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Special: MEDIEN BULLETIN

„Wir werden Medien spazieren tragen“

„Digital is now“ war das diesjährige Motto der Medienwoche@IFA, die erstmals verantwortlich vom neuen Medienboard-Geschäftsführer Elmar Giglinger ausgerichtet wurde. Er ist seit gut einem Jahr für das Medien-Standortmarketing in Berlin-Brandenburg zuständig. Im Gespräch mit MEDIEN BULLETIN beschreibt Giglinger die Highlights der digitalen Entwicklung am Medienstandort, seine Stärken aber auch die Baustellen, die er noch beackern will. Und er nimmt – was selten ist – konkrete Positionen ein. Auch in Richtung Medienpolitik.

Herr Giglinger, was hat Sie als ehemals international tätiger Musik-TV-Topmanager gereizt, die Verantwortung für die Vermarktung eines Medienstandortes zu übernehmen?

Die Region Berlin-Brandenburg ist einer der spannendsten Medienstandorte weltweit. Diesen Standort mit zu gestalten, ist eine sehr reizvolle, tolle Aufgabe, zumal die Hauptstadtregion – im Gegensatz zu Köln, München oder Hamburg – kein fertiger Standort ist, sondern sich in dynamischer Entwicklung befindet. Und wir holen im nationalen- und internationalen Vergleich mit großen Schritten auf.

Was sind die Vorteile – oder das Unique – des Medienstandortes Hauptstadtregion im Vergleich zur nationalen und internationalen Konkurrenz?

Wir haben vier große Standortvorteile: Wir sind kreativ, wir sind innovativ, wir sind international und wir sind dabei kostengünstig wie kein anderer Medienstandort. Die größte Dynamik verzeichnen wir zurzeit in der digitalen Szene. Nirgendwo anders entstehen so viele neue Unternehmen im digitalen Bereich wie bei uns, nirgendwo siedeln sich so viele Unternehmen an.
Beispiel: OnNet, ein südkoreanischer Spielentwickler mit Hauptsitz in Seoul und Büros in Japan, Thailand und USA. OnNet hat sich bei der Suche seines Standortes für die Europazentrale für Berlin entschieden, nachdem es den gesamten europäischen Markt gescannt hatte.
Anderes Beispiel: Researchgate, eine sehr renommierte internationale Social Media-Plattform für Wissenschaftler, ursprünglich aus Boston. Man hat sich für die künftige Weltzentrale zwei Standorte genauer angeguckt. Der eine war Silicon Valley, der andere die Hauptstadtregion – jetzt sind sie hier. Das zeigt: Wir spielen in der internationalen Topliga, wir sind das Startup-Mekka der Republik mit der höchsten Gründungsdynamik im digitalen Bereich, sprich im Zukunftsbereich…

Startups, was machen die in der Hauptstadtregion eigentlich genau?

Alle? Wir haben vor allem in den digitalen Bereichen so viele Startups, dass man sie nicht über einen Kamm scheren kann. Besonders dynamisch entwickeln sich allerdings die Bereiche Social Media und Social Gaming. Um die expandierende Digitalszene der Hauptstadtregion in Zukunft noch stärker sichtbar zu machen, haben wir initiiert, dass die beiden Veranstaltungs-Headliner der digitalen Szene – namentlich die „Next“-Konferenz und die „re:publica“ – unter dem Dach der „Berlin Web Week“ zusammenrücken. Dank dieser Bündelung wird Berlin im Mai nächsten Jahres eine Woche lang auch das Zentrum der internationalen Digitalszene sein.

Ein bisschen unübersichtlich ist heute schon, was so alles einen Medienstandort ausmacht?

Richtig ist, dass sich Medien und Mediennutzung seit Jahren in immer kürzeren Zyklen verändern und weiterentwickeln. Viele Thesen, die wir in jüngerer Vergangenheit beispielsweise zur Online-Entwicklung aufgestellt haben, sind heute nicht mehr gültig oder längst vergessen. Eine solche Dynamik ist einerseits eine unsichere Situation für Medienschaffende, gleichzeitig aber auch ein spannender Aufbruch. Als unbestrittene Kreativmetropole mit großem Nachwuchspotential steht Berlin-Brandenburg hier besonders gut da. Denn der Nachwuchs beschäftigt sich naturgemäß eher mit neuen als mit alten Ideen.

In welche Richtung gehen die neuen Ideen – und haben sie immer noch was mit der viel beschworenen „Konvergenz“ zu tun?

Nehmen Sie als Beispiel die drastische Veränderung, die sich bereits heute in der Mediennutzung abzeichnet. Medien werden zunehmend orts- und zeitunabhängig genutzt: über den guten alten Laptop, aber immer häufiger auch via Smartphones und Tablets. Wir werden in Zukunft all unsere Medien spazieren tragen, permanent abrufen können. Jeweils maßgeschneidert für die jeweilige Nutzungssituation. Das ist Konvergenz, die wir schon heute leben, und die in den nächsten Jahren noch
deutlich zunehmen wird.

