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Special: MEDIEN BULLETIN

So authentisch wie möglich

Roland Emmerich hat sich mit opulenten Weltuntergangsszenarien im wahrsten Sinne des Wortes einen Namen gemacht: Master of Desaster. Um die großen visuellen Welten erschaffen und wieder einreißen zu können arbeitet er seit „Independence Day“ (1994) mit den Visual Effects-Supervisoren Volker Engel und Marc Weigert zusammen. Jetzt hat Emmerich mit „Anonymus“ nach „Der Patriot“ (2000) seinen zweiten großen Film gemacht, der nicht den Untergang einer ganzen Welt beinhaltet – doch halt, dies zu beurteilen, liegt im Auge des Betrachters, legt der Film doch nahe, dass Shakespeare nicht der Autor jener Werke ist, die seinen Namen tragen. „Anonymus“ ist nicht nur der erste mit Arris Alexa gedrehte Film, für ihn wurde auch das komplette London des 16. Jahrhunderts im Computer rekonstruiert.

Erste Erfahrungen mit digitaler Aufnahmetechnik sammelte das Team um Roland Emmerich bei dem Weltuntergangsthriller „2012“. Die Entscheidung „2012“ digital zu drehen, fiel aufgrund des enorm hohen Anteils visueller Effekte. Gedreht wurde der Film von DoP Dean Semler auf eigenen Wunsch mit der Genesis. „Roland hat der digitale Dreh so gut gefallen, dass es bei „Anonymus“ keine Frage mehr war digital zu drehen“, erzählt Volker Engel, der mit Marc Weigert und der gemeinsamen Firma Uncharted Territory, die Leitung der Visual Effects übernommen hatte.

„Nachdem die Entscheidung gefallen war, haben wir uns mit unserer Kamerafrau Anna J. Foerster zusammengesetzt, die ein entscheidender Faktor in den frühen Kameratests war und haben über die filmische Umsetzung gesprochen“, sagt Engel. Die erste Wahl fiel jedoch nicht gleich auf Arris Alexa, da sie Anfang 2010 noch gar nicht auf dem Markt war. „Wir wussten, dass Roland für 'Anonymus' viele Low-Light-Szenarien mit Kerzenlicht drehen wollte und diese sogar als Hauptlicht nutzen wollte.

Damit war klar, dass wir mindestens eine Kamera mit einem 800 ASA-Chip brauchten“, berichtet Visual Effects-Supervisor Weigert. „Zuerst gab es nur die RED mit dem Mysterium X-Chip, der damals noch neu war. Dann haben wir erfahren, dass Arri an der Alexa arbeitet, die ebenfalls mit einem 800 ASA-Chip ausgerüstet sein sollte.“ Weigert musste schon all seine Überredungskunst anwenden, um von Arri einen ihrer Prototypen ausgeliehen zu bekommen, die er gegen die RED testen konnte. Zum Nutzen Beider wie sich später heraus stellte.

„Im Ergebnis ist die Arri ein wenig besser, als die RED“, kommt Weigert zum Schluss. „Bei der RED haben wir festgestellt, dass im Digital Intermediate-Prozess komische Sachen entstehen, so sind etwa Regenbogenfarben aufgetaucht und Farben bei der Korrektur 'umgekippt'. Das Arri-Material hingegen war total stabil. Und wir haben aus der Arri etwa eine knappe Blende mehr raus bekommen. Getestet hatten wir dies unter extremen Beleuchtungssituationen.“ So wurden Aufnahmen in einem dunklen Raum gemacht, der lediglich mit Kerzen ausgeleuchtet war während von außen durch die Fenster 20 KW-Licht eingestrahlt wurde. „Da wurde der Unterschied extrem deutlich und Arri hat diese Tests sogar benutzt, um die Kamera bei der Director's Guild vorzustellen“, erzählt Weigert weiter. „Zudem ist die Arri ein ganz wenig softer als die RED, was uns sehr gut gefallen hat, weil es einen filmischeren Eindruck macht.“ Für Weigert hat die Arri ein sehr sanftes, cinematisches Aussehen, während sich die RED durch einen klaren, digitaleren Look auszeichnet.

