Cookie Consent by TermsFeed
      produktion-news
      mebucom
                
Wer wagt, gewinnt

Wer wagt, gewinnt

Das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien wurde mit großem Erfolg von der ARD übertragen. Dabei galt es, besondere produktionstechnische Herausforderungen zu meistern. MEDIEN BULLETIN sprach darüber mit Bertram Bittel, Direktor Technik und Produktion des SüdwestRundfunks (SWR) und Teamchef der ARD bei der FIFA-WM.

ARD und ZDF haben zur FIFA WM 2014 auf ihrer Moderationsplattform an der Copacabana in Rio de Janeiro mit dem Trackingsystem von NCAM in Verbindung mit dem Grafiksystem von Vizrt erstmals virtuelle Grafiken live und unter freiem Himmel generiert und in das Realbild eingeblendet. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Sehr kurzfristig. Nach ersten Überlegungen Ende 2013 und aufwendigen Tests Anfang 2014 in Stuttgart haben wir erst acht Wochen vor der WM den NCAM-Einsatz beschlossen. Und in der Aufbauzeit haben wir gemeinsam mit den Systemingenieuren das Verfahren weiter entwickelt und verbessert. Im Nachhinein hat es sich als richtig erwiesen, dass wir die Schönheit der Kulisse auf der Plattform dezent durch virtuelle Bilder und Grafiken ergänzt haben, statt sie durch Monitorwände zu verbauen. So konnten wir während der gesamten WM ein schönes Gesamtbild der Moderationsfläche erzeugen.

Sie sind also ins kalte Wasser gesprungen und haben Anfangs experimentiert. Wie kam das bei den kreativen Mitarbeitern an?

Die konnten sich auf die Systemunterstützung durch hochprofessionelle Techniker verlassen. Die Kreativen haben dann auch selbst Ideen eingebracht, wie man die virtuellen Bilder noch besser mit dem Realbild kombinieren kann. Im Verlauf der WM wurde deshalb auch der Einsatz der virtuellen Elemente mehr und mehr perfektioniert. Und wir sind schon etwas stolz, dass wir uns das zugetraut haben. Es ist nicht immer leicht, so etwas zu machen, wenn man weiß, dass 20 Millionen Zuschauer vor den TV-Geräten sitzen. Das war für uns ein Riesenschritt, der uns hilft, TV-Programme auch anderswo mit Augmented Reality noch attraktiver zu gestalten

Zum Endspiel wurde die Produktion an der Copacabana aufgegeben und ins Maracana-Stadion von Rio verlagert. Warum?

Ursprünglich war geplant, zur gesamten WM von der dortigen Präsentationsplattform aus zu moderieren. Als die deutsche Mannschaft dann aber vor dem Halbfinale stand, haben wir erstmals überlegt, ins Maracana-Stadion zu wechseln, falls Deutschland ins Endspiel kommt. Uns war klar, dass es weniger spannend ist, dieses Spiel von der Plattform aus zu kommentieren als in einem Glasstudio direkt vor Ort. Glasstudios, wie bei der WM 2010 in Südafrika, hatten wir in Brasilien, nicht zuletzt aus Kostengründen, durch die Plattform ersetzt. Aber die Chance, ein WM-Endspiel mit deutscher Beteiligung im berühmten Maracana-Stadion, ganz nah an den Fans und inmitten der besonderen Stadion-Atmosphäre zu produzieren, ist schon etwas ganz einmaliges. Ich selber habe mir eine Glasstudio-Produktion im Maracana-Stadion beim brasilianischen Fernsehen angeschaut und dann war mir klar: Wenn das irgendwie machbar ist, dann gehen wir dahin.

Wie war die Meinung ihrer Kollegen dazu?

Wir haben das im Team sehr intensiv diskutiert. Und die Meinungen waren dabei durch die Bank geteilt. Diejenigen, die für Technik und Ablauf verantwortlich waren, sahen im Umzug eher ein sehr großes Risiko. Die Redaktion war mehrheitlich dafür. Nach dem Sieg Deutschlands im Halbfinale, vier Tage vor dem Endspiel, habe ich schließlich die Entscheidung für den Umzug ins Maracana-Stadion getroffen und wir haben sofort die ganze Planung anlaufen lassen. Dabei war klar: Der Umzug bedeutet für alle einen enormen Kraftakt. Wir konnten erst in der Nacht vor dem Endspiel den Umbau fertigstellen. Das Spiel um den dritten Platz der WM wurde schließlich am Samstag, einen Tag vor dem Endspiel, noch vom ZDF mit Oliver Kahn und Oliver Welke auf der Plattform moderiert. Zudem war der Ü-Wagen, der uns in Brasilien von HD Signs zur Verfügung gestellt wurde und der unsere Endspiel-Regie beherbergen sollte, nicht für eine WM-Endspiel Dimension ausgelegt. Der Bildmischer war zum Beispiel zu klein und es gab auch nur eine EVS-Maschine an Bord.

