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Keine Religion, nur Bibeln

Keine Religion, nur Bibeln

Thomson hat auf der IBC 2008 zahlreiche neue Produkte und Produkterweiterungen vorgestellt. Vieles zielt darauf ab, den TV-Sendern und -Produktionsunternehmen den Einstieg in die HDTV-Welt zu erleichtern. MEDIEN BULLETIN sprach in Amsterdam mit Jeff Rosica, Senior Vice President Broadcast & Professional Solutions in der Systems-Division von Thomson, über neue Produkte und Marktstrategien des Unternehmens.

Thomson hat kurz vor der IBC 2008 den Geschäftsbereich für Digitalfilm-Transfer an eine private Equity-Gruppe unter Führung der Frankfurter PARTER Capital Group verkauft. Markiert das den Beginn einer Konsolidierungsphase bei Thomson? Werden weitere Unternehmensteile veräußert?
Das ist eine Frage, die eigentlich unser CEO beantworten müsste. Ich kann dennoch sagen, dieser Verkauf hat nichts mit einer Konzern-Konsolidierung zu tun. Die Spirit-Filmscanner-Familie einschließlich der Digital-Intermediate-Workflow-Werkzeuge von Bones und der Colour-Management-Werkzeuge von LUTher, gehören zur sehr speziellen Sparte der High-End-Postproduktion. Wir sind der Meinung, dass sie bei einer unabhängigen Einzelfirma, die flexibler auf die Marktanforderungen reagieren kann und stärker auf das Thema Digital-Cinema fokussiert ist als Thomson, besser aufgehoben ist. Der neue Besitzer wird das Filmscanner-Geschäft weiter betreiben und unsere Kunden da gut bedienen. Er hat bereits neue Produkte und Produkterweiterungen für 2009 in der Pipeline. Mich hat der Verkauf selbst sehr berührt, weil ich ja am Aufbau des Spirit-Geschäfts direkt beteiligt war. Ich kenne also auch das High-End-Postproduktionsgeschäft ganz gut. Den Verkauf der Sparte haben wir schon seit längerer Zeit geplant. Das hat deshalb auch nichts mit einer neuen Thomson-Strategie zu tun. Wie auch andere Firmen sind wir dennoch ständig bemüht, unsere Strategie neu zu überdenken.

Wenn keine weiteren Verkäufe geplant sind, ist dann eine Ausweitung des Geschäfts in anderen Bereichen angedacht?
Wir müssen immer das Geschäft weiter entwickeln. Unsere Industrie ist schließlich sehr schnell und dynamisch. Der Entwicklung müssen wir folgen, um ständig unsere Kunden und die Marktplätze im Allgemeinen adäquat bedienen zu können. Wir richten dabei allerdings mehr den Fokus auf die Weiterentwicklung von Produkten für die diversen Märkte. Thomson hat als Firma einen ziemlich intensiven Evolutionsprozess durchlaufen. Wir sind, denke ich, deshalb heute auch ziemlich gut und breit aufgestellt, egal ob das Technologien, Produkte, Lösungen und Services betrifft. Wir sind in vielerlei Hinsicht einzigartig und können als echter End-to-End-Anbieter für die gesamte Kommunikations- Medien- und Entertainment-Industrie agieren.

Welchen Stellenwert hat in Zukunft das Systemgeschäft von Thomson? Die Mitbewerber bauen ihre Aktivitäten aus.
Thomson ist der größte Systemintegrator der Welt. Unsere Mitbewerber folgen beim Ausbau des Systemgeschäfts uns eher als wir ihnen. Wir haben dieses Geschäft schon in der Vergangenheit gestärkt und werden das auch weiter tun. Eine starke Position im Systemgeschäft haben wir zwar schon in der EMEA-Region, aber wir können sicherlich noch mehr in Amerika und im Asia-Pacific-Raum machen. Wir sehen da noch viel Potenzial. Auch in den neuen Märkten wie Digital Signage oder IPTV können wir noch zulegen.

