Cookie Consent by TermsFeed
      produktion-news
      mebucom
                
Neue Fenster aufstoßen

Neue Fenster aufstoßen

Wir haben heute den 14. August 2009. Es wird noch rund drei Wochen dauern, bis „24 Berlin – ein Tag im Leben“ am 5. September auf Sendung geht. Rückblickend betrachtet: Eine verrückte Projekt-Idee?
Ja. 24 Berlin ist eine verrückte Idee und das bislang aufwändigste Projekt meines Lebens. Ich würde es morgen nicht gleich noch einmal machen. Zumindest brauche ich jetzt erst einmal eine Pause, bevor wir uns so etwas Großes noch einmal vornehmen. Das Projekt war in jeder Hinsicht grenzüberschreitend, grenzsprengend. Der Dreh am 5. September 2008 war mit einer gigantischen Arbeitsteilung verbunden: 80 Dreh-Teams mit einem Stab von insgesamt 400 Personen, die neben vielen recherchierten Sujets zwanzig zuvor von uns ausgewählte Haupt- und fünfzig Nebenprotagonisten filmten. Wir hatten es mit 750 Stunden Filmmaterial zu tun. Die extreme Arbeitsteilung hat sich dann in der Postproduktion – was so gar nicht vorgesehen war – fortgesetzt. Es gab jeden Tag so viele Baustellen gleichzeitig, dass eine hundertprozentige Kontrolle nicht möglich war. Unseren Künstlerischen Leiter Volker Heise konnten wir schließlich nicht klonen. Die verschiedensten Herausforderungen auf inhaltlicher, künstlerischer, logistischer und technischer Ebene haben uns des Öfteren ins Schwitzen gebracht. Ich glaube aber, es hat sich gelohnt. Unser Ziel war, das dokumentarische Genre im Fernsehen weiter nach vorne zu stoßen: eine neue Form für das Fernsehen auszuprobieren, Fernsehen einmal ganz anders zu machen. Der Anspruch des Projektes besteht darin, dem Zuschauer einerseits ein ganztägiges und andererseits ein hochkarätiges Programm anzubieten. Dazu sind wir einen Kompromiss eingegangen zwischen unseren dokumentarischen Ansprüchen, die wir verwirklichen wollten, und dem Ziel, den Zuschauer neugierig zu machen und ihm einen gewissen Unterhaltungswert zu bieten. Wir wissen heute noch nicht, wie die Zuschauer tatsächlich reagieren werden, was mich übrigens brennend interessiert. Aber bei den ersten kleinen Screenings von Ausschnitten in einer Länge von bis zu drei Stunden kam uns viel Neugier entgegen. Das macht mich hoffnungsfroh für den Sendetag.

Welche Erwartungshaltung haben Sie hinsichtlich des Zuschauerverhaltens? Sollen Zuschauer 24 Stunden lang an einem Stück gucken?
Sollen? Von mir aus können die Zuschauer gerne den ganzen Tag gucken, aber ich erwarte es nicht. Mir ist wichtig, dass die Zuschauer erst einmal neugierig gemacht werden und dann irgendwann am Tag anfangen, hereinzuschauen. Mein Traum wäre es, wenn sie dann wirklich hängen bleiben, eine halbe Stunde oder noch länger gucken. Und dass sie dann, wenn sie zwischendurch etwas anders gemacht haben, so neugierig geworden sind, dass sie wieder einschalten und schauen, wie es weiter geht. Das wäre die Idealform. So haben wir es uns vorgestellt. Das Programm hat auch einen multimedialen Charakter. Leute konnten sich selber mit eigenen Beiträgen beteiligen. Am Sendetag gibt es verschiedene Orte, wo man es öffentlich oder halböffentlich sehen kann. Ich träume auch davon, dass sich Zuschauer verabreden und sagen ‚heute machen wir mal einen 24 Berlin-Tag und gucken – nachmittags, abends oder in der Nacht - zusammen. Ich habe von solchen Initiativen gehört. Wir wünschen uns einen anderen Umgang mit dem Genre Fernsehen, auch dass es nicht zu einem reinen Oberflächen- und Begleitprogramm verkommt.

