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Special: MEDIEN BULLETIN

TV wird Social Media

TV und Internet wachsen zusammen. Damit kommen auch die Umgangsmedien in den Einzugsbereich des Lagerfeuers in den Wohnzimmern, als Social-TV. Oder ist es umgekehrt?

Die lange erwartete Medienkonvergenz, jetzt ist sie da und erreicht sogar das Fernsehen. Ein Großteil der heute verkauften Fernseher sind internetfähig und unterstützen den sogenannten HbbTV-Standard, der die Integration von TV-Bild und Internet ermöglicht. Laut der pwc Prognose zur IFA sollen in Deutschland bis Jahresende bereits fünf Millionen dieser FlatScreens in den Haushalten stehen, Goldmedia geht davon aus, dass es bis zum Jahr 2015 bereits 25 Millionen sein werden, das entspräche etwa zwei Drittel der deutschen TV Haushalte. Ob dieser rasanten Erwartungshaltung verwundert es kaum, dass überall Applikationen sprießen und die Sender allerorten Pilotanwendungen starten. Bei der VOX-Sendung „kochbar“ kann der entsprechend ausgestattete Zuschauer über den so genannten Red Button sich zu den Kochrezepten zur Sendung im Internet weiterleiten lassen, während die Sendung im Hintergrund weiter läuft.

Allerdings gibt es bereits viel weitreichendere Konzepte, wie zum Beispiel „Social TV“. Und natürlich ist die Entwicklung keine Einbahnstraße. Während die einen daran arbeiten, wie man Umgangsmedien wie Facebook und Co. auf den Fernseher bekommt, ist das Fernsehen längst über YouTube etc. Teil des World Wide Web und, durch die sich abzeichnende Verschmelzung mit Google TV und Google+, könnte da ansatzweise etwas in den Startlöschern liegen, was eine ungeahnte Dynamik entwickeln kann. Das setzt freilich die vollständige Verschmelzung auf Basis des Internets voraus. Von Seiten der TV-Apologeten wird dem vehement widersprochen.

Die Bandbreiten für die jeweils individuellen Feeds in HD und dann auch noch in 3D wären niemals flächendeckend vorhanden, so das Argument. „Wer das sagt versteht nichts von Technik. Solche Probleme wurden immer gelöst und das wird bei den Bandbreiten auch nicht anders sein“, sagt Richard Bullwinkle, der bei dem globalen Technologie und Dienstleistungskonglomerat Rovi den wunderschönen Titel „Chief Evangelist“ trägt. Allerdings sieht er momentan noch keinen Anlass sich aus dem klassischen TV zu verabschieden: „Sie und ich werden die vollständige Verschmelzung nicht mehr erleben. Bei uns sind die Verhaltensmuster eingebrannt und erst mit den Kids heute, da wächst eine ganz andere Prägung heran.“

Uwe Schnepf, Geschäftsführer der in Düsseldorf beheimateten Nacamar GmbH, früher Tiscali Deutschland, gibt sich daher auch betont entspannt: „Wenn Sie von Google TV reden, das funktioniert ja noch gar nicht richtig.“ Sein Unternehmen, das inzwischen zur ecotel communications ag gehört, ist ein Streaming Dienstleister, der inzwischen seine Angebotspalette unter anderem um Video-Hosting, On-Demand-Streaming oder die Integration von Bezahlsystemen und digitalem Rechtemanagement erweitert hat. Der HbbTV-Dienst onteve von nacamar und der Internetagentur coeno, die das gesamte Kommunikationsdesign verantwortet, war gerade erst auf der IBC für den Connected-TV-Award in der Kategorie als „beste Service Delivery Plattform für vernetztes Fernsehen“ nominiert. „Für uns war das schon ein Erfolg, dass wir international wahrgenommen werden“, betont Schnepf.

