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Second Screen spielt mit

Second Screen spielt mit

Mit einem erfolgreichen Restart hat sich die Rateshow „Quizduell“ im Ersten auf dem Bildschirm zurückgemeldet. Die erste interaktive Rateshow im Fernsehen, bei der die Zuschauer über Second Screen mitspielen und auch gewinnen können, ist auf einem sehr guten Weg, einen festen Platz im Vorabendprogramm der ARD einzunehmen. Die Pannenserie aus der ersten Staffel im vergangenen Frühjahr ist erfolgreich überwunden, nachdem die ARD und der Produzent, die Kölner ITV Studios Germany GmbH, für die App und das Cloud Backend das System gewechselt haben.

Die Fusion aus IP-Technologie und filebasierter Broadcast-Technik läutet jetzt nicht gleich die Zeitenwende fürs Fernsehen ein, doch die von den Produktionsfirmen ITV Studios Germany und der Herr P. GmbH aus Hamburg für das Erste produzierte Liveshow, die im A1 Studio von Studio Hamburg entsteht, beweist auf eindrucksvolle Weise, dass auch ein öffentlich-rechtlicher Sender (federführender Sender ist der NDR) innovative Impulse zu setzen vermag, die das Fernsehen weiter entwickeln.

Moderator Jörg Pilawa, der die Pannen der ersten Staffel im Frühjahr mit großer Schlagfertigkeit und Souveränität meisterte, gab sich zum Start am 2. Februar betont lässig und selbstbewusst. In einer letzten Testsendung, die als Livestream online gefahren wurde, trug er unterm Sakko ein Shirt mit dem Aufdruck „Wetten App“. Am Grundkonzept der Show wurde wenig verändert gegenüber der ersten Staffel vergangenes Frühjahr. Je zwei Studio Kandidaten (in der ersten Staffel waren es vier Kandidaten) treten pro Sendung gegen das Team Deutschland an, das sich aus den mitspielenden App-Nutzern und den Studiogästen zusammensetzt. In sechs Runden mit je drei Fragen müssen die Teams beweisen, wer das größere Wissen hat und Quizchampion des Tages wird.“ Gewinnen lohnt sich in jedem Fall, auch wenn beim Team Deutschland ein Zufallsgenerator zehn Mitspieler auswählt, unter denen sich die Preissumme aufteilt. Stärker noch sollen die Zuschauer beim Quizduell mit eingebunden sein, so kann Moderator Jörg Pilawa zu den ausgesuchten „Zuschauern des Tages“ schalten, die das Casting bei ITV Studios erfolgreich durchlaufen haben.

Microsoft Azure und APPSfactory

„Im Schnitt haben wir rund 150.000 Mitspieler beim „Quizduell“ und gewinnen pro Sendung etwa 20.000 App-Registrierungen hinzu. Knapp zwei Wochen nach Sendestart hatten wir bereits die Marke von einer halben Million Zuschauern geknackt, die sich die App heruntergeladen und für das Spiel und die Gewinnausschüttung haben registrieren lassen“, erklärt Björn Hupatz, der für dieses Format verantwortliche Production Executive bei ITV Studios. Er verweist auch auf die starke Werbekampagne der ARD zum Sendestart, insbesondere auch über Internet- und Social-Media-Kampagnen. Dass die ARD nun dem Ansturm der vielen „Mitquizzer“ gewachsen ist, ohne dass das System sich verabschiedet, verdankt sie einem Wechsel der Technologie. „Bei der 1. Staffel haben wir über die Original-App gespielt, nun spielen wir über eine separate „Stand-Alone App“. Dafür haben ARD und die Produzenten den App-Partner wie auch das Cloud Backend gewechselt. Für die Entwicklung der Smartphone-App und der Backend-Applikation ist der Microsoft-Partner APPSfactory aus Leipzig verantwortlich. Die hochskalierbare Backend-Applikation der APPSfactory wird auf der Cloud Plattform Microsoft Azure gehostet und dient als Schnittstelle zwischen der Spieletechnik in Hamburg und den Hunderttausenden von Spielern. Die „Mitquizzer“ bekommen auf ihrer Second-Screen-App über das Backend die Fragen ausgespielt. Nach Beantwortung aggregiert und analysiert das System die Antworten und schickt die Gesamtauswertung in Sekundenschnelle zurück nach Hamburg, wo die ausgewerteten Daten im Control Center im Livestudio auflaufen. Neben dem Spielbetrieb über die App wird auch die Anmeldung und Registrierung der Spieler über das Backend abgewickelt. Die Liveschaltung zum Zuschauer des Tages erfolgt über Skype. Das System, das die Liveschaltung via Skype ermöglicht, stammt ebenfalls von Skype. Mit Skype TX sei zudem ein weiterentwickeltes System angekündigt, so Hupatz, das demnächst zum Einsatz kommen soll. Diese Skype-Verbindung funktioniere reibungslos. „Ansonsten haben wir als Backup noch eine leistungsfähige LTE-Verbindung zur Verfügung“.

