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Kein Rattenrennen

Special: MEDIEN BULLETIN

Kein Rattenrennen

Obwohl sich Nachrichtensendungen in den letzten zwanzig Jahren formal und inhaltlich signifikant verändert haben, bleiben die Nutzungsgewohnheiten und die Bewertung durch die Zuschauer konstant.

„Der beste Sprecher ist der, den man sofort vergisst“, lautet das Credo von Kai Gniffke, dem Ersten Chefredakteur von ARD aktuell. Diese Haltung sollte nicht nur für die populärste deutsche Nachrichtensendung, die „Tagesschau“ gelten, bei der Sprecher Fremdtexte vortragen, die eigentlich eine Redaktion verfasst hat: Weder die Form, noch die Präsentation, sondern der Inhalt ist für eine Informationssendung essentiell. So trug der ehemalige „Tagesschau“-Sprecher Marc Bator, im Mai 2013 als Chefmoderator der 20-Uhr-Nachrichten zum Privatsender Sat.1 gewechselt, kurzzeitig eine auffällige Hornbrille, die dann ganz schnell wieder verschwand. Jede Gesellschaft hat ihre eigene Informationskultur, hierzulande hat diese eher sachlich, nüchtern und seriös zu sein. Nach wie vor sind Nachrichten das Salz in der täglichen Fernseh-Suppe. Laut einer aktuellen, im Auftrag der Programmdirektion Das Erste zum fünften Mal durchgeführten Studie „Die Informationsqualität der Fernsehnachrichten aus Zuschauersicht“ von Camille Zubayr und Stefan Geese sehen fast 90 Prozent der 3.000 befragten Personen „sehr gern“ oder „gern“ Nachrichten im Fernsehen, was deutlich über der Zustimmung für andere Programmfarben wie Filme oder Unterhaltungsshows liegt. Die Hauptnachrichten am frühen Abend wie „Tagesschau“, „heute“, „RTL Aktuell“, „Sat.1 Nachrichten“ und „ProSieben Newstime“ gehören für 32,5 Millionen Bundesbürger zum täglichen Fernsehritual, durchschnittlich sehen sie täglich zwölf Minuten lang Nachrichtensendungen.

„Überraschend ist der Befund, dass trotz der zweifellos ungemein gestiegenen Relevanz der Onlinemedien im Alltag der meisten Deutschen, das Fernsehen noch immer das weitaus wichtigste Medium für die aktuelle Informationsvermittlung für die Bürger ist“, bilanziert Stefan Geese von der Medienforschung der Programmdirektion Erstes Deutsches Fernsehen. „Nachrichten bilden ein ’Fenster zur Welt’ und ermöglichen die Einordnung der eigenen Rolle darin. Die rituelle Vergewisserung, dass ’nichts Schlimmes’ passiert ist – oder eben doch, gehört zu den medialen Grundbedürfnissen der Menschen.“ Seit 1986 werden die Fragen zur Nutzung und Bewertung von Fernsehnachrichten im Vierjahresrhythmus durchgeführt. Quantitativ hat sich in dieser Zeit insbesondere das Volumen der Nachrichtenangebote erhöht, allein durch weitere Sendungen im Tagesverlauf wie die Nachtmagazine oder die neu hinzugekommenen Informationskanäle wie n-tv, N24, Phoenix oder das digital verbreitete Angebot von Tagesschau24, die allerdings nur selten Publikumsgrößen von mehr als 100.000 Zuschauern erzielen.

Bei den Hauptnachrichtensendungen variierten in dieser Zeit vor allem die Sendeplätze. Die „ProSieben Newstime“ wird derzeit schon um 18:00 Uhr ausgestrahlt, bei den „Sat.1 Nachrichten“ ging die inhaltliche Neuausrichtung mit einer Änderung der Sendezeit von 18:30 auf 19:55 Uhr einher, während kabel eins seine Nachrichtensendung aus der wegen des hohen Kundenpotentials üblichen Zeit des Vor- beziehungsweise Hauptabends herausgelöst hat und sie bereits um 16:40 Uhr ausstrahlt. Einen konträren Weg schlug Vox ein, dessen Nachrichtensendung werktags erst nach Mitternacht und am Wochenende überhaupt nicht ausgestrahlt wird. „Aus unserer Sicht fallen weniger die Veränderungen, als vielmehr die relative Konstanz von Nutzung wie auch Bewertung über diesen vergleichsweise langen Zeitraum auf“, beobachtet Medienforscher Geese.

