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Komplette IP-Infrastruktur

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Komplette IP-Infrastruktur

Das zur RTL Group gehörende Broadcasting Center Europe (BCE) hat an seinem Hauptsitz in Luxemburg ein neues, imposantes Sendezentrum in Betrieb genommen, in dem IP-basierte Workflows eine zentrale Rolle spielen. In den Technikräumen findet man kaum noch grüne SDI-Kabel, obwohl die Projektplanung schon im Jahr 2013 begann. MEDIEN BULLETIN war bei der ersten Präsentation des „RTL City“-Neubaus dabei und konnte einen Blick hinter die Kulissen werfen.

Die neue, rund 36.000 Quadratmeter große IP-basierte Einrichtung von BCE ist rund um die Uhr für eine Vielzahl an Kanälen auf Sendung, darunter RTL Télé Lëtzebuerg, Chamber TV (Luxemburg), RTL TVI, Club RTL, Plug TV (Belgien), RTL4, RTL5, RTL7, RTL8, RTL Z (Niederlande), RTL9, sowie AB Groupe Kinokanäle und dem SFR Sports Channel (Frankreich).

Nach drei Jahren Bauzeit konnten die Bau- und Umzugsarbeiten des 14-stöckigen Gebäudes am 15. Juli 2017 final abgeschlossen werden. Heute ist das Sendezentrum eines der ersten seiner Art, das eine vollständige IP-Infrastruktur implementiert hat und damit die vielen Möglichkeiten von IT-Netzwerken nutzt. „Wir haben von vielen Herstellern damals die Zusage bekommen, dass uns IP-fähige Produkte passend zu unserem Timing zu Verfügung stehen würden. Das haben die Hersteller auch soweit alle eingehalten“, erklärt Costas Colombus, Manager Special Projects bei BCE. Die meisten Sender und Inhalte werden in HD ausgespielt, aber auch ein erster 4k-Kanal mit hochskaliertem Material war für den Start im Oktober 2017 geplant. „Wir haben bei dem Bau des neuen Sendezentrums kein HD-SDI-Equipment mehr gekauft. Entweder wir haben die Technik aus der bestehenden Einrichtung übernommen, oder wir haben eine SDI-Zwischenlösung installiert, die jedoch alsbald durch eine IP-Lösung ersetzt wird. Und das ist beispielsweise mit unserem Multiviewer-System geschehen – der IP-Multiviewer wird um die NAB kommendes Jahr zur Verfügung stehen”, so Colombus.

Das als „RTL City“ bekannte Broadcast Center befindet sich direkt neben dem ausgedienten, alten RTL-Gebäude im östlichen Teil der Stadt Luxemburg. Die dortigen Radio- und Fernseh-Einrichtungen nutzen allesamt die neuesten IP-fähigen Produkte von Firmen wie Arista Networks, Custom Consoles, Grass Valley, Harmonic, Isilon (Dell EMC), Juniper, und Lawo. Als Hauptlieferant für IP-Technik wurde SAM (Snell Advanced Media) gewählt. 

Das neue Broadcast Zentrum sollte zum einen zukunftssicher sein und zum anderen in der Lage, sich auf eventuelle neue Workflow-Herausforderungen anpassen lassen zu können. Mit dem Start der Planungen in 2014 war die IP-Technologie noch nicht sehr weit entwickelt und für ein Broadcast-Projekt dieser Größe kaum geeignet. Viele IP-fähige Produkte waren Insellösungen. Ein Jahr später konnte BCE in einem sechsmonatigen Testlauf dennoch erste IP-Workflows testen. BCE-Hauptanliegen war es nach eigenem Bekunden immer, mit der neuen IP-Technologie die selbe Qualität bereitstellen zu können, wie mit SDI. In Zusammenarbeit mit dem Institut für Rundfunktechnik (IRT) wurde infolgedessen der SMPTE 2022-6 Standard als Möglichkeit getestet, alle Insellösungen als integrales Netzwerksystem miteinander zu verbinden. Ziel war es, die Produktion von Inhalten zu bündeln, um diese direkt auf der richtigen Plattform auszuspielen – sei es im Radio, im TV oder im Web. Sobald SMPTE 2110 zu einem offiziellen Standard wird, sollen alle softwarebasierten Systeme entsprechend upgegraded werden. „Wir hatten einen sehr straffen Zeitplan für unseren Umzug in das neue Gebäude. Das Alte mussten wir am 15. Juli verlassen und deshalb sicherstellen, dass die Installationen in dem neuen Gebäude bis da abgeschlossen waren. Und seit Anfang des Jahres 2017 haben wir nach und nach die einzelnen Sender umgezogen”, erklärt Andreas Fleuter, Manager Special Projects, der gemeinsam mit Colombus maßgeblich an der Planung und Umsetzung des neuen Produktions- und Sendezentrums in Luxemburg beteiligt war.

