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Rekordjagd im Live-TV

Rekordjagd im Live-TV

Der Berlin Marathon, der jedes Jahr am letzten September-Wochenende stattfindet, ist das größte Sportevent der Stadt. Er zählt zu den sechs Läufen der World Marathon Majors. Als einziger deutscher Marathon wird er weltweit live im Fernsehen übertragen. Das Weltbild wurde zum vierten Mal von der Infront Sports & Media-Tochter Host Broadcast Services (HBS) produziert. Die technische Umsetzung erledigt dabei, wie schon in den Vorjahren, die Kölner best boys tv-factory als Generaldienstleister.

Der Berlin Marathon gilt als schnellstes Marathon-Rennen weltweit. Hier gehen die Top-Athleten des Sports regelmäßig auf Rekordjagd. Seit 2003 wurden in Berlin alle offiziellen Weltrekorde aufgestellt. Der letzte 2014 von dem Kenianer Dennis Kimetto, der eine Zeit von 2:02:57 lief. In diesem Jahr verfehlte der Sieger Kenenisa Bekele aus Äthiopien den Weltrekord um nur sechs Sekunden. Seine Zeit: 2:03:03.

Auch die Zahl der 41.000 Starter beim 43. Berlin Marathon bestätigte erneut die hohe Attraktivität des Rennens, das neben Tokio, Boston, London, Chicago und New York City zu den „Big Six“ der World Marathon Majors gehört. Die weltweiten Vermarktungsrechte an diesen Rennen hält Infront Sports & Media aus Zug in der Schweiz. 

Die deutschen Übertragungsrechte liegen seit 2013 für die ARD beim Rundfunk Berlin Brandenburg (rbb). Kurz vor dem Marathon 2016 gaben der Berlin Marathon-Veranstalter, der Sportclub Charlottenburg (SCC), Infront und SportA, Sportrechteagentur von ARD und ZDF, bekannt, dass der rbb-Vertrag zur Übertragung des Events um weitere vier Jahre bis einschließlich 2020 verlängert wird. 

Für die TV-Produktion des Weltbildes des Berlin Marathons zeichnet das Infront-Tochterunternehmen Host Broadcast Services (HBS) verantwortlich. International wird das Weltbild in über 150 Territorien übertragen. 

In Berlin kümmerte sich HBS schwerpunktmäßig um Redaktion, Regie, die Generierung von Second Screen- und Social Media-Inhalte sowie um die Distribution der Bilder. Als Generaldienstleister für die Produktion der Bilder hatte man sich wieder die best boys tv-factory aus Köln an Bord geholt. Die Regie führte Marcus Olschewski. Verantwortlicher Produzent des Weltbilds war Julien Bertin von HBS.

„HBS beauftragt uns als Generaldienstleister für das Weltbild, also die Erstellung der Livebilder des Events. Die für die Produktion notwendigen diversen Dienstleister nehmen wir unter Vertrag, und wir planen und koordinieren die Produktion mit all ihren Schnittstellen“, erklärt best boys Geschäftsführer René Alles. Diese Dienstleister sind NEP Germany, von denen best boys in diesem Jahr zum 3. Mal den Ü-Wagen HD 6 als ‚dry-hire‘ mietete und mit einer eigenen Crew bestückte, ebenfalls wieder dabei war die zum belgischen Videohouse Media Facilities gehörende EuroLinX, Media Broadcast für die Außenstellen und Sendeleitung sowie Klaus Stuhl mit HD Skycam. An der Produktion waren rund 80 best boys- und 30 HBS-Mitarbeiter beteiligt. Der rbb produzierte mit circa 180 Mitarbeitern für das Erste und die Dritten Programme der ARD mit eigenen Kameras zusätzliche Marathon-Bilder. Der Sender war mit einem eigenen, vom WDR geliehenen Ü-Wagen (FÜ 4) vor Ort und bespielte zudem fünf Großdisplays entlang der Strecke.

 

Cloud-Plattform Scoopa

Neben der Live-Übertragung des Rennens selbst bietet HBS seinen Partnern auch Content wie Trailer, Athletenvorstellungen, Clips, Second Screen-Material sowie nach dem Rennen News und Highlights an. Diese Beiträge wurden den Sendern zentral und filebasiert in der neuen Cloud-Plattform Scoopa zugänglich gemacht. Scoopa ist für eine schnelle und kosteneffiziente Distribution von großen Videodateien vom Start-up best boys media-lab entwickelt worden. „Wir stehen bei all den Sportevents, die wir produzieren, vor der Herausforderung, neben den Livebildern auch die Nachberichterstattung schnell, unkompliziert und kostengünstig für die Medienpartner zu ermöglichen. Zumal heute neben den TV-Stationen auch Online-Portale für die Reichweite immer wichtiger werden“, erklärte René Alles. 

