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Längst bezahlt gemacht

Die Internationale Bob- und Skeleton Verband FIBT ist einer der wenigen internationalen Sportverbände, der das Hostbroadcasting seiner Worldcup- und Weltmeisterschafts-Wettbewerbe in Eigenregie abwickelt. Ziel dabei ist die Gewährleistung eines qualitativ gleich bleibenden, universellen TV-Signals, das sich international besser vermarkten lässt. FIBT-TV scheint damit Erfolg zu haben. Das konnte man zuletzt bei der Weltmeisterschaft in St. Moritz sehen.

Wenn Andre Lange und Kevin Kuske in ihrem Zweierbob durch enge Eiskanäle rauschen, dann ist Spannung pur angesagt. Hohe Fahrkunst ist erforderlich, um bei dem Tempo in der Bahn zu bleiben. Fast noch spektakulärer sind die Rennen der waghalsigen Skeleton-Fahrer, die bäuchlings, Kopf voraus, talwärts rasen.
Damit die Faszination des Bob- und Skeleton-Sports auch richtig auf den heimischen-TV-Geräten rüber kommt, ist hoher produktionstechnischer Aufwand nötig. Das war auch wieder so bei den Bob- und Skeleton-Weltmeisterschaften im schweizerischen St. Moritz. Die Weltmeisterschaftsläufe wurden dort auf dem „Olymic Bob Run“, der einzigen für internationale Wettbewerbe zugelassenen Natureis-Bobbahn der Welt auf rund 1.800 Meter Höhe ausgetragen.

Für die Produktion der TV-Bilder war nicht - wie bei anderen großen Sportevents üblich - ein einzelner Sender oder eine speziell dafür gebildete Organisation verantwortlich, sondern der Sportverband FIBT (Federation Internationale de Bobsleigh et de Tobaganning) selbst. Das ist sehr ungewöhnlich.
Hintergrund: Mitte der 90er Jahre entschied sich die FIBT, die Vermarktung und Produktion ihrer Worldcup-Events in die eigene Hand zu nehmen. Präsident Robert H. Storey war der Ansicht, dass es das Beste wäre, das Hostbroadcasting stärker zu kontrollieren und ein universell einsetzbares TV-Bild zu generieren. In der Saison 1996/97 wurde das zunächst bei drei Weltcup-Rennen ausprobiert, und ab der Saison 1997/1998 produzierte man dann sämtliche Events in Eigenregie.
Zuvor waren für die TV-Produktion der Bob- und Skeleton-Weltcup-Rennen nationale Rundfunkanstalten verantwortlich, in Österreich zum Beispiel der ORF, in Italien die RAI und in Deutschland ARD und ZDF. „Jede Woche hatten wir also einen anderen Broadcaster mit unterschiedlichen Grafiken und einem anderen Produktionsstil. Unser neues Konzept zielte darauf ab, das zu vereinheitlichen“, berichtet Don Krone, koordinierender Produzent von FIBT-TV.

Ein Kernteam produziert seither die Events, egal ob die Rennen in Europa, Amerika oder Asien sind. Krone: „Wir haben zwei Regisseure, vier Bildmischer, fünf EVS-Operatoren, zwei Chef-Kameramänner. Die wechseln sich zwar ab, aber wir haben jetzt eine viel höhere Konsistenz, was unsere Broadcast-Signale angeht.“
In Europa werden die technischen Broadcast-Einrichtungen für FIBT-TV schon in der vierten Saison von der holländischen Cinevideo Group bereitgestellt. „Wir mieten das Equipment von denen. Eigenes anzuschaffen, macht keinen Sinn. Die Tour dauert schließlich nur sieben Wochen“, meint Krone. Die Kooperation mit Cinevideo laufe zunächst noch bis 2010.
In den USA werden die technischen Einrichtungen von NEP bereitgestellt. Das ist der größte Ü-Wagen-Dienstleister in den Staaten, der unlängst die britische Firma Visions übernommen hat. NEP Visions war auch als Produktionsdienstleister bei den 15. Asien-Spielen in Doha aktiv.

