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Die neue Art des Denkens

Die neue Art des Denkens

Die klassischen Mediensäulen Fernsehen, Hörfunk und Internet befinden sich im Zuge der fortschreitenden Crossmedialität in einem Auflösungsprozess. Im Funkhaus von Radio Bremen sind einzelne Redaktionen wie Politik, Sport und Nachrichten bereits seit drei Jahren zu trimedialen Fachredaktionen zusammengefasst. Optimiert werden soll dieses Konzept jetzt durch einen cross-medialen Planungsdesk. Mit der Einrichtung dieser zentralen Planungs-instanz will man gewährleisten, dass künftig keine Themen mehr parallel produziert werden.

„Die Trimedialität ist so zu verstehen, dass ein Reporter nicht unbedingt alle Bereiche bedient“, erklärt Guido Schulenberg, ehemaliger Leiter der Nachrichtenredaktion von Radio Bremen (seit Mitte Februar Chef des TV-Regionalmagazins „buten un binnen“). Einige Mitarbeiter der Nachrichtenredaktion, die einen Redaktionsstamm von rund 40 Journalisten umfasst, seien für Online und Hörfunk tätig, andere konzentrierten sich auf Hörfunk und Fernsehen oder auch nur auf ein einziges Gewerk. „Inhaltlich arbeiten jedoch alle mehrmedial betont der Nachrichtenchef, „denn jeder stellt den Kollegen über unser Redaktionssystem sein komplettes Material zur Verfügung.“ Wenn ein Fernsehredakteur eine Nachricht schreibt, können die Kollegen im Hörfunk- und Online-Bereich diese genauso sehen und umgekehrt.

Mit dem Fernsehprogramm Radio Bremen TV, im Dritten Programm von Radio Bremen und dem NDR, den vier Hörfunkkanälen sowie dem Online-Auftritt verfügt der Sender über unterschiedliche Ausspielwege.
„Früher war jeder Redakteur auf seinen Hörfunk, Fernseh- oder Onlinebeitrag fokussiert“, weiß Schulenberg. Durch den Umzug in das gemeinsame Funkhaus im Zentrum von Bremen sei eine Zusammenführung an einen einzigen Standort erfolgt, der sich positiv auswirke. „Die Mitarbeiter kennen sich, sehen sich und denken dadurch auch an die anderen Redaktionen. Wir haben mehrere Besprechungen und Konferenzen am Tag, in denen Hörfunk- und Fernsehreporter zusammentreffen“, meint Schulenberg.

Dennoch komme es vor, dass einige Themen parallel (doppelt) recherchiert werden müssten. Ein Fernsehreporter müsse klären, ob er und wann er einen bestimmten Beitrag drehen kann, was ein Hörfunk-Kollege nicht für ihn übernehmen könne. Dennoch ermögliche das trimediale System einige Synergieeffekte. Schulenberg: „Die Redakteure können sich aufteilen, in unterschiedliche Richtungen recherchieren, ihre Ergebnisse zusammentragen und miteinander austauschen.“ Von diesem Prinzip profitiert auch der Online-Bereich. „Ein Beitrag muss nicht mehr gebunkert werden, sondern wir verfügen jetzt online über einen früheren Ausspielweg“, betont der Nachrichtenchef.

Redaktionssystem d’accord

Neben den Mitarbeitern der verschiedenen Fachredaktionen, die seit Ende 2007 wesentlich enger miteinander kooperieren, stellt das Redaktionssystem d’accord die zweite Säule des trimedialen Systems bei Radio Bremen dar. Jeder Mitarbeiter hat Zugriff auf das gesamte Material, das in das Redaktionssystem eingespielt wird. Als ein zentraler Informationspool fungiert der sogenannte DXD-Speicher, in den die Redaktionen wichtige Informationen eingeben, die für ihre Kollegen relevant sind, wie beispielsweise die wetterbedingte Schließung des Flughafens. „Der DXD-Speicher dient als eine interne Nachrichtenagentur“, unterstreicht Schulenberg, „denn es ist mit keinem großen Aufwand mehr verbunden, Nachrichten inhouse zu verteilen. Das ist auch ein Stück Trimedialität.“

