Dauerbrenner im Nachmittagsprogramm

Im Dezember wird die tausendste Folge zur täglichen Serie „Rote Rosen“ gedreht. Die Nachmittagssoap ist seit November 2006 ein verlässlicher Quotenbringer der öffentlich-rechtlichen TV-Unterhaltung. So hat die ARD gerade wieder zwei komplette Jahres-Staffeln mit insgesamt 400 neuen Folgen bei der Serienwerft GmbH in Auftrag gegeben. MEDIEN BULLETIN sprach mit Dem neuen Serienwerft-Chef Emmo Lempert über den Erfolg der Serie und die Perspektiven seines Unternehmens.

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Dauerbrenner im Nachmittagsprogramm

Emmo Lempert, seit Herbst 2009 verantwortlicher Produzent für die Endlossoap „Rote Rosen“, fungiert seit Anfang Juli als alleiniger Geschäftsführer der Studio Hamburg Tochter Serienwerft GmbH und löst damit die drei bisherigen Geschäftsführer Michael Lehmann (Studio Hamburg Produktion Gruppe), Ulrich Lenze (Cinecentrum) und Hubertus Meyer-Burckhardt (Polyphon) ab, die weiter als Gesellschafter an Bord bleiben. Die Serienwerft ist im Firmenverbund von Studio Hamburg für die täglichen Produktionsformate zuständig.

Als Geschäftsführer ist Emmo Lempert auch Gesellschafter der Polyscreen, dem Joint Venture der Serienwerft mit der Münchner Constantin, das mit der Vorabend-Soap „Dahoam is Dahoam“ im Bayerischen Rundfunk ebenfalls sehr erfolgreich vertreten ist. „Wir versuchen alle Synergien zu nutzen“, erklärt Lempert, der sich zum Ziel gesetzt hat, neben „Rote Rosen“ noch eine zweite erfolgreiche tägliche Serie an den Start zu bringen. „Andere Firmen wie die Bavaria oder Grundy UFA haben zwei, drei von diesen Formaten platziert. Es gibt keinen Grund, warum wir nicht auch eine zweite oder dritte Daily bewegen können“, erklärt er.
Mit Lempert hat Studio Hamburg einen versierten Soap-Produzenten ans Haus gebunden. Der 56jährige hat als Producer und Produzent an Erfolgsformaten wie „Verbotene Liebe“, „Wege zum Glück“ und auch „Gute Zeiten – Schlechte Zeiten“ mitgewirkt. Dazu kommen Reihen und Serien wie „Polizeiruf 110“ oder „Wolffs Revier“. Lempert hat aber auch Kinofilme wie zuletzt „Hanni und Nanni“ produziert. Er weiß genau, was ein guter Serienstoff mitbringen muss, um langfristig tragfähig zu sein. „Jede erfolgreiche Daily oder Telenovela braucht ein oder zwei Figuren mit hohem Identifikationspotential, die das Publikum packen und mitnehmen können. Dazu bedarf es eines Umfeldes, in dem Figuren und Konstellationen in einander greifen und sich befruchten“, erklärt Lempert. Das A und O von tragfähigen Figuren und Konstellationen sei, dass sich daraus Geschichten generieren ließen.

„Für eine Telenovela oder ein Daily kommt es nun darauf an, diese Figuren in ein Spannungsfeld zu setzen. Sie müssen so zu einander positioniert sein, dass sich Spannungen in großer Variation erzeugen lassen“, sagt der neue Serienwerft-Chef.
„Rote Rosen“ war ursprünglich für 100 Folgen gedacht, bevor es sich zum Dauerbrenner im Nachmittagsprogramm des Ersten entwickelt hat. „Das ist eine Mischung aus Telenovela und einem endlosen Dailyformat“, erläutert Lempert. „Wir erzählen die Geschichte einer Hauptfigur über ein Jahr und generieren daraus den Spannungsbogen, der die 200 Folgen der Jahresstaffel trägt. Aber darüber liegt das Konstrukt einer täglichen Serie mit anderen Figuren und durchlaufenden Geschichten. Im Unterschied zu anderen Telenovelas besteht bei uns eine Verabredung mit dem Zuschauer, die ihm jedes Jahr ein neues Kapitel erzählt. Trotzdem bleibt es das gleiche Umfeld, die gleichen Schauplätze, kurzum alles das, was der Zuschauer an ‚Rote Rosen’ liebt.“

