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Viel Feinarbeit

Viel Feinarbeit

Der Eurovision Song Contest (ESC) ist eine der aufwändigsten Live-Produktionen überhaupt. Der 61. ESC wurde Pfingsten in 45 Länder übertragen, darunter nach Australien, das auch teilnahm, zum zweiten Mal in Folge nach China und zum ersten Mal in die USA. Das Weltbild des ESC aus Stockholm wurde im Auftrag des Schwedischen Senders SVT von der schwedischen NEP-Tochter hergestellt. Als Sub-Unternehmer übernahm Riedel Communications die Bereiche Commentary, Kommunikation, MediorNet-Backbone sowie das Radio-System.

„Die Kommunikation während der Planung und Ausführung mit unserem Partner NEP war optimal – das muss sie auch bei einem Format wie dem ESC“, sagt Christian Baumeister, International Sales Manager bei Riedel. „Mit dem schwedischen Fernsehen gab es einen engen und bei Bedarf direkten Austausch, um Wege zu verkürzen.“ Backbone des von Riedel aufgebauten Kommunikationsnetzwerks während des ESC in Stockholm war Riedels MediorNet-System, das aus 51 Nodes bestand. Der Kern der Systemarchitektur bestand aus drei MetroNs, die einen Stern bildeten. „Das war für uns die sicherste Variante“, erklärt Larsen Falko Rösicke von Riedel.

Von jedem MetroN verlief je eine Leitung auch zu den beiden anderen. So konnte man von jeder Seite zugreifen. Untereinander waren sie aber nicht verbunden, weil die Hausverkabelung der Veranstaltungshalle genutzt wurde und deren Glasfaserstruktur die Leistung nicht hergegeben hätte. Dennoch lief das System redundant, auch Dank von CWDM (Coarse Wavelength Division Multiplex – ein optisches Frequenzmultiplexverfahren, das bei der Übertragung von Daten (Signalen) über Glasfaserkabel (Lichtwellenleiter) verwendet wird. Dadurch liefen im Durchschnitt acht Wellenlängen auf zwei Fasern. „Bei unserer Stern- oder Dreierzuführung hätte schon eine Menge ausfallen müssen, damit man nicht mehr an die Daten ran gekommen wäre“, so Rösicke. Weitere Leistungswege zu legen, wäre sehr schwierig geworden.

Für den ESC in Stockholm wurden vier Eventhallen miteinander verbunden. Der ESC selbst wurde aus dem Globen übertragen, einer 1989 fertiggestellten Halbkugel mit einem Durchmesser von 110 und einer Höhe von 85 Metern. Sie ist das größte sphärische Gebäude der Welt. Zum ESC passten rund 16.000 Zuschauer in die Arena, da die Bühne mit ihren fast 2.000 Quadratmetern sowie der großzügige Green Room – dort warten die Künstler auf die Wertungen – beinahe den gesamten Innenraum einnahmen. Neben dem Globen steht die Mehrzweckarena Tele 2, die mal als Fußballstadion dient, mal als Konzertarena und dieses Mal als Public Viewing-Venue für rund 30.000 Fans. Die kleineren Hallen Hovet und Annexet boten Raum für das Pressezentrum und für die Künstler-Garderoben. Insgesamt wurden diese Bereiche mit drei TETRA-Digitalfunk-Systemen ausgestattet. Im Hovet und der Tele 2-Arena gab es je eines mit je sieben Zeitschlitzen und im Globen eines mit 24 Zeitschlitzen. Von dort wurde auch das Annexet abgewickelt. Über das Netzwerk konnte von jedem Punkt überall hin gesprochen werden, egal ob in Einzelrufen, Gruppen oder Notrufen. Neben dem kompletten Audio-Verkehr wurden auch alle Video-Streams, die Feeds für die Monitore in den Kommentatorenkabinen sowie für die Displays in den Hallen über dieses Netzwerk abgewickelt.

TETRA-Digitalfunk-Einsatz

An das TETRA-System waren je nach Schicht 200 bis 250 Endgeräte angeschlossen. Hinzu kamen noch 30 analoge Geräte von denen drei Dauerstriche sind und einer für Pyroleute. Zusätzlich gab es im Globen noch ein eigenes Security-Netz, das aber kein TETRA-Netz ist, sondern ein DMR-Netz. Landesweit existiert in Schweden ein TETRA-Netzwerk für die Polizei/Feuerwehr. Das ist für alle anderen selbstverständlich Off Limits. Wer während des ESC im Globen mit Sicherheitsaspekten betraut war, musste daher zwei Funkgeräte mitführen.

