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Mit vorsichtigen Schritten zur Automation

Seit dem 1. September ist das neue Studio des rbb Fernsehzentrums Berlin am Theodor-Heuss-Platz in Betrieb. Es wurde pünktlich zum 60. Geburtstag des Regionalmagazins „Abendschau“ gestartet, die die traditionsreichste und journalistisch wichtigste TV-Sendung für den Berliner Raum des Rundfunk Berlin-Brandenburgs ist. Welche neue Technik wurde mit welchen Zielen eingesetzt?

Um es vorweg kurz zusammenzufassen: Das neue rbb-Studio ist auf inhaltliche Flexibilität in der Präsentation der journalistischen Berichterstattung ausgelegt, auf Multifunktionalität für verschiedene TV-Formate und der Möglichkeit einer sukzessiven Automation. Im Mittelpunkt der neuen Studio-Konzeption steht ein hochmodernes, von vier LED-Videowänden geprägtes Design, für das der rbb in Teamarbeit zwischen Redaktion, Technik, Ausstattung, Kameraleute und Regie, die Vorgaben entwickelt hatte. Der Designer Frank Cremers aus Köln, so erläutert die Redaktionsleiterin der „Abendschau“, Gabriele von Moltke, „hat für uns einen coolen, urbanen Raum entworfen. Das ist Berlin“. 

Wichtig war von Moltke auch, einen „Echten Raum, mit echten Menschen“ zu schaffen, in dem man gleichwohl bei der Live-Berichterstattung nicht nur „schnell reagieren“ kann, sondern auch „nah dran“ ist an den vielen verschiedenen Lokalitäten Berlins und seinen Gesichtern. Das Ergebnis sei deshalb „eben kein virtuelles Set, sondern ein offener Raum. Das Studio ist extrem wandelbar“. Und weil es so wandelbar ist, sieht der Besucher, der das 205 Quadratmeter große Studio betritt, wenn es noch nicht im Live-Betrieb ist, mehr oder weniger: nichts. Die gesamte Technik ist gut versteckt.

Außer den vier weißen Leinwänden fällt der großflächige Studio-Boden ins Auge, der zur Hälfte in verschiedenen Betongrau-Tönen aufwändig gemalt – und zur anderen Hälfte eine hellbraune Spiegelfläche aus Kunststoff ist. Auch ein eher unauffälliger Moderationstisch ist zu sehen. Den habe wiederum der Designer Jürgen Bieling (München) entworfen, ist zu erfahren: Er sei höhenverstellbar, mit integriertem LED-Band, auf dem Zusatzinformationen für die Zuschauerinnen und Zuschauer gezeigt werden können. Der von Studio Hamburg gebaute Tisch ist wie das gesamte Studio multifunktional für unterschiedliche TV-Formate gedacht. Nicht nur für das Regionalmagazin „Abendschau“, sondern auch für das regionale Nachrichtenformat rbb24, den neuen „Late Night“-Talk des rbb („Talk aus Berlin” mit Jörg Thadeusz) sowie etwaige „Specials“ und „Brennpunkte“. Man muss sehr weit in die Höhe des Studios gucken, um eine Art Glaskasten-Gehänge wahr zu nehmen, in der die Regie untergebracht ist. Und dann kann man auch die neuen 65 Fernsehscheinwerfer auf LED-Basis entdecken. 

600.000 Euro hat der rbb insgesamt in das neue Studio investiert, davon rund 400.000 Euro für die LED-Technik der Videowände und rund 200.000 Euro für die neue LED-Scheinwerfer-Technik. Von Moltke hat sich vorgenommen, die in der Region beliebte „Abendschau“, deren Zuschauer allerdings im Schnitt im Alter von 68 sind, mit einem „Facelift“ zu verjüngen, ohne die bislang teils auch bissigen, kritischen Inhalte, wie sie meint, zu verändern: „Unser Botox heißt LED“, sagt von Moltke.

Kurzer Blick zurück: Bis zuletzt funktionierte das 2007 in Betrieb genommene Studio für das Berliner rbb-Regionalmagazin „Abendschau“ prima. Wobei man in einer Übergangszeit von rund neun Monaten zwecks Umbaus, der von der rbb-Ausstattung durchgeführt wurde, die alte Studio-Deko in ein leer stehendes, zuvor als Lager genutztes Studio, gepackt und mit der Regie verkabelt hatte. Das einst vom Schweizer Szenenbildner Carlo Angelini entworfene Studio war 2008 in Barcelona sogar mit dem international renommierten Designpreis „promax bda Europe Award” in Silber ausgezeichnet worden und galt damals, wie sich Andreas Piaskowski-Budweg, Leiter Videotechnik rbb, erinnert als „avantgardistisch“. Für damalige Verhältnisse sei die Perspektive im alten Studio „genial“ gewesen, meint er. Man habe das Gefühl gehabt, Berlin fotografisch im Raum zu erleben und von innen nach außen schauen zu können. Hintergrundbilder für die Moderation wurden über einen kleinen Monitor eingespielt. 