Als Ü-Wagen wird auf der FIBT-Tour in Europa der OB 10 der Cinevideo Group eingesetzt. Der 20-Kamera-Ü-Wagen ist mit Thomson SD- (LDK 10/10p und 20/20p) und HD-Kameras (LDK 6000 Worldcam) ausgestattet sowie mit einem 4 ME SD-Bildmischer Thomson DD-35 (60 Inputs) und einem 2 ME HD-Bildmischer Thomson DD-35 HD (18 Inputs). Der Audiomischer ist von Neve (Libra live digital) und die Interkom-Anlage ist eine Drake 4000 (256x256).
Bei den Weltcup-Rennen in Europa braucht Cinevideo zwei Tage zum Aufbau des Ü-Wagens. Drei Tage dauert jeweils die Produktion, anschließend wird abgebaut und zum nächsten Event gereist.

Bandlose Technik
In dieser Renn-Saison nutzt FIBT-TV erstmals komplett bandlose Technik. „Wir haben einen 9-Terrabite-Videoserver, nutzen EVS-Technologie, setzen auf X-File und schneiden auf zwei Final Cut Pro Edit-Suites. Alles ist miteinander vernetzt“, fasst Krone zusammen. Der neue bandlose Workflow sei am Anfang zwar gewöhnungsbedürftig gewesen, funktioniere nun aber prima.
Erstmals in dieser Renn-Saison bietet FIBT-TV auch die TV-Bilder im 16:9-Format an. In Deutschland werden sie so von ARD und ZDF ausgestrahlt. Und auch der neue Pay-TV-Anbieter Arena, der zu Beginn der Saison die FIBT Pay-TV-Rechte für Europa erworben hat, sendet in 16:9. Arena zeigt jeden Lauf der World Cup Rennen live und ist mit einer eigenen Host-Position und Kommentatoren bei den Rennen dabei. Das galt auch für die Weltmeisterschaft in St. Moritz.

Der technische Aufwand bei der Produktion der FIBT-Weltmeisterschaft war etwas größer als bei den normalen World Cup-Rennen. Eingesetzt wurden vor allem mehr Kameras. Bei Weltcup-Rennen werden von FIBT-TV rund 25 Kameras entlang der Bobbahnen aufgebaut. Krone: „Viele der Bahnen sind nicht vorverkabelt. Deshalb haben wir jede Woche eine Menge Arbeit beim Aufbau.“
In St. Moritz waren insgesamt 32 Kameras entlang der Bob-Bahn im Einsatz, darunter, wie bei diesem Sport üblich, sehr viele Mini-Kameras. „Wir setzen die Spezialkameras da ein, wo die großen Kameras nicht hinpassen. Außerdem können wir damit auch eine zweite Perspektive an besonders interessanten Stellen der Bahnen eröffnen. In schwierigen Kurven in der Bahn haben wir meist eine zweite Kamera für Wiederholungen platziert“, erklärt Krone. In der Regel sind die Spezialkameras am Rand der Bahnen aufgebaut. „Manchmal setzen wir eine Mini-Kamera aber auch mitten in die Bahn“, berichtet er. In St. Moritz hatte FIBT-TV dafür die berühmt, berüchtigte „Horseshoe“-Kurve ausgesucht, in der sich häufig der Ausgang eines Rennens entscheidet.

Die in St. Moritz von FIBT-TV eingesetzten 32 Kameras teilen sich so auf: elf Camcorder mit Kameramann (davon einer auf Scanner-Kran), fünf festinstallierte Camcorder ohne Kameramann, vier Studiokameras mit Kameramann, elf Mini-Kameras (Hitachi KP-D20BP CCD) und eine Eis-Kamera (direkt in der Eisbahn).
Die Videosignale der Kameras werden via Triaxkabel zum Ü-Wagen geschickt. Die Steuerung der Kameras hingegen erfolgt drahtlos. „So sind wir in der Lage, alle Daten der Kameras auf einem Laptop zu sammeln und können von dort aus individuell jede einzelne Minikamera kontrollieren oder auch ganze Gruppen gleichzeitig bedienen, zum Beispiel wenn die Sonne rauskommt und alle Blenden auf einmal geändert werden müssen“, erklärt Krone. Das eingesetzte Kamera-Steuersystem wurde vom Cinevideo Video-Ingenieure Peter van Velzen ursprünglich zur Steuerung von Torkameras bei Fußballspielen entwickelt.
HD-Produktionen sind für FIBT-TV noch kein Thema. „Wenn wir in HD produzieren, brauchen wir auch jemand, der unsere Bilder in HD überträgt. Und das ist heute nicht der Fall“, meint Krone. „Unser Hauptmarkt ist in Europa, und da ist die Nachfrage nach HD noch sehr beschränkt.“