 

Zwei Regien und drei Studios

RTL City arbeitet mit zwei Regien, die beliebig mit einem der drei Studios kombiniert werden können. „Das größte Studio hat 250 Quadratmeter Fläche, das kleine Green-Box Studio ist nicht größer als 100 Quadratmeter. Zusätzlich haben wir noch ein kleines Set, an dem einmal in der Woche der politische Kommentar für eine luxemburgische Show gedreht wird“, erklärt Fleuter und fügt an: „Ursprünglich haben wir zwei Regien aus Redundanzgründen gebaut – aktuell nutzen wir aber beide Regien gleichzeitig, da unsere News-Show parallel mit einem Radrennen läuft.“

In den Regien wurden Grass Valley Kahuna Mixer verbaut, die natürlich mit dem IP-Framework verbunden sind. „Unsere Kameras sind ebenfalls von Grass Valley. Wir arbeiten mit der LDX 86 World Cam. An der Kamera nutzen wir aus Redundanzgründen aktuell zwei IP-Outputs, um beide Switches bespielen zu können”, führt Fleuter aus. Der Audio-Regie ist von der Bild-Regie räumlich getrennt, um sich besser auf den Ton konzentrieren zu können. Die Audio-Regie ist dabei über ein MADI-Interface mit dem IP-Netz verbunden. „Kurz vor der IBC 2017 haben wir jedoch ein neues Board bekommen, um unser Studer Vista Pult über AES67 zu verbinden. Das wird in den nächsten Tagen eingerichtet”, so Fleuter.

 

BCE-Studioproduktionen

BCE produziert jeden Abend drei Sendungen. Die News-Shows werden mit Hilfe von insgesamt fünf Kamera-Robotern aufgezeichnet. „Das System, das wir einsetzen, kommt von Vinten und nutzt APS-Lasertechnologie, um sich anhand von Bodenmarkierungen zu orientieren. Bei Sendungen mit Gästen arbeiten wir aber auch oftmals mit manuell gesteuerten Kameras, um auf spontane Bewegungen besser reagieren zu können“, erklärt Fleuter. 

In den beiden großen Studios werden LED-Lichter mit einem natürlichen Licht bei 5.200K verwand. Das sei laut Fleuter praktisch und effizient: „Auf der einen Seite schränkt die Lichttemperatur die Möglichkeiten beim Shading ein, auf der anderen Seite müssen unsere Moderatoren nicht so viel Make-up tragen. Unter dem Strich sparen wir mit der jetzigen Konfiguration viel Zeit.”

BCE-Ziel sei beim Bau von RTL City immer gewesen, den CO2-Footprint der gesamten Anlage möglichst klein zu halten. „Wir sind dabei nicht Klassenbester geworden, haben aber trotzdem gute Noten bekommen und konnten so beispielsweise den Energieverbrauch der Studios um insgesamt 80 Prozent reduzieren“, berichtet Fleuter. 

Bei der Installation des News-Studios musste unter anderem darauf geachtet werden, dass der Sound passt. Das Set Design aus senkrechten Holzelementen, sowie der 24 Quadratmeter großen LED-Wand waren Grund dafür, schwingungsdämpfende Elemente unter der Studiodecke anzubringen. 

