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Neuer Ü3 des NDR Fernsehen

Der Norddeutsche Rundfunk hat seit kurzem einen neuen Ü-Wagen mit SD-Technik am Standort Hamburg-Lokstedt in Betrieb genommen, der in vielerlei Hinsicht bemerkenswert ist.

Der Planungsbeginn war im Mai 2005, und Ende 2005 wurde Grass Valley als Generalunternehmer bestimmt. Die Ausführung des Karosseriebaus übernahm Marko Pfaff Spezialfahrzeugbau. Die Projektleitung im NDR übernahm Stefan Rickmann, für den Bereich Video/Elektrotechnik/Karosseriebau war Herr Pols als Teilprojektleiter zuständig.
Die Abnahme erfolgte im Dezember 2006, und schon am 16. Februar 2007 wurde der Ü3 bei einer Veranstaltung in Osnabrück eingesetzt. Das Fahrzeug ist jetzt sehr häufig im Einsatz – und zwar in einer großen Bandbreite.

Im Gegensatz zu vielen anderen Konzepten hat man sich beim NDR nicht für einen Auflieger, sondern für ein Konzept bestehend aus zwei Fahrzeugen entschlossen – und zwar einem Hauptwagen für die Tonregie sowie Bildregie und Bildtechnik sowie ein Rüstfahrzeug für die Peripherie sowie MAZ und Schnitt. Auch der alte Ü3 des NDR bestand aus zwei Fahrzeugkomponenten.
Beide Fahrzeuge, mit einem Gewicht von je 26 Tonnen sind, was die Dimensionen angeht, weitgehend identisch. Die Länge des Hauptfahrzeugs beträgt zwölf Meter mit einer Breite von zweieinhalb Meter und einem Seitenauszug von zirka sechs Meter Länge und 1,3 Meter Breite. Alle Peripherietechniken, wie Audio-Router oder Anschlussfelder sind von außen einfach über Klappen erreichbar. Auch im Unterflur sind technische Gerätschaften untergebracht. Das Be- und Endladen des Rüstwagens ist durch die Ladeklappen im unteren Bereich sehr einfach möglich. Zwei Drittel des Rüstwagens stehen als Stauraum zur Verfügung.

Die Klimaanlagen des Herstellers Daikin wurden von der Firma Herbert aus Bensheim geliefert. Beim Hauptwagen kommt hier eine mechanisch modifizierte Version zum Einsatz, die sowohl im Innenraum als auch außen eine sehr geringe Lärmimmission aufweist. Es sind fünf unabhängige Klimazonen eingerichtet. Auch das Rüstfahrzeug ist klimatisiert – allerdings mit einer Standardanlage.
Für Audio und Video stehen getrennte Außenfelder zur Verfügung. Die Verbindung zwischen dem Haupt- und dem Rüstwagen erfolgt über zwei Glasfaserkabel (Audio/Video getrennt). Es werden so 20 Videoverbindungen, sieben LAN und vier RS-422-Verbindungen zwischen den Fahrzeugen ausgetauscht. Optional können auch Außensteckfelder genutzt werden, um beide Fahrzeuge über „Kupfer“ zu verbinden.
Beide Fahrerhäuser lassen sich für Off-Sprecher einsetzen, sind klimatisiert und mit den notwendigen A/V-Anschlüssen ausgestattet. Als Intercom-Anlage wird eine Clearcom 4000 mit neun mobilen Panels und zehn Freespeak-Beltpacks eingesetzt.

Bildregie
Alle Displays sind ausnahmslos TFT-Displays. Über ein MVP-System lassen sich bei Bedarf die Displayzonen konfigurieren beziehungsweise aufteilen. Produziert wird in 576i/25 und zwar in 4:3 oder 16:9 mit digitaler, serieller Komponententechnik (DSK) mit 270 MBit/s.
Das Herz der Bildregie ist ein Bildmischer mit vier Ebenen vom Typ Sony DVS-9000 mit 80 Eingängen sowie eine Grass Valley Trinix-Videokreuzschiene mit 256 × 256 Punkten, die voll belegt ist. Ein Problem der TFT-Displays ist die Verzögerung bei der Bildausgabe. Um in der Bildregie Ton- und Bildsynchronität genau überprüfen zu können, befinden sich an allen Arbeitsplätzen in der Bildregie Kopfhörerausgänge und Tasten, die auf den Ausgängen eine Delay-Kompensation des Tons zuschalten.

