Welches Objektiv deckt von dieser Position aus den Raum ab? Reicht die Brennweite bis zur Bühne? Diese Fragen stellen sich bei jedem Location-Scout – und werden häufig aus Erfahrung beantwortet statt aus Daten. PocketOP will das ändern. Die iPhone-App blendet den Bildwinkel von Broadcast-Objektiven und PTZ-Kameras als Echtzeit-Overlay direkt ins Live-Kamerabild des iPhones ein, basierend auf den tatsächlichen Herstellerspezifikationen.
Zwei Brackets, ein Blick
Entwickelt hat die App Martijn van der Linden, ein freiberuflicher Regisseur und Multicamera-Operator aus den Niederlanden – zunächst für den eigenen Bedarf, dann als Produkt für die Branche. Das Grundprinzip: Der Nutzer wählt ein Objektiv oder eine PTZ-Kamera aus der Datenbank, hält das iPhone an die geplante Kameraposition und sieht auf dem Display zwei übereinanderliegende Rahmen – einen für den weitesten, einen für den engsten Bildwinkel des Objektivs. Ein Blick genügt, um zu beurteilen, ob eine Kameraposition funktioniert. Das Overlay lässt sich zwischen 16:9 und 4:3 umschalten.
Die App arbeitet komplett offline – die gesamte Datenbank liegt auf dem Gerät.
Broadcast-Glas statt Cine-Fokus
PocketOP unterscheidet sich von anderen Viewfinder-Apps durch seine Ausrichtung auf die Broadcast-Welt. Während vergleichbare Tools primär auf Cine-Objektive zugeschnitten sind, enthält die Datenbank 121 Broadcast-Objektive von Canon, Fujinon, Angénieux, Zeiss und Nikon – darunter Modelle wie das Fujinon UA46x13.5 oder das Canon HJ40ex14B, die in generischen Rechnern nicht auftauchen.
Hinzu kommen 498 Cine-Zoom- und Cine-Servo-Objektive über Super 35, Vollformat und Large Format sowie 135 PTZ-Kameras von 13 Herstellern. Insgesamt umfasst die Datenbank über 750 Einträge. Alle Werte stammen laut van der Linden aus Hersteller-Datenblättern.

PTZ-Kameras als eigene Kategorie
Ein Detail, das für Broadcast-Anwender relevant ist: PocketOP behandelt PTZ-Kameras nicht als Objektive mit fester Brennweite, sondern als eigene Kategorie. Die App nutzt die vom Hersteller veröffentlichten HFOV-Werte direkt, statt sie über Brennweiten und Sensorgröße zu berechnen. Das vermeidet Ungenauigkeiten, die bei dieser Umrechnung entstehen können.
Praxisfunktionen für den Location-Scout
Über die Bildwinkel-Vorschau hinaus bietet die App mehrere Funktionen für den Arbeitsalltag. Screenshots betten automatisch Objektivname und HFOV-Werte ins Bild ein – direkt verwendbar in Location-Reports oder E-Mails, ohne dass der Empfänger die App benötigt. Scout-Listen ermöglichen das Speichern und Teilen von Erkenntnissen aus einem Venue-Besuch. Eine Frame-Dimensions-Funktion berechnet die physische Größe des Bildausschnitts in Metern bei einer eingegebenen Entfernung.
Eine integrierte Kalibrierungsfunktion erlaubt die Feinabstimmung des Overlays gegen reale Ausrüstung mit einer Parallax-Kompensation von ±25 Prozent. Neue Objektive und Kameras werden über ein CDN-Update eingespielt, ohne dass ein App-Store-Update nötig ist.
Kostenlose Version und Einschränkungen
PocketOP ist im App Store in einer kostenlosen Version verfügbar, die vier Objektive und eine PTZ-Kamera enthält. Die vollständige Datenbank mit fortlaufenden Updates erfordert ein Jahresabo.

Einige Einschränkungen: Die App läuft ausschließlich auf dem iPhone – iPads werden nicht unterstützt, da aktuelle Modelle nicht mehr über die Ultraweitwinkkelkamera verfügen, die PocketOP für präzise Overlays benötigt. Das Overlay ist laut Entwickler genau genug für Abdeckungsentscheidungen und Previsualisierung, nicht jedoch für exakte Maßvermessung. Unterstützt werden derzeit das 2/3-Zoll-Broadcast-Format sowie Super 35, Vollformat und Large Format. Micro Four Thirds ist noch nicht verfügbar.
Die App wurde vor dem Launch laut van der Linden von über 40 Broadcast-Profis weltweit getestet.