Broadcaster verlangen heute Software, die sich in bestehende Workflows einfügt, schnell aktualisiert wird und sich anfühlt wie die SaaS-Tools aus dem Alltag. Genau an diesen Anforderungen richtet die Fonn Group – Anbieter des MAM/PAM/DAM Mimir und des NRCS Saga – ihre Produktstrategie aus. Im Gespräch mit mebucom auf der NAB Show 2026 erläutert André Torsvik, EVP Operations bei Fonn Group, wie das Unternehmen diese Anforderungen technisch und organisatorisch umsetzt – und warum der Weg dahin einen Bruch mit der Hardware-Vergangenheit des Broadcast-Marktes bedeutet.
Vom Hardware-Denken zu echter Software
Torsvik zeichnet ein klares Bild des Wandels: Über Software im Broadcast-Bereich werde zwar seit Jahren gesprochen, in der Praxis habe es sich aber oft um etwas anderes gehandelt. „Wir reden seit Jahren über Software in der Broadcast-Branche, aber es ist nicht wirklich Software gewesen. Es war eher Hardware mit ein bisschen Software obendrauf", sagt er. Erst jetzt setze sich ein Denken durch, das tatsächlich softwarezentriert sei – unabhängig davon, ob die Lösung in der Cloud oder lokal betrieben werde.
Integratability statt Walled Gardens
Aus diesem Shift leitet Torsvik die zentrale Anforderung ab, die Kunden heute formulieren: Integratability. Broadcaster seien es leid, mit geschlossenen Systemen zu arbeiten, die sich nicht in ihre eigenen Workflows einfügen lassen. „Sie haben genug von Walled Gardens. Sie haben genug von Dingen, die sich nicht integrieren lassen, von fehlender Dokumentation, fehlenden APIs, all diesen Dingen." Fonn Group habe entsprechend viel Aufwand in leistungsfähige REST-APIs, Webhooks und Client Hooks investiert. Genau dieser Aspekt sei auch in den CTO-Panels auf der Devoncraft-Bühne deutlich geworden. Die Fähigkeit, Best-of-Breed-Tools frei kombinieren zu können, werde zunehmend zum Entscheidungskriterium.
Serverlose Architektur als Fundament
Damit Integratability in der Praxis funktioniert, braucht es eine belastbare technische Basis. Fonn Group setzt dafür auf eine serverlose Architektur. Statt EC2-Instanzen oder dedizierte Maschinen hochzufahren, skalieren Mimir und Saga nach Darstellung des Unternehmens linear über eine Vielzahl kleiner Lambda-Prozesse. Fällt einer aus, bleibt das Gesamtsystem stabil – ein Prinzip, das Torsvik mit der Stabilität von Consumer-Diensten vergleicht: „Wie oft stürzt Spotify ab? Wie oft stürzt Slack ab? Das passiert nicht, weil es genauso aufgebaut ist wie unsere Architektur."
600 Updates in einem Jahr
Diese Architektur ist zugleich Voraussetzung für das Release-Tempo, das Fonn Group fährt. Im Zeitraum seit der NAB 2025 habe das Unternehmen nach eigenen Angaben rund 600 Updates über die drei Produkte ausgerollt – ausschließlich Features und Verbesserungen, ohne Bugfixes. Mimir erhalte mittlerweile dreimal pro Woche Updates. Torsvik räumt ein, dass dieses Modell bei Broadcastern anfangs Skepsis auslöse, verweist aber auf den Vorteil gegenüber klassischen Großreleases: „Das Fehlerpotenzial liegt bei den großen Upgrades. Wir sehen bei unseren Updates sehr wenige Probleme – deutlich weniger, als man es von diesen halbjährlichen Massen-Upgrades gewohnt ist, die die Backend-Architektur verändern." Einmal daran gewöhnt, wollten Kunden genau diese Geschwindigkeit – weil sie im Supportfall auch schnelle Reaktionen ermöglicht.
User Experience auf SaaS-Niveau
Die kontinuierliche Release-Logik zahlt direkt auf die zweite große Kundenanforderung ein: eine zeitgemäße User Experience. Anwender seien aus ihrem Alltag an Tools wie Slack, Notion oder Spotify gewöhnt – und erwarteten von Enterprise-Software, für die sie deutlich mehr zahlen, mindestens das gleiche Niveau. „Wir können ihnen keine schlechtere Erfahrung bieten, wenn sie für ein Enterprise-Tool mehr bezahlen. Das ergibt keinen Sinn", so Torsvik. Fonn Group entwickle daher Product-first und User-first und nutze die kurzen Release-Zyklen, um laufend kleine Anpassungen einzupflegen, statt auf große Sprunginnovationen zu setzen.
KI als Gateway, nicht als eigenes Produkt
Auch beim Dauerthema KI folgt Fonn Group der Integratability-Logik. Das Unternehmen positioniert sich bewusst nicht als KI-Anbieter. Mimir soll stattdessen als Gateway zu unterschiedlichen KI-Diensten dienen: Für Transkription etwa können Kunden ihre eigenen Verträge mit Anbietern wie Google, Amazon, Speechmatics oder Trint nutzen und die Dienste über API-Keys anbinden. Ein Wechsel sei innerhalb einer Minute möglich. „Wir wollen das Gateway der Medien zur KI sein, aber wir wollen kein KI-Unternehmen sein", bringt es Torsvik auf den Punkt. Für Saga zeigt das Unternehmen auf der NAB eine Suggestions-Funktion, die Journalisten beim Schreiben auf ähnliche Archivgeschichten und relevantes Videomaterial aus Mimir hinweist – der Redakteur bleibt inhaltlich verantwortlich, erhält aber Kontext und Hinweise auf Wiederverwendbares.
Fokus statt End-to-End Produktpalette
Trotz wachsender Produktpalette wehrt sich Torsvik gegen den Drang zum End-to-End-Portfolio. Mimir solle der beste MAM, PAM und DAM sein, Saga das beste NRCS. Erweiterungen wie der browserbasierte Editor Cutter ergeben für ihn dann Sinn, wenn sie den Medienbruch vermeiden – etwa damit Editoren für einfache Schnitte, Audioanpassungen oder Keyframing das Asset-Management-System nicht verlassen müssen. Vor einem Wachstum in die Breite warnt er ausdrücklich: „Wir wollen es klein halten, damit es schnell bleibt." Ein Produkt mit zu vielen Armen werde langsam, der Innovationsfokus gehe verloren. Entscheidend sei, dass Erweiterungen aus echten Anwenderbedürfnissen entstehen – und nicht aus dem Wunsch nach einem größeren Marktanteil.