Auch für Foerster war die digitale Lösung, mit der sie allein auf Kerzen, Feuer und von außen eindringendes Sonnenlicht als Gestaltungsmittel setzen konnte, geradezu ideal: „Verfügbares Licht gibt einem Historienstück erst eine reale Anmutung.“ Foerster und Emmerich hatten sich darauf geeinigt den Look von „Anonymus“ an den Gemälden von Johannes Vermeer und Georgs de La Tour zu orientieren. „Vermeer gebrauchte in seinen Bildern sanftes, diffuses Tageslicht, das durch die Fenster herein kommt und Georges de La Tour benutzte eine einzige Lichtquelle wie eine Kerze oder eine Fackel“, erzählt Foerster. „Das hat uns auf der Suche nach der Visualität des Films sehr inspiriert. Natürlich muss nicht jedes Filmbild wie ein Gemälde aussehen, aber sie beeinflussten schon die Komposition der Einstellungen.“

Die Umsetzung des visuellen Konzepts ist in der Tat in beeindruckender Weise gelungen. Die Innenräume sind immer hell genug, um Details auch im Bildhintergrund zu erkennen und Gesichter sind selbst dann klar gezeichnet, wenn sie von Kerzen auf der einen und von gleißendem Sonnenlicht, das durch ein Fenster herein kommt, auf der anderen Seite, beleuchtet werden.
„Anonymus“ geht der über 300 Jahre alten Frage nach, ob William Shakespeare (1564 – 1616) tatsächlich der Urheber all seiner Stücke und Sonette ist und nicht etwa Edward De Vere – der Earl of Oxford. Zahlreiche Hinweise deuten darauf hin, dass Shakespeare nur ein Strohmann für einen anderen Autor war. Favorit der „Anti-Stratfordians“ ist der Earl of Oxford.

Dreharbeiten vor dem Greenscreen

Gedreht wurde hauptsächlich mit 1280 ASA wodurch der Film um eine halbe Blende unterbelichtet wurde. Nur die Aufnahmen vor Greenscreen, bei denen später noch Visual Effects gemacht wurden, wurden mit 800 ASA gedreht. Davon ist allerdings ein erheblicher Teil des Films betroffen, der wie „300“ im Wesentlichen vor Greenscreen gedreht wurde, während die Kulissen nachträglich digital eingefügt wurden. Lediglich wenige Requisiten, Treppen oder Tore dienten den Schauspielern als Orientierung. Aufgezeichnet wurden die Rohdaten in 4:4:4 auf Codex im JPEG 2000-Format. Die Server wurden von Uncharted Territory wie bei allen ihren Projekten selbst gebaut und boten insgesamt 160 TB Speicherplatz. Bei „2012“ waren es aufgrund des gewaltigen VFX-Aufwands 580 TB.

Beim Überspielen vom Codex auf den Server wurden die Daten während der Dekomprimierung in DPX-Files gewandelt. „Das ist allerdings Blödsinn“, sagt Weigert. „Also haben wir mit Codex gesprochen und die haben uns für Eyeon Fusion, das Compositing System, das wir verwendet haben, einen Importer geschrieben, so dass die JPEG 2000-files direkt importiert werden konnten.“ Das funktionierte weil der Wrapper zwar das DPX-Format hatte, die Daten selbst aber JPEG 2000-kompremiert vorlagen. Zusätzlich wurde eine Software für die EDL geschrieben. Wurde sie eingeladen, holte sie sich vom Server die Originalframes herunter, benannte sie nach der vordefinierten VFX-Namensstruktur um, erstellte die richtige Folderstruktur und verschickte eine Mail, damit es los gehen konnte – ein Vorgang, der etwa zwei Minuten dauerte. Unglücklicherweise konnte die Alexa bei „Anonymus“ noch keine Metadaten aufzeichnen. Darum wurden die Kameradaten wie zum Beispiel Brennweite und Blende von Hand notiert und anschließend ins Projektmanagement eingegeben. Viel Wert wurde auf die Farbkorrektur gelegt.
Eine Woche vor Drehbeginn wurden mit Kamerafrau Foerster die Look-up-Tables festgelegt. Dadurch war es bereits am Set möglich einen sehr guten Eindruck vom späteren Aussehen der Bilder zu bekommen und es vereinfachte und beschleunigte den Postprozess.

