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Folk, Pop, Heavy Metal: Wie der ORF den ESC-Musik-Mix programmiert

Während NEP beim Eurovision Song Contest 2026 die Bildregie fährt, mischt der ORF die Musik in zwei eigenen Audio-Vans – mit timecodegenauer Automation und hochredundantem Setup.

Dietz Tinhof (re.) und Florian „Floxe" Parzer
Dietz Tinhof (re.) und Florian „Floxe" Parzer haben den Musikmix unter ihrer Kontrolle.

Beim Eurovision Song Contest 2026 in Wien mischt nicht NEP die Musik, sondern der ORF selbst – in zwei eigenen Audio-Vans, parallel zu den NEP-Bildregie-Ü-Wagen. Die Trennung zwischen Bild- und Musik-Truck folgt einer ORF-Praxis aus der Wiener Klassik-Mitschnitt-Tradition. Marc Schneider, Executive Director Global Events bei Riedel, verweist beim Compound-Rundgang auf die Eigenheit des österreichischen Senders: Bei Produktionen wie etwa den Konzerten der Wiener Symphoniker, in denen die Audio-Qualität im Mittelpunkt stehe, fahre der ORF traditionell mit eigener Truck-Infrastruktur.

Zwei Sound-Vans, ein Musik-Submix

Mitverantwortlich für den Musik-Mix beim Eurovision Song Contest 2026 sind Dietz Tinhof und Florian „Floxe" Parzer. Insgesamt arbeiten vier Toningenieure auf zwei Trucks. Der Mix läuft in 5.0 – das LFE wird für Musik bewusst nicht genutzt –, technisch ist das System aber als 5.1 ausgelegt. Sowohl der 5.1- als auch ein Stereo-Downmix gehen an den NEP-Ü-Wagen, in dem der finale Broadcast-Mix mit Moderation, Ambient-Sound und VT-Audio zusammengeführt wird. Tinhof: „Wir sind die Musik."

Die beiden Sound-Trucks des ORF auf dem Compund des ESC.
Die beiden Sound-Trucks des ORF auf dem Compund des ESC.

Pro Tools auf Silbenebene

Die größte Herausforderung des ESC-Mixings ist die musikalische Bandbreite. Tinhof: „Wir wechseln von sehr sanften, zarten, folkigen akustischen Stücken zu Heavy Metal in voller Wucht, alles übersteuert und verzerrt." Die Wünsche der Delegationen reichten vom lapidaren „Make it sound like the record" bis zu fünfseitigen PDFs mit präzisen technischen Settings. Reverb und Tuning-Hilfen seien die häufigsten Nachforderungen aus dem Studio-Vergleich der Performer.

Die Automation läuft auf Silbenebene entlang des Timecodes. Das Lawo mc² stellt den groben Mix, die Detail-Bewegungen wie Reverb-Throws und EQ-Dips fahren in Pro Tools vorprogrammiert ab. „Theoretisch könnten wir hier mit einem Glas Rotwein sitzen und einfach nippen, weil alles vorprogrammiert ist", sagt Tinhof. Parzer ergänzt, dass die Realität dennoch Eingriffe verlange: Performer sängen unter Adrenalin manchmal lauter als in den Proben – dann müsse manuell gegengesteuert werden.

Lawo mc² Audiomischpult im ORF-Ü-Wagen
Die Lawo mc² Audiomischpulte der ORF-Trucks arbeiten Hand in Hand mit AVID's Pro Tools.

Sechs Stufen Redundanz

Das Setup ist hochredundant aufgebaut. Tinhof beschreibt es als sechsfache Sicherheit: Zwei identische Pro Tools Systeme laufen parallel und monitoren wechselseitig den MADI-Stream – beim ersten Sample-Aussetzer wird automatisch auf das zweite System gewechselt. Hinzu kommt der zweite ORF-Sound-Van als vollständiger Mirror. Sollte auch der ausfallen, springt die Lawo mc² als Backup-Konsole ein. Parzer nennt sie den „Plug-in Panic Button".

Drei Wochen Wien, zwei Wochen Studio davor

Die Vorbereitung des Mixes begann drei Wochen vor dem Finale in Wien; Tinhof hatte bereits zwei Wochen früher zu Hause im Studio vorprogrammiert, um mit maximaler Vorbereitung anzureisen. In Wien wurde der Mix anschließend über mehrere Probedurchgänge weiter feinjustiert – mit jeder Show ein Stück enger in Pro Tools eingelocked.

Niklas Eckstein

Niklas Eckstein

Fachjournalist in der Medien- und Broadcast-Branche mit den Schwerpunkten Live-Produktion und Medientechnik. Chefredakteur von mebucom.de.

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