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Kleiner aber feiner!

Special: MEDIEN BULLETIN

Kleiner aber feiner!

Die miptv schien in diesem Jahr leicht reduziert. Veranstalter Reed Midem, Aussteller und Fach-Besucher zeigten sich dennoch sehr zufrieden.

Subjektiv betrachtet präsentierte sich die miptv in Cannes in diesem Frühjahr mit weniger Besuchern als in den vergangenen Jahren. Und auch auf der letzten Herbstmesse mipcom war deutlich mehr los. Trotzdem mag der Veranstalter der beiden weltgrößten Messen für TV-Rechte Reed Midem (RMO) für die miptv 2014 keine negative Bilanz ziehen. Wieder wurden angeblich rund 11.000 Messebesucher registriert. Auch die geben sich durch die Bank mit der Messe zufrieden. Lebhaft und verkaufsstark, so die Einschätzung vieler Anbieter, die man ansprach! So scheint sich die Traditionsmesse in Cannes, verglichen zur jüngeren Tochtermesse im Herbst, auf niedrigerem Niveau zu stabilisieren. Dass das nicht so ganz im Interesse des Veranstalters ist, geringere Teilnehmerzahlen bedeuten schließlich auch stagnierende oder gar schrumpfende Umsätze, zeigt sich an den vielfältigen Versuchen der RMO das Angebot anzureichern. Zufriedenheit der Teilnehmer reicht eben alleine auch nicht aus. So fand in diesem Jahr erstmals ein eigenes Screening-Event für Web-Videos statt. In den vergangenen beiden Jahren war bereits mipCupe, ein Inkubator und Think Tank für das „neue“ Fernsehen hinzugekommen. Die miptv schloss damit an ihre New-Media-Tradition aus den späten 90er Jahren an. Damals integrierte sie die Reste der einstigen Multimediamesse MILEA. Die der eigentlichen miptv vorgelagerten Genre-Messen mipdoc und mipformats, ein Kongress der sich speziell mit der Entwicklung und Vermarktung von TV-Formaten beschäftigt und der zukünftig um einen Drama-Bereich erweitert werden soll, runden das Angebot ab. Messebegleitend gibt es zudem, wie auch zur mipcom im Herbst, eine hochrangig besetzte Keynote-Reihe, deren Bedeutung in beiden Messen immer mehr herausgestellt wird.

Das kommt nicht bei jedem an. „Früher hat man sich hier einfacher zu Recht gefunden und auf den ersten Blick erkannt, was für einen relevant ist. Heute verliert man leicht den Überblick“, kritisiert ein hochrangiger internationaler TV-Manager. Dass das alles nicht so richtig zieht und sich immer mehr Bedeutung in den Herbst auf die mipcom verlagert, hat sicherlich auch mit dem harten Wettbewerb im Frühjahr zu tun. Viel des New-Media-Zirkusses findet heute nur wenige Wochen vorher auf der Mobile World in Barcelona statt. Fast zeitgleich oder nur wenige Wochen später rufen NAB und LA Screening über den Atlantik in die USA. Ein innovatives US-Unternehmen, Story Tech, deren Macher Brian Seth Hurst und Lori Schwartz bislang im Frühjahr immer an der Cote d’Azur waren, ließen sich erstmalig entschuldigen, wegen eines eigenen Events auf der NAB. Die US-Major-Studios sind schon lange nur noch mit ihren europäischen Kernmannschaften auf der miptv. Neues Produkt wird zuerst auf den LA Screenings präsentiert, bevor es im Herbst auf der mipcom präsentiert wird. „Das ist einfach ein viel natürlicherer Zyklus für US-Studios“, analysiert ein Beobachter. Von daher erwarten nicht wenige, dass langfristig die mipcom immer mehr an Bedeutung gewinnen wird, zu Lasten der miptv. Wer muss schon zweimal im Jahr nach Cannes kommen? Diese Frage wird umso brennender, als die Geldmittel in der Branche insgesamt immer knapper werden. Im Internet lässt sich mit Content kein Geld verdienen und im klassischen Fernsehen entsprechend immer weniger“, ist Marko Deutsch, Deutschlandvertreter von Fashion TV skeptisch! In der Tat senden immer mehr Unternehmen weniger Leute nach Cannes und vor allem seltener, dann auf die mipcom. Sein Ausblick auf die klassische TV-Industrie wirkt denkbar düster.

