Beim BMW Berlin-Marathon laufen viele Rennen gleichzeitig. An der Spitze kämpfen Männer und Frauen um Siege, Bestzeiten und Rekorde. Dahinter versuchen Zehntausende Hobbyläufer, ihre persönlichen Ziele zu erreichen. Für die Fernsehproduktion bedeutet das: Fast jede Kamera zeigt zu jedem Zeitpunkt etwas anderes. Welche Bilder ins Weltbild gelangen, müssen die Verantwortlichen laufend neu entscheiden.
Beim BMW Berlin-Marathon am 27. September 2026 wurde diese Herausforderung besonders deutlich. Nachdem mit Sabastian Sawe einer der Favoriten bei den Männern verletzungsbedingt ausgefallen war, entwickelte sich das Frauenrennen zur großen Geschichte des Tages. Tigst Assefa lag bis Kilometer 40 auf Weltrekordkurs, ehe sie sich die Achillessehne im rechten Bein riss. Die Äthiopierin lief trotz der Verletzung weiter und gewann in 2:11:04 Stunden – ein neuer Streckenrekord. Zwei Tage später meldete der Veranstalter, dass Assefa erfolgreich operiert worden war.
Auch das Produktionsteam reagierte auf den Rennverlauf. Ein Kameramotorrad, das zuvor die Männer begleitet hatte, wurde zur Frauenspitze zurückbeordert, um zusätzliche Aufnahmen von Assefa zu gewinnen.
Für René Alles gehört das zu den entscheidenden Aufgaben einer Marathonproduktion. Er verantwortet bei der best boys tv-factory die Produktion des Berlin-Marathons, die das Unternehmen seit 2012 im Auftrag von SCC Events umsetzt. „Wir haben fast 30 Kameras im Einsatz. Man muss einfach sagen, dass vor jeder Kamera zu jedem Zeitpunkt ein ganz eigenes Drama stattfindet“, beschreibt Alles die Besonderheit des Sports. Anders als beim Fußball konzentrieren sich die Kameras nicht auf ein gemeinsames Spielfeld. Beim Marathon verteilen sich die Geschichten über 42 Kilometer und müssen dennoch in einer einzigen Übertragung zusammenfinden.

Eine ganze Stadt als Produktionsgelände
Für den Berlin-Marathon koordiniert best boys ein Team von knapp 200 Beteiligten und zahlreiche technische Dienstleister. Zu den wichtigsten Partnern gehört TV SKYLINE, das mit seiner Ü-Wagen-Technik die zentrale Produktionsinfrastruktur für das Weltbild bereitstellt. Die EuroMedia Group hingegen verantwortet die professionelle drahtlose Kameratechnik. RTL ist nationaler Fernsehpartner, während das internationale Weltbild an zahlreiche weitere Sender verteilt wird.

Bis zum Startschuss am Sonntagmorgen müssen die unterschiedlichen Produktionssysteme eingerichtet und miteinander verbunden sein. best boys beginnt bereits am Mittwoch mit den Vorbereitungen vor Ort. Am Donnerstag werden die ersten Kabel verlegt und die Gewerke im TV-Compound miteinander vernetzt. Der eigentliche Aufbau der Fernsehtechnik hängt dabei eng mit den Arbeiten des Veranstalters zusammen. Erst wenn Kabelbrücken, Streckenaufbauten und die Infrastruktur im Start- und Zielbereich bereitstehen, können sämtliche Systeme eingerichtet werden. Der Samstag dient vor allem den letzten technischen Abstimmungen und redaktionellen Briefings.
Von den knapp 30 Kameras sind zehn im Start- und Zielbereich kabelgebunden und über die Infrastruktur von TV SKYLINE angeschlossen. Die übrigen Bildquellen gelangen über unterschiedliche drahtlose Übertragungswege zum TV-Compound. Dort werden die Signale zusammengeführt und für die HD-Produktion in 1080i50 bereitgestellt.

Drei Kameramotorräder der EuroMedia Group begleiten die Athleten auf der Strecke. Ihre Zuordnung wird jedes Jahr neu geplant und richtet sich nach den sportlichen Erwartungen und den vorgesehenen Geschichten. Eines der Motorräder verfügt zudem über eine Superzeitlupenkamera. Neben dem regulären Live-Signal steht deren Material dann für die Zeitlupenverarbeitung im EVS-System zur Verfügung.
Ergänzt werden die Motorräder durch einen sogenannten Speedlifter. Dabei handelt es sich um ein Fahrzeug mit einem kreiselstabilisierten Kamerasystem, das sich auf knapp drei Meter Höhe ausfahren lässt. Der Speedlifter begleitet vor allem die Spitze des Männerfeldes und ermöglicht extrem nahe aber dennoch wackelfreie Einstellungen sowie auf- und untersichtige Kameraperspektiven der Läufer.
Ein Flugzeug als Relaisstation
Die EuroMedia Group betreibt für die drahtlosen Kameras ein eigenes Produktionsfahrzeug mit der erforderlichen Übertragungs- und Kontrolltechnik. Die RF-Signale der Motorräder und des Speedlifters werden zunächst an ein Flächenflugzeug übertragen, das über Berlin kreist. Von dort gelangen sie gebündelt zurück zum TV-Compound. Für den Empfang stehen zwei redundant ausgelegte Antennen auf einer erhöhten Plattform bereit. Auch die Rotlichtkommunikation wird über die Infrastruktur geführt.