Neu im Arsenal der bei der Marathon-Produktion eingesetzten 24 Kameras war unter anderem die RocketCam von Professional Motion Technology (PMT). Die RocketCam war an zwei 14 Meter hohen Masten befestigt und direkt vor dem Ziel auf 200 Meter quer über die Strecke gespannt, von wo sie ‚fliegend‘ die Läufer beim Zieleinlauf begleitete. Der Remotehead ist Drei-Achsen stabilisiert was auch bei hohen Geschwindigkeiten (bis zu 10m/s) für ruhige Aufnahmen der Sony-P1-Kamera sorgt. Ebenfalls neu waren zwei 4G-fähige LiveU-Systeme, deren Bilder ausschließlich für einen zusätzlichen, fünf-stündigen Live-Stream genutzt wurden, der unter dem Stichwort Atmofeed der ARD zur Verfügung gestellt und auf dem YouTube-Kanal des SCC gestreamt wurde. „Das Weltbild folgt nur dem Spitzensport, aber es gibt dennoch 24 Kameras, bei denen parallel ständig irgendwas passiert. Und das wollte HBS zugänglich machen“, erklärt René Alles die Motivation für den Live-Stream. „Da stehen Bands an der Strecke, verrückte Läufer kommen vorbei, die sich verkleidet haben, es gibt Action und Leben entlang der Strecke und Interaktion zwischen Publikum und Sportler. Die Berliner zelebrieren ihren Marathon und der rbb versucht dies nach Ende des Weltbilds in seiner weiteren Berichterstattung auch einzufangen, aber insgesamt geht diese Atmosphäre doch unter.“ Um sie dennoch erfahrbar zu machen, wurde ein EVS-Konzept erstellt und daraus ein eigener Feed abseits des Spitzensports. Dafür wurden die besten und schönsten Bilder aller Weltbild-Kameras verwendet. Zusätzlich waren die beiden LiveU-Einheiten mit Kameraleuten auf BMW-e-Motorrollern unterwegs, die entlang der Strecke gezielt die verschiedensten Aufnahmen gemacht haben. Für den Stream musste das Bild nicht immer live sein, es konnte auch nachgeschoben werden. „Die Idee von HBS war, zusätzliche Inhalte anzubieten, die nicht viel kosten, aber viele Leute ansprechen. Und außerdem kann man hier auch sehr schön kuriose Sachen mit rein bringen – und die gibt es reichlich“, so René Alles. In gewisser Weise  war das Atmofeed ein Testlauf. „Aber ich glaube, dass dieses Angebot in Zukunft – zumindest für Berlin – zur Marathonübertragung dazu gehören wird, um denen etwas zu bieten, die mehr an dem Event an sich, als am Spitzensport interessiert sind“, lautet das Fazit von René Alles.

 

Cineflex am Boden und in der Luft

Von HD Skycam waren beim 43. Berlin Marathon erneut zwei Cineflex-Systeme im Einsatz: eine Nose-Mount-Cineflex-Kamera mit 40-fach-Zoom von Canon für den Hubschrauber von Sky Heli sowie eine V14 HD für den Speedlifter, der an einen VW-Bus montiert war, in dem sich auch die Technik befand und der in diesem Jahr bereits zum sechsten Mal vor der Spitzengruppe der Läufer her fuhr. Von EuroLinX kam das Paket für sämtliche Drahtloskameras. Dazu gehörten drei drahtlose Handkameras sowie eine weitere Kamera auf einer Steadycam im Startbereich. Später im Zielbereich wurde dieses System zudem auf einem Segway als mitfahrende Kamera eingesetzt. Die drahtlosen Kameras im Start und Zielbereich – das ist die Strecke zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule – wurden von mehreren Diversity-Antennen entlang dieser Strecke empfangen. Damit wurde eine unterbrechungsfreie Übertragung sichergestellt. Von den Antennen wurden die Signale dann per Glasfaser in den Ü-Wagen geleitet. 

 

KameraMotorräder und RF-Relaisstation 

Nachdem die letzten Starter die Startlinie überquert hatten, wurde ein Teil der Kameratechnik in den wenige hundert Meter östlich gelegenen Zielbereich gebracht, bevor rund eine Stunde später die Spitzengruppen das Ziel durchliefen. Neben dem Speedlifter und dem Hubschrauber begleiten vier Kameramotorräder das Läuferfeld auf der Strecke. Sie wurden speziell als Übertragungsmotorräder gebaut und sind ein integriertes System aus Motorrad, LDK8000 Kameras von Grass Valley, LINK L1500 Transmitter und LINK L2194-Empfänger für die Funkstrecke. 

