Martin Olff über BFEs neue Strategie, das Potenzial von KSC-Core und die Zukunft der Broadcast-Architektur
BFE wächst, strukturiert sich neu – und bleibt doch in seiner DNA verwurzelt. Im Gespräch mit mebucom erklärt Martin Olff, Head of Global Sales & Marketing, wie das Unternehmen seine Fertigungstiefe zum Wettbewerbsvorteil macht, warum der Broadcast-Controller KSC-Core mehr kann als nur Routing – und weshalb Virtualisierung der realistischere Begriff zur „Cloud“ ist.
mebucom: Herr Olff, BFE ist im Wandel. Was ist der strategische Plan hinter dem aktuellen Kurs?
Martin Olff: Unsere beiden Geschäftsführer, Martin Dempf und Sven Hesselbach, haben den Wert des Unternehmens erkannt. Martin Dempf hat in der Vergangenheit viele Firmen gekauft und verkauft, freut sich aber jetzt, einmal etwas langfristig aufbauen zu können. Was ihm besonders gefallen hat, ist unsere Fertigungstiefe – dass wir Tische, Racks oder Rednerpulte selbst bauen und damit sehr tief integrieren können. Das macht uns in der Branche ziemlich einzigartig.
Was bedeutet das für die künftige Ausrichtung?
Wir sind weiterhin im Broadcast zu Hause, wollen dort aber wachsen – geografisch und inhaltlich. In der DACH-Region sind wir gut aufgestellt. Als nächste Schritte sehen wir zum Beispiel Skandinavien, Osteuropa oder auch den Balkan. Gerade dort ist es wichtig, vor Ort präsent zu sein. Wir schauen, was funktioniert. Wenn etwas nicht klappt, lassen wir es bleiben – aber wir probieren es aus.
Gibt es ähnliche Überlegungen auch für andere Geschäftsbereiche?
Ja. In der Medientechnik konzentrieren wir uns stärker auf das Rhein-Main-Gebiet. Wir wollen wieder aktiver auf Kunden zugehen, statt nur auf Ausschreibungen zu warten. Wir haben spannende Kunden – zum Beispiel SAP oder die Dekabank – und da wollen wir enger zusammenarbeiten. Und im Bereich Leitwarten beschäftigen wir uns derzeit mit Branchen wie Energieversorgung, Windparks oder chemischer Industrie. Das sind alles Bereiche, wo Leitwarten zwingend gebraucht werden.
Wie ordnen Sie dabei Ihr Verhältnis zu anderen Systemintegratoren ein?
Es gibt viele Felder, wo man sich begegnet – aber es gibt auch genug Raum, sich aus dem Weg zu gehen. Wenn zum Beispiel MCI Windparks im Norden macht, machen wir vielleicht Sonnenkraft im Süden. Wir schauen, wo es Sinn ergibt, an einem Pitch teilzunehmen. Auch mit Unternehmen wie Broadcast Solutions sprechen wir mittlerweile, etwa darüber, ob sich in der Fertigung etwas gemeinsam machen lässt.
Wie bauen Sie das Team dafür auf?
Im Broadcast-Bereich bekommen wir neue Kolleginnen und Kollegen. Für die Medientechnik richte ich einen Vertriebsinnendienst ein, damit wir besser rausgehen können. Im Leitwartenbereich fokussieren wir uns auf Key Accounts – ein Beispiel ist Fraport. Und parallel beschäftigen wir uns damit, wie wir aus der Fertigung auch standardisierte Produkte anbieten können – mit Produktnummer und Preis. Trotzdem bleiben wir im Kern eine Manufaktur, die individuelle Lösungen in Losgröße 1 baut.

Lassen Sie uns über KSC-Core sprechen. In Zeiten zunehmender Vernetzung und Interoperabilität wirkt das Steuerungssystem wie der stabilste Baustein in der Infrastruktur – meine These: Ein einmal installiertes Steuerungssystem bleibt oft über Jahre unangetastet. Stimmen Sie dem zu?
