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„Allein Technik sichert keine Marktposition“

Im Zuge der vielfältigen Prozesse der Digitalisierung haben sich auch die Aufgaben der technischen Dienstleister gewandelt und erweitert: Sie müssen näher an die Inhalte ran. Zumindest dann, wenn sie als echte Partner von Sendern und Produzenten agieren wollen und eine gewichtige Position im Markt einnehmen wollen. Das größte Kölner Postproduktionsunternehmen ACT hat sich auf diese Situation schon seit einigen Jahren eingestellt, wie ihr Geschäftsführer Robert Groß im Gespräch mit MEDIEN BULLETIN erläutert.

Das Unternehmen ACT hat sich in den vergangenen Jahren von einem Schnittstudio zum größten Postproduktionsunternehmen mit Firmensitz in Köln entwickelt. Mit welchem Kerngeschäft und welchen Kunden?
Im Kerngeschäft sind wir eine Postproduktion mit rund 23 Schnittplätzen, die aber nicht alle in Köln, sondern auch an anderen Standorten sind. Wir bedienen eine sehr breit gestreute Kundenstruktur. Bei den Sendeanstalten ist unser größter Kunde der WDR, der vis-à-vis von uns sitzt, und mit dem wir schon seit über 18 Jahren zusammenarbeiten. Auch ZDF, Bayerischer Rundfunk, RTL, VOX, ProSieben gehören zu unseren Kunden, Industrieunternehmen aber auch Agenturen und viele Produzenten.

Sie betreuen Markenunternehmen aus der Industrie direkt – also unter Umgehung von Agenturen – als Kunden?
Die Industrieunternehmen sind immer mal wieder auch eigenaktiv. Zwar haben sie ihre Budgets bei Agenturen platziert, beziehen aber bestimmte Dienstleistungen auch direkt von uns, was uns immer wieder sehr freut.

Sie haben in einem Vorgespräch gesagt, dass es bei Ihnen als Postproduktionsunternehmen eine immer stärkere Verschränkung von Technik, Inhalt und Beratung gibt. Können Sie das Bitte genauer erläutern?
Wir haben uns die Erweiterung unserer Aufgaben ausgehend von den technischen Dienstleistungen bereits vor einigen Jahren eigeninitiativ als Ziel gestellt, ohne dass es uns von extern angetragen worden wäre. Es war abzusehen, dass die Technik selbst immer preiswerter und beliebiger wird, so dass sich der Kunde jederzeit selbst ein Schnittsystem ins Haus stellen kann. So bestand die Gefahr, dass man als Anbieter von solchen Leistungen austauschbar wird. Deshalb haben wir frühzeitig überlegt, wie wir unsere Aufgaben neu definieren können, um uns zukunftssicher im Markt als Dienstleister aufstellen können. Da lag es zunächst einmal nahe, dass wir uns als Full-Service-Anbieter profilieren wollten. Immerhin hatten wir schon damals eine gewisse Größenordnung mit festen Mitarbeitern, einer großen Anzahl weiterer Mitarbeiter als Freelancer und unserer Ausstattung im technischen Equipment mit verschiedenen Schnittplätzen, DVD- und Grafikabteilung, Tonstudios über unsere Schwesterfirma Arteffect-Audio bis hin zu einer 4K-Telecine mit Farbkorrektur bei unserer Schwesterfirma HeaDQuarter erreicht. Wir haben eine große Palette an Dienstleistungsangeboten anzubieten, die über die normale Postproduktion hinausgehen. Und unser Engagement ist dann bei unseren Kunden sehr gut angekommen…

Zum Beispiel?
Zum Beispiel die WDR On Air Promotion. Da sind wir für den größten Teil der Programmtrailer zuständig. Das ist ein Komplettpaket, bei dem wir neben den Editoren auch Producer, Texter und Sprecher beschäftigen. Darüber hinaus organisieren wir einen großen Teil der logistischen Abwicklung wie die Materialbeschaffung aus dem Haus, die pünktliche Anlieferung der Trailer an die Sendeabwicklung, Koordination der Vertonung und des Schnitts sowie das Encoding bestimmter Trailer für die Internetplattform des WDR. Da halten wir eine sehr ökonomische Maschinerie am Laufen, damit jeden Tag die Trailer pünktlich On-Air gehen können.

Und dabei müssen Sie dann dicht an die WDR-Inhalte ran?
Wir arbeiten sehr eng mit der WDR-Redaktion zusammen. Es gibt regelmäßige Meetings, in denen die Trailerplanung für die nächsten Wochen besprochen wird, aber auch sehr intensives Feedback zu unseren Leistungen stattfindet: Wir schauen uns die von uns produzierten Trailer gemeinsam an und kriegen viel Lob, aber auch – natürlicherweise – mal Kritik. Die Zusammenarbeit zwischen dem WDR und ACT ist sehr eng miteinander verzahnt.