Weg vom Fernsehen als Nebenbeimedium?
Genau! Wir versuchen das Genre Fernsehen ganz ernst zu nehmen! Zurzeit sprechen wir über unsere Homepage 24 Berlin auch jüngere Leute an, um sie für die Teilnahme am Sendetag zu begeistern. Das rbb-Fernsehen und ARTE sind nicht gerade die Sender, die bei Menschen zwischen 20 und 30 der Renner sind. Wir wollen mit dem Projekt aber bewusst versuchen, auch ein neues Publikum jenseits der traditionellen Fernsehzuschauer zu finden. Deshalb haben wir das Projekt multimedial ausgelegt und wollen im Netz mit anderen Communitys kommunizieren. Das machen wir selber. Dafür haben wir dankenswerterweise eine kleine Standortförderung vom Medienboard Berlin-Brandenburg bekommen.

Haben Sie selber 24 Berlin schon an einem Stück gesehen?
Ich habe zwar schon alles gesehen, aber nicht an einem Stück. Es gibt nur 15 Leute – einschließlich der Redakteure von rbb und ARTE – die alles gesehen haben, aber niemanden, der es en bloc gesehen hat.

Volker Heise hat zum inhaltlichen Ergebnis etwas sehr Schönes gesagt: Es sei „eine menschliche Komödie geworden, die davon erzählt, wie die Menschen in Berlin auf die Welt kommen, wie sie diese Welt wieder verlassen und wie sie zwischen diesen beiden Ereignissen versuchen, ihr Glück zu finden“. Ist das auch aus Ihrer Sicht der rote Faden?
Wir haben nicht mit der Absicht gedreht, eine menschliche Komödie auf die Beine zu stellen, vielmehr ist uns das beim Drehen sozusagen „auf die Füße gefallen“. Das ist die Linie, die wir im Nachhinein in den verschiedenen Erzählsträngen über die verschiedenen Protagonisten erkannt haben. Deshalb sind wir dieser Linie in der Montage auch gefolgt. Wir wollten das ganze Leben abbilden - an einem Tag in einer so großen Stadt wie Berlin. Da wird mehrfach geboren und gestorben, da wird mehrfach geweint, gestritten, geliebt, Freude verströmt. Dass es auch durchaus manchmal komödiantische Aspekte hat, spricht ja nur für uns Menschen. Wir hatten vorher solche Protagonisten ausgesucht, von denen wir annahmen, dass sie einen typischen und gleichzeitig interessanten Alltag haben, über den sie erzählen können. Das Komödiantische in der Erzählung blitzte erst in der Verdichtung der Montage auf. Wir mussten häufig schmunzeln und mit den Protagonisten lachen. Das hatten wir so gar nicht erwartet. Es ergab sich, als wir uns beim Schnitt in der Postproduktion von den früh morgens gefilmten Passagen immer tiefer in den Tag hinein gearbeitet hatten. Erste amüsante Momente gab es schon morgens um sechs, weil da alle Protagonisten natürlich noch ziemlich „verpennt“ waren. Volker Heise hatte bald registriert, dass man sich an den Momenten weiterhangeln kann. Es hätte zwar auch zwei, drei andere Möglichkeiten für einen roten Faden gegeben. Aber wir wollten ja durchaus etwas Unterhaltsames machen.

Es sollte aber kein Film über Einzelschicksale von Menschen werden, sondern ein 24-Stunden-Porträt der Stadt Berlin…?
Die verschiedenen Menschen, die wir beobachtet haben, das sind rund 50 Biografien, die ergeben schon mal ein Bild von der Stadt. Gleichzeitig kommt die Stadt durch die verschiedenen Orte des Geschehens ins Bild. Dazu haben wir bewusst Kamerateams eingesetzt, die nur städtische Impressionen aufgenommen haben. Keine Protagonisten, keine Sujets, nur: Straßen, Gebäude und Stadtansichten. Diese Bilder wurden bei der Montage mit in den Erzählfluss eingearbeitet.

