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Besondere Herausforderungen

Besondere Herausforderungen

Das Wacken Open Air (W:O:A) gilt als eines der zehn größten Open-Air-Festivals weltweit. Für die spektakuläre Bühnenshow wird in Sachen Produktionstechnik nicht gekleckert, sondern geklotzt. Die TVN Group aus Hannover realisierte als technischer Dienstleister bereits zum zehnten Mal die TV-Übertragung des Festivals. Dauerregen und Matsch sorgten diesmal für erschwerte Bedingungen. MEDIEN BULLETIN sprach mit den Produktionsprofis vor Ort.

Was vor 26 Jahren als Kneipenidee von Holger Hübner und Thomas Jensen begann, ist heute das größte Heavy-Metal-Festival überhaupt. 75.000 Metal-Fans strömten dieses Jahr vom 29. Juli bis 01. August auf ein 250 Hektar großes Ackergelände beim Dithmarscher Dörfchen Wacken. 120 Bands bespielten die acht Bühnen in Wacken, darunter Headliner wie Judas Priest, Dream Theater, Rob Zombie, Running Wild, das Trans Sibirian Orchestra (TSO) und Savatage. Die Hauptbühne des Festivals ist als Doppelbühne mit zwei nebeneinanderliegenden Stages ausgeführt, links befindet sich die Black Stage, rechts die True Metal Stage. Weitere Bühnen sind die Party Stage, die ebenfalls als Zwillingsbühne gebaute W.E.T und Headbanger Stage sowie drei kleinere Themenbühnen.

Regen ist im nahe der Nordsee gelegenen Dithmarschen nicht gerade selten. Doch dieses Jahr war das Gelände nach mehrtägigem Dauerregen regelrecht durchweicht. Das schlammige Feld erschwerte den Aufbau der gewaltigen Materialmenge: 65 Sattelzüge transportierten allein 1.000 Tonnen Bühnenmaterial, mehr als 2.000 weitere LKWs karrten das Übrige heran – von 750 Mobiltoiletten bis zu 100 Essensständen. Für den TV-Dienstleister TVN bedeuteten die Verhältnisse eine besondere Herausforderung. „Das Gelände war so schlammig, dass wir – anders als sonst – keinen Gabelstapler für den Transport des Materials einsetzen konnten. Das hätte es noch schlimmer gemacht“, sagte Florian Legatis, Relationship Manager der TVN Group. Stattdessen musste die Crew das komplette Material von Hand über den schlammigen Platz schleppen.

Mehrere öffentlich-rechtliche TV-Sender hatten das Wacken-Festival im Programm: 3sat brachte am Samstagabend eine viertstündige Sendung, die verschiedene Konzerte, Festivalberichte und Interviews umfasste. Arte Concerts streamte an mehreren Tagen Konzerte. Auch ZDFkultur übertrug einige Auftritte des Heavy-Metal-Events. Noch in den Wochen nach dem Festival sendeten 3sat, ZDFkultur und Arte weitere Konzertmitschnitte. Produktionsleiter war erneut Herwig von Meyszner von der Produktionsfirma Nice Productions GmbH. „Die Produktionsfirma hat uns als technischen Dienstleister beauftragt, die Konzerte der beiden Hauptbühnen aufzuzeichnen“, erläuterte Legatis, der das technische Konzept erstellte und gleichzeitig die Produktion als kaufmännischer Berater betreute. „Wir stellen dafür meist nur die Technik und die Techniker zur Verfügung“, erklärte Legatis. „Im Audiobereich mischen wir aber auch selbst“, so Legatis. Dies sei einzigartig in der Branche. In anderen Gewerken wie Regie, Bildschnitt oder Kameraleute bestellt wiederum die Produktionsfirma das kreative Personal. „Das zu trennen macht aber Sinn, sobald Sie eine Sendung nach bestimmten inhaltlichen Vorgaben produzieren möchten“, so Legatis. Nice Productions reiste mit einem eigenen Team an, um zusätzliches Material wie Interviews zu drehen. Für die Regie engagierte die Produktionsfirma Sven Offen und Hans-Christian Vetchy von Just 24/7, die beide einen reichhaltigen Erfahrungsschatz an Festivalproduktionen vorweisen können. Den Bildschnitt führten Anne-Maren Fleig und Axel Ludewig aus.