Die Multifunktionsplätze in der zweiten Reihe der Bildregie (zum Beispiels für Slow-Motion, Schriftgenerator oder Proben) sind mit Quadsplit-Monitoren ausgestattet, die sich versenken lassen. Die Monitore lassen sich nach Bedarf auch nur halb ausfahren, falls nicht alle Vorschaumöglichkeiten benötigt werden. Als Probenpult wird ein Sony CCP 9000 eingesetzt.

Kameras
Am hinteren Ende des Hauptfahrzeugs ist der Platz für die Kamerakontrolle. Bis zu zehn Kameras lassen sich von zwei Arbeitsplätzen aus aussteuern. Der Ü3 verfügt standardmäßig über sechs LDK 500 P-Kameras von Grass Valley, die bei Bedarf auch als Handkamera eingesetzt werden können. Über WCU-Stationen lassen sich zwei Kameras drahtlos betreiben.

Tonregie
Die Planung und Installation der Tontechnik und Tonregie wurde von der Firma TRS Studiotechnik aus Wolfenbüttel übernommen, wobei die Akustikplanung im Hause des NDR – im Abschluss zusammen mit dem GU und dem Lautsprecherhersteller Geithain – durchgeführt wurde. Nach einigen Untersuchungen und Überlegungen hat man sich für ein Digitalpult der Firma Stagetec mit Audio-Follows-Video-Funktionalität entschieden. Das AURUS-Mischsystem ist mit sieben DSP-Karten voll bestückt. Die Konsole verfügt über 48 Fader (drei Panels links, eine Zentralbedienung mit Kurzkanälen und zwei Panels rechts). Der NEXUS-Router von Stagetec bietet auch zwei mobile Basisgeräte, die als Stageboxen eingesetzt werden können.

Die Tonregie ist Surround-fähig ausgeführt, und der Betrieb von Dolby-E-Encoder und -Decoder ist vorbereitet. Als Hauptmonitore werden Geithain RL 944 K1 mit abgesetzten Verstärkereinheiten eingesetzt (Surround LS RL 906 in Spezialgehäuse, ebenfalls mit abgesetzten Verstärkern). Der Center-Lautsprecher wird bei Bedarf montiert. In der Tonregie ist auch ein manuelles Steckfeld vorhanden, das quasi vor dem NEXUS-Router vorgeschaltet ist, um eine Quelle schnell auf einen bestimmten Router-Eingang zu legen. Weiter stehen hier auch Messpunkte bereit. Zum Audiorecording wird ein 48-Spur Pro Tools eingesetzt. Auch die Auswahl an Peripherie und Effektgerät ist großzügig bemessen. So steht dem Toningenieur unter anderem ein t.c. electronic System 6000 und ein Eventide Harmonizer 4000B sowie diverse Lexicon Reverbs (PCM 70, 81 und 91) zur Verfügung.

MAZ und Edit-Suite
Im Rüstwagen befinden sich noch ein DHD 4200er Audiomixer mit 16 Fader-Zügen, der über MADI an die Audioinfrastruktur angebunden ist. Als MAZen kommen sechs IMX MSW-2000 P sowie zwei DigiBeta DVW-A 500 P zum Einsatz. Das Schnittsystem basiert sowohl auf dem Sony Plug-In Editor als auch auf dem neuen KURRER QR. Zwei sechskanalige EVS XT2-Harddisksysteme ermöglichen ausreichend Slomotion und Highlight-Editing-Möglichkeiten insbesondere bei Sportübertragungen. Der hier eingesetzte Bildmischer ist ein Sony DSF 9000 SF mit 24 Eingängen.

Fazit
Der neue Ü3 beim NDR Fernsehen bietet zurzeit ein Höchstmaß an Flexibilität und Einsatzmöglichkeiten in einem sehr umfangreichen Aufgabenspektrum vom Zeitgeschehen über Sport- bis hin zu Unterhaltungsproduktionen des Senders. Mit dem auf SD-Technik basierenden Ü-Wagen geht man hier durchaus innovative Wege. Sicher dürfte aber auch sein, dass der nächste Ü-Wagen-Neubau beim NDR Fernsehen auch ein HD-Ü-Wagen sein wird. Die Technologien und Konzepte des Ü3 werden sicherlich auch hier für ein HD-Projekt als Basis dienen.
Peter Kaminski (MB 05/07)


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