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Special: MEDIEN BULLETIN

Neue Unternehmensstrukturen

Das Kölner Handels- und Systemhaus Wellen+Nöthen war auf der IBC 2011 wieder mit seiner Messe-Bar in Halle 3 präsent. MEDIEN BULLETIN traf dort Peter Nöthen, Geschäftsführer von Wellen+Nöthen und der Schwesterfirma Qvest Media, zum Interview.

Was erwarten Sie sich von der IBC 2011?

Für uns ist die Messe ein wichtiger Kommunikationsplatz. Da wir kein Hersteller, sondern in erster Linie ein Handels- und Systemhaus sind, sieht unser Messekonzept keine Produktausstellung vor. Stattdessen ist unser Barkonzept ein idealer Platz zur Pflege und zum Ausbau unseres Business-Netzwerks. Hier treffen sich unsere Partner, Lieferanten und Kunden.

Worüber wird hauptsächlich gesprochen?

Wir stellen fest, dass der Diskussionsbedarf im Bereich Broadcast IT von Jahr zu Jahr zunimmt und mittlerweile den größten Anteil ausmacht. Sicher hat dies mit der zunehmenden Hersteller- und Produktvielfalt von IT-Lösungen in unserer Branche zu tun. Doch die neuen Lösungen werfen insbesondere bei unseren Kunden auch neue Fragen auf, etwa für den Übergang oder die Verbindung von klassischen AV-Lösungen mit IT-Technologien. Neuartige Storage- und Server-Technologien, IT-basierte Infrastrukturen und Kontrollsysteme oder die digitale Kamera-Akquise mit ihren nachgeschalteten bandlosen Produktionsabläufen – für uns gilt es, den Kunden stärker denn je mit unserer Beratungsleistung zu unterstützen.

Was bedeutet der Trend hin zu mehr IT für Wellen+Nöthen?

Einer der maßgeblichen Treiber unserer Unternehmensstrategie ist sicher der Bereich Broadcast IT. Gerade deshalb haben wir organisatorisch verschiedene Veränderungen durchgeführt. Anfang des Jahres haben wir um Jörg Gehlen eine Consulting-Abteilung aufgebaut. Damit haben wir das Consulting aus dem Bereich Systemintegration als einen eigenständigen Unternehmensbereich herausgelöst. Consulting ist letztlich etwas, wo wir die Anforderungen unserer Kunden reflektieren. Wir steigen immer früher in Projekte und Prozesse ein und müssen immer mehr auch die Planungsleistung für unsere Kunden übernehmen, die dabei gleichzeitig immer komplexere Anfragen und Anforderungen an die Systemlösungen stellen. Deshalb wurde die Consulting-Abteilung außerhalb der Systemintegration gebildet. Das heißt, wir gehen jetzt ganz bewusst im Vorfeld eines Projektes als Berater auf die Kundenseite und bringen dort unsere Expertise ein. Hier agieren wir vollkommen unabhängig vom normalen Wellen+Nöthen-Geschäft – auch wenn das bedeutet, dass wir später an manchen Ausschreibungen als Lieferant und Systemintegrator nicht mehr teilnehmen können.

Wie stark ist die Consulting-Gruppe derzeit?

Neben Jörg Gehlen sind bereits vier weitere Experten im Team. Das wollen wir aber zügig weiter ausbauen, weil die Nachfrage nach Beratungsleistungen national und international recht hoch ist.

Arbeiten Sie dabei auch mit freien Beratern zusammen?

Der Plan ist eigentlich anders. In erster Linie wollen wir unser eigenes Know-how nach vorne bringen. Dies beinhaltet zum Beispiel auch, Schnittstellen zwischen unterschiedlichen Softwarelösungen zu entwickeln und dem Kunden dabei zur Seite stehen. Wir schließen dabei aber nicht aus, mit externen Beratern zu kooperieren. Das ist immer eine Frage der allgemeinen Auslastung und des gefragten Know-hows.

Wo schließt das Consulting-Engagement die Bewerbung um Integrationsaufträge und Produktlieferung aus?

Bei öffentlich-rechtlichen Sendern verträgt sich das eine mit dem anderen in der Regel nicht. Es gibt aber andere Projekte im privaten Mediensektor, bei denen die Kombination aus beidem durchaus gewünscht ist. Das ist zum Beispiel beim Aufbau des neuen Kanals Sky Sport News HD der Fall, mit dem der Sender im Dezember on-Air gehen wird. Dort wurden wir zunächst mit der Consultingleistung und Systemkonzeption beauftragt und anschließend auch mit der Durchführung des gesamten Projektes inklusive der Systemintegration.

Was bedeutet das verstärkte IT-Engagement für den Vertrieb bei Wellen+Nöthen?