Erstmals in der Festivalgeschichte wurden am Donnerstagabend beide Hauptbühnen gleichzeitig bespielt: Das Trans-Sibirian Orchestra (TSO) und Savatage bestritten ein Doppelkonzert. Beide Formationen stammen aus den USA und haben gemeinsame Wurzeln. Sie lieferten eine spektakuläre Show. TVN drehte das Doppelkonzert auf den beiden Hauptbühnen mit 17 Kameras. Dabei setzte der Dienstleister überwiegend die Systemkamera Sony HDC-1500 ein, die sich mit ihrem hybriden Glasfaser-Anschluss problemlos über weite Distanzen absetzen lässt. Als technische Besonderheit spannte TVN eine Seilkamera zwischen zwei Lautsprecher-Türme. „Das ist ein neues System, bei dem eine kleine, leichte Kunststoffkamera an Nylonseilen aufgehängt wird“, erläuterte Legatis. Das System der Firma Palm Street Studios habe eine geringere Zuglast als beispielsweise die oft bei Fußballspielen eingesetzte Spidercam und ließe sich nur deshalb an den Lautsprecher-Türmen aufhängen, die eigentlich nicht für Seilkameras ausgelegt seien.

„Für einen Beautyshot haben wir einen 45-Meter-Steiger in der Headbanger City aufgestellt“, ergänzte der TVN-Manager. Die Arbeitsbühne stand hinter dem Publikumsbereich der beiden Hauptbühnen. „Die Kamera auf dem Steiger lieferte beeindruckende Aufnahmen des gesamten Festivalbereichs vor der Hauptbühne.“ Doch wegen des matschigen Geländes musste der gesamte Untergrund mit Panzerplatten ausgelegt werden, um die Standsicherheit der Arbeitsbühne zu gewährleisten. Der Steiger war zudem nur für Windgeschwindigkeiten bis 60 Stundenkilometer zugelassen, und zeitweise wehte eine steife Brise über die norddeutsche Ebene. „Gott sei Dank legte sich der Wind gegen Abend, und wir konnten die Plattform einsetzen“, sagte Legatis.

Zudem verwendete TVN eine Schienenkamera. „Das Schienensystem hatten wir an der Vorderkante der Bühne verlegt“, erläuterte Legatis. „Diese Cruise Cams verdecken nicht die Sicht des Publikums, daher nutzen wir sie gerne.“ Die Schienenkamera war von der Firma PMT, wobei die Schienen durchgängig vor beide Hauptbühnen verlegt wurden. „Wir haben allerdings meist nur eine Kamera eingesetzt – bis auf das Doppelkonzert“, erklärte der TVN-Manager. Da fuhr vor jeder Bühne je eine Cruise Cam. Legatis: „Auch am FoH-Platz konnten wir ein Plätzchen für eine Kamera ergattern.“ Zudem standen Kameras bei den Lautsprechertürmen vis-à-vis der beiden Hauptbühnen. Außerdem platzierte TVN einen Kamerakran in der Nähe eines Lautsprecher-Turmes. Auf der Bühne waren zwei Schulterkameraleute unterwegs. Am Schlagzeug befestigte die Crew Chipkameras des Typs Toshiba IK-HR15.

Während von den meisten Konzerten nur das geschnittene Programmsignal aufgenommen wurde, zeichnete TVN bei dem Doppelkonzert von TSO und Savatage sämtliche Kameras abgesteckt auf. Denn die Gruppen wollten eine Blu-ray aus dem Material erstellen. Zur Aufnahme dienten sechs EVS-Videoserver des Typs XT3. Die Videoserver sind sechs- bis achtkanalig, sechs Modelle können zusammen also 36 bis 48 Videosignale gleichzeitig aufzeichnen. Um die Datenmengen sicher abzulegen, wurden die EVS-Server mit einem 22 Terabyte fassenden Apple XSan RAID-Speichersystem verbunden. Auf diesen Aufnahmen-Pool konnten die Cutter von vier verschiedenen Schnittplätzen zugreifen, die im Produktionsbereich des Festivals untergebracht waren. Schnittplätze, EVS- und RAID-Server waren per Fibre Channel miteinander verbunden. Die 17 Kameras bedeuteten keine technische Hürde für den Übertragungswagen TVN-Ü3HD, der zusammen mit Rüstfahrzeug, dem SNG1HD und dessen Begleitfahrzeug auf dem Produktionsplatz stand. „Der Ü3HD ist für 24 Kameras ausgelegt, daher waren die Bildsignale der 17 Kameras kein Problem“, sagte Legatis. Im Ü3 sind zwei Bildregien fest eingebaut. Für die verschiedenen parallel stattfindenden Produktionen wurde in einem Container eine dritte Regie eingerichtet, die wechselweise als einer der vier Schnittplätze diente. Die Live-Sendung für 3sat wurde in einer Regie des Übertragungswagens produziert, während über die zweite Bildregie des Ü3 laufende Konzerte aufgezeichnet wurden.