Ein Problem bei HD-Produktionen seien ferner die Kosten. „Die von uns eingesetzten Triaxkabel und Verstärker würden da nicht besonders gut arbeiten. Wir müssten also auf Glasfaser umsteigen, und die Kosten dafür wären beim Einsatz von so vielen Kameras, wie wir sie benötigen, viel zu hoch“, betont Krone. Man habe sich deshalb entschlossen, in einem ersten Schritt das 16:9 Bild-Format anzubieten. Dennoch können die Rundfunksender auch weiterhin 4:3-Bilder von der FIBT-TV bekommen. „16:9 ist ab Ü-Wagen verfügbar und 4:3 ab Satellit“, sagt Krone.
Die Entscheidung, das Hostbroadcasting selbst zu machen, hat sich laut Krone längst bezahlt gemacht. Er räumt jedoch auch ein: „Es war am Anfang schwierig, weil viele Rundfunkanstalten, die vorher das Signal produziert und bereitgestellt haben, diesen Service gerne weiter für uns leisten wollten.“ Die Übernahme des Hostbroadcastings durch die FIBT zur Sicherstellung eines gleich bleibenden, universellen Signals sei richtig gewesen. „Wir haben die Akzeptanz unseres Sports weltweit ausbauen können. Und ein Grund dafür ist, dass das von uns produzierte Signal von hoher Qualität ist“, betont er. Den Stil der Berichterstattung von den Rennen habe man auch durch einige neue Elemente bereichert, die heute als FIBT-TV-typisch wahrgenommen würden.

Grafik, Musik und Internet
„Wir haben zum Beispiel eingeführt, dass sich die Athleten vor einem Lauf selber vorstellen. Das gibt es sonst nirgends. Und wir unterstützen unsere Bilder sehr stark durch Grafik-Elemente und Onscreen-Informationen“, betont Krone. FIBT-TV arbeitet hier mit ST Sports Service von Swiss Timing zusammen. Das in Leipzig angesiedelte Unternehmen ist aus der ehemaligen WIGE Data hervorgegangen. „ST Sports Service macht einen sehr guten Job“, lobt Krone.

FIBT-TV sei bemüht, immer wieder mit Innovationen die TV-Produktion zu optimieren. Eingeführt worden seien deshalb auch unterschiedliche musikalische Themen zur Untermalung der einzelnen Disziplinen. Krone: „Wir glauben, Sport und Musik passen gut zusammen. Diese Kombination macht das Programm für die Zuschauer interessanter.“
Das Interesse der Broadcaster an den FIBT-TV-Produktionen wachse von Jahr zu Jahr. „Vor zehn Jahren war Eurosport unser wichtigster Signal-Transporteur in Europe. Ohne Frage war das eine gute Plattform zur allgemeinen europäischen Verbreitung, in vielen Sprachen und in viele Länder hinein. Wir haben nun aber einen anderen Zugang gewählt. Grund: Es gab viele Sender, die zwar daran interessiert waren, unseren Sport zu zeigen, aber dabei nicht von anderen Sendern abhängig sein wollten“, erklärt Krone. Nun sei es für die nationalen Sender einfacher, die Athleten aus dem eigenen Land zu featuren. Daraus resultiere für FIBT die Möglichkeit, den TV-Markt besser entwickeln zu können und auch andere Vertriebswege wie das Internet zu nutzen. Bei all diesen Aktivitäten sei der Verband indes immer bemüht, den Rechteschutz derjenigen Sender zu gewährleisten, die für die FIBT-Signale gezahlt hätten.

Vermarktungspartner ist Infront. Seit vier Jahren arbeitet man schon auf Marketing-Seite zusammen. Im Frühjahr wurde Infront nun auch mit dem Verkauf der FIBT TV-Rechte beauftragt. Krone: „Infront ist für uns ein idealer Partner mit ausgezeichneten Beziehungen zu allen Sendern, die an Wintersport Interesse haben. Die Agentur hat viele gute Leute und reichlich Erfahrung, was das Management von Rechten angeht. Das hat sie ja auch wieder bei der FIFA WM 2006 bewiesen.“
Eckhard Eckstein (MB 02/07)





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