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Kosten im Griff behalten

Kosten im Griff behalten

Eine gute Vorbereitung ist die halbe Miete – das gilt insbesondere für die Filmproduktion, wo beim Dreh jede Verzögerung und jedes Versäumnis Unsummen verursachen kann. Um dies zu vermeiden wird viel Wert auf eine sorgfältige Vorbereitung gelegt, wenn nötig auch mit Hilfe eines Storyboards. Nur dass heute das Storyboard durch eine durchanimierte Darstellung ersetzt wird. Diese Prävisualisierung von Sequenzen oder ganzen Filmen hat in den USA zu einem neuen Berufsstand mit einer eigenen Interessenvertretung geführt. Auf der Insight-Out-Konferenz in Potsdam berichtete Jericca Cleland was moderne Prävisualisierung leisten kann.

Jericca Cleland ist Inhaberin von Twenty One einer Firma, die Prävisualisierungen – oder Previz, wie es die Amerikaner liebevoll nennen – anbietet. Während ihres Vortrags machte sie deutlich, dass Prävisualisierung exakt das ist, was der Begriff sagt: die filmische Vorwegnahme dessen, was man später auf der Leinwand sieht. Je nach Vorstellungskraft des Betrachters sind die Figuren und Gegenstände entweder rudimentär oder visuell anspruchsvoller gestaltet, aber die Visualisierung zeigt immer den Ausschnitt, die Tiefenschärfe, den Standort der Kamera, die Position von Gegenständen und Personen, den Schnitt und gegebenfalls auch Musik und Sound. Man kann selbst die Brennweite der Kamera auswählen und all dies funktioniert auch in Stereo-3D.

Prävisualisierung kann bereits in der Konzeptphase verwendet werden, etwa um ein Buch zu pitchen und sie hilft, letzte oder neue Entscheidungen in der laufenden Produktion und/oder Postproduktion zu fällen. „Previz ist Bestandteil der kompletten Produktions-Pipeline“, fasst es Jericca Cleland in einem Satz zusammen.

Bevor Cleland in die Details ging, zeigte sie einen Trailer der Previsualization Society, in dem ein Verständnis dafür erzeugt wurde, wie Prävisualisierung im kollaborativen Prozess des Filmemachens dem Regisseur hilft seine Vision umzusetzen und sie gegenüber Finanziers, Produzenten und Team zu vermitteln. „Einer der schwierigsten Sachen überhaupt ist, dem Team zu verdeutlichen worüber man spricht, denn jeder liest das Drehbuch anders. Die beste Art jedoch seine Vision zu kommunizieren, gelingt über Bilder und nicht mit Worten“, erklärt Rick McCallum in dem Trailer. McCallum hat unter anderem die drei „Star Wars“-Prequels produziert und er macht sich dafür stark, dass bei Filmproduktionen zukünftig ein eigenes Prävisualisierungs-Department eingerichtet wird.
Dem Team und später auch den Visual Effects-Leuten zu verdeutlichen welche Vision man verfolgt und wie sie später auf der Leinwand aussehen soll, ist jedoch nur ein Teil dessen, was Prävisualisierung leisten kann. Prävisualisierung ist auch Teil des kreativen Entwicklungsprozesses. Mit ihrer Hilfe lässt sich herauszufinden wie Szenen und Sequenzen am effektivsten und effizientesten gestaltet werden können. „Prävisualisierung wirkt sich positiv auf das Geschichtenerzählen aus, weil man darüber Wege und Mittel findet, mit denen man Geschichten stärker und dynamischer erzählen kann“, erklärte Jericca Cleland. „Previs erlaubt es alle Beteiligten zusammen zu bringen und vorab die Herausforderungen und Optionen zu diskutieren. Diese Kollaboration macht einen Film stärker, da so alle Departments noch intensiver an der Vision des Regisseurs mitarbeiten können.“