Sie hatten anlässlich der Medienwoche@IFA das große Problem der Rekapitalisierung neuer digitaler Inhalte angesprochen. Beispiel Tape.TV, ein renommiertes Berliner Web-Angebot aus dem Musikbereich. Ist es auch da schwierig?

Vorneweg: Noch nie wurde so viel Musik konsumiert wie heute und – um bei dem Beispiel zu bleiben – Tape.TV ist eine schlicht tolle Bewegtbild-Plattform für alle Musikinteressierten, mit einer auch wirtschaftlich hervorragenden Entwicklung.
Aber es bleibt schwierig, mit solchen Angeboten wirklich Geld zu verdienen.
Die Konkurrenz im weltweiten Wettbewerb ist groß und leider haben Online-Musikangebote in Deutschland klare wirtschaftliche Nachteile: Die GEMA betreibt im Moment eine Art Online-Geschäftsverhinderungsmodell, indem sie Preise aufruft, die nicht zu rekapitalisieren sind. Für eine prosperierende Medienlandschaft ist es außerdem sehr wichtig, dass das Urheberecht endlich an die Gegebenheiten der digitalen Welt angepasst wird.

Die Hauptstadtregion beansprucht insbesondere Filmstandort Nr. 1 in Deutschland zu sein – mit welcherBegründung gegenüber München?

Wenn man an Filmproduktionen von Hollywood-Format, an höchste Qualität, denkt, dann sind wir natürlich der Filmstandort Nr. 1. Studio Babelsberg zum Beispiel hat sich international einen hervorragenden Ruf erarbeitet, das Art Department wird weltweit gerühmt für die Sets, die hier gebaut werden, und wir haben den größten zusammenhängenden Filmstudiokomplex des europäischen Kontinents vor der Haustür. Die Zugkraft von Studio Babelsberg hat inzwischen übrigens kaum mehr mit der Historie zu tun. Keiner denkt heute an Marlene Dietrich, wenn er in Babelsberg produzieren möchte.

TV ist aber in der Hauptstadtregion schwach. Es gibt nur zwei kleine, arme TV-Sender: den öffentlich-rechtlichen rbb und den aus der ProSiebenSat.1-Gruppe ausgekoppelten Nachrichten- und Dokumentationskanal N24 …
Als klein und arm würde ich rbb und N24 schon mal nicht bezeichnen und darüber hinaus haben wir die Viacom Gruppe mit MTV, Viva, Nickleoden und Comedy Central, eine herausragende IPTV Landschaft und die Hauptstadtstudios aller großen Sender vor Ort.
Aber klar: München und Köln sind mit RTL, der ProSieben.-Sat1-Gruppe, mit WDR und BR stärker aufgestellt. Trotzdem sind wir ein sehr starker Produktionsstandort, und genau da setzen wir mit unserer Arbeit an. Wir haben eine sehr starke Film- und TV-Produzentenlandschaft in der Hauptstadtregion, die wir mit verschiedenen Mitteln und Maßnahmen stärken und unterstützen.

Knapp 24 Millionen Euro hat das Medienboard 2010 in die Filmförderung gesteckt. Mit welchem Effekt?

Förderung wird in der öffentlichen Wahrnehmung generell gerne als reine Subvention wahrgenommen. Das ist hier aber nicht der Fall. Das Medienboard weist einen Regionaleffekt von fast 500 Prozent aus, das heißt: Jeder Förder-Euro zieht in der Region fünf Euro Umsatz nach sich. Das ist eine Berechnung, die unser Geschäftsbesorger, die Investitionsbank Brandenburg, durchführt. Förderung ist in unserem Fall also eine ökonomisch sinnvolle Investition in den Standort. Es geht um Wirtschaftskraft und um Jobs, die mit Hilfe der Fördergelder geschaffen werden.

Im Vergleich zu den 24 Millionen Euro für Filmförderung steht mit 4,5 Millionen Euro Fördergeld für andere Medienunternehmen ziemlich wenig Geld zur Verfügung?

Vorweg: Die Förderung der Filmindustrie ist keine deutsche Erfindung. Sie wird weltweit praktiziert, weshalb Produzenten den Fördertöpfen folgen. Das ist globale Realität, die wir nicht ignorieren können. Und die Fördergelder sind, wie gerade schon beschrieben, auch eine gute und sinnvolle Investition in den Standort. 4,5 Millionen für Standortmarketing und Standortentwicklung sind in meinen Augen auch eine Menge Geld, damit können wir einiges bewegen und bewirken. Mit mehr Geld könnten wir natürlich mehr erreichen. Besonders für den digitalen Standort und die Produktionswirtschaft wären weitere Investitionen wünschenswert und auch ökonomisch sinnvoll, aber ich kannte die vorhandene Summe von Anfang an und möchte mich heute nicht darüber beschweren.
Erika Butzek
(MB 11/2011)

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