Wichtige Impulse

Das 25. Medienforum NRW präsentierte sich in diesem Jahr (5.–7. Juni) an neuem Ort mit neuem Konzept und neuem Veranstalter. Mit Entertainment, Networking-Angeboten und internationalen Top-Rednern versuchte man zu trumpfen. Am Ende überwog aber doch die Nabelshow des Medienstandorts NRW.

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Wichtige Impulse

Mit einer Jubiläumsgala wurde am 5. Juni im Kölner Gerling Quartier das 25. Medienforum NRW eröffnet. Die Veranstaltung bildete den Auftakt zu einem auf zwei Tage gekürzten Medienkongress, der sich unter dem Motto „Changing Media, Changing Society“ mit den Auswirkungen des digitalen Wandels sowie den Chancen und Herausforderungen für Medienwirtschaft, Medienpolitik und Gesellschaft beschäftigte. Als neuer Veranstalter zeichnete die Film- und Medienstiftung NRW verantwortlich.

Vor rund 500 Gästen wies NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft in ihrem Grußwort darauf hin, dass die medienwirtschaftliche Ertragskraft von NRW mit dem Medienzentrum Köln so groß sei wie die von München, Hamburg und Berlin zusammen. Die Bedeutung Nordrhein-Westfalens als Medienstandort untermauerte anschließend Bertelsmann-Vorstandsvorsitzender Thomas Rabe in einer Keynote, die durch das Networking-Gemurmel an den Tischen nicht bis überall hin vordrang. Rabe skizzierte die Chancen und Risiken der Digitalisierung aus Sicht von Bertelsmann. Es gebe gute Gründe, angesichts neuer Möglichkeiten, verstärkter Mediennutzung und neuer Geschäftsmodelle optimistisch zu sein. Besonderes Augenmerk legte er auf die Themen Medienkonvergenz, Urheberrecht und Datenschutz. Hier bestehe nach seiner Einschätzung aus regulatorischer Perspektive Handlungsbedarf, um verlässliche Rahmenbedingungen für Medienunternehmen zu schaffen.

Die von Kimmig Entertainment produzierte Eröffnungsgala des Medienforums war zum 25. Jubiläum stark auf Unterhaltung getrimmt. So gab es dann auch den bei Film-Events üblichen Roten Teppich, wo den Fotografen die Promis aus Film und TV zugeführt wurden. TV-Komödiant Oliver Welke moderierte den Abend und zeigte den Gästen mit Einspielfilmen Höhepunkte aus 25 Jahren Medienforum NRW sowie Skurriles und schon fast Vergessenes aus 25 Jahren deutscher Fernsehgeschichte. Abschluss der Veranstaltung, den allerdings nur noch eine stark reduzierte Gästeschar miterleben wollte, bildete eine Talkrunde mit drei ehemaligen Granden deutscher Medienpolitik (Jürgen Doetz, Fritz Pleitgen, Helmut Thoma) ergänzt um ein aktuelles Erfolgstrio aus dem Filmbusiness (Dieter Kosslick, Ute Biernat und Jörg Grabosch). Die Diskussion sollte lustig sein. Kritische Worte waren an dem Abend nicht gewünscht. Nur Doetz wollte das nicht akzeptieren und startete in gewohnter Manier seine Attacken gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Immerhin stimmten die Diskutanten am Ende überein, dass von Veranstaltungen wie dem Medienforum NRW mehr Impulse für die dringend gebotenen politischen Entscheidungen für einen Regulierungsrahmen für die konvergente Medienwelt ausgehen müssten. Doetz wies trotzdem noch mal darauf hin, dass die von Politikern auf Medienveranstaltungen gemachten Versprechnungen, noch nie eingehalten worden seien.

Als Impulsgeberin trat anderntags wieder NRW-Ministerpräsidentin Kraft vor das Publikum – diesmal mit einer mit medienpolitischen Grundsatzrede. In den Mittelpunkt ihrer Eröffnungskeynote stellte sie die Spielregeln und Spielräume der digitalen Gesellschaft. Zur aktuellen Debatte zum Thema Netzneutralität sagte sie: „Unabhängig von Inhalt, Herkunft oder Ziel müssen Daten grundsätzlich gleich behandelt werden. Auch in Zukunft müssen das freie, offene Internet und der diskriminierungsfreie Zugang zum Netz erhalten bleiben.“ Außerdem betonte sie, dass beim Wettbewerbsrecht größere Spielräume geschaffen werden müssten: „Angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage der Zeitungen müssen wir das Pressefusionsrecht so novellieren, dass mehr Kooperationsmöglichkeiten entstehen und Redaktionen gesichert werden können.“ Die Ministerpräsidentin sagte zu, regionalisierte Werbung im Landesmediengesetz abzusichern: „Wer Inhalte lokal und regional anbietet, der muss auch die Chance haben, sich über Werbung zu refinanzieren.“ Weil die bundesweite Werbung überregionaler Anbieter Vielfalt vor Ort gefährdet, wolle die Landesregierung dieser Entwicklung mit einem novellierten Landesmediengesetz einen Riegel vorschieben. Kraft: „Wir wollen dazu beitragen, dass auch künftig beispielsweise Nachrichtensendungen mit lokalem Bezug vor Ort produziert und finanziert werden können.“ Darüber hinaus sprach sich Kraft dafür aus, dass ARD und ZDF gemeinsam ein attraktives Online-Angebot des öffentlich-rechtlichen Rundfunks für ein junges Publikum entwickeln: „Ein Jugendangebot mit dem Schwerpunkt online wird keinen Erfolg haben, wenn die einzelnen Inhalte bereits nach sieben Tagen wieder aus dem Netz genommen werden müssen. Deshalb wird sich NRW weiter dafür einsetzen, die so genannte 7-Tage-Regelung aus dem Rundfunkstaatsvertrag zu streichen. Beim Jugendangebot können wir damit anfangen.“