„Das System läuft bis dato sehr stabil und ist auf bis zu 1,6 Millionen Mitspieler ausgelegt“, so Hupatz, der für Donnerstag, den 9. April um 20:15 Uhr, eine Primetime-Sendung ankündigt: „Da werden wir sicher zwischen 500.000 und 800.000 Mitspieler erreichen“, rechnet er. Doch nur wenige Tage nach dem Gespräch mit Hupatz in der Sendung vom 19. Februar war es dann mal wieder so weit. Allerdings nur ein ganz kleiner Wackler. Erstmals lag die Zahl der Mitspieler bei 190 000. Es kam zu einer Verzögerung der Datenauswertung, so dass die Regie reagieren musste. Pilawa lief mit schelmischem Grinsen sofort zu großer Form auf. „Jetzt ist es wieder meine Sendung“, scherzte er über den klitzekleinen „App-Auswertungshänger“, und da standen die Daten auch schon wieder zur Verfügung. Für das Gelingen des 45minütigen Liveformats im Vorabendprogramm bedarf es eines reibungslosen Zusammenspiels aus klassischer Studiotechnik und der Auswertung der App-Daten von draußen. Für jede Frage hat das Team im Studio sowie das Team Deutschland maximal 15 Sekunden Zeit. „In der Regel ist es so, dass wir mit der ersten Frage im Studio erst anfangen, wenn zwei Fragen draußen schon gespielt sind“, erklärt Hupatz das Prinzip dieses Duells Studioteam gegen Team Deutschland. Schließlich dürften die mitspielenden Zuschauer nicht mitbekommen, wie das Studio Team tippt, bevor sie nicht selbst die Fragen beantwortet haben.