„Warum Flächenflugzeug? Andere machen das mit einem zweiten Heli“, erklärt Alles. Für ihn sprechen vor allem die längere Einsatzdauer und die größere Unabhängigkeit von niedrigen Wolken. Während ein Helikopter nach etwa zweieinhalb Stunden zum Tanken landen müsse, könne das Flugzeug bei Bedarf acht Stunden in der Luft bleiben. Es operiere in rund 9.000 Fuß Höhe, also etwa 2.750 Metern, und sei damit weniger anfällig für die Wetterbedingungen, die den Hubschraubereinsatz über Berlin einschränken können. Der eingesetzte Helikopter liefert Luftaufnahmen des Rennens, die ebenfalls über das Flugzeug als Relaisstation zum TV-Compound übertragen werden.

Sechs LiveU-Systeme ergänzen die RF-Produktion
Neben der RF-Infrastruktur setzt best boys gemeinsam mit RTL sechs LiveU-Kameras ein. Sie werden für zusätzliche Geschichten und Aufnahmen entlang der Strecke eingesetzt und können unabhängig von den Kameramotorrädern positioniert werden.
„Obwohl das Deutschlands größte Eintagesveranstaltung ist, obwohl da eine Million Menschen am Rand sind, die alle filmen und hochladen [...], funktioniert LiveU wirklich gut“, berichtet Alles.
Für die sechs Kameras betreibt best boys im TV-Compound eine eigene LiveU-Infrastruktur mit zwei Quad-Servern. Interessant ist dabei die parallele Nutzung der Signale: Die LiveU-Kameras stehen nicht nur der Weltbildproduktion zur Verfügung, sondern können auch direkt bei RTL und Sky empfangen und aufgezeichnet werden. Beide Sender haben damit Zugriff auf zusätzliches Material, das sie unabhängig von der laufenden Übertragung für eigene Beiträge und Teaser verwenden können.
Weltbildregie und Subregie arbeiten parallel
In der Weltbildregie laufen die Kamerasignale zusammen. Drei Redaktionsmitarbeiter unterstützen die Regie dabei, den Rennverlauf zu verfolgen und die geplanten Geschichten in die Übertragung einzubinden. Grundlage ist ein detaillierter Ablaufplan, für den bereits im Vorfeld berechnet wird, wann die wichtigsten Athleten voraussichtlich bestimmte Streckenpunkte erreichen.
„Da sitzen schon mal drei Leute, die nichts anderes machen, als sich diese Storylines anzugucken und dann zu entscheiden: Wo können wir jetzt davon abweichen, weil gerade diese oder jene Geschichte passiert?“, erklärt Alles. Zu den sportlichen Entscheidungen kommen die Anforderungen des nationalen Fernsehpartners. So sollten wichtige Szenen deutscher Athleten möglichst außerhalb der Werbefenster von RTL gezeigt werden.
Um die Weltbildregie zu entlasten, hat best boys eine zusätzliche Subregie eingerichtet. Sie koordiniert Kamerateams, die abseits des aktuellen Weltbilds weitere Geschichten verfolgen. Dazu gehören beispielsweise persönliche Geschichten aus dem Teilnehmerfeld oder die Rollstuhlsportler, deren Rennen nur 15 Minuten vor dem Läuferfeld beginnt. Die Subregie hält Kontakt zu den Kameraleuten und gibt Rückmeldungen, wenn ausreichend Material zu einem bestimmten Athleten oder Thema vorliegt.
Kommunikation über Riedel und Unity
Apropos Kontakt halten: Die Kommunikation zwischen den Beteiligten läuft über eine zentrale Riedel-Infrastruktur. Im Start- und Zielbereich kommen zahlreiche Bolero-Systeme zum Einsatz, über die sich die unterschiedlichen Teams verständigen.

