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Special: MEDIEN BULLETIN

Happy Birthday Prix Europa!

Alljährlich Ende Oktober treffen sich in Berlin um die tausend Programm-Macher aus ganz Europa, die aus den Bereichen Fernsehen, Hörfunk und Online stammen. Es geht darum, wer es schaffen kann, die begehrte Auszeichnung „Bestes Europäisches Programm des Jahres“, für das es zehn verschiedene Kategorien gibt, zu ergattern: den Prix Europa, der es geschafft hat jenseits von europäischen Finanzierungsdebatten und Wirtschaftskrisen in diesem Jahr seinen 25. Geburtstag zu feiern. Es ist ein Festival von und für Programm-Macher.

In diesem Jahr waren beim Prix Europa 237 Produktionen von 110 Rundfunkanstalten und Produktionsfirmen im Rennen. Ihre kreativen Vertreter trafen sich wie immer in einem historischen Denkmal, dem altehrwürdigen Rundfunkgebäude vom rbb in der Masurenallee gegenüber dem Charlottenburger Funkturm und Messegelände. Da finden die Screenings statt, es werden Radiofeatures und Hörspiele abgespielt, und man klickt sich durch die nominierten Online-Beiträge. Und dann wird in offenen Jurygruppen ausführlich diskutiert, welche Produktionen warum die besten sind und einen Prix Europa gewinnen könnten.

Abends gibt es jede Menge Rahmenveranstaltungen zum Beispiel in den Botschaften einzelner europäischer Länder, die sich ja alle in der Hauptstadt tummeln. Man kann das vom rbb gepflegte „Hörspielkino unterm Sternenhimmel“ im Zeiss Großplanetarium erleben. Oder dem European Leadership Panel lauschen, wo Intendanten europäischer Senderanstalten beispielsweise darüber diskutieren, wie man angesichts wachsender Fragmentierung der Gesellschaften auch in Zukunft ein möglichst großes Publikum mit Qualität und einem breit gefächerten Angebot erreichen kann.

Klar steht beim Prix Europa auch ein Topf mit Preisgeldern zur Verfügung – insgesamt 78.000 Euro. Das Besondere am Festival aber ist, dass es allein um Inhalte, um kreative Programmgestaltung und natürlich auch um „den europäischen Gedanken in der Medienwelt“ geht, wie Festivalleiterin Susanne Hoffmann betont: „Im Gegensatz zu allen politischen und wirtschaftlichen Querelen“, die nun schon seit längerer Zeit die Europa- und Euro-Debatte dominieren.

Wer sind die Leistungsträger, die hinter dem Prix Europa stehen, wie wird er finanziert?

„Wir haben 24 Partner, das wird eine lange Liste“, warnt Hoffmann mit ihrer Antwort und fasst zusammen. Dazu zählen 16 europäische Rundfunkveranstalter von Arte bis ZDF, wobei sie explizit den rbb als Gastgeber hervorhebt. Bis dato handele es sich in der Tat ausschließlich um öffentlich-rechtliche Sender, die mit einem Finanzierungsbetrag beteiligt seien. „Wir würden aber gerne auch private Sender mit aufnehmen“, erklärt Hoffmann: „Wir haben keine Berührungsängste“. Weil nicht nur Sender, sondern auch Produzenten am Wettbewerb mit ihren Einreichungen teilnehmen können, die selbstredend auch für private Sender tätig sind, sei ohnehin gewährleistet, dass der Prix Europa auch für Programme der privaten Sender offen stehe.

Aber auch etliche europäische Behörden stehen hinter Prix Europa: Die Europäische Kommission, das Europäische Parlament, die European Broadcasting Union (EBU/UER) oder die European Alliance for Television and Culture (EATC). Bombastische Namen also. Dementsprechend dürfte Prix Europa denn wohl bestens finanziell ausgestattet sein? Aber Hoffmann betont im Gegenteil: „Wir sind ein Low Budget Event, das überlebt, weil es von vielen Partnern getragen wird“. Auch „das griechische Fernsehen ist dabei“, fügt sie schmunzelnd hinzu und erklärt: „Wir lasten auf vielen Schultern, jeder trägt so viel er kann“. Da scheint von jedem einzelnen Träger also nicht besonders viel Geld zu stammen. Und genau das ist wohl gleichzeitig der Grund, warum der Prix Europa trotz aller wackeligen Wirtschaftszeiten hat überleben können und nun sein 25. Jubiläum feiern kann. Obendrein und genauso wichtig: Weil Prix Europa so viele Partner hat, konnte und kann sich das Prix Europa-Festival seine Unabhängigkeit bei den Preisverleihungen bewahren.

