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KI demokratisieren: Wer bestimmt, was Fortschritt ist?

Die politische Philosophin Annette Zimmermann fordert mehr gesellschaftlichen Einfluss auf die Entwicklung künstlicher Intelligenz. Bei den Medientagen München beschreibt sie, warum Europas Antwort über eigene KI-Anbieter hinausgehen muss – und welche Verantwortung dabei den Medien zukommt.

Prof. Dr. Annette Zimmermann beim Medientage-Gipfel
Prof. Dr. Annette Zimmermann fordert beim Medientage-Gipfel in München mehr demokratische Mitsprache bei der Entwicklung und dem Einsatz künstlicher Intelligenz.

Wer künstliche Intelligenz nutzen kann, hat deshalb noch keinen Einfluss darauf, wohin sie sich entwickelt. „Nur weil wir alle KI zum Greifen nah haben, heißt das noch lange nicht, dass KI wirklich in unseren Händen als Bürger und Bürgerinnen ist“, sagt Annette Zimmermann in ihrer Keynote beim Medientage-Gipfel in München. Sie kritisiert einen Ablauf, bei dem Unternehmen neue Anwendungen auf den Markt bringen und die Gesellschaft anschließend auf deren Folgen reagieren muss. „Das Problem ist, dass wir nicht genug Prozesse und Möglichkeiten haben, gemeinsam darüber zu sprechen, welche Rolle KI in unserer Gesellschaft zukünftig einnehmen sollte.“

Zimmermann lehrt an der University of Wisconsin-Madison und vertritt den Lehrstuhl für Politische Philosophie an der Universität Bayreuth. In ihrem Buch „Democratizing AI“ beschäftigt sie sich mit der demokratischen Gestaltung künstlicher Intelligenz. Für die Medienbranche ergibt sich daraus ein anspruchsvoller Auftrag: Sie soll eine Debatte ermöglichen, deren Fragen und Antwortmöglichkeiten nicht bereits von den führenden KI-Unternehmen vorgegeben sind.

Was zwischen Hype und Panik verschwindet

Wie technische Neuerungen zum Gegenstand übersteigerter Hoffnungen und Ängste werden, veranschaulicht Zimmermann an der Geschichte des Fahrrads. Ende des 19. Jahrhunderts habe es Frauen neue Bewegungsfreiheit verschafft: Sie konnten größere Distanzen selbstständig zurücklegen. Gleichzeitig hätten Ärzte und Journalisten vor dem sogenannten "Fahrradgesicht" gewarnt, vor Erschöpfung und angeblichen gesundheitlichen Schäden für Frauen durch das Radfahren. In einer von ihr angeführten Liste mit Verhaltensregeln für Radfahrerinnen hieß es sogar: „Überlassen Sie den Fahrrad-Slang lieber den Jungs.“

„Wenn der Hype da ist, dann ist die Panik nicht fern“, sagt Zimmermann. Die Parallele zur KI zieht sie über die öffentliche Debatte: Auch hier stehen weitreichende Fortschrittsversprechen drastischen Warnungen gegenüber, bis hin zur möglichen Auslöschung der Menschheit. In der Aufmerksamkeit für solche Zukunftsszenarien drohten bereits bestehende Probleme unterzugehen. „Auf der anderen Seite gibt es noch eine ganze Reihe anderer KI-Risiken, die viel besser wissenschaftlich belegbar sind und die auch jetzt und hier uns alle schon tangieren.“

Sie nennt Eingriffe in Freiheits- und Privatrechte, diskriminierende Ergebnisse von KI-Systemen sowie den Energie- und Wasserbedarf von Rechenzentren. Hinzu kommt menschliche Arbeit, die hinter den scheinbar selbstständig agierenden Systemen leicht unsichtbar wird.

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