Vereinfacht gesagt, ermöglicht die Anwendung, TV-Programme, die ich mir gerade ansehe, zu bewerten und zu empfehlen und das mit meinen Freunden auf Facebook und Twitter zu teilen. Auf Facebook Bildschirm erscheint das dann nicht nur in meinem Status. Der kann auch mit zusätzlichen Programminfos oder sogar Trailer ergänzt werden. Sofern die Rechte vorliegen und ein TV Sender das will, könnte sogar das ganze Programm gestreamt und über das Umgangsmedium angesehen werden.

„Auf ein Feature legen wir dabei besonders Wert“, betont der Nacamarchef: „Wir entwickeln gerade unser Empfehlungstool weiter, das eine zentrale Bedeutung hat.“ Es werden die Daten gesammelt, welche Vorlieben der Zuschauer beim Fernsehen hat, woraus dann Empfehlungen generiert werden, die entweder den Freunden auf Facebook oder auf jedem anderen Umgangsmedium zugespielt werden, oder die einem selbst Programmempfehlungen macht, was an diesem Abend gerade sehenswert ist. Schnepf betont, dass das Ganze als White Label Lösung konzipiert ist. Jeder Anwender kann entweder das ganze Paket buchen, oder nur eine ausgewählte Komponente, die dann auf ihn konfiguriert wird. Das gilt auch für das Empfehlungstool, so Schnepf: „Wenn der WDR der Kunde ist, der das seinen Hybridkunden zur Verfügung stellt, dann werden natürlich nur die geschauten WDR Sendungen auf Facebook empfohlen. Das kann aber auch geöffnet werden, so dass der gesamte TV-Konsum, also auch etwa ProSieben, ausgewertet werden und empfohlen werden kann, ganz wie der Kunde es will.“

Nacamar hat bei der Entwicklung von onteve eng mit dem Pay-TV-Sender Kinowelt TV zusammengearbeitet, „um ein markgängiges Produkt“ zu entwickeln. Inzwischen habe sich aber eine echte Dynamik entwickelt. Auf der IFA sei man bereits vom IRT, dem Institut für Rundfunktechnik von ARD und ZDF, auf den Stand eingeladen gewesen uns auch auf den Medientagen München im Herbst werde man in der Ausstellung gemeinsam auftreten. „Bei der ARD hat man sehr viel Interesse an den Möglichkeiten, die wir bereit stellen“, fasst Schnepf zusammen.

Empfehlungen sind in der Tat das ganz große Thema. Auch große, weltweit agierende Technologieunternehmen wie etwa Rovi, haben sich das ganz oben auf ihre Produktlisten gesetzt und haben gewissermaßen einen Vorsprung. Rovis Streamingtechnologie DviX Plus Streaming wird bereits oder in soll in Zukunft von vielen Geräteherstellern in ihre Fernseher integriert werden, wie man hört, unter anderem Samsung. Der Rovi Total Guide für CE soll voraussichtlich ab dem Frühjahr 2012 in Europa in Toshiba Geräten integriert sein. Dieser direkte Draht zur Geräteindustrie ist sicherlich ein Vorteil. Auch in diesem Programm Guide ist die Empfehlungsfunktion, neben Suche und Trefferliste, ein zentrales Element, genauso, wie die Anbindung an das Internet. Der EPG, der auch individuell auf den Kunden gebranded wird, bekommt seine Programminformationen aus dem Internet und sortiert seine Programmempfehlungen nach den Vorlieben des Gerätenutzers in eigenen Empfehlungslisten. Was allerdings – noch – fehlt ist das Teilen dieser Empfehlungslisten in Umgangsmedien. So gesehen bedient nacamar noch eine Nische.