Das trimediale Redaktionssystem werde in den einzelnen Redaktionen noch sehr unterschiedlich angenommen, konstatiert Jan Metzger, Intendant von Radio Bremen. „Da sich das eher naturwüchsig entwickelt, haben wir mit dem crossmedialen Planungsdesk jetzt ein Projekt aufgesetzt, das auf der Basis unseres potenziell trimedialen Funkhauses ein stimmiges Gesamtkonzept einführen soll.“ Themen, die für alle Redaktionen relevant seien wie zum Beispiel Bürgerschaftswahlen, aber auch wichtige Tagesereignisse sollen künftig durchgängig crossmedial umgesetzt werden. „Ziel dieses Projektes ist es, dass künftig die zwei, drei wichtigsten Geschichten des Tages systematisch durch alle unsere klassischen Programme und durch unsere neuen Plattformen gespielt werden.“
Derzeit hätten viele Mitarbeiter in den trimedial organisierten Redaktionen noch eine „Hörfunk- beziehungsweise Fernsehkappe“ auf. „Die Menschen kommen aus unterschiedlichen Medienbiografien“, weiß der Intendant. „Es dauert eine Zeit, sich umzustellen.“

Crowd Sourcing

In der Nachrichtenredaktion sei diese Entwicklung schon sehr weit fortgeschritten, da die Radio- und Fernsehnachrichten sehr eng miteinander vernetzt seien und die Online-Nachrichten gemeinsam produziert würden. „Ich möchte, dass es hausweit eine akzeptierte, tägliche Praxis wird, dass wir unsere wichtigen Themen geplant, organisiert, systematisch, unter bestem Einsatz von Personal und Ressourcen über alle Plattformen spielen“ bekräftigt Jan Metzger. „Und dass wir lernen, neue Plattformen wie Social Media mit interaktiven Formaten ebenfalls zu bespielen.“ Das gehe dann auch nicht mehr nur in eine Richtung – „wir senden, ihr empfangt“ –, sondern öffne einen ständigen Rück-Kanal. „Crowd Sourcing“ heiße das Zauberwort: „Wir wollen als Sender das Wissen, die Themen, Fragen und Meinungen all derjenigen, für die wir hier arbeiten, stärker in unsere Programmgestaltung einbinden.“

Zentrale Planungsinstanz

Durch die Einrichtung einer zentralen Planungsinstanz soll es künftig vermieden werden, dass sowohl tagesaktuell als auch mittelfristig geplante Themen parallel produziert werden. Trotz der bestehenden Konferenzen und Absprachen sei es nötig, die Planung stärker zu bündeln. „Derzeit müssen die Mitarbeiter dafür zusammengerufen werden“, sagt Schulenberg. „Ein Planungsdesk ist hingegen mit einer permanenten Redaktionssitzung vergleichbar, die den Wellen Ideen vorschlägt, Themen recherchiert und über die Angebote für die entsprechenden Ausspielwege entscheidet.“ Die entsprechende Redaktion sei dann gefordert, eine Rückmeldung zu geben, ob und wie sie das entsprechende Thema umsetze oder nicht.

Über Größe und Aufbau dieser zentralen Planungsinstanz wird bei Radio Bremen noch gerungen. „Für einen Wellenchef, der für sein Programm verantwortlich ist, ist eine zentrale Planung nicht einfach – denn er muss Kompetenzen aus der Hand geben“, berichtet der Intendant. „Das wird passieren und das muss auch passieren, denn sonst bekommen wir eine Themenplanung über alle unsere Medien und Plattformen nicht hin.“ Dennoch würden die Wellenchefs den allergrößten Teil ihrer Kompetenz behalten, denn nur ein geringer Teil der Themen eigne sich dafür, dass man sie durch das ganze Haus und über alle Verbreitungswege spiele.

„In der Industrie würde ein Wellenchef Produktmanager heißen“, unterstreicht Metzger. „Er verantwortet den Erfolg seines Programms und muss dafür eine sehr hohe Autonomie besitzen. Wenn wir anfangen würden, bei Bremen Eins oder Bremen Vier hinein zu regieren, würden die sehr gut funktionierenden Gesamtkunstwerke leiden.“ Mit seinen Radioprogrammen verfüge der Sender über einen ungewöhnlich hohen Marktanteil von 65 % im Land Bremen. Der resultiere unter anderem daraus, dass die Programme von ihrer Konzeption und ihrem Auftritt her sehr stimmige Gesamtkunstwerke seien. „Das muss auf jeden Fall erhalten bleiben.“

Auf der anderen Seite müsse dafür gesorgt werden, dass die senderweit geplanten Themen auch formatgerecht in den Wellen präsentiert werden. „Das Schwierige ist, die Nahtstelle zwischen dezentraler Verantwortung für das Produkt und zentraler publizistischer Verantwortung für das Haus Radio Bremen zu organisieren.“ Dazu gehöre, dem crossmedialen Planungstisch die Kompetenzen auch zu geben, die er braucht, um zentral über alle Medien planen zu können und dies in die verschiedenen Kanäle hinein zu vermitteln.