Vom Übertragungswagen auf dem Produktionsplatz führte ein 36-adriges Glasfaserkabel zum FoH-Platz vor den beiden Hauptbühnen. Ein Telecast-System der Firma Grass Valley verband die 17 Kameras mit dem Glasfaserstrang. Zudem wurde das Mediornet von Riedel genutzt, um Steuerungs-, Monitor- und Kommandosignale zu befördern. „Mit der Glasfasertechnik ist vieles einfacher geworden“, erläuterte Legatis. „Dadurch haben wir gut 1.000 Meter Kabel gespart.“

Audio-Konzept

Für die Audioaufnahme verwendete TVN ein mehrstufig redundantes Konzept. „Hier in der Tonregie des TVN-Ü3HD mischen wir die True Metal Stage und machen ein Recording, was ein reines Havarie-Recording ist“, erläuterte Stephan Thyssen, Toningenieur und Leiter Audiotechnik bei TVN Mobile Production. Die Black Stage wurde dagegen in einem Container neben dem Ü3 gemischt. Der Container war mit einem Soundcraft-Vi6-Mischer ausgestattet, dazu Wandler von Klark-Technik mit Schnittstellen für AES50 (Audio over Ethernet, d. Redaktion), Dante oder MADI. Auch im Container lief ein Havarie-Recording, wie in der Tonregie des Ü3 wurde dazu die Audiosoftware Nuendo genutzt.

Beide Havarie-Aufnahmen dienten lediglich als Reserve. Das Haupt-Recording führte Georg Burdicek, Tonmeister und Inhaber der Firma tonzauber aus. Dafür wurde das SNG1HD-Fahrzeug von TVN kurzerhand zum Recording-Mobile umfunktioniert und mit drei Macs für insgesamt 128 Aufnahmespuren ausgestattet. „Falls dieses Auto komplett ausfallen sollte – Strom weg, Notstromversorgung weg – dann haben wir immer noch die Aufnahmen in den beiden Tonregien“, erläuterte Thyssen. Dabei zeichnete Burdicek jedes Konzert auf drei Macs auf, die Aufnahme im SNG war also dreifach redundant. Die Sicherheit hatte gute Gründe: „Ich habe schon ganz komische Sachen erlebt“, meinte der Toningenieur. „Ein Nuendo-System kann beispielsweise plötzlich stehen bleiben. Es erscheint eine kryptische Meldung, bei der man eine Stunde googeln muss, bis man den Fehler gefunden hat.“ Dabei seien das professionelle Geräte, sauber eingerichtete Mac Pros – trotzdem könne das passieren.

Die Tonregie des TVN-Ü3HD, in der Thyssen den Sendeton für die True-Metal-Seite mischte, ist mit dem 66mc2-Audiopult von Lawo ausgestattet. „Damit kann man wirklich sehr gut arbeiten, und es macht einen feinen Sound“, sagte Thyssen. Doch bei dem Pult ließ es Thyssen keineswegs bewenden. „Zusätzlich habe ich noch analoges Outboard eingebaut wie diese beiden Amek-9098-Kompressoren. Damit kann man Stimmen wie die Lead-Vocals sehr schön bearbeiten.“ Daneben nutzte Thyssen unter anderem einen Tap-Delay sowie einen Lexicon 480er Hall. „Sonst haben wir in diesem Auto ein Lexicon 960er-Hallgerät eingebaut“, berichtete er. „Doch ich mag das 480er lieber, weil der Hall sehr dicht klingt.“ Die Klanggestaltung belegt in der Regel nur einen Teil des Aufgabengebiets eines Broadcast-Toningenieurs. „Normalerweise muss sich der Toningenieur im Broadcast auch um die Kommandoleitungen kümmern“, erklärte Thyssen. Daher werde der Toningenieur oft aus seiner Arbeit herausgerissen. „Doch meine Kollegen halten mir den Rücken frei“, so Thyssen. Anders gehe es nicht. „Hier drin wird nur Rock’n’Roll gemischt, und zwar laut“, umriss Thyssen sein Aufgabengebiet.

