„Content ist heute Teil unserer nationalen Identität“

Die geopolitische Lage zwingt europäische Medienunternehmen zum Umdenken. Dr. Frank Hoffmann von Qvest erklärt auf den Hamburg Open 2026, warum ein Multi-Cloud-Ansatz mit europäischen Anbietern notwendig wird – und welche Hürden dabei zu überwinden sind.

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Die Abhängigkeit europäischer Medienunternehmen von US-amerikanischen Cloud-Anbietern wird zunehmend zum strategischen Risiko. Regulatorische Anforderungen wie der EU AI Act verschärfen die Situation zusätzlich. Dr. Frank Hoffmann, verantwortlich für den Bereich Qspaces bei Qvest, plädiert auf den Hamburg Open 2026 für einen Multi-Cloud-Ansatz, der europäische Infrastrukturen einbezieht. Im Gespräch erläutert er, warum das Thema Souveränität für Broadcaster zur Pflicht wird – und warum es trotzdem kein Zurück zu reinen On-Premise-Lösungen gibt.

Mehr als ein Wirtschaftsgut

Die Dringlichkeit des Themas hat sich in den vergangenen Monaten verändert, beobachtet Hoffmann. „Wenn ich heute ein Medienunternehmen bin und ich habe Content, dann waren das vielleicht in der Vergangenheit eher Wirtschaftsgüter“, sagt er im Gespräch. „Heute ist das Teil unserer nationalen Identität. In Krisenzeiten könnte man sogar sagen, dass das strukturrelevant ist.“

Hinzu kommt der regulatorische Druck. Der EU AI Act etwa verpflichtet Betreiber, nachvollziehbar zu dokumentieren, wie KI-Systeme funktionieren. Weitere Regelungen machen Medienbetreiber verantwortlich für die aktive Absicherung digitaler Infrastrukturen. Die Frage, wer Zugriff auf Daten hat und wie sie geschützt werden, rückt damit ins Zentrum strategischer Überlegungen.

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Das Schlaraffenland der Hyperscaler

Die Ausgangslage ist komfortabel – und genau das macht den Wandel schwierig. „Wir leben zurzeit im Schlaraffenland“, beschreibt Hoffmann die aktuelle Situation. Die amerikanischen Hyperscaler bieten unlimitierte Skalierbarkeit, reichhaltige Feature-Sets und ein breites Ökosystem vorintegrierter Softwareanbieter. Manche verfügen sogar über native Medien-Features, die gut funktionieren.

Doch genau hier liegt das Problem: Der US Cloud Act erlaubt es der US-Regierung unter bestimmten Bedingungen, Daten einzusehen, die von US-Unternehmen verarbeitet werden – unabhängig davon, wo diese Daten gespeichert sind. „Wir arbeiten zum Beispiel mit einem US-Hyperscaler zusammen, der hat die Daten irgendwo gespeichert, die können auch außerhalb der USA sein“, erläutert Hoffmann. „Solange das mit einem US-Hyperscaler ist, ist das zumindest rechtlich nicht sicher.“

Qvest-Stand auf den Hamburg Open 2026
Am Qvest-Stand auf den Hamburg Open 2026 stand unter anderem das Thema Cloud-Souveränität im Fokus.

Multi-Cloud statt Entweder-oder

Die Lösung liegt nicht im Rückzug auf On-Premise-Systeme. „An Cloud führt kein Weg vorbei“, stellt Hoffmann klar. „Skalierbare Themen, Transcoding, alles was wir brauchen – KI natürlich ganz weit vorne. Das geht nicht ohne Cloud.“ Stattdessen propagiert Qvest einen Multi-Cloud-Ansatz: kritische Workloads auf europäischen Infrastrukturen, innovative Features weiterhin bei den Hyperscalern.

Das ist kein fertiges Produkt, betont Hoffmann, sondern ein strategischer Ansatz, der gemeinsam mit Partnern entwickelt wird. Qvest arbeitet unter anderem mit STACKIT zusammen, dem Cloud-Anbieter der Schwarz-Gruppe. Die Herausforderung: Das Ökosystem an Softwareanbietern, das bei den US-Hyperscalern längst existiert, muss für europäische Plattformen erst noch aufgebaut werden.

Ein Ökosystem-Problem

Der Weg zur souveränen Cloud beginnt daher nicht mit der Auswahl von Systemen, sondern mit strategischen Fragen, erklärt Hoffmann im Gespräch. „Ein Broadcaster müsste sich erst mal herausarbeiten: Was ist für mich schützenswert? Dann muss man sich überlegen: Wie schütze ich das in der europäischen Cloud? Und dann: Welche Features brauche ich dafür?“

Das Problem dabei: Die benötigten Systeme sind auf europäischen Cloud-Plattformen häufig noch nicht verfügbar. „Wir reden eigentlich über ein Ökosystem-Problem“, sagt Hoffmann. Es brauche mindestens drei Initialmotoren: einen Broadcaster als Kunden, eine Cloud-Plattform wie STACKIT und einen Mittler, der das Ökosystem koordiniert. „Es wird nicht so funktionieren, dass einer ins Commitment geht und Geld auf den Tisch legt und dann springen alle. Es wird aber auch nicht funktionieren, wenn sich alle zurücklehnen.“

Vom Konzept zum Betrieb

Die Rolle von Qvest und Qspaces liegt in der Strukturierung des Themas. Am Anfang steht die Klassifizierung: Welche Daten sind vorhanden, wie hängen sie zusammen, was ist wie schützenswert? Daraus entsteht ein Anforderungsprofil und eine Architektur für den Multi-Cloud-Betrieb.

Der letzte Punkt ist oft der unterschätzte, berichtet Hoffmann: die Operationalisierung. „Zu sagen, wir haben da was Tolles aufgebaut und es steht da – das wird nicht gehen.“ Es brauche einen automatisierten Layer, der versteht, wie schützenswert ein Job ist, auf welche Ressourcen er allokiert wird und ob die richtigen Workflows vorhanden sind.

Kein Luxusthema

Die Frage, ob Cloud-Souveränität ein Nice-to-have oder eine Notwendigkeit ist, beantwortet Hoffmann eindeutig: „Wir haben hier jede Menge absolut relevante, existenznotwendige Dinge, für die wir stehen müssen und die wir auch absichern und verteidigen müssen. Das geht nicht von selbst.“

Gleichzeitig warnt er vor einem Schicksal wie beim Thema Umweltschutz, das durch weltpolitische Ereignisse von der Agenda verdrängt wurde. Seine Empfehlung an Medienhäuser: sich an der Diskussion beteiligen, die bereits in großen Teilen der deutschen Medienindustrie geführt wird. „Wenn wir alle zusammenhalten, werden die Lösungen auch kosteneffizient funktionieren.“