Zwang zur Crossmedialen Produktion

„Der Markt da draußen verändert sich radikal“, betont der Intendant. „Die Mediensäulen lösen sich zusehends auf. Die Nutzung der Medien wird immer mehr crossmedial: Eben hört jemand noch Radio. Unterwegs verfolgt er seinen Sender über das mobile Internet. Und abends erwartet er seine regionale Information im TV. Das heißt, wir müssen auf der Seite derjenigen, die diese Medien produzieren, anfangen, ebenfalls crossmedial und viel stärker integriert zu arbeiten.“ Letztendlich sei dies auch eine Ressourcenfrage: „Drei oder vier Redaktionen zu betreiben, die regionale Nachrichten für Radio, Fernsehen, Online und für den Teletext produzieren, das werden wir uns immer weniger leisten können.“ Ein vernünftiger Ressourceneinsatz werde die Produktion von Beiträgen über die Grenzen der Programmsäulen hinweg mehr und mehr erzwingen.
„Es wird immer eine Eigenständigkeit von einzelnen Genres geben, aber gerade in den aktuellen Bereichen Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport, Wetter und Service gibt es in jeder Rundfunkanstalt große Schnittmengen, die in Zukunft crossmedial organisiert werden müssen.“

Anderes Selbstverständnis

In der Nachrichtenredaktion von Radio Bremen sei das klassische Säulenmodell Fernsehen, Radio, Internet schon heute teilweise aufgehoben. Während einige ältere Mitarbeiter ein weiteres Medium dazu lernten, brächten die Volontäre und Trainees ein ganz anderes Selbstverständnis mit. „Es ist selbstverständlich für sie, an eine Auswertung in anderen Medien zu denken“, sagt Schulenberg. „Sie haben sofort eine Idee, wie sich ein Thema für das Fernsehen oder den Online-Bereich umsetzen lässt. Beim Außentermin überlegen sie, ein Foto oder ein paar ‚Wackelbilder’ mitzubringen.“ Allerdings lasse sich diese Flexibilität nicht unendlich ausreizen. „In der praktischen Arbeit geht es nicht ohne Fachleute“, weiß der Magazinchef.

Nicht jeder Hörfunkredakteur sei ein glänzender Fernsehreporter und auch für den Online-Bereich sei eine bestimmte Affinität erforderlich. Jede Redaktion müsse auch ihre Fachleute behalten, denn der Fernsehredaktion nütze kein Mitarbeiter, der sich zwar gut auskenne, aber kaum verfügbar sei, weil er ein Drittel seiner Arbeitskraft in den Online- und Hörfunkbereich stecke und im entscheidenden Moment deshalb im Fernsehen nicht greifbar ist.

„Das ist im Steuerungsprozess nicht einfach, denn dabei kommen wir irgendwann an den Grenznutzen.“ Dies gestalte sich als ein spannender Prozess, der einen Zielkonflikt in sich berge. Die zentrale Frage sei, ob ein Mitarbeiter alle Ausspielwege bedienen oder ein Kernteam für jeden Bereich erhalten bleiben solle. „Die Antwort liegt dazwischen“, glaubt Schulenberg.
Im Zuge der Trimedialität veränderten sich durch die neue Art des Denkens auch die Formate. „Dadurch erschließen sich für uns neue Möglichkeiten. Wenn wir online oder im Fernsehen einen Aufruf starten, muss das ins Programm zurückfließen, was früher nicht der Fall war.“ Im Regionalmagazin „buten un binnen“ werde die elektronische Post der Zuschauer ausgewertet, wodurch sich Spielformen entwickelten.
Das trimediale Redaktionssystem bereichere den Sender, da durch das Zusammenfügen von Mitarbeitern neue Kreativeinheiten entständen. „Durch die neuen Personenkonstellationen erfolgt ein stärkerer Austausch“, resümiert der Leiter des TV-Regionalmagazins.

Zudem eröffne das neue System die Chance, dank der Online-Auswertung früher am Markt zu sein. „Bisher mussten wir bis zur nächsten vollen Stunde warten, um eine Nachricht zu verbreiten. Jetzt können wir die Bewegtbilder früher zeigen.“ Dadurch gewinne die publizistische Kraft von Radio Bremen insgesamt erheblich an Dynamik.
Birgit Heidsiek
(MB 03/11)

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