Bedeutung der Umgangsmedien wächst

Experten gehen von einem weiteren starken Anstieg der Bedeutung der Umgangsmedien aus. Und das ist inzwischen auch in der Werbung treibenden Wirtschaft voll angekommen. „Die Agenturen erwarten im Jahr 2012 eine starke Nachfrage nach den medienbasierten Anwendungsfeldern Social Media, Bewegtbild und mobilen Diensten. Damit gelten die drei Bereiche als bedeutendste Anwendungsfelder mit einer überdurchschnittlich hohen bis sehr hohen Bedeutung“, heißt es etwa in einer Mitteilung zu einer Studie des Bundesverband Digitale Wirtschaft e.V. BVDW, die eine weitere klare Botschaft enthält: „Das Internet gilt in der ganzen Wirtschaft als unverzichtbarer Werbe- und Vertriebskanal.“

Diese wachsende Bedeutung von Social Media, das zunehmend auch eine zentrale Anwendung in der mobilen Nutzung findet und zunehmend wichtiger Aggregator für Bewegtbild wird, zeigt sich auch in einer europäischen Studie des IT-Herstellers IBM: „Verbraucher nutzen soziale Netzwerke heute sehr intelligent – sie suchen Produkte, Preise, Angebote und Bewertungen anderer Verbraucher, um ihre Kaufentscheidung auf eine feste Basis zu heben“, so eine Konzernmittteilung. Es steht also zu erwarten, dass EPGs generell immer stärker Empfehlungen auch für Umgangsmedien generieren. Aber hier könnte der Knackpunkt sein, der langfristig ein Problem für die klassische TV Industrie wird.

„Wer den First Screen kontrolliert, der wird in Zukunft das Geschäft machen“, ist Micheal Westphal, Gründer und Geschäftsführer des Münchner Bewegtbilddienstleisters TV1.EU, überzeugt. Das Unternehmen setzt schon lange konsequent auf das Internet als Träger von Bewegtbildbotschaften. Mit Sharetime hat man eine „schlüsselfertige“ White-Label- Social-Video-Lösung im Programm, die es Unternehmen, Institutionen oder Verbänden ermöglicht Live-Webcasts selbst zu realisieren, sie automatisiert aufzuzeichnen um sie dann als Video-on-Demand-Angebot zu veröffentlichen. Westphal geht davon aus, dass Umgangsmedien in Zukunft immer stärker die Torwächter des Medienkonsums werden. Man wird sich dort einloggen um sich zu informieren, um dann von dort aus sich auf die interessanten Angebote weiterleiten zu lassen. Als Trend ist das heute bereits erkennbar, vor allem bei den Teenagern. Von daher spricht einiges für dieses Modell.

„In den Social Networks, da laufen alle individuellen Daten über die Nutzer zusammen. Google etwa sammelt im Moment alle nur möglichen Daten ein. Man weiß genau, wer was und warum nutzt und was er für Interessen hat. Die TV-Sender wissen das nicht, weil lange das pauschale Ansprechen ausreichend war“, so die Analyse des Webpioniers. Die traditionellen TV-Anbieter würden so zukünftig abhängig von denen die im Besitz der Informationen über die Zielgruppen sind. „Das heißt nicht, dass mit ‚Fernsehen‘ kein Geld mehr verdient werden kann, die großen Gewinne machen aber zukünftig andere“, urteilt er weiter. Die Fernsehanbieter hätten in der Vergangenheit versäumt ihre Zuschauer an sich zu binden und sich einen Wissensstock über jeden einzelnen zuzulegen. „Das wäre in den 1990er Jahren durchaus machbar gewesen. Mit den Clubs hat man ja auch schon angefangen gehabt. Das wurde aber nie konsequent weiterverfolgt.“

Egal welchem der Szenarien man folgt, eines jedenfalls ist klar: Das Fernsehen steht am Scheideweg. Z-punkt, ein Beratungsunternehmen für strategische Zukunftsfragen, wie man sich selbst nennt, zeichnet man ein eher positives Bild für das Fernsehen, aber nur, wenn man das Internet nicht als Bedrohung sonder Chance begreife. „Fernsehen wird als Knotenpunkt der Entwicklungen eine Art Super-Medium, aber fügt sich zugleich ein in eine neue Mediensphäre, in welcher aus fast allem eine App wird“, so das Fazit der Autoren. Mag sein, die Frage aber bleibt doch, wer von dieser Entwicklung profitieren wird. Solange es der Verbraucher ist, wird sich zumindest ihr nichts in den Weg stellen.
Dieter Brockmeyer
(MB 10/2011)

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