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Exponentielles Wachstum

Special: MEDIEN BULLETIN

Exponentielles Wachstum

Video on Demand (VoD) hat Konjunktur! Im Herbst soll nun auch, wie lange erwartet, Netflix in Deutschland starten. Damit dürfte auch der Datenverkehr im deutschen Netz sprunghaft nach oben schießen. Das bedeutet hohe Investitionen in Netze und Infrastruktur!

Auf der CeBIT in Hannover überschlugen sich die Meldungen der Netzbetreiber. So kündigte etwa Vodafone an in den nächsten Jahren vier Milliarden Euro in den Ausbau seiner deutschen Netze zu stecken. Das hört sich erst einmal nach einer enormen Summe an, genau betrachtet, ist das aber nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Denn bei Vodafone dürfte viel in die Integration und Ausbau der Netze von Kabel Deutschland gehen, das inzwischen zu der Mobilfunkgruppe gehört. Dabei gleicht der Investitionsbedarf für den gesamten Netzausbau nicht nur in Deutschland einem Fass ohne Boden. Die Breitbandinitiative der deutschen Bundesregierung wollte eine 75 prozentige Netzabdeckung mit mindestens 50 Megabit pro Sekunde (Mbit/sec) bis zum Jahr 2014. Im aktuellen Koalitionsvertrag steht eine flächendeckende Abdeckung mit 50 Mbit/sec bis zum Jahr 2018. Die digitale Agenda der europäischen Kommission ist nicht ganz so ehrgeizig. Dort hat man eine flächendeckende Netzabdeckung von 30 Mbit/sec bis zum Jahr 2020 im Blick. Im gleichen Zeitraum soll aber mindestens 50 Prozent der Haushalte 100 Mbit/sec zur Verfügung stehen. Das ist immer noch sehr ambitioniert gemessen an den völlig unterschiedlichen Voraussetzungen in den einzelnen Mitgliedsländern. Doch auch für Deutschland sind die Ziele sehr ambitioniert und im angestrebten Zeitraum kaum zu erreichen, bedenkt man, dass, laut Breitbandinitiative, die angestrebte 75 prozentige Netzabdeckung mit mindestens 50 Prozent bereits in diesem Jahr erreicht sein sollte. Die Kosten dafür werden mit bis zu 95 Milliarden Euro geschätzt – wenn man alles bis in die Haushalte hinein mit Glasfaser ausbaut. Im so genannten „Technologie-Mix“, also in Verbindung von Glasfaser mit bestehenden Kupfer- oder Koaxialleitungen in den Haushalten, liegen die nötigen Investitionen immer noch bei bis zu 35 Milliarden Euro.

Es steht zu befürchten, dass aber aktuelle Entwicklungen noch gar nicht in diese Schätzungen eingegangen sind. Denn aktuell ist der Datenverkehr international am explodieren und die Zahlen sind bereits heute mehr als beeindruckend: In Frankfurt etwa, eine Stadt mit knapp 700.000 Einwohnern und zugegeben das Drehkreuz im deutschen und europäischen Datenverkehr, gehen heute bereits rund 20 Prozent des Energiebedarfs auf den Verbrauch in Rechenzentren zurück! Tendenz: Weiter steigend!

Motor dieser Entwicklung sind zweifelsfrei die Anbieter von Bewegtbild und Video on Demand (VoD). In den USA gehen heute bereits über zwei Drittel des Datenverkehrs auf gestreamtes Video zurück, wobei Netflix, das voraussichtlich im Herbst auch in Deutschland starten wird, zusammen mit YouTube, die mit großem Abstand die größten Verkehrsverursacher sind. „Hier in Deutschland ist der Bewegtbildanteil wahrscheinlich noch nicht ganz so groß, aber wahrscheinlich auch schon über 50 Prozent“, schätzt Peter Knapp, Geschäftsführer von InterXion Deutschland, einem hier führenden Infrastrukturdienstleister in Frankfurt. InterXion betreibt Rechenzentren überall, vor allem in Europa, der Standort Frankfurt dürfte aber der größte in der Unternehmensgruppe sein. Hier stehen Mietern aktuell netto 12.500 qm an Rechnerfläche zur Verfügung. Weitere 1.800 qm kommen in Kürze dazu und es bedarf keines Blicks in die Glaskugel, dass das noch lange nicht das Ende der ehrgeizigen Erweiterungspläne sein dürfte. Schätzungsweise 100 Millionen Euro dürfte allein in den vergangenen fünf Jahren nur an Erweiterungsinvestitionen in den Standort an der Frankfurter Hanauer Landstraße geflossen sein. „Videonutzung ist zweifelsfrei einer der Motoren dieser Entwicklung“, sagt Knapp, „allerdings spielen auch Cloud Services eine gewisse Rolle.“