Tatsächlich überlegen sich offenbar vor allem osteuropäische und asiatische Plattformen, warum sie Rechte teuer einkaufen sollen, wenn man sie anderen Orts, wenn auch eigentlich illegal, deutlich billiger, wenn nicht gar umsonst bekommt. Die möglichen Auswirkungen einer sich weiter verschärfenden Ukraine-Krise sind da noch gar nicht berücksichtigt. Ein eigentlich westlich orientierter russischer Medienunternehmer macht deutlich, dass eine „Einmischung“ des Westens in der Ukraine teuer würde, und nicht nur mit Gas oder Staatsdefiziten bezahlt werden müsste: „Russische Sender überlegen sich bereits, wie sie unabhängig von internationalen Programmen werden können. Wir müssen nichts auf dem internationalen TV-Markt einkaufen, unsere Produktionsindustrie ist leistungsfähig genug“, analysiert er die Stimmung in seinem Heimatland.

Doch wie gehen diese Szenarien mit dem angeblich gerade erst angebrochenen goldenen Zeitalter des Fernsehens zusammen, das seit etwa einem knappen Jahr allüberall beschworen wird. Auch das gibt es! Allerorten werden große TV-Serien produziert und feilgeboten. Der Hunger nach neuem Programm ist ungebremst. Jan Frouman, Chef der internationalen Produktionstochter der ProSiebenSat.1-Gruppe, der Red Arrow Entertainment Group, sagte am Rande der Messe, dass inzwischen etwa 30 Prozent des Lizenzumsatzes mit Video on Demand gemacht werde. Wohlgemerkt: des Lizenzumsatzes! Dazu kommen noch die Umsätze, die die Red Arrow Unternehmen mit der (Co-)Produktion für diese Plattformen, vor allem Amazon und Netflix, die sich ja inzwischen selbst immer stärker als Auftraggeber von aufwendigsten fiktionalen Serien etablieren. Die Vertriebstochter Red Arrow International zelebrierte auf der miptv in diesem Jahr den Verkauf seiner TV Serie „Bosch“. Auch Beta Film war wieder traditionell stark sichtbar in Cannes und präsentierte wieder seinen aktuellen Trailer auf dem traditionellen Beta Brunch im Nobelhotel Majestic, gegenüber dem Festivalpalais. Highlight in diesem Jahr war die spanische Serie rund um ein Art Deco Modekaufhaus „Velvet“, einem echten Straßenfeger für Antenna3, der damit Marktanteile von um die 25 Prozent erreichte. Viel Neues gab es auch aus dem Umfeld von Tandem Communications, das Münchner Unternehmen, das bereits seit 2011 mehrheitlich im Besitz von Studiocanal ist und faktisch der TV Produktion- und Lizenzarm des in Frankreich beheimateten Studios ist. Nach dem Willen der französischen Mutter soll der Ausstoß von neuen Großproduktionen in absehbarer Zeit auf bis zu sieben im Jahr steigen.

Diese ambitionierten Pläne zeigen, dass der Hunger nach hochwertigen Inhalten ungebrochen ist und nur noch über internationale Koproduktionen gestillt werden kann, da die Erwartungen der Zuschauer immer höhere Produktionsbudgets verlangen und von einer Partei allein nur noch in Ausnahmefällen gestemmt werden können. So versteht sich auch, dass David Elender, ehemaliger Global CEO der RTL-Group-Tochter Fremantle Media, in Los Angeles sein eigenes Produktionsunternehmen Slingshot gegründet hat. Ziel ist erklärter Maßen die internationale Koproduktion von internationaler Fiction, vor allem mit Europa. David mit der Steinschleuder – wenn dieses Bild keine Assoziationen wach ruft.

So gesehen sollte die Zukunft eigentlich auch der miptv uns keine Sorgen bereiten. Aussteller und Fachbesucher waren zufrieden! Jetzt muss nur die Messe noch einen Weg finden die gefühlten und die kommunizierten Besucherzahlen ein Stück weit zusammenzuführen. Vielleicht reicht ja schon ein bisschen mehr Zufriedenheit mit dem erreichten.

Für Alexander Coridaß, Chef von ZDF Enterprises, steht das weitere Engagement bislang jedenfalls nicht zur Disposition: „So lange es der miptv gelingt, dass wir über sie unsere Kunden erreichen, werden wir hier sein“, analysiert er ganz nüchtern.
Dieter Brockmeyer

(MB 3/14)

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