Die Aufnahmen dienten einerseits dazu, die Mischung nachträglich anpassen zu können. „Bei den Festivals, die wir machen – wir machen seit zehn Jahren Wacken, seit acht Jahren das Hurrican-Festival – bekommen wir annähernd immer direkt die Freigabe von den Bands“, sagte Thyssen. Die Bands hörten sich die Aufnahme an. „Wenn sie der Meinung sind, dass wir das gut gemischt haben, dann sagen sie ‚Daumen hoch, ihr könnt das senden‘.“ Mithilfe der Mehrspuraufnahmen sei jedoch auch eine nachträgliche Änderung möglich, falls die Mischung einer Band einmal nicht gefalle. „Es ist ja auch Geschmacksache – aber wir treffen den Geschmack meistens“, so Thyssen.

TVN, Sennheiser und Dolby arbeiten zudem für eine 3D-Audioproduktion vom Wacken-Festival zusammen. Der Mitschnitt eines der Headliner soll in 3D-Audio gemischt werden – welcher das ist, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest. Für die 3D-Audio-Aufnahme verwendete Thyssen mehrere Sennheiser-Esfera-Systeme. Mittels einer En- und Decodierungstechnik erzeugt dieses mit lediglich zwei Mikrofonkapseln ein Surround-Signal. „Für dieses Festival ist das genial“, sagte Thyssen. „Denn ich kann nicht einfach sagen, wir teilen hier die 40.000 Leute, ich möchte da ein Kabel hinziehen, um 15 Meter vor der Bühne ein Array aufzuhängen.“ Das Esfera-System ermögliche es dagegen, sogar die Kamerawege zu nutzen. „Jede Broadcast-Kamera kann – ab einem gewissen Level – zwei Audiowege übertragen“, erläuterte Thyssen. „Ich ziehe also gar keine Kabel, ich gehe einfach mit meinem Esfera-Mikrofon an die beiden Audiowege der Kamera.“

Vor der Bühne platzierte Thyssen in zwei Ebenen jeweils ein Esfera-System. Der Esfera-Decoder im Ü-Wagen gibt dann zwei 5.1-Signale aus, eines für die untere Ebene, eines für die Höhenebene. „Das machen die Esfera-Systeme gut“, kommentierte Thyssen. Die Beschallung nimmt das System dabei zwangsläufig mit auf – was aber nicht gewünscht ist: „Die Beschallung stört mich nur“, erläuterte Thyssen. „Bis das Signal die Mikrofone erreicht, vergehen 50, 60, sogar 80 Millisekunden. Das ist nicht schön, denn um Echos zu vermeiden, muss ich den Rest nachher entsprechend verzögern.“

Angesprochen auf mögliche Hindernisse, 3D-Audio im Wohnzimmer zu etablieren, erläuterte Thyssen: „Bei 3D-Audio geht’s mir vorrangig um die Publikumsatmosphäre: Ich möchte das Gefühl vermitteln, dass man denkt, man steht selbst in Wacken. In einem Dolby-Atmos-Kino kann ich wirklich dafür sorgen, dass sich den Zuhörern die Nackenhaare aufstellen.“ Etwa in dem Moment, in dem die Band ihr Publikum anfeuert Gas zu geben, und die Menge dann kommt. „Ich finde das klasse, und diesen Enthusiasmus versuche ich rüberzubringen“, ergänzte Thyssen. „3D-Audio entspricht dem natürlichen Hören. Stereo und 5.1 – das ist alles unnatürlich. Der Mensch hört naturgemäß 3D-Audio. Wenn ich das, was der Mensch hört, in ein schmales Band zusammenfalte, geht viel Information verloren.“

Die genaue Aufstellung der Esfera-Systeme ist kein Geheimrezept. „Das System muss mitten im Publikum stehen, das ist wichtig.“ Außerdem sei ein gewisser Höhenabstand zwischen den oberen und unteren Mikrofonen nötig. Denn die Line-Arrays der Beschallung würden ziemlich scharf gerichtet abstrahlen. „Daher muss man aufpassen, dass man mit dem oberen System nicht aus dem PA-Beam rauskommt“, erläuterte Thyssen. Denn wenn die Höhen auf dem oberen 5.1-Signal komplett fehlen, ergibt sich dadurch ein völlig unterschiedlicher Höreindruck zwischen dem oberen und unteren Signal. „Die Mischung wird dadurch viel schwieriger“, erläuterte Thyssen.