Schon im alten Studio wurde die Technik 2017 komplett auf HD umgerüstet. Aus „inhaltlichen Gründen“, so Piaskowski-Budweg, habe man sich entschieden, den Kamerabetrieb nicht zu automatisieren. Die vier Sony HD-Kameras werden von zwei Kameraleuten im kompletten Handbetrieb bedient. Das sei sogar auch eine kostengünstige Lösung, insbesondere, wenn sie in Zukunft auch für die Produktion des Late-Night-Talk eingesetzt werde, weiß Piaskowski-Budweg. Denn bei Vollautomatisierung des Kamerabetriebs werde weiterhin mindestens ein Kameramann für die Kontrolle gebraucht, neben der zusätzlichen IT-Expertise. Eine Automatisierung im alten Studio erfolgte allerdings durch den Einsatz des Open Media-Redaktionssystems, womit die Scriptfolge und der Schriftgenerator gesteuert werden. Auch die Regie läuft zurzeit mit Hilfe von Aveco teilautomatisiert.

Was genau ist denn nun am neuen Studio und seiner ausgeprägten LED-Technik besonders und warum? Hauptsächlich ist es der vom Studiodesign vorgegebene Einsatz der von der Firma AVE installierten vier verschiedenen Video- beziehungsweise LED-Bildwände, drei Hi-Resolution, eine Lo-Resolution. Links im großflächigen Studio steht eine Eckwand, eine in der Mitte geknickte Wand in der Größe von 1,5 x 2,4 Metern (Format 16:9). Diese sogenannte „Knickwand“ ist eine Besonderheit. Man kann sie mit zwei verschiedenen Motiven bespielen oder mit einem Motiv, das sich dann sozusagen optisch raffiniert um die Ecke präsentiert. 

Man kann die Knickwand auch als eine Art „Erklärraum“ verwenden, wovon das ZDF einst bei Einführung seines virtuellen Studios („grüne Hölle“) für das Nachrichtenmagazin „Heute“ schwärmte. rbb-Regisseur Lutz Braune meint, dass insbesondere auch die Wettervoraussage mit Hilfe der Knickwand noch anschaulicher geworden ist. 

Aber auch die anderen LED-Wände dienen – pointiert mit zum jeweiligen Thema passenden Bewegt- oder Standbildern bestückt – in Korrespondenz zu den Moderationstexten durchaus als Erklärräume. In der Mitte des Studios befindet sich die zentrale Panorama-Leinwand im Format 32:9 und 2,1 x 6 Meter groß, vor der die Abendschau-Moderatoren in der Regel stehen, wenn sie das nächste Thema ankündigen, so wie man es beispielsweise auch von den „Tagesthemen” kennt. Sie können auch an der Wand entlang laufen, um etwa eine Grafik zu erklären. Auf der rechten Seite gibt es eine verschiebbare Wand im 16:9-Format, auf der insbesondere Hintergrundbilder für Nachrichten eingespielt werden. Sie ist genauso groß wie die Knickwand und hat auch eine Besonderheit. Denn hinter ihr hängt noch die Lo-Resolution-LED-Wand in der Größe von 2,3 x 4 Meter. Diese 10mm-Wand von der Firma Infield wird nicht mit Bildern bespielt, sondern führt ein flexibles eigenes Leben als Deko-Element, das die Atmosphäre im Studio farblich und hinsichtlich der Lichttemperatur mit bestimmt. 

Die anderen drei Hi-Resolution-LED-Wände, die mit Bildern bespielt werden, bestehen aus insgesamt 165 auswechselbaren LED-Modulen der Firma Leyard. Technisch neu an diesen drei Videowänden ist der geringe Pixelpitch von 1,667 mm Abstand zwischen zwei kleinen Leuchtdioden, erklärt Piaskowski-Budweg. Diese hohe Auflösung ermöglicht es, mit HD-Kameras im Studio so zu fotografieren, dass keine Moiré-Effekte entstehen. Sogar die seitlichen Einblick-Winkel gelingen so, dass kaum Farbverfälschungen auftreten, erklärt Piaskowski-Budweg. Er sieht einen klaren Vorteil der LED-Wände gegenüber eines Einsatzes von Virtuell Reality. Wegen des geringen Pixel Pitches gebe es keinerlei Auflösungsartefakte, wenn die Moderatoren oder ihre Gäste vor dem Bild stehen. Die technische Mischung von LED-Wänden und Kamerabild sei „relativ latenzfrei“. Schwieriger sei das im virtuellen Studio, weil es dann „ziemlich lange Renderzeiten“ gebe. 