Vorab kostengünstig ausprobieren

Der Regisseur ist so in der Lage Wirkungen von Szenen, Schnitte, Einstellungen, Kameraposition, und vieles mehr vorab kostengünstig und ohne Zeitdruck auszuprobieren. Er kann erkennen wie sich die Geschichte entwickelt, wie Szenen zusammenpassen und er kann den Fluss des Films erkennen und verändern.
Auch für ruhige, intime Szenen eignet sich die Prävisualisierung, wie der Previs-Supervisor Chris Edwards in dem Trailer betont: „Dem Regisseur ist es so möglich vorab die maximale emotionale Wirkung einer Einstellung auszuprobieren, indem er in Ruhe Kamerapositionen ausprobiert, auf die er sonst nicht käme oder wofür er am Set keine Zeit hat.“ So wird Prävisualisierung nicht nur zu einem Werkzeug, um die Kosten im Griff zu behalten, sondern zu einem gestalterischen Element. „Bei der Prävisualisierung geht es nicht nur darum, eine Szene herzustellen, sondern zu sehen, wie diese Szene als Teil eines Puzzles in den Film passt“, sagt denn auch der Previz-Supervisor David Dozoretz.
Die animierte, digitale Prävisualisierung ist in der Lage in Echtzeit einen Film zu gestalten. Mit einer virtuellen Kamera kann jede beliebige Position eingenommen werden. Die Blende und Brennweite des Objektivs können auf Knopfdruck verändert, Personen und Gegenstände verschoben und Unschärfen eingebaut werden. Der Film kann bereits vorgeschnitten werden, um zu sehen wie Szenen aneinander passen oder um herauszufinden welches Schnittmaterial produziert werden muss. Indem man mit der virtuellen Kamera durch das Set 'spaziert' kann man feststellen, wo man die Kameras und das Licht positionieren muss und ob bzw. wie das überhaupt möglich ist. „Prävisualisierung ermöglicht es mit Hilfe klarer Informationen Entscheidungen zu treffen“, sagt Jerrica Cleland. „Darauf basierend können Filmemacher kreative Lösungen finden, um Beschränkungen zu überwinden. Ich erlebe immer wieder, dass erst durch Prävisualisierung Wege gefunden werden, die eine Geschichte dynamischer und stärker machen.“ Manchmal ermöglichen sie die Geschichten oder Szenen auch erst.

Pitch-Prävisualisierung

Cleland berichtet von einem Film, der aufgrund einer Pitch-Prävisualisierung eine Finanzierung in Höhe von 75 Millionen Dollar von Privatinvestoren erhalten hat, weil die Filmemacher auf diesem Wege in der Lage waren ihre Vision des Films zu vermitteln. Das Private Equity wurde anschließend vom produzierenden Studio verdoppelt. Im Fall von „Die Chroniken von Narnia – Prinz Kaspian von Narnia“ wurde die von der Münchener ScanlineVFX erstellten Sequenz, in der ein Wassergeist eine Armee angreift, erst aufgrund der Prävisualisierung 'genehmigt'. Denn erst danach wusste man ob sie ins Budget passt.

Neben den erheblichen Vorteilen auf der kreativen Ebene dient die Prävisualisierung auch dazu das Budget zu kalkulieren und den Drehplan zu erstellen. „Die Prävisualisierung gibt einem ein Gefühl dafür, womit man es zu tun hat und worauf man sich einzustellen hat“, sagt Jerrica Cleland. „Außerdem kann der Finanzier dann auch immer sehen wofür sein Geld ausgegeben wird.“ Rick McCallum nennt im Zusammenhang mit „Star Wars – Episode III“ sogar Zahlen. Ein Team von zwölf Leuten war zweieinhalb Jahre für alle Phasen und Formen der Prävisualisierung zuständig. „Dadurch haben wir alleine bei der Produktion 10 bis 15 Millionen Dollar gespart“, sagt er in dem Trailer der Previz Society. „Und bei den Visual Effects ist die Ersparnis überhaupt nicht schätzbar.“ Bei den Visual Effects ist es so, dass die Prävisualisierung zugleich der 'Bauplan' für die ausgearbeitete Szene ist. So entfällt ein erheblicher Teil der Kommunikation.
In den USA entstehen seit Anfang des Jahrtausends immer mehr Firmen, die sich auf Prävisualisierung spezialisieren. In Deutschland hingegen wird dies noch von den Visual Effects Firmen übernommen. Da Previs aber nun einmal sehr viel mehr ist, als nur die Vorvisualisierung von komplizierten oder aufwändigen Szenen oder Visual Effects-Shots und sie sich somit auch für normale Dramen anbietet, dürfte es hierzulande wohl nur eine Frage der Zeit sein bis auf Prävisualisierungen spezialisierte Anbieter entstehen.
Thomas Steiger
(MB 05/11)

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