Subjektiv und objektiv: Es ist wohl kaum möglich, ein Porträt von Berlin zu machen, so dass jeder Mensch hinterher sagt: ‚Ja, genauso habe auch ich Berlin erlebt’?
Nein, das kann man sicher nicht. Unser Ziel war auch nicht, ein allgemeingültiges Bild von Berlin abzuliefern. Ziel war es, ein Dokument zu schaffen, das möglichst viele Facetten eines Tages der Metropole Berlin abbildet. Dass dabei immer auch die subjektiven Blicke der Regisseure einfließen, war ja gewollt. Wir hatten aber immerhin 80 verschiedene Blicke, Walter Ruttmann hatte mit „Berlin: Sinfonie einer Großstadt“ vor 80 Jahren sein subjektives Porträt geschaffen. Unser Ergebnis ist ein sehr offenes Porträt.

Sender strukturieren und programmieren heute den Sendetag sehr genau, wobei die wichtigste Zeit die „Prime-Time“ ist. Haben Sie Raster für den Ablauf des Programms gehabt? Haben rbb und ARTE Vorgaben für den Programmablauf gemacht?
Als wir mit unserer Idee zu den Sendern gingen, war klar, dass es keinen Sendeplatz für ein 24-Stunden-Programm gibt. Aber beide Sender sind schnell neugierig geworden: Was ist denn das? Es hat nicht lange gedauert, sie zu überzeugen. Die große Frage war, wie man mit einem Thema ein interessantes Programm über den ganzen Tag machen kann. 24 Berlin ist ja nicht zu vergleichen mit dem schläfrigen Blick in ein Aquarium oder auf Bahnstrecken. Es war unsere Aufgabe, ein facettenreiches mit vielen Makro- und Mikrodramaturgien bespicktes Programm zu entwickeln …

Sie hätte ja auch sagen können, wir integrieren in jeder vollen Stunde eine aktuelle Nachrichtensendung…?
Nein. Es war von Anfang an mit den Sendern verabredet, einen ganzen Tag im Leben der Stadt Berlin komplett dokumentarisch abzubilden, - ohne übliche Fernsehunterbrechungen! Es ist dem rbb hoch anzurechnen, am Sendetag zum ersten Mal auf die noch nie ausgesetzte „Abendschau“ im Sendeschema zu verzichten. Wir haben uns strikt an unser Konzept gehalten, alles das, was wir im letzten Jahr am 5. September beispielsweise um 10 Uhr gedreht haben, am Sendetag zur gleichen Zeit - plus minus zehn Minuten - auch zu zeigen. Von dieser authentischen Koordinate sind wir nicht abgewichen. Und deshalb haben wir auch nicht danach gefragt, was speziell für die „Prime Time“ interessant sein könnte. Allerdings haben wir mit der Hilfe der Montage die Tagesstrecken morgens, mittags, abends verschieden bearbeitet und für einen entsprechenden unterschiedlichen Rhythmus gesorgt.

Was ist die Botschaft an den Zuschauer, warum soll er 24 Berlin gucken?
Was hat man davon, wenn man Fernsehen guckt? Es ist eine Mischung aus Unterhaltung, Erkenntnisgewinn, man lernt vielleicht etwas. Die Nachrichten informieren, der Krimi unterhält und die Wissenschafts-Doku belehrt im besten Fall. Auch wenn unsere optimale Vorstellung ist, dass wir durch PR und Marketing ein möglichst großes Publikum neugierig machen wollen, müssen wir dennoch die Kirche im Dorf lassen. Wir bieten kein Endspiel einer Fußball-Weltmeisterschaft. Wir bieten ein neuartiges Fernsehprogramm am Samstag, ein Programm über das Leben in einer Großstadt. Das ist in gewisser Weise für Menschen, die in Berlin wohnen auch ein Spiegel für sie selbst: Da bin nicht nur ich, sondern es gibt noch viele andere, die ihren Zielen jeden Tag hinterherlaufen. Und normalerweise hat man keine Gelegenheiten in diese anderen Welten zu schauen.

