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Vereinfachte Übergänge durch AES67

Special: MEDIEN BULLETIN

Vereinfachte Übergänge durch AES67

Auf der Prolight+Sound 2014 in Frankfurt und auf der NAB 2014 in Las Vegas spielte das Thema Audio-over-IP eine wichtige Rolle. Anbieter solcher Lösungen präsentierten hier Weiterentwicklungen, neue Anwendungen und Partnerschaften. Dabei wurde auch die Bedeutung des neuen Interoperabilitätsstandards AES67 deutlich. MEDIEN BULLETIN sprach darüber mit Lee Ellison von Audinate und Andreas Hildebrand von ALC NetworX.

Lee Ellison, CEO von Audinate, hatte auf den letzten Broadcast-Messen reichlich Mühe, alle Partnerstände seines Unternehmens zu besuchen. Seit 2006 bietet das Unternehmen aus Sydney, Australien, mit Dante, recht erfolgreich, eine Kombination aus Netzwerk-Protokoll, Soft- und Hardware an, um unkomprimierte, digitale Audiosignale mit geringer Latenz über Standard-Ethernet-Netzwerke zu übertragen. Die Audinate-Dante-Technologie basiert auf dem flexiblen Internet Protokoll (IP) und einer 100 Mb, 1 Gb oder 10 Gb Ethernet-Netzwerkstruktur. Im Dante-Netzwerk ist der physikalische Anschlusspunkt irrelevant, Audiosignale können von jedem Punkt zu jedem Punkt geroutet werden. Die Anzahl der angeschlossenen Geräte ist praktisch unbegrenzt. Seit Gründung hat Audinate rund 80 Lizenznehmer gewinnen können, die Dante in ihre Produkte integrieren. Dazu gehören unter anderem Allen & Heath, Ashly Audio, Bosch, Bose, BSS Audio, Delec, DiGiCo, Dolby, Electro-Voice, Jünger Audio, RTS, Shure, Soundcraft, Solid State Logic, Stagetec, Symetrix, Telex und Yamaha.

„Dante ist viel mehr als nur ein Audio-Protokoll, sondern vielmehr eine komponentenbasierte Lösung, die es der Pro-AV-Industrie erlaubt, unsere Produkte sehr einfach in ihre eigenen zu integrieren“, erklärt Lee Ellison, CEO von Audinate. Sein Unternehmen sei heute Marktführer für Netzwerklösungen im Pro-AV-Markt. „Auf unseren Partnerständen auf den Messen finden sich viele neue Produkte, die unser Dante-Logo tragen. Sie signalisieren damit, dass Dante die Lösung ist, die am meisten gefragt ist“, betont Ellison. Mit der Dante-Technologie verfolge Audinate das Ziel, die Netzwerktechnik zu vereinfachen und von den Vorteilen der IP-Netzwerke zu profitieren. „Wer heute mit Dante-Technik arbeitet muss kein IT-Experte mehr sein“, sagt Ellison. Kunden von Audinate profitierten dabei von dem großen Entwicklerteam des Unternehmens. „Es gibt auf dem Markt kein anderes Unternehmen, das im Bereich der AV-Netzwerke mit so vielen Entwicklern arbeitet wie wir“, berichtet er. Deshalb sei auch ganz normal, dass Dante auf dem Markt so große Resonanz finde.

Bei ALC NetworX sieht man das anders. Das zu Lawo gehörende Unternehmen hat mit Ravenna im Jahr 2010 ebenfalls eine IP-Netzwerklösung an den Start gebracht. Im Gegensatz zu Audinates Dante setzt man dabei allerdings auf offene Standards. Die „Blackbox“-Lösungen von Dante betrachtet man eher mit Skepsis. „Heute können wir eine recht eindrucksvolle Unterstützerliste für die Ravenna-Idee vorzeigen. Wir haben jetzt 27 Firmen, die offiziell Ravenna unterstützen und mittlerweile zahlreiche Produkte, die mit Ravenna-Interfaces tatsächlich am Markt zur Verfügung stehen“, berichtet ALC NetworX-Senior Product Manager Andreas Hildebrand. Auf der Prolight+Sound 2014 in Frankfurt wurde die Ravenna-Produkt-Liste um das 8-kanalige DMI-8 Interface für AES 42 Mikrofone mit Dual-Port Ravenna-Schnittstellenoption von Mikrophon-Hersteller Neumann ergänzt. Ein weiteres neues Produkt ist der Ravenna-auf-MADI-Konverter MONTONE.42 von DirectOut, einem Hersteller von Verbindungs- und Routing-Lösungen für den professionellen Audio-Markt. Schließlich hat auch Merging Technologies mit HAPI ein weiteres Ravenna-taugliches Produkt vorgestellt. Es basiert auf dem HORUS Audio-Netztwerk Interface mit Mic Preamp und AD/DA Konverter. HAPI wurde laut Merging für Anwender konzipiert, die weniger Kanäle und und ein platzsparendes System benötigen, trotzdem aber die Qualität von HORUS haben wollen. Als neue Unterstützer von Ravenna konnte ALC NetworX unlängst Sound-Prozessor-Hersteller Orban und Mischpult-Hersteller Calrec gewinnen.