Da die Hintergrundbilder im neuen Studio „großen Raum als Content“ einnehmen, müssen diese „sehr genau“ sein. Deshalb habe man als Hilfsmittel dafür neue Grafikgeneratoren der neuesten Generation von der Firma ChyronHego gekauft. Die Grafikabteilung spiele die Bilder auf den Server, die dann im Live-Betrieb des Studios automatisiert vom Server runtergeladen und vom Grafikgenerator ausgespielt werden. Regisseur Braune erläutert: Das alte Studio habe Hintergrundbilder für die Moderation nur als „kleine Kacheln“ gezeigt, die die Zuschauer kaum wahrgenommen haben. Das neue hingegen erlaube Hintergrundbilder, die auf dem TV-Schirm der Zuschauer teils 80 Prozent der Wahrnehmung ausmachen. So entstehe die Möglichkeit, „ganz klare Statements“ als zusätzliche visuelle Information zum Thema zu setzen. 

Allerdings müsse nun die Auswahl der Stand- und Bewegtbilder für den Hintergrund der Moderation „noch stärker als vorher zu dem passen, was der Moderator sagt.“ Früher waren die Hintergrundbilder eher Platzhalter nach dem Motto ‚da machen wir mal ein Logo drauf‘, wenn es zum Beispiel um eine Partei oder Gewerkschaft geht. Heute, so Braune, „wird das Bild viel stärker nach inhaltlichen Kriterien ausgesucht“. Regie, Grafik und Redaktion müssen noch enger zusammenarbeiten. Denn: „Die Redaktion ist für Inhalte zuständig, die Regie für die Wirkung und die Grafik weiß, welche Möglichkeiten man hat“. On Top kommt heute aber auch noch ein Bildmanager für die jeweilige Sendung, der sich um die Recherche und die Herstellung des Materials kümmert. 

Das alles sei Teamarbeit. Wie überhaupt: „Fernsehen ist an sich eher eine Mannschaftssportart als ein Solistentreffen“, weiß Braune, der übrigens beim letzten „Kanzlerduell“ 2017 die Regie-Verantwortung innehatte. Weil die übergroßen Hintergrundbilder stärker den Moderationsteil beeinflussen als zuvor, sei es jetzt noch wichtiger, „sich im Vorfeld genaue Gedanken“ zu machen, was man wie ausdrücken will. Speziell, wenn im Hintergrund ein bewegtes Bild platziert wird, müsse man ganz genau gucken, was passiert mit der Figur – der Moderation – davor? Gibt es Irritationen? Ruckelt es hin und her? Gibt es Effekte, die man nicht haben will? Gleichzeitig aber habe man die Chance, Hintergrundbilder auch in Zusammenhang mit der Moderation „viel beeindruckender“ zu machen und sie auf eine neue Erlebnisebene zu heben.

Vorsichtige Automation

Das neue Studio ist im Gegensatz zum alten im Design hoch abstrakt. Das konkrete Leben wird dem Studio mit flexibel ausgewählten Bildern eingehaucht, die auch die Handlungs- und geistige Atmosphäre der Moderatoren und ihrer Gäste als Interviewpartner mitbestimmen. Alles ist variabel – offen für ungezählte Gestaltungsideen. Dabei spielen auch die neuen LED-Scheinwerfer von der Firma ARRI mit: Stufenlinsen der Version L7-C, Flächenleuchten der Version S30-C und S60-C, wobei zusätzlich auch Philips e-Strip verwendet wird.  Bei gleicher Lichtausbeute, falle bei LED weniger Strom an, lobt Piaskowski-Budweg. Und ein schöner Vorteil gegenüber den früheren Halogenscheinwerfern sei, dass man „die Farbtemperatur im ganzen Studio stufenlos verdrehen“ könne. Piaskowski-Budweg: „Wir sind jetzt bei der Abendschau nicht ganz bei Kunstlicht, sondern bei 4.300 Kelvin, weil wir nicht bei Tageslicht enden wollten, das die Moderatoren als unangenehm empfinden“. Gleichzeitig habe man sich aber doch für eine „kältere Stimmung“ als Kunstlicht entschieden, da diese besser mit den LED-Wänden harmoniere. 