London des 16. Jahrhunderts

Für „Anonymus“ wurde das London des 16. Jahrhunderts rekonstruiert. Das sollte aber nicht nur behauptet werden, sondern zu sehen sein. Etwa durch mehrere Flugaufnahmen über London, aber auch durch großzügige Aufnahmen in den Straßen und auf der London Bridge, auf denen viel Umgebung zu sehen ist. Das schloss die Nutzung bestehender Gebäude aus. Also ließ man die Stadt aus dem Computer neu erstehen. Ihre Gebäude wurden aus Versatzstücken wie Wänden, Türen, Fenstern oder Dächern zusammen gebaut, die Weigert in ganz England zusammen gesucht und fotografiert hatte, um sie als Texturen verwenden zu können.

„Marc liebt es durch England zu fahren und Fotos zu machen“, zieht Engel seinen Kollegen etwas auf. Doch der versteht die Stichelei als Steilvorlage, um von seiner Arbeit zu erzählen. Auf drei Touren, die ihn bis hinauf zur schottischen Grenze führten, hat er circa 50.000 Fotos aufgenommen. Dafür verwendete er die Canon-Modelle 5D und 7D. Die Fotos wurden mit einem Fototower gemacht, der sich auf 15 Meter hochziehen lässt. So konnte Weigert die Kamera immer parallel zu den Fassaden oder Dächern positionieren, um Verzerrung der Aufnahme zu vermeiden. Außerdem konnte man bequem Dächer fotografieren und gerade alte Dächer waren für den Überflug über London gefragt. Anhand von alten Zeichnungen und Gemälden wurden die Gebäude Londons von Production Designer Sebastian Krawinkel nachgebildet. Dabei ging er sehr akribisch vor. „Ich bin der Überzeugung, dass es wichtig ist historisch genau zu sein“, sagt er. „Bei anderen Filmen mag man mehr Freiheiten haben, aber bei 'Anonymus' haben wir uns bemüht so authentisch wie möglich zu sein.“

Auf die Art und Weise wurden mit einer selbst entwickelten Software rund 1.000 Gebäude gebaut. Dafür wurden Bauelemente erzeugt, die mit den von Weigert gesammelten Texturen versehen wurden und dann zu verschieden aussehenden Häusern zusammengestellt werden konnten. So wurde das gesamte London des 16. Jahrhunderts in 3D so historisch exakt wie möglich nachgebaut. Den Grundriss lieferte eine alte Karte aus dem 16. Jahrhundert, die kurz vor der Zeit entstand, in der der Film spielt. In dem virtuellen Modell kann man wie in Googles „Street View“ herum spazieren.Mit dieser Methode konnte ein London wieder erstehen, aus dem kaum ein Gebäude in die heutige Zeit überdauert hatte. Denn 1666 zerstörte ein großer Brand die Stadt. Opfer der Flammen wurde auch Whitehall Palace, ein wichtiger Schauplatz des Films. Das heutige Gebäude wurde nach dem Brand neu erbaut.

Produktionsservice für Produzenten

Das Geschäftsmodell von Uncharted Territory folgt dem eines Produktionsservice für Produzenten. Für jedes Projekt wird ein neues Team gebildet und die Hardware neu angeschafft. Der Vorteil dieser Arbeitsweise ist, dass für jedes Projekt ein neuer Workflow erarbeitet wird, der sich in den übergeordneten Arbeitsablauf der Produktion einfügt und deren Anforderungen berücksichtigt. Zugleich arbeiten Engel und Weigert mit kleinen Teams, mit denen sie in direkter Interaktion stehen. Bei „Anonymus“ waren es 35 bis 40 Leute für alle 300 VFX-Einstellungen. Entscheidungen und Feedback kommen so schneller, weil keine weiteren Entscheidungsstufen dazwischen geschaltet sind. Und da im Gegensatz zu den Personalkosten die Kosten für die Hardware im Visual Effects-Bereich heute kaum mehr ins Gewicht fallen, amortisieren sie sich bereits durch eine Produktion und den Wiederverkauf nach Abschluss der Arbeiten. Im Wettbewerb von zentraler Bedeutung sind daher Know-how und Software, da auch im VFX-Bereich Erfahrung und eine kontinuierliche Weiterentwicklung der proprietären Mittel den Ausschlag geben. Hier verlässt sich Uncharted Territory unter anderem auf eigene Entwicklungen. „Wir schreiben einige unserer Tools selbst“, sagt Weigert. „Vor allem '2012' hätte sonst so nicht gemacht werden können.“