Die Kugelform des Globen, aber auch die Bühnenelemente erforderten einiges an Feinarbeit bei der Ausrichtung der Antennen. Mit der Decke des Globen, die nicht nur kugelförmig ist, sondern aufgrund ihrer Beschichtung Funkwellen besonders gut reflektiert und zwar auch wieder zurück in die Antenne, kam man ganz gut zurecht. Die Antennen, die einen birnenförmigen Abstrahlwinkel haben, wurden einfach verkehrt herum aufgehängt. Dadurch war der Bouncing-Effekt nicht mehr ganz so stark. Das kann man alles nur vor Ort feststellen und justieren. „Man weiß auch nie, was plötzlich noch irgendwo installiert wird, was den Funk beeinflusst“, sagt Christian Baumeister. „Eine Herausforderung war, dass die Bühne bewegliche Elemente hatte. Es gab zehn riesige Elemente, die von oben herunter gefahren werden konnten. Das veränderte im Raum die komplette Dynamik für den Funk. So etwas kann man nicht im Vorfeld testen und muss während der Vorbereitung vor Ort geschehen. Mit unserem starken Team und unserer flexiblen Technik konnten wir darauf reagieren und das schnell lösen.“

Mit der Planung für die Verkabelung und Vernetzung konnte Riedel erst relativ spät beginnen und geriet so bei der Installation etwas unter Zugzwang. Da das Unternehmen jedoch schon die elfte ESCs begleitete, blieb man dennoch eher entspannt. „Die Erfahrung zeigt, dass an bestimmten Stellen später noch was kommt, weil das oft so ist bei Veranstaltungen dieser Größenordnung“, sagt Christian Baumeister. „Denn grundsätzliche Aspekte in der Halle und beim Setup ändern sich nie so massiv, dass es neu erfunden wird.“ Ende Februar stand dann fest, wie das grundsätzliche Set-up aussehen sollte. Die Sprecherkabinen etwa kamen in das zweistöckige Restaurant gegenüber der Bühne. Die Fenster zwischen dem Innenraum des Globen und dem Restaurants lassen sich versenken, so dass die Kommentatoren das Geschehen ziemlich unmittelbar mitbekommen konnten. Es wurden für 36 Länder Einzel- oder Doppel-Kommentatorenkabinen aufgestellt. Alle Kabinen waren an eine extra eingerichtete Klimaanlage angeschlossen und neben Monitoren mit einer Kommentatorensprechstelle von Riedel ausgestattet. Zahlreiche weitere Riedel-Sprechstellen wurden zudem an anderen Positionen des Venues eingesetzt, etwa in den Bereichen Ton, Licht und Pyro. Riedel war mit 13 Leuten vor Ort in Stockholm. Die mitgebrachte Technik war so kompakt, dass der 40-Tonner, mit dem sie von Wuppertal in die schwedische Haupstadt gebracht wurde, nicht einmal voll war. Zwar wächst die Anzahl der Kanäle, doch die Technik selbst wird immer kompakter. Die Riedel-Produkte MetroN und MicroN sparen Rack-Platz und Gewicht. „Die erfahrenen Techniker von NEP waren beeindruckt von der Tatsache, dass ein so großes MediorNet-System solch einen minimalen Verkabelungsaufwand benötigt“, sagt Christian Baumeister. „Und ja, es ist richtig. Die Technik wird mehr, aber auch nur deshalb, weil wir das zur Verfügung stellen können. Wenn man nur zehn Kanäle hat, muss man damit auskommen. Aber wenn die Technik es leistet, geht auch mehr. In Stockholm hatten wir zum Beispiel 60 Funkkanäle. Das schwedische Fernsehen hat mit 30 geplant. Aber der Bedarf war da, die Kanäle wurden gebraucht und wenn man dann mehr in der Rückhand hat, bleibt die Sache komfortabel und niemand kommt sich ins Gehege.“

