Neutrik Unicorn: Modulare Steckerplattform vereinheitlicht Kupfer und Glasfaser

Auf der ISE 2026 zeigte Neutrik erstmals eine neue Generation von Datensteckern. Die Plattform „Unicorn" setzt auf ein modulares Containerkonzept, bei dem die mechanische Seite unabhängig vom eingesetzten Übertragungsmedium immer gleich bleibt.

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Christian Söhnel von Neutrik auf der ISE
Christian Söhnel, Head of Market & Product Management bei Neutrik, zeigt die modulare Steckerplattform Unicorn auf der ISE 2026.

Die Bandbreitenanforderungen in der Veranstaltungs- und Medientechnik steigen – im digitalen Audio-Bereich ebenso wie bei LED-Panels und LED-Projektoren. Standardverbindungen über BNC oder vergleichbare Kupferlösungen stoßen zunehmend an ihre Grenzen, der Schritt zu Glasfaser rückt näher. Gleichzeitig wachsen die Anforderungen an die Outdoor-Tauglichkeit: IP65 reicht in vielen Anwendungen nicht mehr aus. Vor diesem Hintergrund stellte Neutrik auf der ISE 2026 eine Neuentwicklung vor, an der das Unternehmen nach eigenen Angaben fast drei Jahre gearbeitet hatte. Christian Söhnel, Head of Market & Product Management bei Neutrik, erläuterte im Gespräch mit mebucom das Konzept.

Neutrik Stand auf der ISE 2026

Einheitliche Mechanik, wechselnde Übertragungstechnologie

Das Problem, auf das Unicorn eine Antwort geben soll, ist ein konkretes: Kupfer- und Glasfaserstecker unterscheiden sich mechanisch grundlegend. Wer heute ein Gerät mit einem Kupferstecker designt, muss für einen späteren Umstieg auf Glasfaser das komplette Gehäusedesign überarbeiten – allein weil das Befestigungsloch ein anderes ist. „Wir müssen schon in der mechanischen Ausprägung dafür sorgen, dass auch in Zukunft ein Umstieg einfach möglich ist“, erklärte Söhnel.

Die Lösung ist ein Plattformansatz, der mit der bisherigen Bauweise von Chassissteckern bricht. Traditionell übernimmt der Rahmen wesentliche Funktionen wie die Verriegelung, und Kontaktpunkte werden in diesen Rahmen eingebaut. Bei Unicorn ist es umgekehrt: Im Mittelpunkt steht ein sogenannter Datencontainer – ein eigenständiges Modul, das bereits verriegelt und kontaktiert. „Der Datencontainer ist für sich genommen eigentlich schon ein fertiger Stecker. Das Gehäuse ist dann nur noch die mechanische Lösung, das Ganze im Gerät festzuhalten“, so Söhnel. Die mechanische Lösung ist bei allen Varianten identisch, lediglich der Datencontainer im Inneren wird ausgetauscht.

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Zum Marktstart soll es drei Varianten geben: RJ45, USB-C und einen Glasfaser-Datencontainer mit zwei Fasern. Ein Gerätehersteller kann damit heute mit RJ45 starten und später auf Glasfaser wechseln – ohne Änderungen am Gehäuse.

Konstruktion: Innen Metall, außen Kunststoff

Dieser modulare Aufbau wirkt sich auch auf die Verriegelung aus. Der Kabelstecker verriegelt bei Unicorn nicht mehr gegen den mechanischen Rahmen – was laut Söhnel ungünstig ist, da dabei gegen die Kontaktrichtung gedrückt wird –, sondern schiebt sich über den Datencontainer und verriegelt innen. Das bringe eine optimale Schirmung: Metalldeckel auf Metall-Datencontainer. Die äußeren Mechanikteile am Chassis bestehen dagegen komplett aus Kunststoff – eine bewusste Entscheidung, wie Söhnel erläuterte, denn Salz- und Sprühnebelbelastung werde in der Branche immer stärker zum Thema. „Mit Metall ist das nur mit extrem hohem Aufwand machbar. Mit Kunststoff erreichen wir bis zu 1.440 Stunden im Salzsprühnebeltest“, so der Produktmanager. Unicorn ist für die Schutzklassen IP66 und IP67 ausgelegt.