Laut Piaskowski-Budweg lief die Technik im Studio schon nach drei Wochen „sehr zufriedenstellend“. Allerdings haben die ersten Erfahrungen gezeigt, dass der grafische Aufwand höher als bisher ist. Zumindest in der Anfangszeit habe das neue Studio zu sehr viel inhaltlicher Mehrarbeit für die Redaktion in Zusammenarbeit mit Grafikern und Regie geführt, um zu entscheiden, welche Inhalte, mit welchen Perspektiven auf welchen LED-Wänden wie bebildert werden sollen. Man müsse abwarten, wie sich das in Zukunft einspielen werde. 

Ist es nicht aber verwunderlich, dass der rbb in einer Zeit, in der die Branche nur noch über Digitalisierung, Automation und Virtuell Reality diskutiert – zwecks Kosteneinsparung – ein neues Studio eingerichtet hat, das zur inhaltlichen Mehrarbeit zwingt? Provokativ gefragt. Braune antwortet: „Ja, wir müssen uns jetzt noch stärker Gedanken machen. Bei Automation geht auch nichts von alleine. Wie bei jedem Computer: Man muss vorne etwas Sinnvolles hineintun, damit hinten etwas Sinnvolles heraus kommt, galant gesagt“. Und weiter: „Ob ich in der Virtualität arbeite oder mit LED-Wänden oder mit der Technik der Tagesschau, die auf Projektion läuft, ist unerheblich. Letztendlich muss ich mir immer vorher Gedanken machen, was ich damit machen will. Der Aufwand ist bei dem einen nicht erheblich kleiner als bei dem anderen“.

Grundsätzlich sei aber „Automation immer ein Thema im Fernsehen“. Gerade bei der Regelberichterstattung. Man muss schauen, wieviel Automation in welchen Formaten passt: „Wir haben auch bei ‘Abendschau’ und ‘rbb24’ bisher schon eine Teilautomation gehabt. Früher wurden die Filmbeiträge einfach eingefahren und die Untertitel manuell dazu gegeben. Mittlerweile werden die Bauchbinden automatisiert rein gegeben“. Bestimmte Bewegtbild-Ton-Kompositionen, darauf weist Braune auch hin, „sind heute ohne Automation gar nicht mehr möglich“. Zum Beispiel der Anfang von „Tagesschau” und „Tagesthemen”. Da greifen verschiedene Kameraperspektiven, Hintergrundbilder, Musik und vieles mehr ineinander. Es geht um ein perfektes Timing. Braune ist sicher: „Wir werden prüfen, inwieweit wir noch weiter im Studio automatisieren können. Das ist ein ganz klarer Auftrag des rbb und wir werden in einem halben Jahr sehen, wo wir stehen“.

 

Augmented Reality als Nächster Schritt 

Ähnlich sieht es Piaskowski-Budweg, wobei er präzisiert: Dass wir schon bald in die virtuelle Technik gehen, sehe ich nicht. Die Technik ist noch nicht so weit: „Heute sieht man immer noch sofort ‚aha das ist ein virtuelles Studio‘. Der nächste Schritt könnte eher Augmented Reality sein, die im Sport schon weit verbreitet sei, um „mit getrackten Kameras mehr Informationen in die Bilder reinzupacken“. Die Kameras, so prognostiziert Piaskowski-Budweg, werden bei uns noch länger im Handbetrieb bleiben: keine automatisierten Schwenks, keine fahrbaren Stative und keine Kräne. Anders als bei der Tagesschau, wo drei Kräne an der Decke hängen, die fernbedienbar sind. Das hat mit der Multifunktionalität des Studios für verschiedene TV-Formate, aber auch mit der speziellen inhaltlichen Magazin-Machart der „Abendschau” zu tun. Genauer aber soll in einem halben Jahr der Regieablauf unter die Lupe genommen werden, um zu prüfen, welcher Automatisationsgrad wünschenswert ist. 

Dass es dem rbb-Team ziemlich rasch in nur neun Monaten gelang, ein neues Studio betriebsbereit auf die Beine zu stellen, hat einen Grund. Man hat die wichtige Erfahrung im Umgang mit LED-Wänden schon einige Zeit im gemeinsamen Studio für das Mittagsmagazin von ARD/ZDF gesammelt. Auch für dessen Betriebstechnik war das rbb-Team verantwortlich.   

Erika Butzek

Foto: Andreas Piaskowski-Budweg, Leiter Videotechnik rbb

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