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Stereoskopische Internet-Ströme

Stereoskopische Internet-Ströme

Für die Hamburger Chroma Film & TV ist 3D-Live-TV längst kein Neuland mehr. Im Gespräch mit MEDIEN BULLETIN berichten die beiden Chroma Film & TV- Geschäftsführer Jürgen Schaum und Christian Journet über ihre Erfahrungen mit der Stereobildproduktion und -distribution. Ende November realisierten sie die erste 3D-Live-Sportübertragung via Internet.

Eine stereoskopische Imagefilm-Produktion für die Telekom zur Cebit, ein dreidimensionaler Werbespot, der Ende Februar ins Kino kommt, und die erste 3D-Liveübertragung eines Sportwettkampfes in Deutschland gehen bereits auf das Konto der Hamburger Chroma Film & TV, die sich nach ihren Pionierleistungen für HDTV in Deutschland nun auch als Schrittmacher für die stereoskopische 3D-Bildproduktion versteht. Im Frühsommer dieses Jahres zieht die 1984 gegründete Produktions- und Dienstleistungsfirma aus dem Hamburger Schanzenviertel in einen Neubau um unweit des heutigen Domizils, der in Nachbarschaft zum S-Bahnhof Sternschanze und Fleischgroßmarkt liegt. Dort wird neben den Büros und Suiten auch ein 3D-fähiges Grading-Kino eingerichtet. Gründer- und Geschäftsführer Jürgen Schaum will dort für alle Wiedergabesysteme von 3D-Produktionen gerüstet sein.

Ende November 2009 hatte er und sein Geschäftsführer-Kollege Christian Journet die erste 3D-Live-Sportübertragung über das Internet in das Auditorium des Gruner+Jahr Verlags organisiert. Dort erlebten 50 mit Polbrillen ausgestattete Zuschauer live, wie es ausschaut, wenn eine Sportveranstaltung in 3D übertragen wird und verfolgten auf vier zeilenweise polarisierten 46 Zoll-Displays von JVC und Hyundai die 3D-Bilder eines Sparringskampfes aus dem Universum-Boxstall und ein parallel dazu geschaltetes Interview, das ZDF Sportkommentator Günter Peter Ploog mit dem Boxstall-Geschäftsführer Stefan Braune führte.

Die stereoskopische 3D-Liveübertragung war Teil der Veranstaltungsreihe „new TV in 3D“, einer Initiative von „[email protected]“, die mit lokal ansässigen Firmen den Standort für die neuen technologischen Entwicklungen des Broadcast-Marktes voran bringen will. Der Boxkampf zwischen Arthur Martern und Peter Kovacevic musste jedoch am Vorabend aufgezeichnet werden, weil die in dem Boxstall gegebene Anbindung für eine TV-Übertragung in HDTV-Qualität nicht schnell genug war, wie Journet erklärt. Das Interview aus dem Universum-Büro hatten die Techniker von Syrinx Productions mit acht MBit/s live ins Netz upgestreamt. So wurde während der Übertragung zwischen dem Band mit dem aufgezeichneten Boxkampf und dem Interview hin und hergeschaltet. Schaum: „Wir wollten hier zunächst vorführen, dass wir in der Lage sind, ein HD-Videosignal live stereoskopisch streamen zu können.“ Am Boxring kamen zwei Sony F23 Kameras zum Einsatz, die in einem Spiegel-Rigg verbunden und auf einem Dolly montiert waren. Das Interview wurde mit zwei Sonys EX3 aufgenommen, deren zwei HD-Ströme durch den SWR HDCAM SR-Rekorder in HD Qualität in 4:2:2 durchgeschleift und ins Netz gestreamt wurden.

Ins Netz schickten die Techniker von Syrinx und Chroma Film &TV einen mit VC-1 komprimierten Videostream mit 25 Bildern pro Sekunde in einer Auflösung von 3.840 x 1.080. Dieses Video besteht aus den zwei Full-HD-Bilddatenströmen, die nebeneinander übertragen werden. „Dazu werden zwei volle HD-Breiten sowie nur je die halbe HD-Höhe wie ein Bild neben einander gesetzt. (3.840 x 540 pro Höhe). Für die Wiedergabe liegen diese beiden gepackten Bildströme für das linke wie rechte Auge untereinander und werden dann für den entsprechenden Wiedergabemodus für die Internetstreams wieder zusammengepackt.