„Die Grafiken für unsere LED-Wand werden von einem Orad-System generiert. Das hat bei uns hauptsächlich traditionelle Gründe. Für News-Anwendungen ist das auch ein sehr schönes System”, führt Fleuter aus. Die Kameras, die in den Studios eingesetzt werden, sind die gleichen, mit identischem Set-up, wie  die in den BCE-Ü-Wagen. „Das hilft uns, Kameras schnell auszutauschen und dabei möglichst kosteneffizient zu arbeiten”, erklärt Fleuter und ergänzt: „Bei Außeneinsätzen steht der Ü-Wagen meist am Ort des Geschehens und produziert die Sendung dann komplett von dort. Wir könnten zwar die Regie hier nutzen, das machen wir aber selten.“ Der Grund warum Grass Valley-Kameras genutzt werden, sei auch in der Tradition begründet. Außerdem sei es für Kameramänner immer einfacher, mit altbekannten OCPs (Operational Control Panels) einer bekannten Kameramarke zu arbeiten. „Außerdem waren die Grass Valley Kameras auch die ersten, die ein IP-Signal übertragen konnten. Mittlerweile gibt es auch von anderen Herstellern viele gute IP-fähige Kameras. Unsere Entscheidung für Grass Valley ist aber schon vor mehr als einem Jahr gefallen”, meint Fleuter. 

 

Network Operations Center (NOC)

„In unserem NOC können wir alle Signale checken, die wir senden und empfangen. Die meisten Signale kommen über den Satellit bei uns an”, berichtet Fleuter. Nachdem der Teleport rund 15 Kilometer von dem neuen Sendezentrum des BCE entfernt ist und es keine Satellitenschüsseln oder Antennen auf dem Dach gibt, werden die letzten 15 Kilometer bis zur Einrichtung als Transport-Streams oder via HD-SDI überbrückt. „Wir haben hier folgende Regel – wir konvertieren jeden SDI-Datenstrom so schnell wie möglich in ein IP-Signal. Wir routen also kein HD-SDI und wir spielen auch kein HD-SDI aus”, erklärt Fleuter die Situation.

Sichtlich stolz ist er auf das IP-Routing der neuen Einrichtung: „Die Konfiguration unseres Routing-Systems hat 1.016 x 1.540 Crosspoints. Und das sind nur die zu routenden Video-Signale. Bei den Audio Signalen muss man die Zahl mit 16 multiplizieren. Das sind also sehr viele zu routende Signale.” 

Das voll redundante Routing-System kombiniert zwei Switches von Juniper (QFX10008) und Arista (7508R), die beide Verbindungen über 10GbE und 40GbE unterstützen. Sie werden über ein IP Routing Control-System von SAM koordiniert, welches direkt mit der Lawo VSM-Kontrollschicht verbunden ist. Neben dem Routing Control-System beinhaltet SAMs IP-basierte Lösung bei BCE auch Kahuna IP-Produktionsmischer, IQ-Edge IP Processing-Systeme, IP-Multiviewer sowie IQMIX-Karten zur IP/SDI- und IQAMD-Karten zur IP/MADI-Konversion. Die beiden verschiedenen Switsches setzt BCE aus Sicherheitsgründen ein und um Risiken bei Problemen mit Soft- oder Hardware zu minimieren. „Würden wir ein Backup-Switch desselben Herstellers wählen, müssten wir ein höheres Risiko tragen”, meint Fleuter. Ein Problem, das auf dem einen System auftritt, würde sich in dem aktuellen Set-Up nicht auf das andere System übertragen. „Hätten wir die Planung heute begonnen, würden wir uns noch genauso entscheiden. Und das, obwohl unser System so natürlich weitaus komplexer ist”, sagt der BCE-Manager. Der Arista-Switch werde als führender Switch angesehen. Aber das Protokoll ließe zu, dass jedes IP-Paket von beiden Switches ausgeliefert werden könne. Eine der größten Herausforderungen neuer Projekte sei es, herauszufinden, woher ein bestimmtes Pixel oder Datenpaket komme. „Das ist enorm wichtig, um in Instandhaltungs-Szenarien oder bei einem Neustart des Systems, die richtigen Entscheidungen treffen zu können”, erklärt Fleuter. Alle Channels, die ausgespielt werden, verfügen über dasselbe Automationssystem von Media & Broadcast Technologies (MBT) aus Frankreich. „Davor haben wir mit dem Automationsprodukt von SGT gearbeitet. Viele ihrer Ingenieure sind jetzt bei MBT, das GUI ist jedoch grundlegend anders und überzeugt”, meint Fleuter und fügt an: „Die Playout Automation Server sind Harmonic SpectrumX beziehungsweise Electra X2 und als unser Grafiksystem nutzen wir das Xpression-System von Ross.” Insgesamt verfügt RTL City über 30 Schnittplätze, die für die News-Produktion mit einem großen Speichersystem von Quantel verbunden sind. „Seit den neunziger Jahren haben wir mit Quantel sehr gute Erfahrungen gemacht. Der Speicher für alle anderen Aufgaben kommt von Isilon. Dieses System ist nicht nur mit den Video-Schnittplätzen verbunden, sondern auch mit unserer kompletten Audio-Produktion“, führt Fleuter aus. An den Schnittplätzen selbst wird mit Adobe Premiere gearbeitet. 