Die Themenschwerpunkte der Nachrichtensendungen sind für ihn über die Jahre hinweg, natürlich abhängig von den jeweiligen Ereignislagen, erstaunlich stabil. Während das „Tagesschau“-Publikum sich insbesondere für politische Themen interessiert, sind etwa für den „Newstime“-Zuschauer in gleichem Maße Beiträge über Sport, Kino- und Musikwelt relevant. ARD-aktuell-Chef Gniffke orientiert sich bei der Nachrichtenauswahl von „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ primär am Kriterium der Relevanz, „erst im hinteren Teil der Sendung kann auch mal ein Thema vorkommen, das durch besondere Bilder oder hohen Gesprächswert den Sprung in die Sendung schafft.“ Die Folge: „Jede Nachrichtensendung hat so ihr Publikum gefunden, dass mit der jeweiligen Auswahl und Aufbereitung offenbar zufrieden ist“, glaubt Geese. Die augenfälligen Änderungen in den letzten Jahren beziehen sich für ihn eher auf die optische beziehungsweise multimediale und auch sprachliche Vermittlung der Inhalte als auf die Inhalte selbst. „Diesen Vergleich kann man ja sehr gut mit der ’Tagesschau vor 20 Jahren’ selbst vollziehen“, empfiehlt Geese den zeitgeschichtlichen Klick auf die täglich dokumentierte historische Ausgabe der „Tagesschau“ auf deren Homepage. Tatsächlich ist das Zuschauerinteresse an der „Tagesschau“ erstaunlich stabil: Während die 20-Uhr-Ausgabe des ARD-Flaggschiffs 1992 im Jahresdurchschnitt 8,76 Millionen Zuschauer sahen, hatte sie im vergangenen Jahr im Durchschnitt 8,79 Millionen Zuschauer bei jeder Ausgabe (siehe Tabelle). Allerdings verteilen sich mit dem wachsenden Erfolg der Dritten Programme der ARD die Zuschauerzahlen anders: Mit 3,86 Millionen Zuschauern verfolgten 2012 deutlich mehr Menschen als noch vor zwei Jahrzehnten die „Tagesschau“ in den verschiedenen Dritten Programmen, bei 3sat oder Phoenix, 4,93 Millionen Zuschauer sahen sie im Ersten. Damit bleibt die „Tagesschau“ die meistgesehene Nachrichtensendung und hatte im Jahr 2012 exakt so viele Zuschauer wie die gesamte Nachrichten-Konkurrenz von „RTL aktuell“ (Reichweite: 3,54 Mio.), „heute“ (3,52 Mio.) und „Sat.1 Nachrichten“ (1,79 Mio.) zusammen.

Flaggschiff ‚Tagesschau

Generell gelten „Tagesschau“ und „heute“, so ein weiteres Ergebnis der Studie, als kompetenteste Nachrichtensendungen, die bei der Bewertung der Kernbereiche der journalistischen Arbeit wie Objektivität, Glaubwürdigkeit, Vollständigkeit oder Trennung von Meinung und Nachricht deutlich die Nase vorn haben und somit eine gute Grundlage für die eigene Meinungsbildung der Zuschauer bieten. So glauben etwa Dreiviertel der Befragten, dass die beiden öffentlich-rechtlichen Hauptnachrichten „die Dinge so wiedergeben, wie sie wirklich sind“ und „Nachricht und Meinung klar trennen“. Dagegen geben sich die Zuschauer der Privatnachrichten über „ihre“ Sendungen mit Zustimmungswerten von bis zu 50 Prozent hier deutlich reservierter. Im Vorteil sehen die Zuschauer die drei privaten Hauptnachrichtensendungen vielmehr bei der Machart betreffenden Kriterien wie „locker und frisch“ und attestieren diesen einen gelegentlichen Hang zum Übertreiben, um dramatischer zu wirken. Bemerkenswert ist, dass die qualitative Bewertung der einzelnen Sendungen sowohl von den jüngeren, als auch älteren Zuschauern getragen wird, wenn auch die bestehenden Bewertungsdifferenzen zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Nachrichten bei den jüngeren Zuschauern weniger ausgeprägt sind.

