Der Bundesverband der Fernsehkameraleute (BVFK) kritisiert die Vergütungspraxis von ProSiebenSat.1 bei der Vergabe von Aufträgen an freie EB-Dienstleister. Nach Darstellung des Verbands hat das Medienunternehmen im Rahmen einer aktuellen Ausschreibung Preise kommuniziert, die deutlich unter den marktüblichen Honoraren liegen sollen. Gespräche zwischen beiden Seiten führten offenbar zu keiner Einigung. Der BVFK prüft deshalb inzwischen auch rechtliche Schritte.
Im Mittelpunkt der Kritik steht das Ausschreibungsverfahren für Leistungen der elektronischen Berichterstattung (EB). Nach Angaben betroffener Dienstleister hatte ProSiebenSat.1 zunächst Angebote verschiedener Anbieter eingeholt. Anschließend seien diese aufgefordert worden, ihre Preise nochmals zu überprüfen. Als Orientierung habe das Unternehmen sogenannte „Bestpreise“ kommuniziert, an denen sich die Dienstleister ausrichten sollten.
Der BVFK hält diese Vorgehensweise für problematisch. Die genannten Vergleichswerte lägen erheblich unter den Honoraren, die der Verband in einer eigenen Erhebung ermittelt hat. Konkrete Beträge aus der Ausschreibung nennt der BVFK allerdings nicht.
BVFK-Umfrage zeigt höhere Marktpreise
Als Grundlage für seine Kritik verweist der Verband auf eine Umfrage aus dem Jahr 2025, an der sich je nach Fragestellung rund 140 bis 150 freie Kameraleute und EB-Dienstleister beteiligten. Demnach liegt der mittlere Tagessatz für ein klassisches EB-Team bei rund 1.100 Euro netto. Für Single-EB-Einsätze, bei denen eine Kameraperson allein arbeitet, beträgt der Median etwa 795 Euro.
Nach Berechnungen des BVFK reichen diese marktüblichen Honorare jedoch häufig nicht aus, um sämtliche Kosten einer selbstständigen Tätigkeit angemessen abzudecken. Als wirtschaftlich faire Größenordnung nennt der Verband 900 bis 1.150 Euro für Single-EB-Einsätze und 1.250 bis 1.500 Euro für klassische EB-Teams.
Dabei geht es nicht allein um die Bezahlung der Kameraleute. In den Tagessätzen müssen unter anderem technische Ausstattung, Personal, Versicherungen, Altersvorsorge und Ausfallzeiten berücksichtigt werden. Gerade bei EB-Teams kommen zusätzliche Kosten für Assistenz, Fahrzeuge und Organisation hinzu.
„Wer professionelle Arbeit erwartet, muss auch bereit sein, professionelle Arbeit wirtschaftlich zu ermöglichen“, sagt Sascha Kellersohn, Vorstand Nord des BVFK. Die erhobenen Marktwerte seien keine Wunschpreise, sondern spiegelten die tatsächliche Vergütungssituation wider. „Wenn selbst diese Marktwerte deutlich unterschritten werden sollen, müssen wir als Berufsverband sehr deutlich sagen: Diese Entwicklung ist nicht nachhaltig.“
Die Umfrage macht zudem deutlich, wie angespannt die wirtschaftliche Situation vieler freier Kameraleute bereits ist. Mehr als die Hälfte der Befragten berichtet von Eingriffen in ihre unternehmerische Selbstständigkeit, etwa durch Preisvorgaben oder Einschränkungen bei der Wahl der Technik. Rund drei Viertel äußern Existenzängste oder Sorgen über ihre finanzielle Absicherung.
Gespräche mit ProSiebenSat.1 ohne Ergebnis
Der BVFK hatte nach eigenen Angaben versucht, die Vergütungspraxis direkt mit ProSiebenSat.1 zu besprechen. Bei einem ersten persönlichen Treffen in München seien unterschiedliche Positionen erörtert und weitere Gesprächsthemen vereinbart worden.
Bei einem digitalen Folgetermin rund sechs Wochen später habe ProSiebenSat.1 den Verbandsvertretern jedoch mitgeteilt, dass die Verträge mit den Dienstleistern inzwischen zu den neuen Konditionen abgeschlossen worden seien. Weiteren Gesprächsbedarf habe das Unternehmen nicht gesehen.
Der BVFK kritisiert, dass damit während eines aus seiner Sicht noch laufenden Dialogs bereits verbindliche Entscheidungen getroffen worden seien. Der Verband fordert transparente Ausschreibungsverfahren, nachvollziehbare Vergütungsmodelle und Verhandlungen, die den tatsächlichen Kosten freier Dienstleister Rechnung tragen.
Darüber hinaus will der BVFK gemeinsam mit betroffenen Kameraleuten prüfen, ob die angebotenen beziehungsweise gezahlten Honorare auch urheberrechtlichen Anforderungen an eine angemessene Vergütung entsprechen. Dabei sollen insbesondere die eingeräumten Nutzungsrechte und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Aufträge untersucht werden.
„Unser Ziel ist keine Konfrontation mit den Sendern oder Produktionsunternehmen“, betont Frank Trautmann, erster Vorsitzender des BVFK. Kameraleute und EB-Teams müssten jedoch von ihrer Arbeit leben und weiterhin in Technik und Weiterbildung investieren können. „Professionelle Qualität ist nicht zum Dumpingpreis zu haben.“
Der Verband erklärt sich weiterhin zu Gesprächen mit ProSiebenSat.1 bereit. Ob und in welcher Form tatsächlich rechtliche Schritte folgen, ist derzeit offen.