Konsequenterweise haben wir in diesem Jahr auch eine Trennung im Bereich Vertrieb durchgeführt. Dort gibt es natürlich wie gehabt den klassischen Produktvertrieb getrennt nach AV- und IT-Lösungen, wie bspw. für Kameratechnik, Audio-, Schnitt- und Storage-Lösungen oder Grip. Seit geraumer Zeit sind wir hier ja bereits Marktführer für verschiedene Hersteller wie beispielsweise Sony und Avid. Zusätzlich haben wir jetzt im Vertrieb einen neuen Funktionsbereich geschaffen. Wir nennen diese neue Abteilung Solutions. Diese ist speziell ausgerichtet auf den Projektvertrieb und befasst sich bereits in der Angebotsphase, also beispielsweise bei Ausschreibungen, intensiv mit den Systemanforderungen des potenziellen Auftraggebers.

Wie verfährt Wellen+Nöthen bei Ausschreibungen?

Die Angebotsausarbeitung bei nationalen und internationalen Ausschreibungen wird immer komplexer. Um dem gerecht zu werden, fokussiert sich der Bereich Solutions sowohl auf die kaufmännische als auch die technische Ausarbeitung von Ausschreibungen öffentlich-rechtlicher und privater Sender. Das Anforderungsprofil hat sich gerade dort stark geändert. Wir reden nicht mehr nur über reine Hardware, sondern über Workflows, die genau spezifiziert werden müssen. Schon in der Angebotsphase muss die Ausarbeitung so exakt sein, dass jedes Risiko bei der Konzeptumsetzung für den Kunden als auch für uns richtig eingeschätzt werden kann.

Was sind das für Mitarbeiter, die diesen Job erledigen?

Unsere Mitarbeiter in der Solutions-Abteilung sind in der Regel Wirtschaftsingenieure oder Ingenieure, die von der technischen Seite auf die kaufmännische gewechselt haben und im Grunde dem Berufsbild des Wirtschaftsingenieurs entsprechen. Wir suchen ständig nach solchen Profis. Die sind nicht einfach zu finden, deshalb bilden wir unsere Mitarbeiter intensiv durch eigene und externe Trainingsprozesse weiter.

Gibt es neben den Veränderungen im Consulting- und Vertriebsbereich weitere?

Natürlich müssen wir an der einen oder anderen Stellschraube unsere strategischen Änderungen noch etwas justieren. Aber im Grunde funktionieren die neuen Unternehmensstrukturen schon jetzt gut. Was wir aktuell noch begonnen haben, ist, dass wir bei Service, Reparatur, Wartung und Support neue Wege gehen wollen. Ziel ist es hier, neue Angebote zu konzipieren, die deutlich besser die tatsächlichen Anforderungen der einzelnen Kundengruppen adressieren, als dies bisher der Fall war. Die Definition der neuen Leistungen ist noch nicht abgeschlossen, aber ein mögliches Denkmuster wären beispielsweise Angebotskonzepte, die denen von Versicherungen ähneln. Das heißt, wenn ein Kunde in einem bestimmten Zeitraum keinen Support aus seinem Vertrag in Anspruch genommen hat, erhält er eine periodische „Beitragsrückerstattung“, wodurch sich die Gesamtkosten aus seinem Vertrag reduzieren. Wie gesagt, wir befinden uns hier noch in einem Analysestadium, aber wir sind davon überzeugt, dass gerade der Service ein immer wichtigeres Standbein für uns werden wird. Ablesen lässt sich das heute schon an unserer Personalstärke in
diesem Bereich – von unseren weltweit rund 110 Mitarbeitern beschäftigen wir bereits jetzt 25 Kollegen im Servicebereich.

Werden Sie auch die Vertriebskooperationen weiter ausbauen?

Neben unserem Projektgeschäft ist und war der Produktvertrieb schon immer ein wichtiges Standbein. Wir sind ein Unternehmen, dessen Wurzeln klar im Vertriebsgeschäft liegt. Wir können Vertrieb und haben eine sehr gute Mannschaft dafür. Laufend nehmen wir innovative Produkte in unser Portfolio auf, wie beispielsweise erst kürzlich die Lösungen von ToolsOnAir, ObjectMatrix oder ganz aktuell Code One. Wir prüfen und selektieren hier unser Portfolio laufend und erweitern es um neue Partner. Zu diesem Selektionsprozess gehört aber auch, auf Produkte zu verzichten, die den heutigen hohen technologischen Standards nicht mehr entsprechen. In Summe jedoch wächst unser Produktangebot.

Obwohl viel über schrumpfende Margen gejammert wird?

