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Kein Geschäftsmodell für 3DTV

Kein Geschäftsmodell für 3DTV

Auf der NAB 2010 war 3D das grosse Hype-Thema. An vielen Ständen konnte man Lösungen und Produkte dazu entdecken. Die Erwartungen, dass 3D auch im TV-Bereich avancieren wird, sind hoch. Allerdings gibt es auch viele Punkte, die dagegen sprechen. Klaus Weber, Direktor Produktmarketing Kameras von Grass Valley, zeigte im MEDIEN BULLETIN-Interview einige davon auf.

›3D ist auf der NAB 2010 das bestimmende Thema.
Wie positioniert sich Grass Valley hier?
Wir sehen natürlich auch, dass sich unsere Kunden intensiv mit dem Thema 3D beschäftigen. Viele Unternehmen wollen
Erfahrungen sammeln, um mitreden und um bei gegebener
Auftragslage entsprechend reagieren zu können. Grass Valley bietet ausgezeichnete Lösungen dafür an. Viele unserer Geräte, die unsere Kunden zum Teil schon seit einigen Jahren besitzen, können auch für 3D-Produktionen eingesetzt werden. Gerade im Kamerabereich können wir zudem mit einigen Neuentwicklungen aufwarten. Das betrifft zum Beispiel die Softwaresteuerung der Bediengeräte und die Signalprocessing-Funktionalitäten des Kamera-Kopfes. Damit entsprechen wir den
besonderen Anforderungen bei 3D-Produktionen und
erleichtern unseren Kunden die Arbeit.

Sony treibt die 3D-Entwicklung stark voran. Viele 3D-Test-
produktionen wurden bereits mit Sony Kameras gemacht.
Verfolgt Grass Valley eine ähnliche Strategie?
Wir haben auch schon viele 3D-Produktionen mit unseren Systemen unterstützt. Die erste 3D-Produktion wurde bereits vor zwei Jahren in Amsterdam mit zwei Viper-Kameras gemacht. Das war eine Kurzfilmproduktion. Mit unseren Kameras wurden im August 2009 3D-Aufnahmen bei Leichtathletik-Meisterschaften in Belgien gemacht und im Februar 2010 beim holländischen Fernsehen die erste 3D-Live-Produktion realisiert. Im April 2010 wurde zudem auf dem Bavaria Filmgelände eine 3D Disney-Produktion mit unserer Technik begleitet. Das sind nur einige Beispiele. Es gibt mittlerweile also einiges an 3D-Material an dessen Entstehung Grass Valley-Technik beteiligt war.

Wie bewerten sie den 3D-Hype allgemein?
Der Hype bei den Konsumenten, sofern überhaupt vorhanden, wurde primär durch den Film „Avatar“ und die 3D-Kinos geprägt. Viele haben zum ersten Mal einen Film in 3D gesehen und waren von den Effekten begeistert. Unterhaltungselektronikhersteller versuchen nun, Kapital daraus zu schlagen. Auf Grund des starken Preisverfalls können sie heute kein Geld mehr mit HD-Displays verdienen. Gegensteuern können sie nur durch die Einführung neuer Technologien. 3D bietet da natürlich eine Super-Chance.

Inwiefern?
Im Moment kündigen die Hersteller 3D-Displays an, die primär mir einer Shutter-Brille funktionieren. Dem linken und rechten Auge werden dabei jeweils 50 Bilder pro Sekunde gezeigt. Und das ist eigentlich genau das, was ein 100 Hertz Fernseher macht. Der präsentiert 100 Bilder pro Sekunde. Im Moment gibt dieser jedes empfangene Bild zweimal hintereinander wieder, dann das nächste zweimal hintereinander und so weiter. Einen solchen 100 Hertz Fernseher für 3D zu modifizieren, damit
dieser dem linken und dem rechten Auge unterschiedliche Bild-Informationen liefert, ist einfach. Neben Änderungen in der Signalverarbeitung gehört noch eine Sensorik in das Gerät, die die Shutter-Brillen steuert. 3D-Fernseher sind so gesehen nichts Besonderes und die Zusatzkosten bei der Herstellung gering. Allerdings werden die ersten wohl zu einem deutlich höheren Preis eines normalen HD-Fernsehers angeboten. Das ist ein ideales Beispiel dafür wie sich mit einem Hype Geld verdienen lässt. Kein Wunder, dass die Unterhaltungselektronikhersteller sehr interessiert sind auf diesen Zug aufzuspringen. Man hat sich auch darauf geeinigt, bei den Blu-ray Playern eine 3D-Variante einzuführen. Auch das ist kein Hexenwerk und verspricht ebenso interessante Gewinnmargen. Ein 3D Blu Ray Player kostet anfangs nahezu das Doppelte eines normalen Players.
Dahinter steckt mit dem Verkauf von 3D Blu-ray Disks noch ein weiteres Geschäftsmodell. Auch hier lässt sich ein ordentlicher Preisaufschlag zu normalen Blu-rays realisieren. Das pressen auf eine DVD oder Blu-ray kostet aber immer nahezu gleich viel. Man kann sich leicht ausrechnen, dass da die Kasse klingelt.