Etwas herausfinden
Stichwort „Parallelwelten“?
Das war von Anfang immer ein wesentlicher Aspekt des Projekts: Wir wollten auch etwas herausfinden. Wir leben selber in dieser Stadt, und wir kennen die Parallelwelten auch nicht. Ein dokumentarisches Format ist für die Macher auch immer ein Suchen nach etwas…

Was haben Sie gefunden?
Eine extrem komplexe in Parallelwelten geordnete Art von „Maschinerie“, die funktioniert. Man dreht den Wasserhahn auf, es funktioniert. Man knipst das Licht an, es funktioniert. Und alles funktioniert erstaunlich friedlich. Wenn man von ganz weit draußen auf die Stadt guckt, ist es wie ein kleines Wunder: So viele Menschen leben an einem gedrängten Ort zusammen. Jeder findet seinen Weg, jeder hat irgendeine tägliche Beschäftigung. Jeder richtet sich ein in seinem Alltag. Das ist an sich schon ein Phänomen.

Aber Sie haben keine super neuen Erkenntnisse gewonnen?
Doch. Wir haben einige Resümees. Die möchte ich aber nicht vorwegnehmen, weil der Zuschauer seine eigenen herausfinden soll…

Ein Beispiel wenigstens?
Man merkt zum Beispiel, dass Berlin eine sehr arme Stadt ist, in aller Deutlichkeit. Es wird immer wieder gesagt, dass hier jedes dritte Kind an der Armutsgrenze lebt. Man denkt, das kann doch gar nicht sein, ich sehe es nicht. Aber wenn man sich das Material anguckt, bekommt man eine Idee, dass es stimmen könnte, dass es wohl so ist.

„Arm aber sexy?“ – wie mal Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Woworeit sagte, der ja auch zu den Protagonisten von 24 Berlin gehört?

Das stimmt sicherlich auch. Berlin ist Hauptstadt des Nachtlebens, ist Hauptstadt für viele Randgruppen. Klaus Wowereit hat sicher mit dieser Aussage nicht ganz daneben gelegen. Es war aber nicht unser Ziel, das zu belegen.

Wie würden Sie denn nun 24 Berlin in das Zero One Film-Portfolio einordnen, etwas ganz extraordinäres, etwas exzeptionelles…?
Es ist von der Größenordnung etwas Extraordinäres. Es passt gleichzeitig genau zu der Linie, die wir seit vielen Jahren verfolgen, neue Türen oder neue Fenster aufzustoßen, um etwas auszuprobieren. Neue Fernsehformate zu entwickeln, sie weiter zu treiben. „Schwarzwaldhaus“ oder „Gutshaus“ für den Vorabend der ARD waren auch Formate, die in der deutschen Fernsehlandschaft neue Türen aufgestoßen haben. Das macht uns viel Spaß, weil wir der Meinung sind, dass man nach wie vor im Fernsehen viel experimentieren kann und es auch tun sollte. Es gibt genug Nischen dafür, die man nutzen kann. Denn die Sendervielfalt ist in Deutschland sehr groß, so dass man auch die Möglichkeiten hat, einmal ein ganz neues Programm zu wagen.

Sie hatten ein Budget in Höhe von 2,8 Millionen Euro für das gesamte Projekt. War das nicht ein bisschen wenig, wenn man bedenkt, dass Sie es logistisch mit einem Mammutmaterial von 750 Stunden zu tun hatten?
Natürlich hört sich die Summe von 2,8 Millionen Euro für 24-Stunden-Fernsehprogramm erst einmal nach nicht viel an, wenn man vergleicht, dass ein 90-minüter Tatort etwa 1,2 oder 1,3 Millionen kostet. Man kann es aber nicht vergleichen. Es sind auch zwei kleinere Sender, die es finanzieren. Und für sie war es schon eine große finanzielle Anstrengung, obwohl es zusätzliche Finanziers gab und uns die regionale Filmförderung, das Medienboard Berlin-Brandenburg, mit rund einem Viertel des Budgets unterstützt hat. Wir haben auch noch Geld vom Hauptstadtkulturfonds bekommen, so dass wir die Finanzierung so gerade mit Ach und Krach auf die Beine stellen konnten.

