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Weise Entscheidung

Die Europäische Kommission hat am 23. Juli beschlossen, dass Kamera- und Camcorderprodukte japanischen Hersteller nicht mit Antidumping-Strafzöllen belegt werden. Einen entsprechenden Antrag hatte Thomson Grass Valley gestellt. Gleichzeitig entschied die EU auch, die seit 1994 geltenden Antidumping-Regeln für japanische Studio-Kameras fallen zu lassen.

Drohende Antidumping-Zölle für japanische Kameras in Europa sorgten auf der NAB 2007 bei den Betroffenen noch für reichlich Unbehangen. Jetzt ist das Thema vom Tisch. Am 23. Juli wurde das von Thomson Grass Valley angestrebte Verfahren zu den Akten gelegt.

Unter Dumping versteht man, wenn Unternehmen ihre Waren unter den eigentlichen Herstellungs- und den üblichen Vertriebskosten auf einen Markt bringen, um ihre dortigen Mitbewerber zu verdrängen. In der EU können von Dumping betroffene europäische Firmen dagegen vorgehen, indem sie ein Antidumping-Antrag bei der Europäischen Kommission stellen. Wird nach entsprechender Prüfung ein Anti-Dumping-Verfahren von der EU eröffnet, geht es nicht mehr um die Frage, ob die betroffene (= gedumpte) Ware mit Strafzöllen belegt wird oder nicht, sondern nur noch darum, welche Höhe diese Strafzölle haben werden.

Dem Antrag von Thomson Grass Valley am 24. März 2006 wegen Preisdumpings bei Kamera- und Camcorderprodukten japanischer Hersteller wollte die EU-Kommission nicht folgen. Die Eröffnung eines Antidumpingverfahrens kam nicht zustande, nachdem die EU Thomson Grass Valley überzeugen konnte, den Antrag wegen mangelnder Erfolgsaussichten besser wieder zurückzuziehen.
Bei dieser Gelegenheit untersuchte die EU-Kommission gleich auch noch einmal die seit 1994 geltenden Antidumping-Regeln für Studio-Kameras japanischer Hersteller (High-End 2/3“ Triax-Kamerasysteme) und beschloss die Beseitigung der daraus resultierenden Strafzölle. Sie lagen bei 200,3 Prozent auf dem ursprünglichen Gerätepreis von Ikegami Tsushinki-Produkte, bei 108 Prozent von Sony-Produkten, bei 52,7 Prozent von Hitachi Denshi-Produkten und bei 96,8 Prozent von Produkten anderer japanischer Exporteure.
Die Strafzölle kamen damals auf Antrag von Thomson und BTS Philipps zustande. Im September 2000 wurden sie noch mal verschärft. Ihre Gültigkeit wurde auf Wunsch von Thomson Grass Valley zuletzt im Dezember 2006 noch einmal auf weitere fünf Jahre verlängert „Es gibt keine Anzeichen dafür, dass die japanischen Kamera-Exporteure ihre Preise anheben werden, wenn die Zölle wegfallen“, hieß es noch in der damaligen EU-Begründung. Am 23. Juli erklärte Peter Power, Sprecher der Europäischen Kommission, nun gegenüber dem International Herald Tribune: „Die Voraussetzungen, welche ursprünglich einmal zu den Strafzöllen bei professionellen Kameras geführt haben, existieren mittlerweile nicht mehr.“
Thomson und Philips BTS waren einst die einzigen europäische Hersteller von Studio-Kameras. Heute sind sie unter dem Dach von Thomson Grass Valley vereint. Der neuere Preisdumping-Antrag des Konzerns hätte nach Ansicht aller Marktakteure deutlich gravierendere Folgen gehabt als bei dem älteren Antrag. Betroffen gewesen war schließlich eine große Bandbreite an Kamera- und Camcorder-Produkten, darunter auch solche, die Thomson Grass Valley selbst überhaupt nicht im Angebot hat.

Wegen der bislang geltenden Antidumping-Regeln für japanische Kamera-Hersteller hatten diese entweder erst gar keine der betroffenen Kamera-Typen auf den europäischen Markt gebracht (Panasonic) oder umgingen sie einfach, indem sie eigene Produktionsstätten in Europa aufbauten (Sony, Ikegami). Ikegami hatte zum Beispiel von 1997 bis 1999 eine Produktionsstätte in Deutschland und fertigt seit 2001 Studio-Kameras in England. Zurzeit hat das Unternehmen in Europa das High-End-Produkt HK 399 und seit einem Jahr auch die kleine Kamera HL65W auf dem Markt.

