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Fehlende Professionalität

Special: MEDIEN BULLETIN

Fehlende Professionalität

Auf dem Cartoon Forum 2012 in Toulouse (17. – 20. September) war wie gewohnt auch der öffentlich-rechtliche Kinderkanal KiKa vertreten. MEDIEN BULLETIN sprach dort mit Sebastian Debertin, KiKa-Leiter Fiktion &Programmakquistion, über die gegenwärtig schwierige Situation der deutschen Animationsfilmproduktion und die Relevanz des Genres für den TV-Markt.

Wie wichtig ist Cartoon Forum für den KiKa?

Das Cartoon Forum ist seit Entstehung des Kinderkanals mit eine der wesentlichen Programmquellen für neue Projekte, sowohl für uns, als auch für ARD und ZDF. Wir haben von Anfang an in Projekte aus Deutschland und ganz Europa investiert, aber auch selber, zusammen mit Produzenten, Projekte präsentiert. Schade ist, dass in diesem Jahr nur wenige deutsche Produzenten Projekte präsentiert haben. Im Vergleich zur Größe der deutschen Animationsindustrie ist das ein leider schlechter Witz. Es mag, wie ich hörte, daran liegen, dass bei der Vor-Auswahl für Cartoon Forum 2012 zu viele deutsche Projekteinreichungen abgelehnt wurden. Ich empfehle daher, sich in der Entwicklung schon frühzeitig mit internationalen Partnern wie Produzenten oder Sendern zusammen zu tun.

Zwei der deutschen Projekte, „Kreechaz – The Nature Rangers“ und „Die Nollies“, wurden ohne assoziierten deutschen Sender vorgestellt.

Bei „Die Nollies“ hatte ich das damalige Konzept bei der Akademie für Kindermedien in Thüringen mitbetreut. Es ist sehr schade, dass sich kein Sender gefunden hat, der die Serie sponsert. Der KiKA war hier leider nicht angefragt worden. „Kreechaz“ ist ein Projekt, das schon wichtige Schritte in Richtung Internationalisierung unternommen hat. Die Präsentation wurde daher scheinbar sehr gut angenommen, was ja auch durch den Sponsor Telegael, einem international sehr erfolgreichen Animationspartner, übrigens auch des KiKA, deutlich wurde. „Der kleine Drache Kokosnuss“, Sponsor übrigens das ZDF, war gut besucht. Ein anderes Projekt, „Zoo Station“, das auf den sehr intelligenten und charmanten Büchern von Leo Timmers basiert, hat mit Ulysses ein deutsches Studio an Bord.

Wie beurteilen Sie das internationale Cartoon Forum-Angebot?

Ich habe mich mit meinem Team im Vorfeld mit allen 69 Projekten dieses Forums im Detail vertraut gemacht. Wir waren ein wenig enttäuscht. Die allgemeine Qualität ist doch etwas zurückgegangen – vielleicht auch ein Grund, dass so wenige deutsche Projekte dabei sind. Dennoch gibt es ein paar Projekte, die herausstechen und die den europäischen Markt, eventuell aber auch sogar den globalen TV-Markt erreichen können.

Die Präsentationen von lustigen, unangepassten Ideen für Menschen ab 16 werden sehr gerne besucht, aber in Deutschland hat europäische Erwachsenenanimation bislang keine Chance. Könnte sich da in absehbarer Zeit was ändern?

Ich glaube, dass sich da Dinge entwickeln werden. Es gibt ja schon Länder in Europa, die einen Markt für Animation für Erwachsene haben. In Deutschland wird sich mit der Digitalisierung und den sinkenden technischen Verbreitungskosten für Fernsehsender einiges tun, wie wir es ja aktuell erleben. Ich glaube außerdem, dass sich neben den US-Konzernen auch europäische Unternehmen auf diesen Markt trauen werden und es dann Sender gibt, die, wie Comedy Central, Animation für Erwachsene anbieten werden.

Vorschulprogramm ist beim Cartoon Forum sehr beliebt. Es nimmt jedes Jahr ungefähr ein Drittel der Präsentationen ein. Ist das nicht ein bisschen viel?