Für den neuen Spartensender Deutsches Gesundheitsfernsehen, DGF, arbeiten Sie als Generalunternehmer bundesweit in der Postproduktion. Wobei die Auslagerung der Technik vom DGF mit zwei Argumenten begründet wurde, erstens wolle man aufgrund der dynamischen Entwicklung im technologischen Bereich die Technik voll in den Händen von Experten lassen, zweitens hätte man auf diese Weise auch eine elegante Lösung für die Wartung und Optimierung der Technik…
Diese Argumentation kann ich gut nachvollziehen, weil Formatentscheidungen immer sehr weit reichende Konsequenzen haben. Gerade beim Gesundheitsfernsehen, wo man noch am Anfang der Entwicklung steht, möchte man vermeiden weit reichende Investitionsentscheidungen zu treffen, die man eventuell ein Jahr später bereut. Wir waren beim Gesundheitsfernsehen schon sehr früh im Projekt mit unserer Beratung involviert. Wir haben dann gemeinsam entschieden, zunächst mit vorhandenen Ressourcen zu arbeiten, zumal der Sender mit einer dezentralen Senderorganisation operiert und es darum geht, über die Republik verstreut Programmteile zuzuliefern…

Das heißt, auch ACT bietet entsprechende Dienstleistungen dezentral an?
Wir haben in Köln und Hamburg, wo der zentrale Redaktionssitz des Gesundheitsfernsehens ist, Technik stehen. In Köln zum Beispiel sind wir zuständig für die vorbereitende Sendeabwicklung: Wir erstellen und prüfen die Sendebänder nach technischen Richtlinien und wir produzieren die Programmtrailer hier im Haus. Anschließend schicken wir die Sendebänder zur Sendeabwicklung nach München, die Trailer werden bereits „elektronisch“ übertragen. Gleichzeitig arbeiten wir aber auch mit Partnerfirmen in München, in Berlin, in Stuttgart zusammen, die bestimmte Dienstleistungen übernehmen. Das heißt wir geben teilweise Arbeiten an Subunternehmen weiter.

Das macht ja bei einem – zumindest noch – kleinen Spartensender Sinn. Meinen Sie, es würde auch Sinn für große Sendergruppen wie ProSiebenSat.1 Sinn machen, Produktion, Postproduktion und Sendeabwicklung auszugliedern, wozu es ja bei ProSiebenSat.1 zumindest Überlegungen gibt?
Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es wirtschaftlich Sinn machen könnte. Ich denke aber gleichzeitig, dass es bei einem großen Haus – ähnlich wie bei der Telekom – Schwierigkeiten mit der Identität der Mitarbeiter geben wird, wenn sie plötzlich nicht mehr zu ihrem Mutterunternehmen gehören sollen, sondern „ausgelagert“ werden. Es wird schwierig, sie dann weiterhin zu motivieren. So weit mir zu Ohren gekommen ist, sind auch die RTL-Mitarbeiter nicht besonders erfreut, im Zuge des Umzugs von RTL zum RTL-Tochterunternehmen CBC wandern zu müssen.

Inwieweit ist in Bezug auf HDTV ein besonderes Beratungs-Know-how seitens ACT gefragt?
Da bekommen wir beispielsweise Anfragen nach dem Motto: „Wir planen ein sehr schönes Projekt XY. Wir möchten das gerne in HDTV produzieren, – was haltet Ihr davon?“ Schon bevor ein Auftrag an uns in Sicht ist, setzen wir uns mit dem Kunden zusammen und klären ihn erst einmal über die verschiedenen Wege, die man gehen kann, auf. Wir beschäftigen uns seit über vier Jahren mit HDTV und haben einen großen Erfahrungsschatz, auf den wir zurückgreifen können, und beraten ganz gezielt in Bezug auf das konkrete Projekt. Unter anderem haben wir für die Gruppe 5 die Postproduktion in HD gemacht, zuletzt die sehr schöne Dokumentation „Die Chinesische Mauer“. Auch die Postproduktion in HD von Dokumentationen der Broadview.tv wie „Das Wunder von Bern“ oder „Wir Weltmeister“ wurde von uns realisiert. Dabei sind rund um HD verschiedenste Aspekte zu berücksichtigen wie zum Beispiel auch, dass die Ausstrahlung weiterhin in SD-Standard erfolgen soll, das Programm im Weltvertrieb aber in HD vermarktet werden soll.

Bei HD handelt es sich aber nicht um eine inhaltliche, sondern technische Beratung?
Ja, weitgehend, wobei natürlich auch die Aspekte beim Dreh eine Rolle spielen, so dass wir eine gesamte Workflow-Beratung machen, bei der es darum geht, was für das jeweilige Produkt und Genre das Richtige ist.

