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Special: MEDIEN BULLETIN

Trefferquote von fast 90 Prozent

Super Quotenerfolg für teamWorx-Produktionen: Zum Beispiel kürzlich mit dem Wirtschafts Thriller „Ein mörderisches Geschäft“ (ZDF) und dem beklemmenden Drama über Jugendgewalt „Sie hat es verdient“ (ZDF). Der Blick ins TeamWorx Portfolio zeigt, es ist ganz schön breit. Darüber und über Trends und Rahmenbedingungen in der fiktionalen Produktion ein Interview mit teamWorx-Chef Nico Hofmann, der seit vielen Jahren zu den erfolgreichsten TV-Produzenten in Deutschland gehört.

Herr Hofmann, ist das Jammertal der Produzenten überwunden?

Jammertal? Das habe ich so nie so empfunden. Es gibt nach wie vor einen sehr bewussten Umgang der Sender mit den Kosten. Wir haben unlängst die traurige Insolvenz der Produktionsfirma Zeitsprung von Michael Souvignier (u.a. „Das Wunder von Lengede“ oder „Contergan“, Anm. d. Red.) erlebt. Das ist für uns Produzenten ein Verlust, besonders für mich, weil ich mit Michael seit Jahren befreundet bin. Der Kostendruck macht uns nach wie vor zu schaffen. Aber wir gehen damit um. Wir müssen auch mit weniger Mitteln arbeiten und haben auch die Kosten für unsere Eventprogramme im Einzelfall reduzieren müssen. Aber ein Jammertal erlebe ich persönlich nur dann, wenn eine unserer Produktionen mal nicht den großen Quotenerfolg beim Fernsehpublikum erzielt, den ich immer anstrebe.

Man lässt sich nicht klein kriegen – und die Sender akzeptieren neue Ideen?

Man muss bei jedem Projekt sehr genau darlegen, wie der Gesamtaufwand zu einem Erfolg führen soll. Die Sender brauchen eine präzise Kosten-Nutzen-Rechnung. Die ist immer abhängig vom jeweiligen Projekt. Es ist ein Unterschied, ob es um eine große Event-Produktion gemeinsam mit der BBC geht, wie „Laconia“ (am 2. und 3. November, Das Erste) oder um einzelne Fernsehfilme. Die Produktion für „Laconia“ musste so angelegt werden, dass sie Weltmarktniveau präsentiert, weil sie sich auch über die Weltmarkt-Vermarktung refinanzieren muss, die maßgeblich von Fremantle und von Jan Mojto verantwortet wird. Allein wegen der visuellen Tricks ist der Aufwand sehr teuer. Beispielsweise unsere Fernsehfilme „Sie hat es verdient“ und „Ein mörderisches Geschäft“, die jüngst ausgestrahlt wurden, waren hingegen so angelegt, dass wir etwas Neues in der Erzählweise und Ästhetik ausprobieren wollten. Dementsprechend mussten wir mit dem Budget-Rahmen vorsichtig umgehen. Anderes Beispiel: Die Produktion „Der kalte Himmel“ mit Christine Neubauer, die Anfang des Jahres im Ersten lief, war mit einem Budget von rund sechs Millionen Euro für einen historischen Zweiteiler relativ günstig und hatte riesigen Erfolg.

Das teamWorx Portfolio enthält viele verschiedene Fiction-Genres und auch Dokumentationen. Aber es gibt offenbar keine neuen Trends mehr am Markt?

Im Moment experimentieren wir sehr stark mit der Form der Erzählweise und der Ästhetik, und wie man den emotionalen Zugriff auf jüngere Zuschauer speziell für die öffentlich-rechtlichen Sender besser schafft. Der Trend ist Verjüngung. Da müssen wir auch einmal ein Risiko eingehen wie mit dem Veronica Ferres-Film „Sie hat es verdient“, den wir mit einem dokumentarischen Anstrich sehr radikal erzählt haben. Wir waren uns nicht sicher, ob das beim Publikum ankommt. Interessanterweise hat der Film im Segment der 14 bis 49jährigen Zuschauer einen Marktanteil von zehn Prozent erreicht, was für die ARD nicht wenig ist. Erwähnen möchte ich noch ein anderes Projekt, das noch nicht on Air war: „Unsere Mütter, Unsere Väter“.
Der Zweite Weltkrieg wird so jung erzählt, wie man es bislang noch nie gesehen hat!