Das eine schließt das andere nicht aus! In den vergangenen Jahren sind Videoportale wie Pilze aus dem Boden geschossen. YouTube ist auch in Deutschland bestimmend. Clipfish und MyVideo sind die Videoportale der großen kommerziellen TV-Anbieter. Hinzu kommen die VoD-Portale maxdome von der ProSiebenSat.1-Gruppe und Watchever der französischen Mediengruppe Vivendi. Hinzu kommen die so genannten CatchUp-Dienste etwa von RTL, ProSieben und den öffentlich- rechtlichen Anbietern ARD und ZDF, die das zeitversetzte Sehen ermöglichen. Auch Sky Deutschland hat bereits vor etwa zwei Jahren mit Sky Go seine Version von unabhängigem TV-Konsum gestartet und jetzt mit einer eigenen VoD-Plattform „Snapp“ nachgelegt. Passend zum erwarteten deutschen Netflix-Start im Herbst verkündete auch der Onlinehändler Amazon, der bereits mit LoveFilm im Markt präsent war, den Start seiner gebündelten VoD-Angebote. Kurz zusammengefasst: Der Markt expandiert in immer schnellerem Tempo! Dabei spielt auch die Cloud für die Bewegtbildnutzung eine immer größere Rolle, wie die Beispiele der Streaming-Plattformen Zattoo und des kurz vor dem Start stehenden Konkurrenten Magine zeigt. Letztere besonders verspricht durch seine konsequente Cloud-basiertheit einen bisher nicht gekannten Komfort für seine Nutzer.

„In den Rechenzentren explodiert aktuell die Leistungsdichte und auch die Glasfaserverbindungen vermehren sich exponentiell“, beschreibt Peter Knapp die Auswirkungen. Alle würden sich untereinander vernetzen. Man würde heute eine Infrastruktur nicht mehr für sich alleine aufbauen, das sei viel zu aufwendig und teuer. „Man schaltet sich lieber zusammen und nutzt eine Infrastruktur gemeinsam und verschaltet sich“, so die Beobachtung des Rechenzentrumbetreibers. Auch InterXion selbst ist von dieser Entwicklung nicht unbeeinflusst, da man dort ausreichend Kapazitäten vorhalten muss. Die Firma vermietet zwar „nur“ Serverstellplätze, die dann von den Kunden bestückt werden. Allerdings hängt daran eine komplexe Stromversorgung und Sicherheitstechnik, die mehrfach redundant abgesichert sein muss. Das sind hohe Investitionen mit langen Vorlaufzeiten, die entschieden werden müssen, lange bevor ein Kunde sein Interesse bekunden kann. Bricht der Markt ein, sei es durch eine Finanz- oder Wirtschaftskrise oder andere weltpolitische Turbulenzen, tut es schnell richtig weh! „Der Verkauf ist im Moment bei uns hoch riskant“, räumt Peter Knapp freimütig ein.

Allerdings scheint so ein Einbruch, zumindest nicht nachhaltig, aktuell nicht bevor zu stehen. Im Gegenteil: Knapp sagt, dass im Moment immer mehr Inhalte direkt auf Servern in Deutschland, nahe beim Kunden, der sie abruft, gelagert werden. „Früher hat man nur die Leitungen zur Verfügung gestellt, die Server standen dann irgendwo, meistens in den USA. Das ist heute nicht mehr so!“ Das hat zum einen mit dem gesteigerten Sicherheitsbedürfnis in Folge der NSA Affaire zu tun, aber nicht ausschließlich: „Bei den komplexen Datenmengen heute sind die Ladezeiten, etwa für ein Video, zu lang, wenn die Entfernungen zu groß sind. Deshalb will man mit den Inhalten näher an den Nutzer“, beschreibt Knapp. Dahinter stünde ein sehr komplizierter Caging-Algorithmus: „Der errechnet welche 80 bis 90 Prozent Inhalt am häufigsten nachgefragt sind und die werden hier in der Nähe geparkt, der Rest wird von irgendwo dazu geholt.“

Kurz gesagt: Der Markt ist im Umbruch, hoch riskant, weil von hohen Investitionen in Netze und Infrastruktur geprägt. Eine weitere Explosion des Datenverkehrs ist sehr wahrscheinlich, vor allen Dingen dann, wenn die Kunden die neuen VoD- und Streaming-Angebote so annehmen, wie es der Markt erwartet. Trotzdem stellt sich die bange Frage, wie sich diese hohen Investitionen langfristig rechnen sollen!
Dieter Brockmeyer

(MB 3/14)

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