Alle Teams haben Geld gekriegt?
Ja. Hier hat keiner umsonst gearbeitet.

Das Equipment von Sony war umsonst?
Nein. Das Technik-Sponsoring von Sony war ganz wichtig für das Projekt, schon alleine, weil es ermöglichte, dass wir die HDTV-Kameras für 80 Teams an einem einzigen Tag zur Verfügung hatten. Wir haben die Kameras zu einem günstigeren Preis mieten können. Das Gesamtprojekt jedoch bleibt aus ökonomischer Sicht für uns ein großes Risiko.

Aber – platt gefragt – wenigstens ein leckeres Eis konnten Sie sich von dem, was für Sie übrig blieb, leisten?
Das ja - aber die Firma und ich selbst haben in dieses Projekt ausschließlich investiert.

Werden da nicht noch Einnahmen über den Weltvertrieb kommen? So viel Material - wem gehört das denn jetzt?
Im Prinzip könnte man ja aus dem Material von 80 Teams auch 80 Filme herstellen, - zumal das Material in bester HD-Qualität schon digital vorliegt…?

Grundsätzlich gehört das Material den an der Co-Produktion beteiligten Partnern. Es gibt einige wenige, sieben oder acht Regisseure, die uns ihre Themen selber vorgeschlagen haben und selber recherchiert haben. Mit denen haben wir verabredet, dass sie aus dem von ihnen eingefangenen Material auch etwas Eigenes machen können. Romuald Karmarkar hat bereits einen eigenen Film daraus gemacht, der wird in Venedig auf dem diesjährigen Internationalen Filmfestival gezeigt. Ansonsten habe ich noch nicht gehört, dass andere etwas aus ihrem Material gemacht hätten. Der rbb hat sich die Möglichkeit gesichert, mit Teilen des Materials in der Zukunft noch Filme in einem anderen Zusammenhang zu machen. Das müsste dann aber auch mit uns abgesprochen werden. Es gibt ganz konkrete Regelungen, die den Rahmen unseres Gesprächs sprengen würden. Da steht ein ganz detailliertes Vertragswerk hinter. Der rbb wird vermutlich in den Wochen nach dem 24-stündigen Sendetag etwas aus dem Block nehmen und es stundenweise senden.

Da hat der arme Sender jetzt aber mal von einer innovativen Produktion einen guten Profit gemacht?
Ob das ein Profit ist, kann ich nicht beurteilen, denn der rbb hat sich mit der eingebrachten Beteiligung schon sehr gestreckt. Aber der entstandene Gegenwert ist sicher nicht schlecht. Der rbb hat sich umfangreiche Wiederholungsrechte und den Zugriff auf das nicht verwendete Material gesichert. Und damit natürlich ein hochattraktives Archiv mitfinanziert.

Und auch das Archiv der Deutschen Kinemathek wird profitieren?
Das gesamte Material, nicht nur die 24 Stunden vom Sendetag, sondern die insgesamt 750 Stunden, die gehen in die Deutsche Kinemathek und werden dort als Dokument aufbewahrt. Nicht nur konservatorisch, sondern im Sinne eines kulturhistorischen Anspruchs, den das Fernsehmuseum ja hat, wird das Material dort demnächst aufbereitet werden.

Multimedia-Projekt: Vor einem Jahr kam der Begriff „Consumer Generated Content“ gerade ganz groß in Mode. Aber ganz so rege haben sich Amateure doch nicht beteiligt?
Letztlich waren wir aber mit dem, was uns zugeschickt wurde, zufrieden. Wir haben genügend gutes Material, das wir auch zu jeder vollen Stunde im 24-Stunden-Programm einblenden.

