Mit dem internen KI-Werkzeug kamen auch neue Gespräche in Gang. Kollegen, die Stefan Kollinger in seinen Jahren beim ORF noch nie kennengelernt hatte, meldeten sich mit Ideen und positiven Rückmeldungen. Im Haus sei ein Gefühl von Stolz entstanden, erzählt der Chief Innovation Officer beim The Secret Source of Innovation Summit von HYVE in München. Etwas gemeinsam auf die Beine gestellt zu haben und früh dabei gewesen zu sein, wirke bis heute nach.
Kollinger beschäftigt sich mit der Einführung von KI in einem Medienhaus mit jahrzehntelang gewachsenen Strukturen und unterschiedlichen Interessen. Seit Ende 2022 habe das Thema Menschen aus Programm, kaufmännischen Bereichen und Technologie zusammengebracht. Eine vergleichbar breite Aufmerksamkeit habe er bei früheren technologischen Veränderungen nicht erlebt.
Er warnt davor, KI ausschließlich als Effizienzmaschine zu betrachten. Im Mittelpunkt stehe die Frage: „Was können wir jetzt eigentlich besser machen damit?“
Zugang schaffen und Fachwissen nutzen
Der ORF setzte dafür auf Weiterbildung und Möglichkeiten zum Ausprobieren. Seminare, Workshops und interne Veranstaltungen sollen Beschäftigte über die verschiedenen Unternehmensbereiche hinweg erreichen. Hinzu kommt ein Champions-Programm, in dem Mitarbeiter ihre Erfahrungen mit KI einbringen.
Wie gut Mitarbeiter KI nutzen können, hängt für Kollinger nicht vom Alter ab. Gerade Menschen mit langjährigem Fachwissen könnten profitieren, wenn KI ihnen zusätzliche Fähigkeiten eröffnet. Als Beispiel nennt er die Möglichkeit, in einem bestimmten Rahmen selbst zu programmieren. Wer seine Arbeitsabläufe kennt und weiß, was er verändern möchte, kann damit eigene Ideen erproben.
Das KI-Lab fungiere als virtuelle Dachmarke, unter der Mitarbeiter Dinge ausprobieren können. Dafür gebe es Budgets und Unterstützung durch das Innovationsteam. Welche Anwendungen entwickelt werden, sollen die späteren Nutzer mitentscheiden.
Ein zentrales Werkzeug ist der interne AiDitor. Er unterstützt unter anderem die Verarbeitung und Umwandlung von Inhalten sowie multimediales Arbeiten. Kollinger nennt das Beispiel eines erfahrenen Radioredakteurs: KI könne helfen, dessen Geschichte auch für das Fernsehen aufzubereiten.
Der offene Zugang war bereits Teil der frühen Entwicklung des Systems. Die EBU dokumentierte schon 2024, dass Mitarbeiter Ideen und Anwendungsfälle einbrachten. Zu den häufig genutzten Funktionen gehörten Transkription, Übersetzung, Audiobearbeitung und Unterstützung bei Texten.

Verantwortung für Auswahl und Qualität
Bei der Auswahl von KI-Anwendungen orientiert sich der ORF laut Kollinger an seinem öffentlich-rechtlichen Auftrag. Stärkt eine Anwendung Vertrauen? Verbessert sie Qualität? Hilft sie dabei, Öffentlichkeit herzustellen?
Ein praktisches Beispiel ist die automatisierte Untertitelung. Kollinger beschreibt sie als Möglichkeit, Barrierefreiheit auszubauen, deren Umfang mit verfügbaren personellen Kapazitäten schwer zu erreichen wäre. Dabei entstünden Fehler. Der ORF kennzeichne den KI-Einsatz und tausche sich mit Behindertenverbänden aus. Nach Kollingers Erfahrung sei den Menschen, die auf Untertitel angewiesen sind, ein gelegentlich fehlerhaftes Angebot lieber als keines.
In der anschließenden Fragerunde wird Kollinger gefragt, welche Bedeutung menschliche Handarbeit künftig noch habe. Für ihn können KI-Werkzeuge beim Schreiben und Bearbeiten unterstützen. Die journalistischen Entscheidungen müssen jedoch bei Menschen liegen: Sie bestimmen, was an einem Thema wichtig ist, welche Aussagen in den Beitrag gehören und wie diese eingeordnet werden.
„Die zentrale Frage ist doch, wer hat die Verantwortung, wer entscheidet die wesentlichen Dinge“, sagt Kollinger und schlägt damit ähnliche Töne an wie viele andere Sprecher beim The Secret Source of Innovation Summit.