Es ist sicher richtig, dass der Druck wächst und die Margen sich tendenziell verringern. Für unser Unternehmen kann ich sagen, dass wir die Sales-Aktivitäten auch weiterhin ausbauen werden. Natürlich fällt es schwer, in Bereichen, wo wir bereits einen hohen Marktanteil haben diesen weiter zu steigern. Aus wirtschaftlicher Sicht setzen wir daher mehr darauf, unseren Vertrieb für neue Marktsegmente und Branchen aufzustellen und attraktiv zu machen. Interessant sind zum Beispiel die Bereiche Ausbildung, Universitäten, Telekommunikation, Hotel-TV oder Point-of-Sales. So haben wir unlängst ein Projekt für die Hotelkette Starwood mit weltweit über 260 Installationen realisiert. Dabei wurde ein Point-of-Sales-Modell für den hauseigenen TV-Kanal der Hotelgruppe ausgerollt. Wir haben hier im Kundenauftrag eine IP-gestützte Video-Distributionsplattform für eine zentrale Programmverteilung in über 260 Hotels auf drei Kontinenten aufgebaut, die entsprechende Technik geliefert und sorgen heute mit unserer Serviceabteilung auch für den laufenden technischen Support der Installation. Dieses Projekt entstand klar aus unseren Vertriebsaktivitäten und nicht aus dem eher auf Ausschreibungen konzentrierten Solutions-Bereich heraus.

Was sind aktuell die interessantesten Projekte der Wellen+Nöthen Schwesterfirma Qvest Media in Dubai?

Wir verfolgen mit Wellen+Nöthen und Qvest Media eine Vielzahl an Projekten. Einige davon haben wir zur IBC veröffentlicht. Dazu zählt insbesondere das Projekt Al Jazeera Balkan. Als Generalunternehmer, Consultant und Planer bauen wir derzeit einen komplett neuen Newssender für Al Jazeera in Bosniens Hauptstadt Sarajevo. Qvest Media ist damit auch erstmals außerhalb des Mittleren Ostens aktiv. Für Al Jazeera haben wir am Stammsitz in Doha bereits viele andere Projekte realisiert.
Ein Projekt im Mittleren Osten hat Etisalat, mit mehr als 100 Millionen Kunden einer der weltgrößten Telekom-Konzerne, bei uns in Auftrag gegeben. Für Etisalat bauen wir ein 20-Kanal-Playout in klassischer Broadcast-Umgebung mit Pebble Beach Automation, Omneon-Servern und einem 10.000 Stunden HD-Archiv. Darauf aufsetzend haben wir jetzt noch den Auftrag für ein Asset Management System erhalten, wo wir S4M einsetzen. Dazu realisieren wir mit dem Partner MediaGenix die Workflows für die gesamte Programmplanung bis hin zum VoD-Scheduling. Dies ist eines der ersten Projekte, wo wir an den neuen Distributionsketten partizipieren, die heute von den Telekommunikationsunternehmen betrieben werden. Etisalat wird unsere Installation auch als Basisplattform für seine im Moment mehr als 100 IPTV-Kanäle nutzen. Das heißt, Ingest und das gesamte Transcoding für diese IPTV-Kanäle läuft über unsere Anlage – unabhängig davon, ob die Programme über den Broadcast- oder den IPTV-Weg distribuiert werden. Die Set-top-Boxen für das IPTV-Angebot liefert der chinesische Hersteller Huawai. Im Laufe des Projektes werden wir für deren Anbindung die entsprechenden Interfaces entwickeln.

Welche aktuellen Projekte in Deutschland sind interessant?

Da sind zum Beispiel die Projekte Sky Sport News HD und ADAC in München zu nennen. Beim neuen 24-Stunden SportNachrichten-Kanal von Sky haben wir wie bereits eingangs erwähnt zunächst einmal Consulting-Arbeit geleistet und sorgen nun aktuell für die Planung und Systemintegration. Wegen seiner kurzen Laufzeit ist das ein durchaus anspruchsvolles Projekt, aber wir können hier auf unser Know-how und unsere Erfahrung zurückgreifen; für Al Jazeera Sports haben wir Anfang dieses Jahres ebenfalls einen – mit in Teilen durchaus vergleichbaren Parametern – Sportnews-Kanal aufgebaut.
Beim ADAC in München bauen wir derzeit ein TV-Studio, in dem der Automobilclub in Eigenregie seine Themen aufbereiten kann, zum Beispiel, um die entsprechenden Beiträge dann den TV-Sendern anbieten zu können. Als Media Asset Management System installieren wir hier ein VIZ Video Hub System. Mit ihm lassen sich Inhalte schnell suchen und an die Sender verteilen. Das Projekt befindet sich derzeit in der Umsetzungsphase und wird wohl gegen Anfang des kommenden Jahres abgeschlossen sein. Besonders freuen wir uns, hier auf der IBC außerdem den Auftrag von der Deutschen Welle für den Aufbau eines virtuellen Studios erhalten zu haben.
Eckhard Eckstein
(MB 11/2011)

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