Höherer Produktionsaufwand

Für die beiden Geschäftsführer von Chroma Film &TV ist klar, dass 3D-TV allein technisch betrachtet heute schon längst in den Startblöcken steht. Wann es einen breiteren Einzug in die Wohnzimmer halten kann, ist eine Kostenfrage, weil es einen höheren Produktionsaufwand erfordert: „Technisch ist es einfach wie nie, stereoskopische Internet-Ströme zu übertragen und zu empfangen“, weiß Schaum: „Wenn ich in der Lage bin, HD zu übertragen, kann ich auch Stereoskopie übertragen.“

Journet erläutert, warum Chroma von dem Einsatz mehrerer Kamerapaare im Universum Stall ganz bewusst abgesehen hatte: „Wir wollten in diesem Fall realistisch bleiben, also ohne den Einsatz von Effekten und Regie, um so ausschließlich den Mehrwert von Stereoskopie demonstrieren zu können. Was für 2D zu statisch wirken würde, ist in der Stereoskopie sehr lebendig. Mit 3D kann man bei dem Zuschauer ein Gefühl erzeugen, dass er ganz nah am Ring steht. Die Kameras vermitteln dieses subjektive Gefühl, direkt dabei zu sein.“

Seit August 2008 sammeln die Experten von Chroma Film &TV Erfahrungen für die Aufnahe von stereoskopischen Bildern. „Stereoskopie wird sehr schnell komplex. So lange aber mit einem bestimmten Kamerapaar und einer festen Entfernung in einem Raum gearbeitet wird, ist es problemlos. Sobald damit begonnen wird, zu gestalten, verschiedene Entfernungen im Raum zu erfassen, und verschiedene Objektive einzusetzen, um auch weitwinkliger oder mehr im Telebereich zu drehen, tauchen die Probleme auf. Schaum spricht von einer „Toleranzzone, in der Fernpunkt und Nahpunkt justierbar sind – also einen Bereich, der mit einer Kameraeinstellung erfasst werden kann.“ Für den Boxkampf wurde dieses Wissen umgesetzt, das heißt die Kameras wurden auf dem Dolly hin und hergefahren, so dass die Entfernungen in etwa immer gleich geblieben waren. So war es möglich, mit der Einstellung stets in diesem Toleranzbereich zu bleiben.

3D-Mehrkameraproduktion

Bei den nächsten Sportübertragungen in 3D planen Journet und Schaum, den nächsten Schritt zu gehen und sich an einer Mehrkameraproduktion zu versuchen, das heißt zwischen verschiedenen Kameraperspektiven im Raum umzuschalten. Dies muss absolut synchron laufen und alle Kameras müssen genau gleich gematcht sein. „Schon das physische Justieren der Kamera-Paare erfordert viel Know-how und einiges an Aufwand. Die Stereoeinstellung der Kameras müsse exakt so geplant sein, dass beim Umschalten zwischen den verschiedenen Aufnahmeperspektiven stets gleiche Raumentfernung existiert. Die Veränderungen im stereoskopischen Raum werde durch die Wahl der Objektive vorgegeben und dadurch, wie die Kameras zu einander positioniert sind.

Der Ausgangspunkt ist immer die stereoskopische Basis, die dem mittleren Augenabstand des Menschen von 65mm entspricht, um ein natürliches Raumbild zu erzeugen. Beim Betrachten eines weiten Punktes stehen die Augenachsen praktisch parallel und rücken bei der Fixierung eines nahen Punktes zusammen. Verrutscht die stereoskopische Basis, können Verzerrungen in den Bildgrößen entstehen. Aber das ist noch nicht alles: auch der Neigungswinkel der Augachse verändert sich, je näher ein Objekt vor dem Betrachter liegt. Der Winkel, welcher von beiden Augenachsen eingeschlossen wird, ist der Konvergenzwinkel. Bei einem weiten Gegenstand ist er praktisch gleich Null, je näher der Gegenstand liegt, desto größer wird dieser Konvergenzwinkel. Und es bestehen verschiedene Auffassungen, wie man stereoskopisch drehen kann, erklärt Schaum. Mit dem so genannten Angulieren werden die Kameras entsprechend des Objektes auch noch zueinander ausgerichtet. „Das ist durchaus realisierbar“, bestätigt Schaum, der es jedoch vorzieht, die Kameras absolut parallel nebeneinander zu stellen und nur die Distanz zu einander zu variieren, je nachdem, ob weitwinklig oder im Nahbereich gearbeitet wird. „Wenn die Kameras anguliert werden, erhält man im Vordergrund ein perfektes Bild, aber im Hintergrund rutscht die Wirklichkeit auseinander. Die bekommt man nicht mehr zusammen.“