„Ich glaube, wir könnten den Berlin-Marathon ohne so ein Bolero-System, so wie wir es heute machen, überhaupt gar nicht durchführen“, sagt Alles.
Für die mobilen Kamerateams außerhalb der professionellen RF-Infrastruktur nutzt best boys zusätzlich die Unity-App. Sie ist ebenfalls an das Riedel-System angebunden und ermöglicht insbesondere die Kommunikation mit den LiveU-Teams. Auch weitere Beteiligte, die weder über die kabelgebundene Infrastruktur von TV SKYLINE noch über die RF-Systeme der EuroMedia Group angeschlossen sind, werden darüber eingebunden.
Sieben EVS-Operatoren für die Aufzeichnung
Bei der Aufzeichnung des Berlin Marathons stehen rund 84 EVS-Kanäle zur Verfügung. Sieben Operatoren kümmern sich darum, die eingehenden Bilder zu erfassen, relevante Szenen zu markieren und thematisch zusammenzustellen.
„In einer Marathonübertragung gibt es eigentlich keine Slow-Mo“, sagt Alles. Anders als bei vielen anderen Sportarten gehe es weniger darum, einzelne Szenen unmittelbar zu wiederholen. Stattdessen werden die Aufnahmen für die laufende Sendung und die anschließende Verwertung organisiert. Dafür arbeiten die Operatoren rund 20 thematische Aufträge ab. Während des Rennens entstehen Playlists mit bestimmten Athleten, Rennsituationen oder Geschichten abseits der Spitze. Die Aufnahmen werden direkt im EVS-System geloggt und den jeweiligen Playlists hinzugefügt.
Damit das funktioniert, erhalten Kamerateams und EVS-Operatoren detaillierte Briefings mit konkreten Aufgaben und Zeitpunkten. Die Operatoren wissen dadurch, von welchen Kameras sie bestimmte Aufnahmen erwarten können. „Die Regiebesprechung dauert, glaube ich, fünf Minuten. Wir wünschen uns viel Glück, weil man gar nicht in der Gänze über alles reden kann“, erzählt Alles. Die eigentliche Planung sei zu diesem Zeitpunkt längst abgeschlossen.
Deswegen lasse sich der Erfolg nicht vollständig während der Veranstaltung beurteilen. „Wir werden auch erst Tage später sehen, ob das funktioniert hat“, sagt Alles mit Blick auf die zahlreichen zusätzlichen Aufnahmen. Zwar könne das Team das Weltbild unmittelbar kontrollieren. Ob sämtliche geplanten Geschichten tatsächlich aufgezeichnet wurden, zeige sich aber erst bei der späteren Auswertung.

Vom Weltbild zum internationalen Medienarchiv
Der Berlin-Marathon erreicht mit seinem Weltbild ein internationales Publikum. Die Fernsehrechte außerhalb Deutschlands werden über Infront vermarktet. Zu den Abnehmern gehört unter anderem der japanische Sender TV Asahi, der den Marathon aufgrund der Zeitverschiebung zur Hauptsendezeit zeigen kann. Für die internationale Weiterverteilung der Signale beauftragt Infront den Satellitenbetreiber SES.
Zusätzlich zum Live-Signal stellt best boys umfangreiches Videomaterial über die Cloud-Plattform scoopa bereit. Die Lösung wurde von der scoopa GmbH entwickelt – Alles ist auch hier als Geschäftsführer tätig. Die Plattform kommt seit Jahren bei unterschiedlichen Sportproduktionen zum Einsatz, darunter der CHIO Aachen und die BMW Open in München. Dort übernimmt sie ebenfalls die Bereitstellung von Videomaterial für Medienpartner.
Beim Berlin-Marathon werden neben dem Weltbild auch ISO-Aufzeichnungen, zusätzliche Kamerasignale und die während des Rennens erstellten Playlists in scoopa abgelegt. Die Plattform übernimmt dabei nicht nur die Distribution, sondern auch die Verwaltung der unterschiedlichen Nutzungsrechte. So können beispielsweise andere Fernsehsender erst nach Ablauf bestimmter Exklusivzeiten auf das Material zugreifen.
Zugleich dient scoopa als langfristiges Medienarchiv des Berlin-Marathons. Nach Angaben von Alles liegen dort Weltbilder zurück bis etwa 2014. Inzwischen werden zunehmend auch die zusätzlichen Aufzeichnungen und Playlists übernommen, die während der Produktion entstehen. Dazu gehören hochauflösende Originalaufzeichnungen des Helikopters und des Speedlifters. Einzelne Dateien können laut Alles eine Größe von rund einem halben Terabyte erreichen und werden unter anderem für spätere Produktionen mit höheren Qualitätsanforderungen benötigt.
„Wenn du jetzt irgendwas haben willst, kriegst du innerhalb von zwei Minuten von mir einen scoopa-Link“, beschreibt Alles den Zugriff auf das Archiv. Neben Fernsehsendern nutzen auch Sponsoren und die Social-Media-Teams des Veranstalters die Plattform.

Mehr Geschichten als Sendezeit
René Alles sieht in der bestehenden Produktionsinfrastruktur noch erhebliches Potenzial. Schon heute stehen deutlich mehr Kamerasignale und aufgezeichnete Geschichten zur Verfügung, als sich in einem einzelnen Weltbild zeigen lassen.
Denkbar wären deshalb zusätzliche Streams, die einzelne Wettbewerbe oder Athleten begleiten. Zuschauer könnten beispielsweise gezielt das Rennen der deutschen Spitzenläufer verfolgen, während andere weiterhin die klassische Fernsehübertragung sehen.
„Das haben wir heute schon alles im Ü-Wagen. Wir müssen es irgendwie nur über die Rampe bringen“, sagt Alles.