Trotz allen Erfolgs: Ausgenommen Donna Leon hat teamWorx im fiktionalen Serienbereich immer noch nichts auf die Beine gestellt …

Donna Leon läuft sehr erfolgreich – auch in den Wiederholungen. Und zusammen mit Ariane Krampe (stellvertretende Geschäftführerin teamWorx) und Steffi Ackermann (war
Produzentin der deutschen RTL-Erfolgsserie „Dr. Diary“) wende ich gerade sehr viel Energie auf, um in die serielle Marke vor zu stoßen. Wir haben bereits zwei serielle Pitches mit RTL und drehen gerade „Fuchs und Gans“ für die ARD …

„Fuchs und Gans“ klingt jung und ist ja auch für das künftig neue ARD-Vorabendprogramm nach dem neuen Motto Crime & Smile vorgesehen. Was aber ist genau mit einer „Verjüngung“ der Produktionsweise gemeint?

Die Verjüngung lässt sich ganz genau definieren: Wer macht Regie, wer macht Kamera, wer spielt mit, wie wird es erzählt? Dass wir die richtigen Entscheidungen fällen, haben wir mit unseren Produktionen in diesem Jahr bewiesen. Schon der Event-Zweiteiler „Schicksalsjahre“ mit Maria Furtwängler zum Auftakt des Jahres war emotional sehr zugespitzt erzählt, sehr modern, und hat einen Jugendmarktanteil von über zehn Prozent erreicht. Der ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ wird noch einen anderen neuen Ansatz zeigen, wie man Geschichte in Deutschland jung erzählen kann. Sehr authentisch. Um noch einmal auf das Thema „Trend“ zurück zu kommen. Es gibt zurzeit definitiv keinen großen Inhalte-Trend.
Feststellen lässt sich aber nach wie vor, dass heute viel journalistischer, sehr viel relevanter auch in fiktionalen Programmen erzählt werden muss, um die Zuschauer zu erreichen. Gerade auch bei Themen, die sich im Bereich des Familienlebens abspielen. Was bedeutet es für die einzelnen, wenn eine Ehe zerbricht? Welche Formen nimmt Jugendgewalt an? Sowohl jüngere wie ältere Zuschauer fühlen sich vor allem von Filmen angezogen, die eine Relevanz des Themas erlebbar machen. Wenn Zuschauer keine Relevanz verspüren, sondern das Gefühl haben, es schon hundert Mal gesehen zu haben, gehen sie aus dem Programm raus.

Heißt das auch, dass eskapistische Formate, die Herz-Schmerzgeschichten, zumal bei ZDF/ARD, zurück gedrängt werden?

Ich bin überzeugt, dass ausgetrampelte Pfade im Erzählen des immer Gleichen die Quote in den nächsten fünf Jahren runter ziehen wird. Denn auch die älteren Zuschauer wählen eher Themen mit Relevanz aus. Wir haben zum Beispiel einen riesigen Erfolg mit Simone Thomalla im ZDF gehabt – in der Figur einer Dorfhelferin in einem bayerischen Dorf: ein sozial relevanter Ansatz, der in diesem Jahr eine der höchsten Quoten an einem Sonntagabend brachte. Es ist der Beweis, dass es nicht nur mit Rosamunde Pilcher geht. Wir werden aus dem Thema jetzt eine ganze Reihe machen. Auch unser ZDF-Film über die Folgen des Tsunami in Thailand mit Veronica Ferres ist ein sehr authentischer Stoff, der die immense Trauerarbeit in den betroffenen Familien zeigt.

teamWorx überraschte unlängst mit „Hotel Desire“, eine Art Arthouse-Porno finanziert durch Crowdfunding. Ein reines Finanzierungs-Experiment?