Mit jeder neuen Staffel wird die Geschichte einer neuen weiblichen Hauptfigur erzählt. Frauen in den mittleren Jahren. Schönes Haus, intakte Familie. Die Welt scheint in Ordnung. Und dann werden diese Frauen mit einem Problem von größerer Tragweite konfrontiert. Sie werden verlassen, erfahren vom Doppelleben ihres Mannes oder wie im Falle der derzeit laufenden Staffel mit der Hamburger Schauspielerin Mona Klare in der Hauptrolle, taucht plötzlich wieder eine alte Liebe auf „Wir erzählen im Unterschied zu anderen Telenovelas, die ihren Fokus auf die jungen Leute richten, eher von den Problemen und dem Lebensgefühl der erwachsenen Generation.“ Rund zehn Hausautoren und noch mal zehn freie Schreiber sollen dafür sorgen, dass die Erlebnisse und Schicksale in der Wirklichkeit verwurzelt sind. „Im Unterschied zu anderen Telenovelas, wollen wir nicht in eskapistische Traumwelten führen, sondern wir wollen uns dem Alltag und den Realitäten stellen“, meint Lempert.

Drehort Lüneburg

Die Studio Hamburg Serienwerft Lüneburg GmbH hat ihren Sitz am Drehort Lüneburg. Gedreht wird an diversen Schauplätzen in der Stadt mit den Hauptmotiven des 5-Sterne-Hotels Drei Könige, dem Rosenhaus oder der Gärtnerei. Für die Innenaufnahmen wurde eine ehemalige Fabrik für Kopierer zu einem Fernsehstudio umgebaut. Der Output der Produktion, an der im Schnitt 150 Menschen am Produktionsstandort beschäftigt sind, liegt bei 250 Folgen im Jahr, das heißt eine Folge pro Tag. „Das bestimmt den Arbeitsrhythmus. Alles muss in einander greifen. Ein Regisseur bereitet vor, während die Autoren noch schreiben. Bei einer wöchentlichen Serie fängt man an zu drehen, wenn die Bücher fertig sind. Bei uns läuft das parallel.“ Das Land Niedersachsen, die Förderung, aber auch die Stadt Lüneburg haben viel getan, um diese Serie anzusiedeln.

Die Produktion zahlt es nun zurück als Wirtschaftsfaktor, der sogar den Fremdenverkehr ankurbelt. Längst ist ein richtiger „Rote Rosen“-Tourismus eingekehrt. Seit Produktionsbeginn im Jahr 2006 sind die Übernachtungen um 11,5 Prozent gestiegen, weiß Lempert.
„Rote Rosen“ ist ein Erfolgsformat, aber kein Selbstläufer. Mit jeder neuen Staffel müsse der Zuschauer wieder neu gewonnen werden. „Wir sind mit jedem Sender im Gespräch”, so Lempert, der versucht, eine weitere tägliche Serie zu platzieren.
Die zwischenzeitliche starke Dominanz von US-Serien am Abend vor allem bei den privaten Sendern will Lempert nicht als Schwäche der deutschen Serienproduktion sehen. Es handele sich um Wellenbewegungen, wie sie immer wieder vorkommen. „Wir glauben daran, dass die Zuschauer an heimatlichen Geschichten interessiert sind.“ Freilich sind die Serienplätze begrenzt. Lempert kann sich sogar am Hauptabend eine Telenovela vorstellen. Aber er weiß, dass die Sendeplätze am Abend überschaubar und verteilt sind. Da müsse ein Sender schon sehr mutig sein. Aber vielleicht sei es ja in ein paar Jahren so weit. Bis dahin heißt es für die Serienwerft vor allem das Nachmittags- und Vorabend-Publikum zu gewinnen. Möglichst so zielsicher wie bei den „Rote Rosen“, die werktags um 14.00 Uhr von durchschnittlich zwei Millionen Zuschauern verfolgt werden.
Bernd Jetschin
(MB 09/10)