Das ist eine Annahme, die ich teile. Ich habe für drei Hersteller gearbeitet, die jeweils Steuerungssysteme anbieten – VSM bei Lawo, Cerebrum bei EVS und jetzt KSC bei BFE. Wenn sich jemand für ein System entschieden hat, dann hat er sein Personal geschult, Panels installiert, Workflows etabliert. Das ersetzt man nicht einfach so. Deshalb entwickeln wir gezielt weiter – etwa mit unserem Open Controller Interface, das es ermöglicht, neben klassischen 19-Zoll-Panels auch Oberflächen wie ein Stream Deck oder Riedel Artist Panels einzubinden. So geben wir den Nutzern mehr Flexibilität, ohne das System grundsätzlich umzustoßen.
Sie sagten im Gespräch, dass KSC längst nicht mehr nur im Broadcast eingesetzt wird. Können Sie das konkretisieren?
Wir sind zum Beispiel in Kraftwerken aktiv, wo ganz andere Anforderungen gelten. Ein Kunde wollte ein Panel mit 256 Tasten – das haben wir gebaut. Wir gehen also deutlich über den Broadcast hinaus. Im Bereich Leitwarten haben wir zusätzlich Software entwickelt, um den Controller dort sinnvoll einzusetzen – inklusive Funktionen für Notfallschaltungen oder Bouquet-Wechsel. Und auch bei IP und NMOS sind wir aufgestellt – wir können diese Themen mit dem Controller eigenständig abdecken oder mit Partnern wie Nevion zusammenarbeiten.
Wie sehen Sie generell die technologische Entwicklung? Ist Virtualisierung ein Thema?
Definitiv. Ich meide aber den Begriff „Cloud“, weil der oft als Buzzword verwendet wird. Für uns ist Virtualisierung der entscheidende Punkt – ob im eigenen Rechenzentrum oder öffentlich, ist zweitrangig. Wichtig ist: Wir arbeiten mit Containern, mit Microservices, mit skalierbaren Anwendungen. Früher hat man Hardware für das maximale Event ausgelegt – etwa den Wahlabend. Heute skaliere ich mein System nur dann, wenn ich es brauche. Das ist effizienter, flexibler und besser planbar.
Und was ist mit den Kosten?
Natürlich ist das ein Aspekt. Die Investitionen ändern sich – und viele unserer Kunden müssen das erst noch verstehen. Aber es ist klar: Die Hersteller bewegen sich zunehmend in Richtung Software und Services. Das wird sich durchsetzen.
Abschließend ein Blick auf die Personalentwicklung: Wie stark ist BFE eigentlich gewachsen?
Seitdem Martin und Sven das Unternehmen übernommen haben – also seit 2023 – haben wir rund 90 neue Kolleginnen und Kollegen eingestellt. Wir sind inzwischen etwas über 200 Personen. Besonders wichtig ist uns das Thema Ausbildung. Aktuell haben wir 20 Auszubildende im Unternehmen, weil wir wissen: Fachkräfte in der Fertigung bekommst du nicht einfach so. Deshalb investieren wir hier gezielt.
Welche Rolle spielt die Fertigung heute konkret?
Eine große. Wir haben mit Dirk Schneider einen Fertigungsleiter, der moderne Ansätze wie Lean Management lebt und in die Organisation bringt. Er denkt strategisch, strukturiert Prozesse, holt das Team mit. Ein Beispiel: In der Fertigung gibt es Kollegen mit direktem Kundenkontakt. Wenn ein Kunde ein Teil braucht, ruft er an – und der Kollege kümmert sich. Aber das kostet Zeit. Unsere Idee: Dieser Kontakt bleibt, aber Angebote, Zeichnungen etc. übernimmt der Vertrieb. So entlasten wir die Fertigung und steigern die Effizienz.
mebucom dankt für das Gespräch.