Thorsten Sauer ist seit gut sieben Monaten CEO von Qvest. In dieser Zeit hat er Teams und Kunden kennengelernt und sich ein Bild davon gemacht, wo das Unternehmen künftig stärker gefragt sein dürfte. Einen grundlegenden Umbau kündigt er nicht an. Seine Vorstellung von der Rolle Qvests reicht aber über die technische Umsetzung hinaus.
„Bei manchen Kunden beginnen wir sehr früh mit dem Dialog und gehen gemeinsam auf die Reise“, sagt Sauer. Nicht jeder Kunde komme mit einem fertig definierten technischen Problem. Häufig gehe es zunächst darum, welche Anforderungen sich aus dem eigenen Geschäft ergeben und welche technischen Entscheidungen dazu passen.
Das klassische Integrationsgeschäft bleibt damit ein Teil von Qvest. Sauer beschreibt die Aufgabe des Unternehmens aber breiter: Innovationen bewerten, Erfahrungen aus Projekten und Märkten zusammenbringen und Kunden bei der Umsetzung begleiten. „Wir sind eine Professional-Services-Company“, sagt er.
Bei KI, dem Media Exchange Layer oder softwarebasierten Architekturen interessiert Sauer vor allem, was davon bereits produktiv einsetzbar ist und auf welche Investitionen sich Kunden verlassen können. „Wir wollen unseren Kunden helfen, daraus Sinn zu machen und zu sagen: Das solltet ihr euch anschauen“, sagt Sauer.
Ein Beispiel dafür zeigte Qvest auf der Messe mit einem DMF-Use-Case: einer praktischen Umsetzung der Dynamic Media Facility nach dem Architekturansatz der EBU. Die Kubernetes-basierte Plattform lief auf Standard-Hardware und integrierte Media Functions von insgesamt 14 Herstellern.
Unsicherheit schafft Beratungsbedarf
Viele Kunden müssen solche Entscheidungen heute unter deutlich schwierigeren Bedingungen treffen: Der Kostendruck steigt, während sich Mediennutzung, Produktion und Distribution gleichzeitig weiter dynamisch verändern. Gleichzeitig lässt sich schwer vorhersagen, welche Plattformen, Produktionsmodelle oder Architekturen in einigen Jahren dominieren werden.
Eine allgemeingültige Antwort für jeden Kunden sieht Sauer deshalb nicht. Öffentlich-rechtliche Sender hätten andere Anforderungen als private Anbieter, Unternehmen mit Radio- oder Publishing-Geschäft wiederum andere. Für die technische Planung zieht er daraus vor allem eine Konsequenz: „Die Architektur muss flexibel genug sein, damit man zukünftig schnell reagieren kann.“ Niemand wolle heute für sieben Jahre investieren und nach zwei Jahren feststellen, dass die Infrastruktur nicht mehr zum Geschäft passe.
Für Qvest wächst damit der Bedarf an Beratung. Auf die Frage, ob die zunehmende Komplexität dem Unternehmen entgegenkomme, antwortet Sauer klar: „Absolut. Die Unsicherheit ist für uns eine Chance, weil wir unsere Erfahrung einbringen und Kunden bei Veränderungen unterstützen können.“
An der internen Aufstellung will Sauer dabei grundsätzlich festhalten. Die Practices sollen eher ausgebaut werden. Auch HIVE bleibt Teil dieses Beratungsansatzes. Mit Strategic Foresight nähert sich das Team möglichen Entwicklungen, Druckpunkten und Szenarien der Branche – also genau den Fragen, auf die es derzeit keine einfache Prognose gibt.
Internationale Erfahrung als Teil des Angebots
Auch die globale Aufstellung sieht Sauer als Stärke von Qvest. In den Märkten, in denen das Unternehmen bereits aktiv ist, will er die Position weiter ausbauen. Dafür nennt er zwei Gründe. Zum einen lassen sich Investitionszyklen verschiedener Regionen besser ausgleichen. Zum anderen kann Qvest Erfahrungen aus einem Markt in einen anderen übertragen. „Wenn wir nur in Deutschland arbeiten würden, hätten wir auch nur diesen Erfahrungshorizont“, sagt Sauer. Entwicklungen aus Asien, dem Mittleren Osten oder den USA könnten Erkenntnisse liefern, die sich auch in anderen Regionen nutzen lassen.
Daneben will Qvest seine technische Kompetenz auch außerhalb der klassischen Medien- und Broadcast-Branche einsetzen, etwa bei Leitstellen oder Public-Announcement-Systemen. Sauer spricht hier bewusst von einem fokussierten Ausbau.
Für die Medienbranche selbst erwartet er vor allem weitere Verschiebungen bei Nutzung und Distribution. YouTube und Social Media würden nicht verschwinden, sagt Sauer, und die Art, wie Inhalte konsumiert werden, werde sich weiter verändern. Unterhaltung, Sport und Nachrichten blieben relevant – nur die Wege zum Publikum würden andere.
Die Unsicherheit im Markt ist für Sauer deshalb mehr als nur ein Problem der Kunden. Sie verändert auch die Rolle von Qvest. Wenn technische Entscheidungen immer stärker vom Geschäftsmodell abhängen, will Qvest seine Kunden künftig schon früher in diesem Prozess begleiten und nicht erst bei der konkreten Umsetzung einsteigen.