Glauben Sie, dass sich 3D auch für TV-Veranstalter rechnet?
Ich gehe nicht davon aus, dass das in der nahen Zukunft der Fall sein wird. Das TV-Geschäftsmodell in Deutschland basiert vor allem auf Werbe- oder Gebührengeldern. Dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen bietet die 3D-Ausstrahlung keinerlei Mehrwert und gehört wohl eher auch nicht zu dessen Auftrag. Dazu kommt, dass das Geld auch dort knapp ist.
Interesse an 3D haben höchsten private Sender wie der ProSiebenSat.1- oder der RTL-Gruppe. Ich denke aber nicht, dass es für sie ein 3D-Geschäftsmodell gibt. Sie brauchen für 3D einen weiteren Kanal zur Ausstrahlung. Der kostet nicht wenig. Die Produktionskosten für 3D-Angebote sind deutlich höher als bei herkömmlichen Produktionen. Hinzu kommt, dass 2D- und 3D-Produktionen auch nicht kompatibel sind. Selbst wenn in zwei Jahren vielleicht 100.000 Haushalte einen 3D-Fernseher
besitzen, wäre es wohl kaum möglich, einen 3D-Kanal über Werbung zu finanzieren. Abgesehen davon sind auch noch gar nicht genügend 3D-Inhalte verfügbar. Im Free-TV-Bereich gibt es also im Moment kein Geschäftsmodell für 3D. Als TV-Plattform für 3D bleibt also nur das Pay-TV mit On-Demand-Angeboten. Die Frage ist aber auch hier, ob man genug Konsumenten zusammen bringt, die bereit sind, Top-Zuschläge zu bezahlen, damit sich das Angebot rechnet. 3DTV wird zunächst ein stark von Events getriebenes Nischengeschäft sein.

Aber es wird dennoch fleißig in 3D produziert, so zum
Beispiel auch zur Fußball-Weltmeisterschaft?
Man muss sich nur darüber im Klaren sein, dass alles, was wir im Moment hier an 3D-Produktionen sehen, über Sponsoring finanziert wird. Das heißt, da bringt jemand Geld mit. Die Hersteller machen das, um ihre Geräteverkäufe anzukurbeln. Die Frage ist dann aber auch, wie lange das noch so geht.

Grass Valley versucht also nicht, seine Kunden von
3D zu überzeugen?
Wir sagen unseren Kunden nur, dass wir alle Technologien, die sie für eine 3D-Produktion benötigen, bereitstellen können. Wir machen mit allen Interessierten, soweit das unserer Ressourcen zulassen, auch Testproduktionen und unterstützen das mit unserer Manpower und kostenlosen Software-Updates. Wir drängen unsere Kunden aber nicht dazu, 3D zu machen. Schließlich haben wir auch keine große Muttergesellschaft hinter unserem Unternehmen stehen, die irgendwelche Consumer-Interessen verfolgt und Geld mitbringt. Das, was Sony macht, können und wollen wir selbst aber auch nicht machen. Sehr häufig führen Sponsoring-Aktivitäten bei der Einführung neuer Technologien am Ende zu keinem positiven Effekt.

