Premiere bei minus zehn Grad: brutal güet testet Lawo-Audio im neuen Ü-Wagen

Der Schweizer Broadcast-Dienstleister brutal güet hat seinen neuen Ü-Wagen S12 bei den Women's Winter Classics in Gstaad erstmals im Live-Betrieb eingesetzt. Senior Audio Engineer Christian Maier ordnet den Audio-Workflow mit der vollständig IP-basierten Lawo-Umgebung ein.

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Christian Maier, brutal güet
Christian Maier, Senior Broadcast Audio Engineer bei brutal güet, verantwortete den Audio-Workflow bei der Premiere des Ü-Wagens S12. ©Lawo

Die Premiere fand unter besonderen Bedingungen statt. Mitten im Dorfkern von Gstaad, vor alpiner Kulisse und bei rund minus zehn Grad traten der amtierende Meister SC Bern und Tabellenführer EV Zug im Rahmen der höchsten Schweizer Frauen-Eishockeyliga gegeneinander an. Produziert wurde im Auftrag von RED+ mit vier Kameras und zwei zusätzlichen Hintertorkameras – ohne klassische Stadioninfrastruktur vor Ort.

Lawo mc²56 MkIII als Herzstück

Die Audiotechnik des neuen Ü-Wagens basiert auf einer Lawo mc²56 MkIII Konsole mit 48 Fadern. Ergänzt wird das Setup durch einen redundant ausgelegten A__UHD Core sowie eine AoIP-Infrastruktur auf Basis von SMPTE ST2110, AES67 und RAVENNA. Für Maier verlief die Premiere trotz neuer Technik routiniert: „Im Großen und Ganzen war es für mich erst einmal unspektakulär, weil ich das Lawo-System ja schon kannte. Aber nichtsdestotrotz bringt diese Technologie Vorteile mit Neuerungen, die auch nach 20 Jahren Berufserfahrung eine gewisse Umgewöhnung erfordern.“

Women's Winter Classics in Gstaad
Open-Air-Eishockey vor alpiner Kulisse: Bei den Women’s Winter Classics in Gstaad trafen der SC Bern und der EV Zug aufeinander. ©Lawo

Dreisprachigkeit von Anfang an mitgedacht

Ein zentrales Thema bei Schweizer Sportproduktionen ist die Mehrsprachigkeit. Auch wenn in Gstaad nur ein Sprachfeed aktiv genutzt wurde, legte Maier das Setup von Beginn an dreisprachig an: „Produktionen in der Schweiz sind per se komplexer. Wir müssen eigentlich immer in der Lage sein, dreisprachig zu produzieren. Deshalb habe ich das Setup so gebaut, dass alle drei Sprachen vorbereitet sind – nicht nur für diese Produktion, sondern auch für alle nachfolgenden.“

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Die Flexibilität der Lawo-Konsole komme diesem Ansatz entgegen. Maier hat sich eine Eishockey-Basisproduktionsoberfläche gebaut: eine Ebene für klassische Worldfeed-Produktionen, weitere Ebenen für Kommentatoren oder ein mögliches Studio. Die erweiterten DSP-Funktionen der aktuellen mc²-Generation vereinfachen den Workflow zusätzlich: „Dass ich EQs, Kompressoren und Presets speichern und wieder abrufen kann, dynamische EQs nutzen kann – das macht es viel leichter, gerade wenn man mehrsprachige Setups fährt. Ich muss nicht alles dreimal bauen.“

Ü-Wagen S12 von außen
Der Ü-Wagen S12 wurde von Broadcast Solutions auf Basis des Streamline-Konzepts realisiert. ©Lawo

Open-Air-Produktion mit angepasster Mikrofonierung

Die akustischen Rahmenbedingungen stellten zusätzliche Anforderungen. Ohne Plexiglaswände hinter den Toren fehlten typische Eishockey-Reflexionen. Zudem war unklar, wie viele Zuschauer vor Ort sein würden. „Es macht einen großen Unterschied, ob 500 oder 5.000 Leute um die Eisfläche herumstehen“, erklärt Maier. Die Lösung war eine angepasste Mikrofonierung mit gerichteten Shotgun-Mikrofonen, um das Geschehen auf dem Eis präzise einzufangen.

Bei der Mischung setzt Maier auf viel Ambience: „Ich mische gerne viel Ambience, weil ich dieses Gefühl des Dabeiseins erzeugen möchte. Aber auch der Kommentator braucht seinen Raum.“ Die technische Umsetzung erfolgte mit dynamischem EQ, Sidechain-Filtern und Automix-Funktionen.

Lawo mc²56 MkIII im S12
Die Lawo mc²56 MkIII mit 48 Fadern bildet das Herzstück der Audioregie im Ü-Wagen S12. ©Lawo

Flexibles Delay-Management für hybride Workflows

Ein weiteres Kernthema im Broadcast ist das Zeit- und Latenzmanagement. Unterschiedliche Signalwege, drahtlose Kameras oder Remote-Feeds erfordern flexible Delay-Strukturen. „Ich muss mit verschiedenen Zeitebenen klarkommen und diese müssen dann auch wieder in eine Zeit zusammengeführt werden“, sagt Maier. „Bei Lawo kann ich das Delay dort setzen, wo es sinnvoll ist – im Input, in der Gruppe oder im Direct Out. Diese Klarheit und Flexibilität sind für mich immer noch herausragend.“

Ü-Wagen für Sport, Kultur und Events

Der Ü-Wagen S12 wurde von Broadcast Solutions auf Basis des Streamline-Konzepts realisiert und bewusst breit ausgelegt. brutal güet will damit nicht nur klassische Sportproduktionen abdecken, sondern auch Kultur, Festivals und Eventproduktionen bedienen. „Wenn ich eine Oper produziere, brauche ich diese Oberfläche und diese Kanalanzahl“, erklärt Maier. „Die Idee ist, den Ü-Wagen als komplett fertige mobile Regie zu nutzen und Aufbauten vor Ort zu reduzieren.“