Wir waren deshalb gezwungen, technische Einheiten teilweise parallel zu fahren, einen Teil im Ü-Wagen und einen anderen Teil aus dem International Broadcast Center (IBC) heraus, wo wir unsere zentrale Technik und die Remote-Regie der Präsentationsplattform hatten. Einen Teil der Endspiel-Regie, wie die EVS-Maschinen, die Highlight-Zuspielung ebenso wie die Spielauswertung mit dem Analysesystem wurde im IBC belassen.

Die eingangs angesprochene virtuelle Grafik wurde auch im Maracana-Stadion eingesetzt. Wie klappte da der Umzug?

Zunächst sind wir davon ausgegangen, im Glasstudio auf sie verzichten zu müssen. Dann aber haben wir dort ab Freitag vor dem Spiel unser Grafikersatzsystem aufgebaut und zwar diesmal als feststehende virtuelle Grafik ohne angebundenes Trackingsystem. Das bedeutete, dass es während der Einblendung der virtuellen Bilder keine Kamerabewegung im On geben durfte.

Es gab deshalb im Glasstudio keine Steadycam zur Generierung der virtuellen 3D-Bilder wie auf der Plattform sondern eine festausgerichtete Kamera.

Um dennoch unterschiedliche Kameraperspektiven nutzen zu können, wurde die virtuelle Grafik jeweils im Off manuell durch den Grafik-Operator an die entsprechende Position verschoben und angepasst. So war trotz der Einschränkung auf die feststehende Kamera die benötigte Flexibilität vorhanden und der Mehrwert für unsere Zuschauer gegeben.

Wie lief das Umbau-Timing konkret?

Am Donnerstag vor dem Spiel haben wir den Ü-Wagen am Stadion aufgebaut. Die Geräte, die wir von der Plattform brauchten sind dann in der Nacht von Samstag auf Sonntag umgezogen worden. Insgesamt war das eine sehr starke Teamleistung, die uns dann auch den Erfolg gebracht hat. Und am Ende konnte man sagen: wer wagt, gewinnt. Aber die ganze Aktion war natürlich auch für mich sehr aufregend.

Warum hat Ihnen das Bauchschmerzen bereitet?

Als wir von der Plattform gesendet haben, gab es im Falle eines Technikausfalls immer noch die Möglichkeit, Bilder einer Kamera von der Plattform oder aus der Remote-Regie im IBC zu zeigen. Dadurch, dass wir die Plattform nicht mehr hatten und damit auch nicht mehr deren Remote-Regie im IBC, war klar, wenn am Ü-Wagen irgendetwas passiert, dann geht nichts mehr. Und das wäre gerade beim Endspiel eine „Katastrophe“ gewesen. Wir hatten also praktisch keine direkte Rückfallposition vor Ort mehr. Aber dieses Risiko bin ich eingegangen, weil ich wusste, dass ich mich auf unser Team verlassen konnte. Die Produktion lief zum Glück problemlos. Auch die Zuspielungen, die teils aus dem Ü-Wagen und teils aus dem IBC kamen, waren fehlerfrei. Dazu hatten wir dedizierte Leitungen zwischen Stadion und IBC angemietet. Auch die Intercom zwischen diesen Positionen musste neu aufgebaut werden.

Der Ü-Wagen konnte also nicht, ähnlich wie die Plattform zuvor, von der IBC-Regie ferngesteuert werden?

Nein. Volker Drews, der Regisseur des Endspiels, und die Hauptcrew saßen erstmals im Ü-Wagen und nicht mehr im IBC. Der Ü-Wagen war zwar für Materialaustausch und Kommunikation mit dem IBC verbunden, konnte aber mit seinen Kameras nicht von dort aus bedient werden. In der Kürze der Zeit wäre es uns unmöglich gewesen, einen solchen Umbau zu realisieren. Bei der Endspiel-Produktion im Maracana-Stadion waren rund 60 Leute für die ARD im Einsatz. Und die hatten bei dem Umzug praktisch kaum Gelegenheit, alle Systeme nochmal im Zusammenspiel intensiv zu testen. Dass trotzdem alles gut funktionierte spricht für die hohe Professionalität unserer Leute. Jeder war höchst konzentriert bei der Sache und hat alles gegeben. Deshalb ist allen Bedenken zum Trotz auch kein Fehler passiert. Das war eine herausragende Teamleistung auf die ich stolz und für die ich sehr dankbar bin. So konnten wir uns – 60 Jahre nach dem „Wunder von Bern“ – mit einer gelungenen Endspielberichterstattung der Fußball-WM 2014 unseren „Traum von Rio“ erfüllen und dazu noch mit Deutschland als Weltmeister.

Eckhard Eckstein

MB 8/2014

Zurück


Relevante Unternehmen
Ähnliche Artikel