Gibt es noch andere Hürden, die 3D nehmen muss, um
Einzug ins Wohnzimmer halten zu können?
Natürlich kommt es auch darauf an, wie der TV-Zuschauer 3D konsumiert und ob er überhaupt damit umgehen kann. Man kann die 3D-Rezeption im Kino nicht 1:1 auf die im Fernsehen übertragen. Grund dafür sind die unterschiedlichen Projektionsflächen bzw. Bildschirmgrößen und der Abstand des Betrachters dazu. Außerdem gibt es unterschiedliche Verhaltensweisen bei der Betrachtung: Im Kino sitzt man in der Regel immer aufrecht. Zuhause hingegen gibt es Zuschauer, die auch mal zur Seite geneigt oder gar in liegender Position TV schauen. Mit 3D geht das nicht, egal ob man eine Shutter- oder eine Polarisations-Brille auf hat. Grund: Auf dem Bildschirm wird die Entfernungsinformation praktisch durch die Konvergenz der Augen erzeugt. Das heißt, wenn ich etwas in der Ferne sehe, stehen meine Augen parallel, wenn ich etwas sehr nahe sehe, dreht sich der Augäpfel mehr nach innen. Diesen Winkeleffekt der Augen zur Erzeugung der Weiteninformation simuliert man im Grunde bei 3D-Produktionen. Die Bildtiefeinformationen werden dabei auf zwei separate Bilder verteilt. Der Effekt funktioniert aber nur bei horizontaler Betrachtung. Selbst wenn man den Kopf nur 45 Grad schräg hält, ist der 3D-Effekt gestört.
Neben der Winkelverschiebung der Augen gibt es aber auch noch die Fokussierung unserer Linsen. Die fokussiert auf nah oder fern, je nachdem wo man hinschaut. Bei 3D-Produktionen wird der Tiefeneindruck aber nur über die Winkelverschiebung generiert. Die Augen fokussieren dabei immer auf den Bildschirm. Das heißt, die Entfernung und damit der Fokus bleibt immer die gleiche. Im Kino sitzt man vielleicht zehn oder 20 Meter weg von der Leinwand und schaut eher in die Ferne. Zuhause steht der Fernseher vielleicht nur zwei Meter entfernt. Die Augen bekommen durch die Winkelinformationen suggeriert, sie schauen in die Unendlichkeit, gleichzeitig fokussieren die Linsen aber nur auf zwei Meter. Diese Kombination wird vom menschlichen Gehirn nicht verstanden, weil sie normalerweise ja auch nicht existiert. Solche unterschiedlichen Signale können beim Betrachter zu Übelkeit oder Schwindel führen. Im Kino, wo der Abstand zur Leinwand wesentlich größer ist, ist das Verhältnis zwischen Fokuspunkt und Winkelinformation günstiger. Da passt das noch halbwegs zusammen. Das heißt auch, das, was auf der Kinoleinwand noch gut aussieht, zu Hause nicht automatisch gut aussehen wird.

Gibt es eine Lösung für dieses Problem?
Genau genommen müsste man je nach Bildschirmgröße eine unterschiedliche Tiefeneinstellung haben. Das sind Dinge, die auch durchaus diskutiert werden. In Zukunft stellt man sich 3D nicht unbedingt mit zwei parallelen Bild-Signalen vor, sondern als ein Bild-Signal und ein Tiefeninformationssignal, aus denen sich im Empfänger oder in der Set-top-Box wieder zwei Bilder generieren lassen. Da könnte man dann quasi per Knopfdruck eine Größeneinstellung vornehmen. Aber das ist alles noch Zukunftsmusik. Außerdem gibt es noch viele weitere Punkte, wo 3DTV Limitierungen hat.