Was gehört neben den großen Dienstleistungspaketen für WDR und Gesundheitsfernsehen sowie HD-Beratung noch zum Hauptgeschäft bei ACT?
Eines unserer großen Standbeine ist auch im Bereich der Doku-Soaps angesiedelt, die seit längerer Zeit boomen. Wir haben zurzeit zwei große Doku-Soaps am Start, eine tägliche für VOX – „Wildes Kinderzimmer“, produziert von Encanto TV – und „Pinguin, Löwe & Co. für die ARD, ebenfalls produziert von Encanto TV. Da arbeiten wir jeweils mit sechs Avids, die über eine so genannte „Unity“ vernetzt sind, gleichzeitig im Schichtbetrieb, weil da eine große Logistik hinter steht, die komplett anders ist, als man es von den klassischen Formaten gewohnt war.

Und hierbei hat man viel mit Inhalten zu tun?
Ja, auf jeden Fall. Die Postproduktion für die Doku-Soaps ist beratungsintensiv und projektbegleitend, so dass wir einen Projektmanager beistellen, der einen Überblick hat, um wie viele Folgen es geht und vor allem genau Bescheid weiß, welche Folge bei welchem Status in der Produktion angekommen ist.

Ist es denn so, dass man bei fiktionalen Produktionen mehr Aufwand schon beim Dreh hat und bei den Doku-Soaps eher in der Postproduktion?
Der so genannte „Workflow“ ist ein ganz anderer. Man arbeitet nicht mehr linear an einer Folge, sondern es arbeiten viele Arbeitsplätze gleichzeitig an einer Folge. Um es am eben genannten „Wilden Kinderzimmer“ zu illustrieren: Ein Thema ist dann beispielsweise, wie die jungen Hunde-Welpen mit dem Fläschchen aufgezogen werden. Ein anderes Thema ist, dass die kleinen Fohlen in der letzten Nacht zur Welt gekommen sind. Diese Geschichten werden an vier Arbeitsplätzen monothematisch vorgeschnitten. Am fünften Arbeitsplatz findet die eigentlich inhaltliche Folgenmontage statt: die Dramaturgie mit den Parallelverschachtelungen. Die formale Bearbeitung mit Vorspann, Abspann, Musikvormischung und so weiter erfolgt schließlich an einem sechsten Arbeitsplatz. Und mit diesem Workflow schaffen wir es, eine Folge von rund 50 Minuten pro Tag zu produzieren!

Das heißt dann auch: Man braucht im Bereich der technischen Dienstleistung neue Qualifizierungen für die Mitarbeiter?
Ja natürlich! Die Technik allein sichert einem nicht die Marktposition. Gefragt sind mittlerweile ganz andere Qualitäten. Wir haben immer schon sehr viel Wert auf unser qualifiziertes Personal gelegt, so dass es seitens unserer Kunden nicht heißt, ‚wir wollen bei Euch nur die Technik mieten’. Gut, das kommt zwar auch vor. In der Regel aber laufen die Aufträge nicht über die Technik, sondern über unser Personal. Und dabei wird es immer wichtiger, sich frühzeitig mit dem Kunden zusammenzusetzen, um zu überlegen, wie man sein Projekt individuell wirtschaftlich am besten realisieren kann. Das ist allerdings auch personalintensiv. So haben wir Mitarbeiter, die Projektmanagement machen, was man früher gar nicht kannte. Früher hörte die Verwaltung der einzelnen Jobs in den Schnittstudios mit der Disposition auf: Es wurde festgesetzt, wer zu welchem Zeitpunkt an den Arbeitsplatz kommt und mit welchem Editor oder Editorin zusammenarbeitet. Abends konnte man die Rechnung schreiben. Das ist jetzt die Ausnahme. Unsere Aufgaben haben sich auf Großprojekte verlegt, und wir müssen da auch einen entsprechenden Verwaltungsaufwand bei uns intern koordinieren. Es ist ein ganz anderes Arbeiten. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist auch der so genannte „Wohlfühlfaktor“ bei ACT. Dazu gehört neben der zentralen Lage, die unsere Kunden sehr schätzen, auch die sehr persönliche Kundenbetreuung inklusive Catering mit Spaßfaktor.

Gleichzeitig müssen Sie aber doch wohl auch rein technische Unterstützung anbieten?
Unser technischer Support ist auch ein Punkt, den die Kunden sehr schätzen. Nur dadurch, dass wir über eigene, qualifizierte Techniker verfügen, können wir ein hohes Maß an Betriebssicherheit garantieren. Auch das hat etwas mit der Größe unseres Unternehmens zu tun: Wir sind immer in der Lage, alle Produkte termingerecht fertig zu kriegen, und das geht nur, wenn man neben der technischen Betreuung auch ausreichend Equipment vorrätig hat. Wir können auch dann termingerecht sein, wenn mal ein Avid oder eine DigiBeta ausfallen sollte.

Erika Butzek (MB 09/07)

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