Freude ist groß
Nun ist die Freude groß, dass der europäische Markt für japanische Kameras offen bleibt. JVS teilte mit: „Als Vertriebsgesellschaft eines japanischen Herstellers sind wir sicherlich in erster Linie daran interessiert, unseren Kunden den bestmöglichen Service und die bestmöglichen Produkte zum bestmöglichen Preis zu bieten. Das kann aber nicht bedeuten, dass wir den Verkauf unserer Kamerasysteme subventionieren. Auch JVC Professional muss Geld verdienen, um zukünftige Produktinnovationen überhaupt erst möglich zu machen. Es gehört darüber hinaus nicht zu unserer Firmenpolitik, bewusst oder unbewusst illegale Vertriebswege zu beschreiten. Letztlich halten wir einen gesunden Wettbewerb für wichtig und notwendig, da er nicht nur gut für den Kunden ist, sondern insgesamt die Branche in Bewegung und damit am Leben hält.“

Betroffen wären neben allen japanischen Herstellern von professionellen Kamerasystemen am Ende auch alle Anwender dieser Produkte gewesen. Eine Verteuerung der betroffenen Geräte hätte den Markt eher früher als später zusammenbrechen lassen. JVC weiter: „Gerade viele freischaffenden Kameraleute wären nicht mehr in der Lage gewesen, ihre Ausrüstung zu finanzieren. Letztlich wären in Europa mehr Arbeitsplätze bei den Vertriebsgesellschaften der japanischen Hersteller, aber vor allem in der Industrie gefährdet gewesen als bei den europäischen Herstellern der genannten Kamerasysteme. Es blieb darüber hinaus fraglich, ob die Preispolitik der japanischen Kamerahersteller überhaupt einen Stellenabbau bei Grass Valley nötig gemacht hätte.“
Wegen des Antrags von Thomson Grass Valley habe die Gefahr bestanden, dass professionelle Kameralösungen erheblich teurer geworden wären und einzelne oder alle japanischen Hersteller dieser Kamerasysteme keine oder in ihrer Funktion nur noch stark abgespeckte Geräte auf dem europäischen Markt hätten verkaufen können. Fehlender Wettbewerb aber führe zu fehlenden Innovationen und hohen Preisen. Der Leidtragende wäre letztlich der Anwender gewesen. Je nach Auslegung der „sehr offen formulierten Produkteigenschaften“ im Antrag von Thomson Grass Valley, hätten zusätzlich auch digitale Fotoapparate, Dokumentenkameras, Videoüberwachungskameras und andere Kameraprodukte betroffen sein können.

„Wir begrüßen natürlich sehr, dass das angestrebte Antidumping-Verfahren nicht zustande gekommen ist. Das war eine weise Entscheidung. Wir haben sowieso nicht verstanden, warum das Verfahren überhaupt angestrebt worden ist. Währen Antidumping-Strafzölle erhoben worden, hätte das eine erhebliche Kostenerhöhung für unsere Kunden bedeutet“, erklärt auch Uwe Rohr, General Manager Broadcast & Professional AV von Panasonic. Es sei zudem lange überfällig gewesen, dass auch die Antidumping-Regeln für Studio-Kameras entfallen.
Panasonic habe aufgrund der bislang geltenden Einfuhrbedingungen keine Studio-Kameras auf den europäischen Markt gebracht. „Wir werden nun analysieren, ob und wann wir das ändern werden beziehungsweise ob wir auch in Europa unsere bislang hier nicht verfügbaren EFP-Kameras vermarkten können“, sagt er (EFP = Electronic Field Production). Auch im Studio-Kamera-Bereich gehe schließlich der Trend hin zu den „Small Body“-Kameras. Die Preispolitik von Panasonic werde sich durch die EU-Entscheidung nicht ändern. Rohr: „Wir bieten ja heute schon HD-Kameras zu SD-Preisen an.“
Eckhard Eckstein (MB 09/07)

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