Auch bei „Anonymus“ kam wieder selbst geschriebene Software zum Einsatz. Etwa eine neue Art des Projection Mappings, um Texturen auf Modelle aufzubringen. Normal ist UVW-Mapping, wobei man die Texturen fest auf Gegenstände aufbringt. Weigert und Engel haben jedoch die Texturen von der Kamera aus auf das Modell projizieren lassen. Das lässt sich gerade dann gut einsetzen, wenn man nur eine generelle Kameraposition hat. Die Texturen werden auf die 3D-Geometrie projiziert und bleiben dort auch, wenn sich die Kamera bewegt.

„Die Paralaxe bleibt immer so, dass der Betrachter das Gefühl hat, es handelt sich tatsächlich um einen abgefilmten 3D-Gegenstand“, erläutert Weigert den Effekt dieses Verfahrens. Bei einem normalen Matte-Painting würde man bei einer Fahrt sofort erkennen, dass es sich um ein zweidimensionales Bild handelt. Verbunden wurden die selbstentwickelten Tools mit der Software Shotgun. Der Vorgang der EDL-Konversion und des Einladen der Plates ist automatisiert. Wichtig ist, dass jede Version, die ein VFX-Artist, wo immer er auch sitzt, erstellt, zentral gespeichert wird. Versehen mit einer peinlichst genau eingehaltenen Beschriftung der VFX-Shots, können die Sichtung der Arbeiten und die Zusammensetzung der Szenen automatisiert werden. So können bei der Sichtung die bearbeiteten Szenen automatisch ins Kino überspielt werden und während der Sichtung Notizen an den VFX-Artist geschickt werden. Gelegentlich führte diese Effizienz dazu, dass Änderungen bereits am Ende der Review Session vorlagen und gegebenenfalls abgenommen werden konnten.

Compositing mit QTAKE-System

Für die Dreharbeiten mit Greenscreen wurden grobe Hintergründe vorbereitet damit Emmerich über den Monitor einen Eindruck vom fertigen Compositing bekommen konnte.
Das funktionierte aber nur, weil es keine großen Kranfahrten oder komplizierte dreidimensionale Bewegungen gab. Ermöglicht wurde das Compositing vor Ort mit Hilfe des QTAKE-Systems von in2core, das zwei Streams gleichzeitig darstellen kann.
Uncharted Territory hatte in der Zeit, in der das Team um Engel und Weigert an „Anonymus“ gearbeitete, ein Büro im Studio Babelsberg. Der größte Teil der Visual Effects Artists kam aus Berlin, nur Wenige aus den USA.

Über das Budget für die Visual Effects wird wie üblich nicht gesprochen. Weigert kommentiert die Budgetgröße mit: „Das VFX-Budget von 'Anonymus' war so groß, wie das Cateringbudget bei '2012'.“ Angegeben wird das Gesamtbudget von „Anonymus“ mit 30 Millionen Dollar. „Die größte Herausforderung für uns war das limitierte Budget“, sagt Engel dann auch. „Um sie zu bewältigen, sind wir gemeinsam das Drehbuch durch gegangen und haben jede Einstellung unter dieser Vorgabe besprochen.“

Doch hatten Weigert und Engel mit Emmerich einen visionären Regisseur, der aktiv an dem Einsatz von Visual Effects mitarbeitet. „Mit Roland Emmerich zu arbeiten, ist gerade in Bezug auf visuelle Kollaboration ein echter Glücksfall“, sagt Weigert. „Es gibt Wenige, denen man in dieser Art von der Previsualisierungsphase bis hin zur allerletzten Phase in der Postproduktion Vorschläge machen kann, insbesondere wenn man ein limitiertes Budget hat. Denn auch kleine Änderungen haben auf die Visual Effects eine große Wirkung – etwa wenn ein Haus aus einem anderen Winkel gezeigt wird, um zu vermeiden dass 50 Bäume im Bild zu sehen sind, die sich im Wind bewegen und animiert werden müssen.“
Thomas Steiger
(MB 11/2011)

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