„Zusammen mit den Mischpultkonsolen von Lawo und den Produkten, die andere Hersteller mit Ravenna-Interfaces bereitstellen, haben wir jetzt also eine ganze Reihe von interessanten Kombinationen am Markt. Nicht zu vergessen ist auch die PC-Unterstützung durch die virtuelle Sound-Karte für Ravenna, die PCs in die Lage versetzt, am Ravenna-Datenaustausch direkt teilzunehmen“, betont Hildebrand.

Der Schritt, mit Ravenna eine offene IP-Netzwerk-Technologie auf den Markt zu bringen, habe sich absolut als richtige erwiesen. „Wir sehen uns darin bestätigt, Ravenna nicht als Technologie zu vermarkten und als Blackbox mit einem von uns definierten Funktionsumfang auf dem Markt zur Verfügung zu stellen, sondern die Technologie als solche offen dem Markt anzubieten, sodass jeder nach seinen Bedürfnissen sie in seine Produkte einbauen kann und sie auch nach seinen Applikationsanforderungen, individuell ausführen kann“, betonte der ALC NetworX-Produktmanager. Das beste Beispiel dafür sei jetzt Merging Technologies, die ihr HORUS über Netzwerk an die Pyramix Editing Workstation mit 384 KHz und DSD-/DXD-Audioformat anbinden. Hildebrand: „So etwas ist natürlich nicht möglich, wenn sie eine geschlossene Lösung von irgendjemandem erwerben und dafür möglicherweise auch noch Lizenzgebühren dafür bezahlen müssen.“ Man gehe deshalb davon aus, dass Ravenna als offene Technologie mit seinem AES67 kompatiblen Layer-3-IP-Protokoll in Zukunft neben anderen Lösungen, die sich in angrenzenden professionellen Audiomärkten neben Live- und Install-Sound etabliert haben, weiter Bestand haben wird und dort eine gewichtige Rolle spielen wird.

Hildebrand weist darauf hin, dass von der AES (Audio Engineering Society) im September 2013 AES67 als Interoperbilitätsstandard zum Austausch von netzwerkbasierten oder IP-basierten Audiostreams verabschiedet worden ist. „AES67 wurde aus der Motivation heraus geboren, dass es verschiedene IP-basierte Lösungen gibt, die aber alle miteinander keine Daten austauschen können, obwohl sie IP-basiert sind. Das lag zum einen daran, dass sehr individuelle Synchronisationsmechanismen benutzt wurden oder doch auch proprietäre Ausprägungen der Streamformatierung. Daher hat die Gruppe, die sich dort unter der Ägide der AES zusammengefunden hat, Lösungen für dieses Problem gesucht. Auf Basis der von ihr identifizierten Gemeinsamkeiten hat sie eine Interoperabilitätsvorschriften festgelegt, die es nun ermöglichen sollen, Streams von einem System zu einem anderen, also zum Beispiel von Dante zu Ravenna oder von Ravenna zu Q-Lan, zu übermitteln“, berichtet er. AES67 beschreibe in der Tat einen Synchronisationsmechanismus und ein Streamformat, das diese Lösungen einfach unterstützen müssen, um AES67 kompatibel zu sein. Hildebrand: „Allerdings muss man auch klar sagen, dass AES67 eben nur ein Interoperabilitätsstandard ist. Wesentliche Merkmale einer Lösung, die zum Beispiel auch Geräte-Discovery, Geräte-Konfiguration, Stream-Management, und so weiter umfassen, sind von AES67 nicht beschrieben. Das ist ein anderer, weiterer Bereich, der sehr komplex ist, und genau aus diesem Grunde werden auch die einzelnen Systeme und Lösungen am Markt weiter nebeneinander existieren. Nur mittels AES67 wird man jetzt Übergänge an bestimmten Stellen zwischen heterogenen Systemen schaffen können.“ Die verschiedenen Protokolle, die sich bereits etabliert hätten oder sich noch etablieren würden, hätten allesamt bestimmte Zielmärkte im Auge. Ravenna zum Beispiel sei primär auf das Broadcast- und im erweiterten Broadcastumfeld ausgerichtet, AVB und Dante hingegen mehr auf den Live- und Install-Sound-Markt. Dante setzte dabei auf IP-Technologie anstatt wie AVB auf Player 2 und Ethernet-Technologie. Hildebrand betonte: „All diese Lösungen haben bestimmte Spezifikationen, bestimmte Leistungsmerkmale, die sich aus dem applikatorischen Umfeld ergeben, die sicherlich überlappende Möglichkeiten haben. Also sicher kann man dort, wo man AVB einsetzt, auch Dante oder Ravenna einsetzen, oder wo Ravenna primär zum Zuge kommt, könnte man auch mit Dante hingehen, aber eben aufgrund dieser unterschiedlichen Technologieansätze ebenso wie aufgrund unterschiedlicher Businessmodelle, muss ich fast sagen, werden die einzelnen Lösungen jeweils ihre Schwerpunkte haben und auch weiterhin existieren. Dank AES67 wird es eben jetzt möglich sein, zwischen diesen einzelnen Bereichen vereinfachte Übergänge schaffen zu können.“
Eckhard Eckstein

(MB 3/14)

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