Die Konzertsendungen wurden auf verschiedenen Wegen übertragen: Arte nutzte eine schnelle Datenleitung der Deutschen Telekom für seine Internet-Streams. Die TV-Sendungen von 3sat und ZDFkultur setzte TVN dagegen über eine klassische Satellitenstrecke ab. Der SNG-Wagen baute dafür eine Satellitenverbindung zum ZDF auf, und nutzte dafür den Teleport von MEDIA BROADCAST in Usingen.

Beschallung mit d&b audiotechnik

Nicht nur das Fernsehpublikum zuhause, sondern zunächst die Zuschauer vor Ort wollen unterhalten sein. Die Beschallungsanlage für das Wacken-Festival stellt seit Jahren die Firma Crystal Sound aus Karlsruhe. Sie verwendet für die Hauptbühne Beschallungstechnik des Herstellers d&b audiotechnik. Experten des Backnanger Beschallungsunternehmens unterstützten Crystal Sound vor Ort beim Einmessen der Anlage. „Wir profitieren als Hersteller auch davon, weil wir die Anwendung unserer Produkte im Produktionsalltag erleben“, sagte Michael Weiß, Dipl.-Ing. Application Support DACH bei d&b.

Wacken stellt die Experten vor mehrere Herausforderungen: Das Publikum möchte hochwertig und laut beschallt werden, die Anwohner sollen möglichst wenig gestört werden. Keine einfache Aufgabe, angesichts des weitläufigen Publikumsbereichs vor der rund 100 Meter breiten Hauptbühne. Die Lösung lag in einer zielgerichteten Beschallung, wofür die Backnanger die passenden Systeme bereithalten: Beide Hauptbühnen wurden mit je zwei Line-Arrays bestückt, die aus Elementen der J-Serie von d&b aufgebaut waren. Die J-Serie ist das leistungsfähigste Line-Array-System von d&b, das im Verhältnis zum erzielbaren Schalldruck jedoch vergleichsweise leicht und kompakt ist. „Auch die Effizienz ist sehr wichtig“, erläuterte Weiß, „denn eine höhere Traglast stellt höhere Anforderungen an den Hängepunkt und bedeutet daher höhere Kosten.“ In jedem Line-Array der Hauptbühne hingen 20 J8-Lautsprecher. Hinzukamen vier sogenannte Delay-Türme, die das Signal für die weiter entfernt stehenden Zuhörer auffrischten. Daran wurden Arrays aus je acht J8-Topteilen befestigt.

Mit dem Array Processing verwendete d&b in Wacken eine neue Technologie, die der Hersteller erstmals auf der diesjährigen Fachmesse Prolight+Sound vorstellte. Line-Arrays werden dafür eingesetzt, um vorne wie weiter hinten stehende Zuhörer möglichst gleich laut zu beschallen. Doch dies gelingt prinzipbedingt nicht für alle Frequenzen gleich. Die tonale Balance variiert daher je nach Standort. Hier kommt das Array Processing ins Spiel: Die Signalprozessoren (DSP) der aktuellen d&b-Systemverstärker-Generation berechnen für jedes einzelne Array-Element eine Entzerrung mittels FIR- und IIR-Filtern in 240 Frequenzbändern. Trotz der aufwändigen Kalkulation hält sich die Signalverzögerung mit 5,9 Millisekunden in Grenzen. Allerdings muss jedes J8-Topteil von einem eigenen Systemverstärker angetrieben werden. Ohne Array Processing genügt ein Verstärker für zwei Elemente. Die erforderliche Verstärkerzahl verdoppelt sich also. In Wacken wurden insgesamt 105 der aktuellen D80-Systemverstärker eingesetzt, die das Array Processing beherrschen. 26 der älteren D12-Verstärker trieben die sogenannten Front-Fills an sowie die Delay-Türme.