Die Motoren sind Spezialanfertigungen. Sie erlauben niedertouriges Fahren und produzieren in ihren Lichtmaschinen genügend Strom, um die Kamera- und Übertragungstechnik zu versorgen. Das Reporter-Motorrad des rbb lief ebenfalls komplett über die Infrastruktur von best boys und stammte von EuroLinX. Im Grunde besteht es aus zwei Motorrädern. Auf dem einen fuhr der Reporter mit, in diesem Fall Jens-Jörg Rieck, auf dem anderen die Kamera, die Rieck bei seinen Berichten ins Bild nahm. Zwischen den Motorrädern bestand eine Tonstrecke. Ton und Bild wurden als Einheit vom Kameramotorrad übertragen. 

Die Funksignale der Motorräder, dem Hubschrauber und dem Speedlifter mit der Cineflex wurden zum EuroLinX-eigenen zweimotorigen Flugzeug gesandt, das als Relaisstation für alle Signale vom Boden und zum Boden diente und in 8.500 Meter Höhe über der Strecke flog. Das Flugzeug ist mit einer Druckkabine ausgestattet und funktioniert im Prinzip wie ein Transportflugzeug. Bis auf 19 Zoll-Gestelle, in denen die Empfänger und Sender hängen, ist es komplett leer. Unter dem Flugzeug waren neun Tracking-Antennen angebracht, eine für jede Kamera. Mit Hilfe von GPS-Lokalisation richteten sie sich automatisch auf ihre Kameras aus. Die Flugzeugpiloten konnten so deren Positionen gut verfolgen und in der Nähe bleiben. „Mit der von uns genutzten Modulationstechnologie erreichen wir ein robustes und stabiles Signal mit kurzer Latenz und hoher Qualität“, sagte Bruno Coudyzer von EuroLinX. Vom Flugzeug aus wurden die Signale als gemuxte Signale an den Ü-Wagen gesandt, wo sie von zwei Parabolantennen empfangen wurden, die sich automatisch nach dem Flugzeug ausrichteten.

Für die Übertragung ist das Flugzeug als Relais essentiell. Hubschrauber wären zwar günstiger, jedoch sendetechnisch nicht so sicher. Einerseits funktioniert die Signalübertragung umso sicherer, je höher das Relais ist, und Flugzeuge können höher steigen, anderseits kann ein Hubschrauber nicht sechs Stunden lang in der Luft bleiben, doch solange dauert die gesamte Übertragung des Marathons. Hinzu kommt, dass zwei Motoren mehr Sicherheit bieten, weil man auch mit einem Motor fliegen und sicher landen kann. Und im Gegensatz zum Hubschrauber, der am Boden bleibt, wenn die Bedingungen für Luftaufnahmen nicht stimmen, kann ein Flugzeug bei nahezu jedem Wetter fliegen. Nur die Schließung des Flughafens könnte den Betrieb dann noch be- oder verhindern. In Berlin gelten spezielle Bedingungen für Fluggeräte, die über dem Regierungsviertel, das im Flugbeschränkungsgebiet ED-R 146 liegt, fliegen wollen. Sie müssen vorab zu einer Abnahme auf den Flughafen Schönefeld, von wo sie dann auch starten müssen. Einen Ausweichflughafen gibt es daher nicht. Dennoch blieb der Hubschrauber beim 43. Berlin Marathon während der kompletten Übertragungszeit dabei. Allerdings flog er nach dem Zieleinlauf der Spitzengruppe zum Auftanken, um anschließend für die Übertragung des rbb in seinem 3. Programm weiter Bilder zu liefern.

 

Kabelgebundene Kameras

Auch stationäre Kameras kamen beim Berlin Marathon zum Einsatz. Von den Grass Valley LDX 86-Kameras des HD6 war eine oben auf der Siegessäule mit Blick auf das Brandenburger Tor angebracht, von wo man einen guten Blick auf das Starter-Feld hat. Die Kamera war über eine circa 1,7 Kilometer lange Strecke per SMPTE-Glasfaser an den TV-Compound angebunden. Weitere kabelgebundene LDX 86 gab es im Start- und Zielbereich.

Auch die vier ‚Außenstellen‘ an der Moltkebrücke, dem Strausberger Platz, am Wilden Eber und am Kurfürstendamm, waren via Glasfaserkabel mit dem TV-Compound verbunden. Die Kabel wurden jedoch nicht extra verlegt – das wäre praktisch kaum möglich gewesen – sondern von MEDIA BROADCAST, die die Standorte betreute, über das frei skalierbare Berliner Dark Fibre-Netz mit dem Ü-Wagen verbunden. Dieses Netz mit festinstallierter Infrastruktu gehört der britischen Firma euNetworks. Sie betreibt Netze in 13 europäischen Städten, davon sieben in Deutschland. 