Ich unterrichte nun schon seit fast zwanzig Jahren in der Filmhochschule Ludwigsburg. Wir machen dort auch über das teamWorx-Büro eine ganz engagierte Nachwuchsarbeit wie „Novemberkind“ oder „Das Lied in mir“. Mit “Hotel Desire“. wollten wir ausprobieren, ob Crowdfunding in Deutschland zum Erfolg führt, und uns an die Spitze einer solchen Entwicklung setzen. Es hat Erfolg gebracht. Selbst der Hollywood Reporter hat unser Projekt an erster Stelle in einem Report über Crowdfundig beschrieben. Für mich ist es interessant, ob ich Crowdfunding in Zukunft für studentische Filme einsetzen kann. Das soll dann gar nicht über teamWorx laufen, sondern direkt über die Hochschulen. Das Projekt ist ein guter Testballon.

Warum gerade Porno oder Arthouse-Porno? Sex sells?

Das Projekt hat Sergej Moya, mit dem ich gut befreundet bin, als Autor und Regisseur mit Sascha Schwingel entwickelt. Ich finde den Stoff sehr interessant, es ist ein hochgradig anspruchvolles Drehbuch. Das hat mehr mit „Der letzte Tango in Paris“ zu tun als mit den Sexfilmchen der 70er Jahre.

Großer Schwerpunkt bleiben bei teamWorx die Historienfilme. Kürzlich gab es Drehstartmeldungen für „Rommel“ und für Uwe Tellkamps Bestseller „Der Turm“. Stehen die Filme alle in der Tradition von „Dresden“ und „Die Flucht“?

Unsere Filme sind immer individuell. Ob „Mogadishu“ (ARD) oder „Hindenburg“ für RTL, was der erfolgreichste deutsche Film war, den RTL seit Jahren im Pogramm gehabt hat. Wir entwickeln jeweils originäre Ansätze, die in ihrer Note auch ganz speziell zu den jeweiligen Sendern passen. Auch „Olympia – München 72“ gehört dazu.

Wie kommen Sie an die Stoffe ran? Fliegen sie Ihnen zu, und es macht dann klingeling in Ihrem Kopf?

So einfach ist es nicht. Die Stoffe sind jahrelang in Arbeit. „Hindenburg“ hat eine fast achtjährige Geschichte. „Olympia“: vier Jahre. „Unsere Mütter, Unser Väter“ und „Rommel“: fünf Jahre. „Der Turm“: drei Jahre. Glücklicherweise ist die Beauftragungslage in dem Bereich sehr stabil geblieben. Solche großen Projekte werden von den Sendern bei uns mit einer gewissen Zielstrebigkeit bestellt, weil wir damit viel Erfolg und sehr wenig Misserfolg haben. Wir haben eine Trefferquote von fast 90 Prozent.

Viel Historie – könnte man nicht auch in fiktionalen Programmen mal mehr Zukunftsthemen einbauen, wie sie etwa die Naturwissenschaft anbietet?

Naturwissenschaft ist absolut ein Thema. Ich diskutiere schon seit Jahren mit Peter Arens, der beim ZDF sehr erfolgreich am Sonntagabend Terra X macht, ob wir eine Überschneidung zum Fictionbereich hinbekommen. Das ist mit Sicherheit ein Zukunftsmarkt. Ich habe in diesem Bereich auch bereits drei konkrete Entwicklungen, die ich hier aber nicht nennen will, weil die Stoffe dann grundsätzlich auch immer plötzlich von anderen Produktionsfirmen angeboten werden. Wir arbeiten intensiv in diesem Bereich. Es ist feststellbar, dass die Zuschauer zunehmend einen Mehrwert neben der reinen emotionalen Geschichte haben möchten. Sie wollen auch etwas aus der Geschichte lernen. Das ist auch das Erfolgsgeheimnis von Terra X. Deshalb laufen die Dokumentationen nach den historischen Dramen so gut, weil die Zuschauer ein abgerundetes Bild zum Thema schätzen. Das gilt noch stärker für Themen der Naturwissenschaft. Peter Ahrens bringt ja mit Terra X jeden Sonntagabend neue spannende Wissenschaftsthemen, so dass ich oft denke: Schade, das hätte ich auch in einem großen fiktionalen Event machen können.
Erika Butzek
(MB 10/2011)

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