Auch für den Bassbereich lieferte d&b ausgeklügelte Technik: Sowohl die J-Sub- wie J-Infra-Basslautsprecher strahlen den Schall von Haus aus gerichtet ab. Mittels eines zusätzlichen Lautsprechers auf der Rückseite des Subwoofers und eines gezielten Processings ist der rückseitige Schalldruck um 18 dB geringer. Dies verringert die Lautstärke auf der Bühne ebenso wie die Lärmbelastung der Anwohner. Hinzu kommt die von d&b entworfene Bassarray-Technik: 102 J-Subs und 20 J-Infra-Basslautsprecher wurden im Abstand von zwei Metern nebeneinander auf 46 Positionen verteilt. Dies ermöglichte sowohl eine gleichmäßigere horizontale Schallverteilung wie einen besseren Schallschutz der Anwohner. „Bei einem Festival geht es heute nicht mehr nur um Lautstärke und Klang, sondern um eine gleichmäßige, demokratische Beschallung sowie zunehmend um den Schallschutz der Anwohner“, resümierte Weiß.

Riedels Evakuierungssystem

Das Thema Sicherheit steht bei den Wacken-Veranstaltern ganz oben auf der Prioritätenliste. Bei einem Notfall soll die riesige Menschenmenge mithilfe von Lautsprecherdurchsagen, Warnhinweisen auf Videowänden und natürlich vom Sicherheitspersonal und den Rettungskräften rasch aus einer Gefahrenzone geführt werden. Die gesamte technische Infrastruktur dafür wird im Fachjargon Evakuierungssystem genannt. Seit fünf Jahren realisiert dies in Wacken der Kommunikationstechnik-Spezialist Riedel. Festivals erlangen eine zunehmende Bedeutung für das Wuppertaler Unternehmen, das als Interkom-Hersteller schon lange im Broadcast- und Eventbereich etabliert ist. „Wacken ist das größte Metal-Festival weltweit. Und auch das Sicherheitskonzept, wie wir es hier haben, ist einzigartig“, erläuterte Lutz Rathmann, Deputy Head Global Events bei Riedel.

Riedel kann als einer der wenigen Anbieter ein komplettes System aus einer Hand liefern: Sowohl Kommunikation, Überwachungskameras (CCTV) als auch Videowände lassen sich mit dem MediorNet-System des Herstellers verknüpfen. Es verteilt verschiedene Signale über ein Echtzeit-Glasfasernetzwerk. Auf Wacken umfasste dies sowohl die Sprachkommunikation wie die Bildsignale der 26 Überwachungskameras. Die Polizei nutzte fünf weitere Kameras, um die wachsende Zahl an Taschendiebstählen durch organisierte Gruppen zu verfolgen.

Das Sicherheitskonzept beinhaltete die Funkabdeckung des gesamten Veranstaltungsortes. „Der Produktionsleiter soll im Fall einer Evakuierung oder einer Durchsage jedes Funkgerät erreichen können“, erläuterte Simon Korzen, einer der beiden Projektleiter von Riedel vor Ort. Dafür nutzte Riedel ein digitales Tetra-Funksystem, dessen Frequenzspektrum sich nicht mit dem der drahtlosen Mikrofonanlagen überschneidet. „Das Funksystem kann bis zu 15 Einzelgespräche oder Gesprächsgruppen gleichzeitig abwickeln“, erläuterte Korzen. Bis zu 700 Teilnehmer waren eingebunden. Jede Gesprächsgruppe wurde mit dem Riedel-Artist-Intercomsystem verdrahtet, sodass die Personen im Leitstand jederzeit mit dem privaten Sicherheitsdienst und dem übrigen Personal auf dem Gelände kommunizieren konnten. Das Personal und die Fahrzeuge waren dazu mit Motorola-Funkgeräten ausgestattet.

Trotz des teils widrigen Wetters war das Wacken Open Air auch dieses Jahr wieder ein beeindruckender Erfolg. Selbst wenn Schlamm und Dauerregen den Technikern beim Aufbau zusetzten – der ausgelassenen Stimmung der Festival-gewöhnten Metal-Fans taten sie keinen Abbruch.

Jan Fleischmann

MB 8/2015

© WOA 2015

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