Viele Hersteller verstärken ihre globalen Aktivitäten. Dabei wächst die Gefahr, dass die lokalen Märkte vernachlässigt werden. Wie hält es Thomson mit der Kundennähe?
Ich kenne keine anderen Hersteller in unserer Industrie, der näher am Kunden ist als Thomson. Keiner unserer Wettbewerber hat Entwicklungszentren an 15 verschiedenen Plätzen in der Welt. Egal ob in Deutschland, Frankreich, Japan, Indien, Malaysia, USA, Niederlande etc. – wir haben überall eigene Ingenieure. Kein Hersteller ist in den einzelnen Ländern so präsent wie Thomson. Wir sind zwar global unterwegs, kümmern uns aber dennoch intensiv um unsere Kunden in den lokalen und regionalen Märkten. Natürlich müssen wir den Support überall ständig weiterentwickeln, um die Kundenzufriedenheit gewährleisten zu können.

Sie haben viele neue Produkte auf der IBC 2008 vorgestellt. Was sind für Sie darunter die interessantesten?
Ich kann nur zum Grass Valley-Part von Thomson sprechen. Auch dort haben wir sehr viele neue Systeme gezeigt. Allen gemein ist, dass es sich um kosteneffiziente, hochqualitative Produkte handelt, die dem Umstieg auf HDTV und der Optimierung künftiger digitaler Workflows dienen. Natürlich ist die neue Dreifach-HD-Superslomo-Kamera LDK 8300, die wir auf der IBC gezeigt haben, ein ganz besonderes Produkt. Bei der Fußball-Europameisterschaft und den Olympischen Spielen in Peking hat die LDK 8300 bereits tolle Erfolge gehabt und atemberaubende Superslomo-HD-Bilder geliefert. Auch die neue LDK 8000 Elite HD-Kamera bietet enorme Verbesserungen in Sachen Bildqualität und in der Funktionalität. Auch darauf sind wir sehr stolz. Im Postproduktionsbereich möchte ich das Editing-System Edius 5.0 mit Peripherie-Produkten wie HDSTORM, HDSMART und HDTHUNDER hervorheben. Damit bieten wir wichtige Erweiterungen zur Realisierung des HD-Produktionsworkflows in der Desktop-Editing-Umgebung an. Edius 5.0 bietet sehr schnelle Performance für Echtzeit-Editing von nativem Material, sogar mit den neuesten Codecs wie AVC-Intra und JPEG 2000. Darüber hinaus sind unser neuer K2 HD-Server Summit für News- und Sportproduktionen und der zur K2-Produktfamilie gehörende Dyno HD Replay Controller interessante Produkte.

Stark in Netzwerkumgebungen
Versucht sich Thomson damit neben den marktbeherrschenden EVS-Slomotion-Server-Produkten zu positionieren?
Zunächst einmal muss ich sagen, dass EVS ist eine sehr gute Firma mit starken Produkten ist. Natürlich gibt es durchaus einige Leistungsparameter, die unsere K2-Produkte mit den EVS-Systemen gemein haben. Wir haben uns bemüht, einen sehr innovativen Replay-Controller mit ausgezeichneter Slow-Motion-Fähigkeit auf den Markt zu bringen. Diese Lösung dient vor allem der Live-Sportproduktion, aber auch allen TV-Shows, die mit Replay arbeiten. Weil wir besonders stark in Server- und Netzwerkumgebungen sind, haben wir eine sehr gute Netzwerklösung entwickelt, bei der Editoren direkt auf die Server zugreifen können.

Zielen Sie mit der LDK 8000 Elite-Kamera auf einen neuen Kundenkreis?
Nein. Damit adressieren wir im Grunde den gleichen Kundenkreis wie mit der Standard LDK 8000. Wir haben die Elite-Serie mit einem neuen Chip-Set ausgestattet und erzielen damit deutliche Verbesserungen bei der Bild-Qualität. Der Rauschabstand liegt bei 60 db und ist damit deutlich besser als bei allen anderen Kameras auf dem Markt. Zudem bietet die Elite-Version zahlreiche optimierte Funktionalitäten. Jeder, der bereits in die LDK 8000 investiert hat, kann einen Upgrade-Kit für die Elite-Version erwerben. Wir gehen davon aus, dass die meisten Kunden davon Gebrauch machen werden.