Außerdem wird Zero One Film aus dem Material auch noch einen Kinofilm kreieren?
Nein. Es ist uns nicht gelungen, dafür Geld zu generieren. Schade. Aber das hat mit dem Filmförderungsgesetz zu tun. Danach können nur Kinofilme gefördert werden, wenn sie 18 Monate vor der Fernsehaufführung im Kino uraufgeführt werden. Und es gibt keine Ausnahmeregeln im FGG, die zum Beispiel für „Experimente“ anwendbar wären. Wir machen jetzt aber noch eine 90-minütige Fernsehfassung. Die war immer geplant und in der Finanzierung eingeschlossen. Daran arbeiten wir noch. Das Ergebnis wird am Ende wenig mit dem 24-Stunden-Programm zu tun haben, auch vom Aussagegehalt. Es wird eine Fassung, die auch für das Ausland attraktiv sein wird, weil sie ein heutiges zeitgenössisches Bild dieser Stadt zeigen wird.

Das Konzept dahinter?
Es geht darum, zum Jahrestag des Mauerfalls Anfang November einen modernen Film über Berlin zu machen. Eine Alternative zu nostalgischen Filmen mit mittlerweile sehr strapaziertem älteren Archivmaterial. Wir wollen zeigen, wie die Stadt 20 Jahre später tickt. Das war ja auch der eigentliche Anlass und Hintergrund, das Projekt 24 Berlin anzugehen.

Welches Echo gab es bislang international?
Die Leute sind alle extrem neugierig und finden die Idee wunderbar. Viele hatten aber natürlich Schwierigkeiten, sich die ganzen 24 Stunden vorzustellen. Deshalb war es etwas schwierig, Sender davon zu überzeugen, in das Projekt mit einer Ausstrahlung am Sendetag einzusteigen. Wir konnten erst ab Mai irgendetwas zeigen, von dem wir sagen konnten, so in etwa wird das Programm aussehen…

Was war da die größte Schwierigkeit?
Es hat immer mal wieder eine Verzögerung logistischer Art gegeben, in der Regel aber nichts Außergewöhnliches, was uns zurückgeworfen hätte. Aber für die Postproduktion haben wir dann doch länger gebraucht als ursprünglich gedacht…

Technische Probleme – vor allem mit der nagelneuen HDTV-Technologie?
Technische Probleme waren dank des Supports von Sony und dem technischen Dienstleister BPM relativ schnell zu beheben. Die Verzögerung hing mehr mit ästhetischen und inhaltlichen Fragen zusammen. Es war eine Produktion, die man so noch nie gemacht hat, die kein Vorbild hatte. Wir mussten mehr Versuche als geplant unternehmen, um den richtigen Sound und die richtige Textur für die Montage zu finden: Die Stimmen der Erzähler, die gesamte Konfektionierung mit einem extra dafür kreierten On-Air-Design, und nicht zuletzt die Übersetzung in andere Sprachen, für volle 24 Stunden.

In Berlin wird die Ausstrahlung des 24-stündigen Programms am Sendetag vermutlich zu einem großen Event. Wird man es gleichzeitig auch in anderen Ländern sehen können?
Ich werte es als Erfolg, dass das 24-stündige Programm am 5. September immerhin durch rbb und ARTE in ganz Deutschland und Frankreich, durch YLE Teema in Finnland und VPRO in den Niederlanden ausgestrahlt wird. Und das en bloc. Daneben wird es von einer amerikanischen Website – mit englischer Untertitelung in bester HD-Qualität – live gestreamt und von rbb und ARTE mit deutscher und französischer Untertitelung. Man kann das Programm am 5. September also weltweit sehen, außer vielleicht in Nordkorea und Birma. Im Anschluss an den Sendetag wird man noch sieben Tage lang das ganze Programm auf der Website von ARTE sehen können.