Darüber tausche ich mich regelmäßig mit meinen nationalen und internationalen Kollegen aus, wir finden auch, dass dies deutlich zu viel ist. Es ist aber einfach so, dass in diesem  Segment mit Merchandising mehr Geld verdient werden kann, als beispielsweise im Segment für sechs- bis neunjährige Kinder, sofern es sich nicht um toy-driven Concepts handelt, von denen die meisten dann auch noch viel zu gewalttätig sind, um aus meiner Sicht für den KiKa geeignet zu sein. Sehr schade, denn der KiKa selbst konzentriert sich auf die Suche und Identifizierung von Animationsprogrammen für die Sechs- bis Neunjährigen. Derzeit mangels guter Angebote kein leichtes Unterfangen.

Was kann man dagegen tun?

Einerseits sollten Produzenten und Studios sich eben mehr um diese Zielgruppe kümmern, denn wir können und wollen den Kindern nicht nur internationale Ware, aus UK, USA, Frankreich oder Australien anbieten. Derzeit entwickeln wir mit verschiedenen deutschen und internationalen Studios Serienprojekte für diese Zielgruppe, so zum Beispiel eine eigene, sehr öffentlich-rechtliche Comedy-Abenteuer-Serie, für die ich weitere Geldgeber aus Nordamerika und Australien gefunden haben, weil ihnen das Konzept sofort sehr gut gefallen hat. In der Serie werden den sechs- bis zehnjährigen Zuschauern über den jugendlichen Hauptdarsteller in den Abenteuern ganz nebenbei Dinge aus allen Naturwissenschaften beigebracht, ein echtes Novum in dieser Form! Wir bringen in diese Koproduktion neben der kreativen Idee Know-How, Geld und den charmant formulierten Zwang ein, dass das Projekt im work split mit einem deutschen Studio gemacht wird. Wir wollen Serien schaffen, die unserer Kultur und den Lebenswirklichkeiten unserer Kinder entsprechen, aber von vornherein auch international von Interesse sind. Nur so lassen sich Majorpartner für die Finanzierung aus dem Ausland finden. Da sehe ich auch für die deutschen Produzenten herausragende Chancen und Potentiale, sich durch noch stärkere Internationalisierung im globalen Wettbewerb weiter zu qualifizieren. So würden vermutlich auch wieder mehr deutsche Projekte in der Vorauswahl zum Cartoon Forum reüssieren können, weil sie nicht zu deutsch sind, sondern, ihren Charakter und Ursprung bewahrend, auch international interessieren. Wir haben einen guten Kern an deutschen Studios und wir können und müssen weiter machen in der Professionalisierung unserer Animationslandschaft. Das geht nur im Miteinander aller Kräfte, auch der geschätzten privaten TV-Mitbewerber.

Wie groß sind die Kapazitäten beim KiKa für neue Serien?

Theoretisch unlimitiert. Limitiert – leider – ist nur das Budget und die Sendezeit, derzeit etwa 30 bis 33 Prozent der KiKa-Sendezeit sind für Animationsprogramme reserviert. Wir schauen beim KiKa allein pro Jahr auf 800 bis 1.500 Konzepte aus allen Genres, aus Deutschland und weltweit. Was fehlt sind oftmals Marktkenntnisse, sowohl bei ausländischen Produzenten, die zum Beispiel dem KiKa-Angebote schicken für Animationsprojekte für Erwachsene. Oder es fehlt auf Seiten deutscher Produzenten der Überblick über den internationalen Animationsmarkt, so dass viel Redundantes, längst Produziertes eingereicht wird! In Zeiten des Internets mit all seinen Recherchemöglichkeiten eigentlich unverständlich. Und auf deutscher Seite fehlt scheinbar gelegentlich auch Professionalität. In Frankreich etwa ist bisher fast keine Animationsproduktionsfirma pleite gegangen. Dort sorgt schon die beneidenswerte Gesamtsituation mit hoher Förderung und Quotenzwang der Sender für eine recht gesunde Animationsbranche. Dass dies in Deutschland komplett anders ist, einige Firmen sogar Pleite gegangen sind, liegt nicht an den öffentlich-rechtlichen Sendern, denn es wurde in den letzten acht Jahren nicht weniger in die hiesige Branche investiert. Die betroffenen Produzenten müssen sich fragen, wie sie mit den Mitteln umgegangen sind und so in eine irreparable Schieflage geraten konnten. So kann nichts wachsen, gedeihen und so kann keine Stabilität entstehen. Das ist das Tragische daran und macht alle unglücklich und frustriert.

Deshalb noch einmal: Alle zusammen müssen an der weiteren Professionalisierung und Internationalisierung der deutschen Animationsbranche arbeiten, dazu lade ich immer wieder ein!

Thomas Steiger
(MB 11/12)

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