Die darauffolgende Keynote stellte der Autor und Internettheoretiker Clay Shirky (New York University) unter das Veranstaltungsmotto „Changing Media, Changing Society“, dem „Social Turn“ in der heutigen Medienlandschaft. Die alte Medienwelt, in der Wenige zu Vielen kommunizieren und Medien und Journalisten den Zugang zu Informationen kontrollieren, würde zunehmend abgelöst durch die Möglichkeit der Teilhabe vieler an der Medienproduktion. Jeder mit einem Internetanschluss könne direkt zu seinem Publikum sprechen, ohne die klassischen Medien dazwischenzuschalten, die ihre Gatekeeperfunktion verloren hätten. Als aktuelles Beispiel führt Shirky die Protestbewegung in der Türkei an, deren Mitglieder Nachrichten, Bilder und Videos in Echtzeit über das Netz verbreiten und so die Aufgabe der klassischen Medien übernehmen. Der Journalismus im post-industriellen Zeitalter kehrt die bisherige Reihenfolge der Nachrichtenverbreitung um: Zuerst machen die Nutzer ihr Anliegen im Netz publik, teilen die Informationen, bis in einem weiteren Schritt die klassischen Medien die Nachricht übernehmen. Doch nicht nur politische Kommunikation erfolge über das Internet, vor allem Unterhaltung, Klatsch und Tratsch würde über das Netz publiziert, denn die Menschen müssten herausfinden, wie das Medium funktioniert. Prognosen, wie die Zukunft der Medienlandschaft aussehen wird, seien schwierig, so Shirky. Man könne schlecht von der heutigen Technik auf die zukünftige schließen. Vor zehn Jahren hätte noch niemand gewusst, dass es Facebook, Twitter oder YouTube geben würde. Sein Rat an traditionelle Medieninstitutionen: Die Welt könne nicht mehr in ernsthafte Medienproduzenten und die amateurhaften Konsumenten unterteilt werden. Konsumieren, produzieren, teilen und sich politisch engagieren würden Menschen heute gleichzeitig tun. „Fragen Sie sich nicht, was die Menschen für die Institutionen tun können, sondern fragen Sie sich, was die Institutionen für die Menschen tun können“, appellierte Shirky.

Positive Bilanz

Die Veranstalter des 25. Medienforums NRW zogen nach Abschluss des Events eine insgesamt positive Bilanz. 1.500 Teilnehmer hatte man an den beiden Kongresstagen, zur Jubiläumsgala und zum Filmstiftungsempfang gezählt.

Petra Müller, Geschäftsführerin der Film- und Medienstiftung NRW, erklärte: „Mit ANGA COM, RTL-Produzenten-Treffen und dem Medienforum war NRW eine Woche lang zentraler Branchentreffpunkt und Ort der Diskussion des digitalen Wandels für Medienwirtschaft, Politik und Gesellschaft.“ Mit einem konzentrierten Kongressprogramm und hochkarätigen nationalen und internationalen Rednern sei es gelungen, die thematische Breite des Medienwandels abzubilden und von hier aus notwendige medienpolitische Aufgaben zu formulieren. Damit sei die Grundlage dafür gelegt, NRW als wichtigsten deutschen Medien- und Kommunikationsstandort, als Impulsgeber und Gestalter zukünftig noch stärker und wahrnehmbarer zu positionieren. Und die Ministerin für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien in NRW, Dr. Angelica Schwall-Düren, lobte: „Die konzeptionelle Neugestaltung im Jubiläumsjahr hat dem Medienforum sehr gut getan. Sowohl das internationale Programm, die konzentriertere Form, als auch der passende Ort im Gerling Quartier haben für ein überaus erfolgreiches Forum gesorgt. Redner wie Clay Shirky, Dunja Mijatovic, Tim Wu und Rebecca McKinnon haben mit ihren spannenden Beiträgen eine breite internationale Perspektive eröffnet. Auch die Kooperationen mit der Stiftung Mercator, dem Deutschlandradio, dem Blog carta.info und der Entertainment Masterclass haben wichtige Impulse gegeben.“
Eckhard Eckstein
(MB 07/08_13)

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