„Fernsehnachrichten haben sich in den vergangenen Jahren signifikant verändert“, glaubt Wolfgang Voigt, stellvertretender Leiter der „heute“-Redaktion. „Der Fernsehmarkt ist diverser geworden. Die Konkurrenz, auch bei den Nachrichtenformaten, härter.“ Auch wenn klassische Nachrichtenfaktoren wie Relevanz, Nähe und Aktualität nach wie vor zu den journalistischen Leitlinien zählen, orientieren sich Nachrichten heute vielmehr an den Publikumserwartungen.

Größeres Themenspektrum

Neben tagesbegleitenden Kurznachrichten, den einen Tagesüberblick liefernden Hauptnachrichten, den eher hintergründigen, moderierten Nachrichtenmagazinen, mit „Tagesthemen“ und „heute journal“ eine Domäne von ARD und ZDF, und den thematisch aufgelockerten Nachtmagazinen bedienen auch Internet und die Nachrichtensender die tägliche Informationsnachfrage. Die reine Nachricht reicht fürs Fernsehen heute nicht mehr aus, der schnelle Blick ins Internet bietet Informationshäppchen in Hülle und Fülle, aber ohne Substanz. Fernsehnachrichten müssen den Zuschauer bewegen, damit er sie bereitwillig aufnimmt, frei nach dem Motto des großen Zeitungsverlegers Henri Nannen: „Die Kirche muss voll sein, wenn man predigt.“ Der Grad zwischen Information und Unterhaltung wird immer schmaler. Dabei bleibt die Qualität beim Schreiben von Texten oft auf der Strecke, Worte werden sang- und klanglos über Bilder gestreut, verkommen scheinbar zum Beiwerk. Der langjährige „Tagesthemen“-Moderator Ulrich Wickert beklagt in einem im Mai 2013 veröffentlichen Gespräch mit der Wochenzeitung „Die Zeit“, dass er als damaliger Auslandskorrespondent für manchen „Tagesthemen“-Beitrag zwei Tage Vorbereitungszeit hatte, heute seien es oft nur zwei Stunden. Heute müssen Korrespondenten oder Reporter meist mehrerer Infokanäle bestücken. Die eigene Handschrift, der eigene Stil gehen sukzessive verloren, eine Nachrichtenredaktion liefert heute Nachrichten im Akkord, um vor den Rechnungshöfen bestehen zu können, ohne Rücksicht auf die Qualität. Die Folge: Mehr Masse als Klasse?

„Die Themenvielfalt der Fernsehnachrichten ist in den letzten fünfzehn, zwanzig Jahren enorm gestiegen“, weiß Peter Kloeppel aus der Praxis, der 54-jährige RTL-Chefredakteur ist seit 21 Jahren Anchorman von „RTL Aktuell“. „Neben parteipolitischen Themen interessieren sich die Zuschauer ganz besonders für die Themen, die ihr Leben unmittelbar betreffen: Wie viel Geld steht ihnen zur Verfügung? Wo kann man sparen und wie komme ich an einen Kita-Platz?“ TV-Nachrichten bilden für die Bundesbürger auch in Zeiten der Informationsflut durch das Internet einen wichtigen und entscheidenden Informations- und Orientierungsanker, bei jedem Bericht, bei jeder Moderation muss die Brücke zum Zuschauer neu geschlagen werden. „Fernsehbilder sind weltweit immer schneller und leichter verfügbar, von Internetvideos ganz zu schweigen“, erklärt Voigt. „In der immer größer werdenden Bilderflut ist eine professionelle Auswahl und Aufbereitung wichtiger den je.“ Amateurvideos und YouTube sind mittlerweile Quellen, auf die keine Nachrichtensendung mehr verzichten kann, Fernsehnachrichten ohne Bilder wären für Gniffke „wie Radio ohne Ton“. Gleichzeitig hat sich das Tempo der Nachrichtenverarbeitung dramatisch erhöht. „Hier gilt es für seriöse Nachrichtenanbieter, kühlen Kopf zu bewahren, zu recherchieren und nicht in ein ’Rattenrennen’ um die schnellste und spektakulärste Meldung zu verfallen“, warnt Gniffke. „Nachrichten sind keine Sprint-Disziplin, bei der es ausschließlich um die schnelle Reaktion bei besonderen Ereignislagen geht. Entscheidend für die Qualität eines Nachrichtenanbieters ist die Leistung 24 Stunden lang 365 Mal im Jahr. Anders ausgedrückt: Nachrichten sind ein Marathonlauf.“