Die drei Startvarianten der Unicorn-Plattform: RJ45, USB-C und Glasfaser – bei identischer Mechanik wechselt nur der Datencontainer im Inneren. 

Die Verbindung zwischen Datencontainer und Kunststoffrahmen erfolgt über eine Presspassung, die laut Neutrik eine hohe mechanische Belastbarkeit gewährleistet. Auch die Dichtkappe ist erstmals modular und austauschbar gestaltet: Während der Dichtflansch weiterhin fest zum Stecker gehört, kann die Kappe selbst gewechselt werden – etwa bei Verschleiß, für ein flacheres Design oder eine kundenspezifische Beschriftung. Bisher bedeutete eine defekte Dichtkappe in der Regel den Austausch des gesamten Steckers.

Glasfaser: Staubschutz in kompakter Bauform

Besonderes Augenmerk verdient die Glasfaser-Variante, denn sie adressiert ein zentrales Praxisproblem. Neutrik setzt auf die direkte physische Kontaktierung der Glasfasern – also ohne vorgesetzte Linsen –, was die bestmöglichen Übertragungswerte liefern soll. Die Kehrseite: Beim Abstecken darf keinerlei Staub auf die Mikrofasern gelangen, da selbst kleinste Partikel die Faser laut Söhnel „erblinden“ lassen. Die Lösung ist ein automatischer Staubschutz-Shutter, der beim Abstecken sofort zuschnappt und die Fasern schützt, beim Einstecken nach oben klappt und den Kontaktbereich freigibt.

Ein solches System hatte Neutrik nach eigenen Angaben bereits im Sortiment – allerdings in deutlich größerer Bauform. „So ein System hatten wir schon länger, aber der Stecker war doppelt so groß und das Chassis doppelt so teuer“, ordnete Söhnel ein. In der kompakten Unicorn-Bauform sei das in dieser Preisklasse ein Novum. Die Glasfaser-Variante ist auf 5.000 Steckzyklen spezifiziert.

Geteilte Plattform, niedrigere Kosten

Damit verbunden ist ein wirtschaftliches Argument, das über die reine Technik hinausgeht: Durch die gemeinsamen Mechanikteile sollen die Glasfaser-Varianten von den hohen Stückzahlen auf der Kupferseite profitieren. Glasfaserstecker waren bisher aufgrund geringer Stückzahlen vergleichsweise kostenintensiv. Söhnel erwartet, dass sich durch die geteilte Plattform die Produktionskosten und damit der Marktpreis deutlich reduzieren lassen.

Der Kabelstecker schiebt sich über den Metall-Datencontainer und verriegelt innen – die äußeren Kunststoffteile übernehmen nur die Gehäusebefestigung.

Einsatzbereich und Roadmap

Für den Broadcast-Bereich positionierte Söhnel Unicorn als Ergänzung zum bestehenden opticalCON-Standard, nicht als Ersatz. Für Extrembedingungen – etwa Kameras bei minus 30 Grad an einer Skiabfahrt in St. Moritz, wo Kameras und Übertragungswagen über Nacht draußen stehen – bleibe das große Metallgehäuse die geeignetere Lösung. In weniger extremen Szenarien wie fest installierten Remote-Kameras in Sportstadien oder Übertragungsstrecken sei Unicorn hingegen gut aufgestellt. Tests mit Kameraherstellern in japanischen Fußballstadien seien im Dezember bereits erfolgreich verlaufen.

Aktuell bietet die Glasfaservariante ein Zweifaser-System. Bis Ende 2026 sollen 12- und 24-Faser-Systeme in derselben Baugröße folgen. Darüber hinaus existiert bereits ein Prototyp für einen vierten Datencontainer auf Basis von Single Pair Ethernet – einem Standard aus der Industrieautomation, der Daten über nur ein verdrilltes Adernpaar überträgt.

Die drei Startvarianten RJ45, USB-C und Glasfaser wurden auf der ISE erstmals öffentlich gezeigt. Die Serienverfügbarkeit ist für Ende Mai bis Anfang Juni 2026 angekündigt.