiten.

Jan Fleischmann

MB 4/2015

Zurück