David gegen Goliath

Der Rücktritt von Papst Benedikt, die Hochwasserkatastrophe in Deutschland oder der Sturz des ägyptischen Präsidenten Mursi – für Kloeppel „gibt es gewisse Momente im Nachrichtenalltag, die eine größere Berichterstattung erfordern. Die Menschen wollen alles über solche Ausnahmesituationen wissen – und das ist gut und richtig so.“ ARD aktuell kann für solche herausragenden Ereignisse auf ein weltweites Korrespondentennetz und die Fachredaktionen in den Häusern der ARD zurückgreifen, um neben der aktuellen Information auch Hintergründe und Analysen anzubieten. Aber Qualität hat ihren Preis. „Zum einen ist die Produktion von Nachrichten und die Beschaffung der Informationen teuer und personalintensiv und zum anderen ist die Werbung im Umfeld von Nachrichten deutlich reglementierter und damit sind auch die Möglichkeiten der Refinanzierung beschränkt“, weiß N24-Sprecherin Kristina Faßler, die bei den Nachrichten einen Kampf von David gegen Goliath beobachtet. „Auf der öffentlich-rechtlichen Seite werden Unsummen in Studios, Korrespondenten et cetera investiert. Kurz: Es kann jederzeit aus dem Vollen geschöpft werden. Ob man das dann wirklich ’on air’ sieht, ist zu bezweifeln“, seufzt Faßler. So investierte die ARD laut dem Nachrichtenmagazin „Focus“ gerade knapp 24 Millionen Euro in das neue, als Realkulisse konzipierte „Tagesschau“-Studio, im Gegensatz zum inzwischen auch bei der „Tagesschau“ etablierten Teleprompter wählte Gniffke für ARD akuell kein virtuelles Studio, da er eine Glaubwürdigkeitsfalle fürchtet, „wenn man Dinge suggeriert, die so nicht vorhanden sind“. Dem ZDF war die Nachrichtenoffensive im Juli 2009 dagegen 30 Millionen Euro wert, seitdem stehen Claus Kleber und Kollegen in einer 700 Quadratmeter großen „Greenbox“ an einem 11,70 Meter langen Tisch, am Lerchenberg scherzhaft „Autobahnkreuz“ genannt, in die Kanzlerin oder Tsunami in den dreidimensionalen Raum projiziert werden oder „begehbare“ Grafiken und Animationen zur Veranschaulichung der Nachrichten dienen. Aber auch die Privaten investieren in die Präsentation von Informationen: RTL hat sich vor drei Jahren zwei neue Nachrichtenstudios, 260 und 410 Quadratmeter groß, im neuen Sendezentrum in Köln-Deutz gegönnt, zuvor programmierte Roboterkameras filmen Moderator Kloeppel im HD-Format, wie er sich auf einer exakt ausgerechneten Position bewegt, um die für ihn unsichtbar eingespielten digitalen Grafiken zu erklären. Die Technik sollte jedoch nur Mittel zum Zweck sein. „Die Qualität der Nachrichten und die Informationstiefe haben sich in den letzten Jahren dank neuer, schneller Informationswege und moderner Grafiktools erhöht“, ist Faßler überzeugt. „Die privaten Sender machen in punkto Nachrichten einen sehr guten Job. Sie sind schnell, verständlich und absolut kompetent.“ Egal ob privat, oder öffentlich-rechtlich – für Kloeppel sind Nachrichten lebenswichtig. „Zu jeder Uhrzeit seriöse Informationen aus erster Hand zu bekommen, ist ein Privileg, das wir uns in der Demokratie lange erkämpft haben und für das wir täglich dankbar sein sollten.“
Wolfgang Scheidt

(MB 3/14)

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