So nah waren wir dem Zuschauer noch nicht

Interaktive Ansätze von eingeladenen Studiogästen hat es in diversen Showformaten schon gegeben, weiß Hupatz: „Aber Quizduell ist die erste Livesendung, die den Second Screen und damit den Zuschauer live in die Sendung hereinholt“. Die klassische Studioregie für dieses Format erfolgt über eine mobile Flightcase-Einheit sowie über einen Ü-Wagen vor dem Studio A1. Alle Ton- und Bildsignale laufen zunächst im Ü-Wagen auf und werden dort gesteuert. Auch die EVS-Operatoren sitzen im Ü-Wagen. Regie und Redaktion befinden sich indes in Studionähe in einem eigenen Raum und nutzen dort eine mobile Regie-Einheit inklusive Bildmischer. Neben der zweigeteilten Live-Regie und der Spieletechnik ist für das „Quizduell“ noch eine eigene „App-Regie“ erforderlich. „Wir haben das so getauft, weil wir zwei zusätzliche Teamkräfte einsetzen, die während der Livesendung das Control Center bedienen. Sie verfolgen über zwei Laptops die Weboberfläche des Backend Systems und das komplette Spielegeschehen.“ Parallel schauen auch noch zwei Redakteure der Sendung in der Regie auf das Spielegeschehen und die einlaufenden Daten und deren Auswertung. Sie suchen gezielt die aktuellen Trends, ob gerade die weiblichen oder männlichen „Mitquizzer“ mehr richtige Antworten abgeben, oder wie sich die Altersgruppen oder Bundesländer in diesem Ratespiel schlagen. „Das ist schon eine Menge, was wir über den mitspielenden Zuschauer erfahren. So nah waren wir dem Zuschauer draußen bisher noch nicht“, sagt Hupatz. Die Spieleauswertung der App-Mitspieler muss koordiniert werden. Dies geschieht durch die App-Regie am Control Center wie auch in automatisierter Form über Triggerfunktionen durch die Spieletechnik selbst. Die Spieletechnik sorgt für die Steuerung des Spieleverlaufs und ist für die Ausführung der Spielgrafiken und Animationen zuständig. „Hier greifen gewisse Automatismen, aber es bleibt noch einiges zu tun für die beiden Mitarbeiter am Control Center. Diese neuen Funktionen hat es so in der Produktion bisher noch nicht gegeben. Wenn die Kollegen sagen, dass die Daten nicht vorliegen, muss die Fernsehregie darauf reagieren und gegebenenfalls mit dem Moderator kommunizieren.“

„Zum Sendekonzept gehört es auch, dass der interaktive Mitspieler zu Hause ein Gesicht in der Sendung erhält“, bekräftigt Hupatz. Dafür werden etwa die Fotos von Zuschauern aus dem Team Deutschland eingeblendet, die diese bei der Registrierung hochgeladen haben. Außerdem kann Moderator Pilawa über die Liveschaltungen die mitspielenden Zuschauer in die Sendung holen. „Es ist uns wichtig, dass die Zuschauer, die mitspielen, sich auch wiederfinden können.“

Der Moderator bezieht auch die Studiogäste ins Spielgeschehen ein, die über ausgegebene iPods mitraten. Da der Sitzplan bekannt ist, kann die Regie genau herausfiltern, wenn auf der Gästetribüne jemand sitzt, der vielleicht an diesem Abend alle Fragen richtig beantwortet hat oder gerade in einer konkreten Frage der einzige ist, der richtig liegt, nachdem das Studio Team und auch die App-Mitspieler schon die falsche Antwort gegeben haben. Im Unterschied zu anderen Live-Rateshows muss für „Quizduell“ immer ein Zeitpuffer von fünf Sekunden eingebaut sein; den bedarf es, um die Daten auszuwerten und ins Studio einzuholen. Dadurch verlängert sich der Ablauf. Und natürlich gibt es diverse Havarieszenarien wie etwa eine schwankende Internetverbindung, die kleine Verzögerungen hervorrufen können. Die Kommunikationswege müssen schnell und reibungslos abgestimmt sein. Im Unterschied zu den großen Liveshow-Abenden, die ihre Sendezeit mühelos überziehen, muss „Quizduell“ mit der 45 Minuten Sendezeit auskommen. „Wenn wir mit der Sendezeit zu lang sind, werden wir einfach gekappt. Das ist uns gleich in der ersten Sendung passiert.“ Auch am 19. Februar hatten die Kandidaten länger gespielt als geplant. Die beiden Rate-Kandidaten Anette Folten (sie gilt als beste deutsche Quizzerin der Quizduell-App) und einem Zahnarzt an ihrer Seite, der sich immerhin mit seiner App bis auf Platz 32 im Deutschland-Ranking hoch gespielt hat, müssen in der folgenden Woche am Montagabend noch mal in die Sendung kommen.

Bernd Jetschin

MB 2/2015

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