Chroma Film & TV bietet seit Januar 2009 einen Vollservice für 3D Stereo mit dem 3D Real-Aufnahme Spiegelrig, einem Piranha Cinema Schnitt & Compositing System und Nukoda Filmmaster für die Farbkorrektur. Dieses Equipment erlaubt Echtzeitdarstellung von bis zu 4K-Strömen in der Postproduktion, mit dem softwarebasierten Farbkorrektursystem Nukoda bis zu drei, vier Layer. Werden mehr Layer eingesetzt, muss gerendert werden. Der Schnitt erfolgt mit Piranha Cinema, einem der führenden Systeme für stereoskopische Nachbearbeitung, mit dem sich bei der Aufnahme Verzerrungen, oder Konvergenzfehler in der Parallaxe korrigieren lassen.“ Journet schränkt aber sofort ein, dass der Spruch „we fix it in the post“ für die Stereoskopie nur sehr eingeschränkt Gültigkeit besitze, weil der Aufwand zu groß sei. Einstellungsfehler bei der Stereobasis sollten vermieden werden, denn sobald der Abstand der Kameras zu den Objekten nicht mehr stimme, sei das in der Post nicht mehr hin zu bekommen. Journet beziffert den Mehraufwand für stereoskopische Produktionen mit 20 bis 25 Prozent. „Wenn ich in der Aufnahme nicht exakt bin, verstärkt sich der Mehraufwand nach hinten heraus exponentiell.“

Grading-Kino für 3D

Da es für Farbkorrekturen noch keine genormten stereoskopischen Monitore gibt, werde bei Chroma Film & TV auf einem Sony Messmonitor gegradet und parallel dazu auf dem Flatscreenmonitor eingestellt, erläutert Schaum: „Selbst für die Kinoprojektion sind unterschiedliche Parameter nötig“, dort hängt es von den Wiedergabesystemen ab, ob mit Real D oder einem Shutterbrillen-System gearbeitet wird.“ Das ist auch ein Grund, dass Chroma mit dem Bau eines Grading-Kinos für den stereoskopischen Markt gerüstet sein will.

Die neue 3D Generation hat spätestens mit Camerons „Avatar“ den Durchbruch im Kino erlangt. Mit 3D-Produktionen im Kino steigt auch der Einsatz von Werbespots und Imagefilmen in 3D. Chroma TV hat für die Telekom einen 3D-Imagefilm produziert, der bei der Computermesse Cebit vorgeführt wird. Ende Februar kommt für einen weiteren Kunden ein 3D-Spot in die Kinos, der als eine Mischung aus Realdreh und Animation erstellt wurde. Dieser Spot ist bereits in seiner flachen 2D-Ausführung im TV im Einsatz. Freilich ist es von Vorteil, wenn ein Spot in 3D produziert werde, ist die 2D-Auswertung inklusive.
Erwartet wird in der Branche, dass mit den nächsten Sportevents wie Fußball-WM und vor allem der Sommerolympiade 2012 die 3D-Übertragung auf den Fernsehbildschirmen Einzug halten wird. In England haben Sender wie Sky oder Channel 4 bereits stereoskopische Programme gesendet und bereiten sich auf diese Produktionen vor. Mit dem sich abzeichnenden Trend zu IPTV in HDTV-Qualität kann auch die stereoskopische Übertragung sehr schnell einen Push bekommen.
Bernd Jetschin
(MB 03/10)

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