Mit HD ein besonderes Ergebnis
Vor einem Jahr noch war es sehr spektakulär, dass Sie gewagt hatten, ein logistisch so aufwändiges Projekt gleich auch noch in HD-Qualität bandlos zu realisieren. Haben Sie es jemals bereut?
Es war schon etwas Besonderes, in dieser Größenordnung mit HDTV zu arbeiten. Und es wäre auch heute noch besonders. Nach wie vor werden immer noch nicht alle Produktionen in HD gedreht. Ich bin heilfroh, dass wir uns damals dafür entschieden haben. Wir wollten auch technisch up-to-date sein und nicht etwas machen, wo wir hinterher sagen müssten, das hätten wir auf einem besseren Format realisieren müssen - in einem Projekt, wo so viel Kraft und Energie steckt!

Haben Sie jetzt – salopp gesagt – die Nase voll von 24h Berlin und schon was Neues im Auge?
Wir haben in den vergangenen zwei, drei Jahren nicht nur das 24 Berlin-Projekt gemacht. Parallel dazu – das war für mich der Spagat – liefen die anderen Projekte. Wir haben im Moment zehn Kinodokumentarfilme in der Pipeline - neben unseren Fernsehprojekten. Jetzt sind wir dabei, die Kampagne für den Event von 24 Berlin für den 5. September mit Hilfe der Kommunikationsagentur Triad hochzufahren. Wir werden an verschiedenen Orten in der Stadt mit großen Screenings präsent sein. Am Technikmuseum findet der Hauptevent statt. Man kann in die Gedächtniskirche gehen, in die CO-Galerie oder beispielsweise zum Sony-Center. Auch die Media-Märkte wollen an dem Tag das TV-Programm auf ihren Fernsehbildschirmen auf 24h Berlin umstellen. Es wird in Restaurants und in Kneipen gezeigt. Das alles zu vernetzen, macht eine Menge Arbeit. Es macht gleichzeitig Spaß. Das Produkt – gut und schön, es war auch anstrengend. Jetzt ist es wichtig, es auch unter die Leute zu bringen. Damit es eine Resonanz erfährt. Der Vertrieb eines Produktes, das man gemacht hat, ist mindestens ein Drittel der Arbeit. Und da stecken wir zurzeit mittendrin.

Sie arbeiten ausschließlich für öffentlich-rechtliche Sender?
Ich versperre mich nicht den privaten Sendern, bislang ist es aber noch nicht zu einer Zusammenarbeit gekommen.

An dem Projekt 24 Berlin waren eine Reihe namhafter Dokumentarfilmregisseure aus Berlin beteiligt wie auch neue Talente. Hat es der Branche in Berlin etwas Neues gegeben, sie zum Beispiel zusammengeschweißt?
Ich hatte den Eindruck, dass da schon ein Wir-Gefühl am Drehtag entstanden war. Was schon etwas Besonderes ist, weil es in der Dokumentar- wie in der Filmszene viel Konkurrenz gibt. Das war bei 24 Berlin einmal eine ganz andere Erfahrung, Mich hat es sehr gefreut, dass es so passiert ist. Ob darüber hinaus noch andere Effekte entstehen, kann ich nicht vorhersagen. Wir waren bei einem Screening vor drei Wochen noch einmal alle zusammen. Da hatte ich den Eindruck, dass alle sehr zufrieden waren mit dem, was wir aus dem Material gemacht haben. Wir hatten kein sinnstiftendes Projekt für unsere Branche vor. Es ging schlicht darum, etwas Neues zu probieren. Nebenbei ist dann – zumal bei älteren Semestern unter den Regisseuren, die noch aus der klassischen Autorenschule kommen – die neue Erfahrung der Arbeit im Team entstanden. Gerade für sie war es neu, ihr Material aus der Hand zu geben und andere etwas daraus machen zu lassen. Wir hatten um dieses Vertrauen geworben, um ein möglichst facettenreiches Programm gestalten zu können. Und es ist angenommen worden. (MB 9/09)

Erika Butzek

Zurück


Ähnliche Artikel