 

Visual Radio wird wichtiger

Recht eindrucksvoll präsentieren sich die Radio- und Audio-Studios von RTL City. In einer Art Gebäude innerhalb des neuen Gebäudes wurden insgesamt 18 Radio-Studios untergebracht. Neun davon werden für klassische Radio-Produktionen genutzt, die restlichen neun zur Postproduktion. „Unsere Firma EPL produziert dort beispielsweise Werbung für TV, Radio und Kino”, erklärt Fleuter. Alle Studios sind individuell austauschbar und über DANTE miteinander verbunden. Das Automationssystem, das einsetzt wird, kommt von Zenon Media. Die Radio-Studios sind mit insgesamt 33 Sony HD Remote-Kameras ausgestattet. „Visual-Radio wird für uns immer wichtiger, vor allem wenn es einen Radio-Stream im Web gibt. Das System arbeitet größtenteils automatisiert und macht Bildschnitte anhand der aktiven Tonquelle”, sagt Fleuter.

Newsroom – Alle an einem Platz

In einem neu konzipierten Newsroom sitzen alle Redakteure unterschiedlicher Disziplinen, also Online, Radio und TV, zusammen. In der alten Location waren sie noch in unterschiedlichen Gebäuden verteilt. Durch den zentralen Speicher können die Redakteure jetzt direkt und sehr effizient auf die verschiedensten Inhalte und Quellen zugreifen und Synergien untereinander bestmöglich nutzen. 

„Das Newsroom-System basiert auf einer NCPower-Plattform. Wir haben das System um unsere eigene HTML5 basierte Entwicklung ergänzt, die es uns jetzt erlaubt, auch Informationen aus den Sozialen Medien abgreifen und innerhalb kürzester Zeit verarbeiten zu können”, berichtet Fleuter.

 

Serverraum

Das Herzstück des neuen Broadcast-Zentrums von BCE bildet der Serverraum, in dem 366 Racks die wichtigsten Technik-Komponenten beheimaten. Ein ausgeklügeltes System führt alle Kabel in einer „Meet me Area“ zusammen, die von dort in die jeweiligen Stockwerke führen. Fleuter erklärt: „An der Decke laufen unsere Fiberglaskabel entlang, unter dem Boden liegen hauptsächlich unsere Ethernetkabel, aber auch die wenigen grünen Kabel, die noch übrig sind.” Grundsätzlich beträgt die Temperatur im Serverraum zwischen 32 und 35 Grad, auf 22 Grad klimatisierte Korridore sorgen jedoch dafür, dass sensible Hardware nicht den Hitzetod stirbt. Das Kühlsystem ist redundant aufgebaut und bezieht Kühlwasser aus zwei unterschiedlichen Quellen. Sollte eine Quelle ausfallen, bleibt noch genug Energie der verbleibenden Quelle, um die Temperatur konstant zu halten. 

Einen wesentlichen Teil im Serverrraum nimmt der Archiv-Speicher ein. Dieser ist ein Oracle StorageTek-System mit einer Speicherkapazität von 20 PB.

BCE hat sich mit dem neuen Sendezentrum komplett auf IP ausgerichtet und zeigt, dass eine wasserdichte Produktionsumgebung auch mit dem Internet Protokoll möglich sein kann. Auch die Interoperabilität der Systeme ist vor Finalisierung des SMPTE 2110 Standards schon gut möglich. Zwar sind zum jetzigen Zeitpunkt noch digitale Schnittstellen wie DANTE oder MADI nötig, BCE und die Systemhersteller lassen aber keinen Zweifel daran, dass sich das bald ändert. Eines ist in jedem Fall sicher – Broadcast via IP kommt schneller als man denkt.

Niklas Eckstein

MB 4/2017

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