Welche Begrenzungen für 3D sehen sie bei Fußball-Live-Produktionen?
1990 bei der Fußball-WM in Italien hatte die RAI noch sechs Kameras pro Stadion im Einsatz, beim Endspiel waren es zwölf. Vor 20 Jahren gab es deutlich weniger Schnitte als heute. Die Schnittfolge war geradezu langsam und bedächtig. Es wurde viel mehr mit der Totalen gearbeitet. Da auch noch kein 100-fach Zoom existierte, gab es auch keine extremen Close-ups. Heute sind Fußball-Übertragungen gespickt mit Close-ups.
Torszenen werden von drei, vier Kameras aus verschiedenen Blickwinkeln nacheinander wiedergegeben, in Normalgeschwindigkeit, Zeitlupe und Superzeitlupe. 2006 in Deutschland hatten wir 26 Kameras pro Stadion im Stadion und bei der Fußball-WM 2010 in Südafrika werden über 30 Kameras die Spiele aufzeichnen. Bei großen Fußball-Events werden immer mehr Bildsignale produziert. Das kommt nicht von irgendwo her, sondern ist darin begründet, dass die Fußball-Übertragung durch den Einsatz vieler Kameras eine besondere Dynamik erhält, die selbst im Stadion so nicht zu erleben ist. Der TV-Zuschauer genießt hier einen besonderen Mehrwert.
Bei 3D-Produktionen jedoch lässt sich nicht die gleiche hohe Dynamik wie bei 2D-Produktionen erzeugen. Eine 3D-Fußball- Produktion muss mit wesentlich weniger Kameras auskommen, mit weniger Schnitten und mit weniger Close-Ups. Das erinnert dann sehr stark an die Produktion von vor 20 Jahren. Ich bin mir deshalb nicht sicher, ob sich der Zuschauer nach immer dynamischer werdenden Bildern dafür begeistern kann.
Außerdem: Close-Ups, so wie wir sie kennen, sind bei 3D gar nicht möglich. Grund: 3D lebt davon, dass ein gewisser Tiefeneffekt erzeugt wird. Nur dann kann ich entscheiden wo ich hinschaue. Das wiederum bedeutet, man braucht mehrere Schärfeebenen, um mit dem Auge im Bild wandern zu können.
Ein für Close-Ups eingesetztes Objektiv mit zum Beispiel 500-mm Brennweite verfügt aber nur über eine Schärfentiefe von wenigen Zentimetern. Mehr ist rein physikalisch nicht machbar. Wir wissen ja: je mehr Telebrennweite desto weniger Schärfentiefe bei einer gegebenen Blende. Man bekommt also bei den langen Brennweiten keine Schärfentiefe für 3D hin. Die Close-Ups kann man nicht 3D sehen, weil da kein 3D drin ist. Eine 3D-Produktion ist schon deshalb komplett anders als eine 2D-Produktion. Beide sind auch nie kompatibel zueinander.
Wenn der Neuigkeitseffekt von 3D sich erst einmal abgenutzt hat und ich dann wieder die Dynamik der 2D-Bilder von Fußballproduktionen sehe, bin ich mir nicht so sicher, was da die Konsumenten besser finden und ob da wirklich die meisten sagen: ich will diese Tiefe in den 3D-Bildern.
Außerdem: ohne das Stilmittel der Bildschärfenverlagerung auf einzelne Protagonisten funktionieren auch viele szenische Produktionen nicht. Nur damit kann der Kameramann das Auge des Zuschauers auf die Stelle lenken, auf die er den
Schwerpunkt setzt. Das ist vielen nicht bewusst.

Sie reden wie ein erklärter 3D-Gegner...
Ich möchte 3D nicht schlecht machen oder kaputt reden, aber es gilt doch, die Dinge anzusprechen, die man diskutieren muss und die unter Umständen nicht funktionieren. Es hat schließlich keinen Zweck, den Kopf in den Sand zu stecken und zu hoffen, dass sich alle Probleme von alleine lösen. Nur wenn man sich über die Grenzen der Technologie bewusst ist, kann man an entsprechenden Lösungsansätzen auch arbeiten. Es ist jedoch zu erwarten, dass es für manche Probleme bei 3D vielleicht gar keine Lösung geben wird.

Sind sie als Konsument 3D gegenüber aufgeschlossen?
Ich finde 3D beeindruckend und würde mir auch immer gerne einen gut gemachten 3D-Film anschauen, vorzugsweise im Kino oder als Blu-ray. Ich finde aber auch, 3D ist allemal anstrengender als 2D. Unser menschliches Seh-System ist in den 50
Jahren TV, die wir haben, auf 2D trainiert
Eckhard Eckstein
(MB 06/10)

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