Mit beispielsweise Christoph Schlingensief, Andreas Dresen, Heinrich Breloer oder Tom Tykwer haben etliche große Namen der deutschen Kulturbühne einen Prix Europa gewonnen, als sie noch mehr oder weniger unbekannt waren. Ebenso beispielsweise der britische TV-Drehbuchautor Jimmy McGovern oder Chantal Akermann. Hoffmann weiß: „Sehr viele, die später ihre Karrieren im Fernsehen und im Hörfunk gemacht haben, haben zuvor mit ihren Erst-, Zweit- oder Drittwerken den Prix Europa gewonnen“.

Die Unabhängigkeit, die typisch für Prix Europa ist, drückt sich insbesondere in den „offenen Jurygruppen“ aus. Will heißen: Die Preise werden nicht – wie es vielfach üblich ist - hinter den Kulissen und nach Interessensproporz vergeben. Vielmehr sind die Entscheidungen transparent, weil die Diskussion darum für alle Medienschaffenden und Pressevertreter öffentlich zugänglich ist. Damit wird nicht nur die Seriosität und der Wert des Preises hoch gehalten, sondern wie Hoffmann betont, ein Lernprozess in Gang gebracht.
In der Jury von Prix Europa zu sitzen, sei nichts für Leute, „die sich mal einen flotten Lenz machen wollen“. Man habe sich den Ruf erworben, „für harte Arbeit zustehen: „Wir fangen morgens um 9 Uhr an und die Diskussionen gehen bis abends um 19 Uhr“, erklärt Hoffmann. Dabei stelle sich im Huckepack ein „Trainings- und Weiterbildungsprozess“ unter Machern wie Redakteuren, Regisseuren und Produzenten ein, was eben auch die Absicht des Festivals sei. „Es geht darum, dass die Programme besser werden. Es geht ums Lernen“ Im Laufe der ernsten analytischen Diskussionen über die präsentierten Programme, so hat Hoffmann beobachtet, würden dann viele vergessen, dass sie selber auch Preisträger werden können. Hoffmann betont, dass der Hörfunk neben Fernsehen beim Festival „eine ganz starke Säule“ bilde. Weil die Radiomacher die ersten gewesen seien, die ins Internet gegangen seien, habe man schließlich die Kategorie „Online“ mit eingebunden. Überhaupt spiegelt der Prix Europa laut Hoffmann mit seinem trimedialen Angebot die Realität vieler Broadcaster wider, da für die meisten Sendeanstalten in Europa schon seit längerem die medienübergreifende Struktur charakteristisch sei.

Schwerpunkt-Thema Krisenstimmung

Schon im Vorfeld der Preisverleihung am 29. Oktober hatten sich erste Trends hinsichtlich thematischer Schwerpunkte der Programme heraus kristallisiert. So ging es um die ganze Bandbreite der akuten europäischen Krisenstimmung wie „Globalisierung“, „Griechenland“, „Berlusconi“. Ebenso spielten mehr oder weniger individuellere Aspekte wie zum Beispiel „Integration“, „Jugendkriminalität“ und „Alter“ über nationale Grenzen hinaus in ganz Europa eine wichtige Rolle. Gleichzeitig lässt sich im ganzen europäischen Fernsehmarkt weiterhin ein Trend zu historischen Stoffen erkennen. Im Wettbewerb waren beispielsweise das polnische Doku-Drama „Chernobyl-Four Days in April“ und die deutsche Teamworx-Produktion „Schicksalsjahre“ mit Maria Furtwängler.

Als Highlight in diesem Jahr hatte Hoffmann bei der Sichtung der Wettbewerbsbeiträge erkannt: Es gibt eine wachsende Bereitschaft für längere Produktionen und wieder eine stärkere Neigung, „investigativ zu arbeiten“. Nicht mehr die schnelle Headline, sondern dass ernsthafte Nachforschen sei wieder mehr gefragt. Gretchenfrage: Wie wird denn beim Prix Europa Qualität definiert? Der Frage geht Hoffmann nicht auf den Leim. „Ich bin auch nicht schlauer als andere“, meint sie dazu. Ganz persönlich allerdings habe sie in den vielen Jahren beim Prix Europa zwei Kriterien für Qualität bei Medien entwickelt. Erstens müsse ein Programm-Macher sein Publikum ernst nehmen und sich fragen, wie er ein möglichst großes Publikum erreiche, zumal, wenn er für Massenmedien tätig sei. Und das zweite ist: „Was bleibt beim Zuschauer? Macht es mich klüger, denke ich darüber nach?“

Die Preisträger des Prix Europa (www.prix-europa.de). wurden am 29. Oktober benannt. Fünf der insgesamt 14 Preise gingen nach Deutschland. Der nächste Prix Europa findet vom 20. bis 27.Oktober 2012 statt.
Erika Butzek
(MB 11/2011)

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