Weniger Verkabelungsaufwand mit MicroN

MicroN, das 2015 auf der NAB vorgestellt wurde, hat sich binnen kürzester Zeit als ein Top-Seller heraus gestellt. Das Produkt verfügt als äußerst kompaktes und vielseitiges Interface mit maximaler Bandbreite und nur einer Höheneinheit über je 12 3G/HD/SD-SDI-Ein- und Ausgängen, 2 x 64 MADI-Kanälen, Audio-De-/Embedding, Framestore sowie je einer Sync- und GB-Ethernet-Netzwerkschnittstelle. Schon vier Monate nach der NAB wurde es zum ersten Mal von einem Kunden eingesetzt. Inzwischen rüstet beispielsweise die französische Firma AMP Visual TV ihre Flotte damit aus (auch ihren neuesten Ü-Wagen Millenium Signature 12) und setzt es unter anderem beim Rennen in Le Mans ein. Im Olympique Lyon Stadion, das für 60.000 Leute ausgelegt ist, läuft alles über ein MediorNet-Backbone, auch das IP-TV sowie die Stadiontechnik und die Produktion aus dem eigenen Studio für OLTV, dem offiziellen Olympique Lyon Fernsehkanal. Dort sind neben sieben MediorNet MicroNs und einem MetroN acht Compact Pro und zwei Modular Frames installiert. „Wir können uns nicht beklagen, was das Interesse an dieser Lösung betrifft“, sagt Serkan Güner, PR Manager bei Riedel. „Der Kunde spart an Verkabelung und Platz, bei gleichzeitiger Reduzierung des Gewichts.“ MicroN gibt es in zwei Versionen: als vollständig vernetzbares MediorNet-Gerät, als auch als Punkt-zu-Punkt-Lösung.

Das Uplink auf den Satelliten besorgte die schwedische Firma Mobilelinks mit einer stationären Satellitenschüssel sowie zwei SNGs. Die Stromversorgung der kompletten Aufnahme-, Übertragungs- sowie Event-Technik wurde mittels Generatoren von Aggreko sichergestellt. Es gab für den kompletten ESC keine Stromversorgung aus dem öffentlichen Netz. Produktionsdienstleister NEP (ehemals Mediatec Schweden) übertrug den ESC aus seinem ebenfalls mit Riedel Intercom und MediorNet sowie mit Lawo-Konsolen ausgerüsteten Ü-Wagen HD 1 als Hauptwagen. Der identisch ausgerüstete Back-up-Ü-Wagen war der HD 16.

Der Einsatz der Kameras war immens und führte bei der Übertragung dazu, dass es kaum ein ruhiges Bild gab. Die Kameras waren fast ausschließlich in Bewegung und schienen sich beinahe selber zu jagen oder sich die Bilder wegzuschnappen. Für den Zuschauer war es kaum möglich einen Fixpunkt für das Auge zu finden. Die meisten Songs wurden von einer Kamera eingeleitet, die senkrecht von der Hallendecke herunter fuhr. Rechts und links der Bühne standen zwei große Kräne. Zwei Towerkameras auf Schiene befanden sich vor und links der Bühne (vom Betrachter aus gesehen). Eine Seilzugkamera schoss gerne frontal auf die Künstler zu oder von ihnen weg. Mit ihr wurden auch Aufnahmen von oben oder hinten gemacht. Im hinteren Bereich der Arena gab es noch einen leichte Krankamera für Totalen. Fünf ‚normale‘ Fernsehkameras waren vor beziehungsweise schräg vor der Bühne positioniert. Auf der Bühne kamen zwei Steadicams zum Einsatz. Die Bühne selbst war „eine hocheffiziente Maschine, eine Kulisse mit mehreren Ebenen und eingebauten Reflektionen, Lichtkorridoren und dreidimensionalen LEDs“, wie ihre Designer Frida Arvidsson und Viktor Brattström der FAZ erklärten. Der Bereich für die Hauptperformance war 10,2 auf 8,5 Meter groß, aber insgesamt maß die Bühne mehr als 47 Meter in der Breite und 42 Meter in der Tiefe. Der Nebeneffekt der LEDs war, dass mit ihnen die Positionen für den jeweils folgenden Act für die Umbaucrew auf dem Boden sichtbar gemacht wurden, die 45 Sekunden für den Umbau hatte, ihn aber in der Regel deutlich schneller schaffte.

In Deutschland verfolgten durchschnittlich 9,33 Millionen Zuschauer ab drei Jahren die fast vierstündige Show und brachten der ARD als übertragenden Sender einen Marktanteil von 36,8 Prozent beim Gesamtpublikum. Das sind über eine Millionen Zuschauer mehr als im Vorjahr (8,11 Millionen) und der beste Wert seit 2011. Weltweit sahen an die 204 Millionen Menschen das Finale und die beiden Halbfinale des ESC. Besonders die jüngeren Zuschauer schalteten überdurchschnittlich ein: Der Marktanteil für das ESC-Finale aus Stockholm lag nach Angaben der ARD bei den Zuschauern zwischen 14 und 19 Jahren bei 57,4 Prozent (0,48 Millionen), bei den 14- bis 29 Jährigen bei 46,9 Prozent (1,23 Millionen) und bei den 14- bis 49-Jährigen bei 46 Prozent (4,59 Millionen).

Thomas Steiger

MB 2/2016

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