Die vier Standorte entsprachen dem Wunsch des SCC, der sie im Weltbild herausstellen wollte. Damit die Bilder von diesen Standorten nahtlos in das Weltbild eingefügt werden konnten, entschied man sich sie mit Glasfaser anzubinden und nicht via SNG und Satellit wie es der rbb für seine zusätzlichen Bilder macht, die er an seinen eigenen Außenstellen generiert. 

„Noch einen Satellit mit reinzunehmen, heißt, dass man zu viele unterschiedliche Latenzen hat“, sagt René Alles. „Das ist einfach saublöd, wenn der Läufer gerade noch durch das Tor für die Zwischenzeit gelaufen ist und sich nach dem Schnitt wieder davor befindet. Für uns waren die Kameras wie Ü-Wagen-Kameras, wir haben sie wie bei einer Remote-Produktion eingesetzt.“ Zudem ist man so auch von der drahtlosen Übertragung komplett unabhängig, wodurch die Kameras zugleich als Backup dienen, falls es doch ein Problem mit den mobilen Kameras geben sollte. Der Aufbau der Übertragungstechnik hatte von Mittwochnachmittag bis Freitagabend gedauert. Das Inliner-Rennen am Samstag wurde als Generalprobe produziert – aber auch für die Social Media- und Second Screen-Kanäle. Es wird mit dem kompletten Setup geprobt – die gesamte Technik befand sich auf der Strecke: auch der Helikopter, die Motorräder und der Speed-Lifter. Die Generalprobe ist neben der Kameraarbeit zusätzlich dafür da die Audio- und Kommunikationswege zu prüfen. „Denn nicht die Kameras sind bei Produktionen dieser Größenordnung die Herausforderung“, erklärt René Alles. „sondern, dass überall der richtige Ton zum Bild raus kommt und dass die Kommunikationswege aller Beteiligten richtig verschaltet sind.“ 

 

Interkom über Smartphone-App

TV-seitig lief die Kommunikation über Motorola-Funkgeräte die über mehrere ComLink Units an das Intercomsystem angebunden waren. Ein digitales Repeatersystem war mit dem Internet verbunden und diente hier, neben der Erweiterung von Funktion und Reichweite der Funkgeräte, insbesondere als Schnittstelle zum Waveserver in Köln. Der von kölnton betriebene Server ermöglichte es auf den Mobiltelefonen eine App zu nutzen, die ein vollwertiges Funkgerät emuliert. Damit konnten auch entfernte Aufnahmeleiter in den Außenstellen erreicht werden, da sich die Reichweite der Kommunikation auf die Abdeckung des gesamten Mobilfunknetzes, also nahezu weltweit, erweiterte. Die App ermöglicht Gruppen- und Einzelrufe, Kurznachrichten und, sofern GPS freigegeben, auch die Darstellung anderer, in die Kommunikation eingebundener Smartphones, in Google maps. 

Der TV-Compound selbst war mit einer symmetrischen 100-MB-Leitung angebunden. Darüber wurde auch der gesamte LiveU-Content empfangen, raus gingen der Live-Stream und die Uploads auf die Scoopa-Plattform und parallel dazu der Funkverkehr. Einige Versuche mit LiveU-Einheiten bei großen Events mit vielen Zuschauern hatten in der Vergangenheit Probleme. „Dieses Jahr hat das aber 1a funktioniert“, erzählt René Alles ehrlich begeistert, denn es gab keine reservierte Bandbreite für die Produktion. „Und das bei einem Event, wo Zehntausende an der Straße stehen und Fotos und Selfies und Streams machen und sie hochladen. Ich weiß nicht, ob der Netzausbau fortgeschritten ist, aber bei uns ist immer genug angekommen.“ LiveU setzt auf ein Bundle verschiedener LTE-Anbieter. Ob und wie gut internetbasierte Dienste in Menschenansammlungen funktionieren, ist immer ein Vabanquespiel. Darum wird die Weltbild-Übertragung in absehbarer Zeit nicht auf LiveU oder ähnliche Technik bauen. Für zusätzliche Angebote wie das Atmofeed oder unilaterale Anreicherungen ist das aber eine echte Alternative. Zumal der zur Verfügung stehende Frequenzbereich in Berlin bei jeder Großveranstaltung mehr und mehr ausgeschöpft wird.         

Thomas Steiger

MB 4/2016

© SCC Events Berlin Marathon

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