Bei den Olympischen Spiele 2008 setzten einige Sender wie CBC aus Kanada auf Remote-Produktion. Ist das die Zukunft bei Live-Sport-Produktionen?
Technisch möglich ist das natürlich schon. Trotzdem funktioniert das nicht bei allen Produktionen. TV-Sender profitieren letztlich immer noch sehr stark von der Dynamik der Produktionsleute, die vor Ort arbeiten. Das CBC-Modell ließ sich Peking nur realisieren, weil der Hostbroadcaster BOB ja das ganze Material produzierte und CBC nur diese Feeds übernehmen und mit wenig eigenem Material zur Übertragung in Kanada aggregieren musste. Das klappt nur bei den Olympischen Spielen. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass ein komplettes Fußball-Match remote produziert werden kann.

Die Olympischen Spiele 2008 wurden komplett in HDTV produziert. Wie sehen Sie das Bemühen Ihrer Kunden, in HD-Workflows zu finanzieren?
Jeder unserer Kunden redet davon, seine technischen Einrichtungen zu erneuern und auch für HD auszubauen. Das ist sicher ein Top-Thema. Interessant ist, dass letztes Jahr auf der IBC hauptsächlich Postproduktionsunternehmen das Thema HD-Einführung diskutiert haben. In diesem Jahr reden auch alle europäischen TV-Sender davon. Im Produktionsbereich ist HD nicht zuletzt auch dank der HD-Produktion der Olympischen Spiele, bei denen ja sehr viele HD-Ü-Wagen aus Europa eingesetzt worden sind, ein riesiges Wachstum an HD-Produktionskapazität für Live-Sport und Live-Entertainment entstanden. Sportfernsehen in HD wird in den nächsten Jahren eine ziemlich normale Sache sein. Ich denke, in jedem Land wird HDTV, egal über welchen Vertriebsweg, in die TV-Haushalte gelangen. Kein Markt wird das verhindern können. Dafür sind die HD-Bilder einfach zu eindrucksvoll. Aus Sicht der Produzenten und Sender ist SD zunehmend uninteressant. HD-Fähigkeit ist für die meisten Kunden Mindestvoraussetzung bei Investitionen. Alles läuft darauf hinaus, dass überall in Europa HDTV gezeigt wird. Diesen Zug kann man nicht mehr stoppen.

Unterstützen, was die Kunden wollen
Was ist mit den verschiedenen HD-Formaten 720p, 1080i oder 1080p? Welchem Format gehört die Zukunft?
Wir haben bei Thomson ein geflügeltes Wort. Das heißt: Wir verkaufen keine Religion, wir verkaufen Bibeln.

Aber Sie reden doch mit vielen Ihrer Kunden über das Format-Thema? Wir hören da die unterschiedlichsten Meinungen. Es gibt keine Einigkeit darüber, welches Format das richtige ist. Ich kann nur sagen, dass wir der Ansicht sind, dass progressive Formate die grundsätzliche Basis für Europa sein sollten, egal ob das jetzt 720p oder 1080p ist. Wir als Hersteller unterstützen, was immer die Kunden wollen. Mit 1080p/50 muss man heute allerdings noch etwas vorsichtig sein. Dafür braucht man schließlich eine 3 Gb/s-Infrastruktur, und die ist sehr schwer zu realisieren. Man kann da nur sehr kurze Kabelstrecken nutzen, und das Ganze ist auch noch sehr teuer. Natürlich ist Thomson sehr bemüht, 1080p über alle Produktgruppen hinweg möglich zu machen. 1080p ist ein durchaus realistischer Standard, aber man sollte davon ausgehen, dass die Einführung langsamer vonstatten gehen wird als mancher das heute vielleicht denkt. Ich selbst gehe davon aus, dass 720p speziell in Europa mit seinen vielfältigen komplizierten Medienregulierungen und besonderen Problemen mit Sendespektrum- und Kanal-Zuweisungen mit 720p zunächst besser bedient ist. Direkt mit 1080p-Signalen zu starten, dürfte überall schwierig sein.
Eckhard Eckstein (12/08)




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