Im großen Studio von Localism Media braucht es künftig einen Kameramann weniger. Die Fahrten übernimmt jetzt ein Ross Video Artimo, das erste Exemplar des Robotik-Pedestals in Deutschland: programmiert, aus der Regie ferngesteuert oder per KI auf den Moderator geheftet. Das Licht kommt komplett von ARRI, die Videowand von Samsung, Video und Audio laufen über Riedel MediorNet. So eine Liste erwartet man in einem großen Sendezentrum. Sie steht in einem Lokalsender im Münchner Norden.
Horst Rettig führt, seit kurzem in neuer Funktion als Geschäftsführer die Localism Media GmbH, die Holding über münchen.tv, TV Ingolstadt und L-TV. Seit rund anderthalb Jahren sitzt die Gruppe in einem eigenen Gebäude mit Blick auf BMW Welt und Olympiaturm. Das Haus gehört dem Gesellschafter, dem Unternehmer Prof. Max Schlereth, der die Gruppe vor knapp zwei Jahren zu 100 Prozent übernommen hat. Der gemeinsame Firmensitz folgt einem arbeitsteiligen Modell: Verwaltung und Technik werden für alle drei Sender zentralisiert, der Content bleibt regional. „Alles, was Content ist, wird nach wie vor vor Ort für jede Region einzeln erstellt", sagt Rettig. Was man nicht vor Ort vorhalten muss, wandert nach München.

Der neue Standort ist dafür ungewöhnlich gut angebunden. Die Glasfaser läuft im Südwesten ins Haus und im Nordosten redundant noch einmal, auf einer der stärksten Leitungen der Republik – ein Nebeneffekt der Nachbarschaft zu BMW. Genau darauf zielt der Umbau: Neue Regionen sollen sich als Satellitenstandorte anbinden lassen, mit genug Bandbreite für echten Produktionsverkehr. 74 Menschen arbeiten derzeit auf den Etagen drei bis fünf. Wie viele es einmal werden, will Rettig nicht beziffern – das langfristige Ziel ist ein Netzwerk aus Sendern, das Lokalfernsehen finanzierbar macht und Werbekunden eine Reichweite bietet, die ein einzelner Sender nicht hat.
Der Kurswechsel: warum aus Standardtechnik High-End wurde
Beinahe wäre die Technik in diesem Haus eine ganz andere geworden. „Als wir dieses Gebäude gekauft hatten, sind wir mit dem Plan gestartet, uns in der klassischen Technik, in der sich ein Lokalsender bewegt, auch wieder zu bewegen", sagt Rettig. Abgebracht hat ihn davon eine simple Kostenüberlegung. Wer ins günstige Regal greift, kauft billig ein und zahlt hinten drauf – durch kurze Lebenszyklen und durch Personal, das den Betriebsaufwand auffängt. „Dieser günstige Weg, den man gehen muss, weil man das Kapital nicht hat, um oben einzusteigen, der kostet unfassbar viel Geld."

Damit aus dem Gedanken ein Investitionsplan wurde, mussten zwei Bedingungen zusammenkommen. Der Gesellschafter musste den Weg mitgehen und zahlen – das tat er. Und die Marktführer der Broadcast-Technik mussten sich auf einen Lokalsender einlassen. Zwischen der Technik, von der die Gruppe kam, und der, in die sie gewechselt ist, liegen nach Rettigs Schätzung fünf bis sechs Generationen. Das holt keine Mannschaft im Alleingang auf.
Den Schulterschluss zu den Herstellern organisierte das Planungsbüro Sommer + Spohr, bei dem Sonja Langhans, die viele Jahre für das IRT arbeitete, das Projekt begleitete. Die Aufgabe war weniger Produktauswahl als Übersetzung: Anforderungen gemeinsam mit dem Sender formulieren, Schnittstelle zu den Herstellern sein, die Anlage am Reißbrett durchplanen statt sie wachsen zu lassen. Rettig führt darauf zurück, dass die Technik seit dem Einzug ohne nennenswerte Störung läuft. „Das zeigt, wie sinnvoll es ist, auf gute Technik zu gehen – mit einer guten Planung. Da haben uns Sommer + Spohr und Sonja Langhans extrem geholfen."

MediorNet statt klassischer Kreuzschiene
Die erste und größte Einzelentscheidung fiel beim Netzwerk. Statt der klassischen Kreuzschiene arbeitet das Haus mit Riedel MediorNet, über das Video, Audio (via DANTE) und Daten komplett laufen, sowie Bolero und Artist für die Kommunikation. Praktisch heißt das: Grundkonfigurationen liegen abrufbar auf dem Dashboard, neue entstehen in wenigen Minuten am Bildschirm. Die drei Regien im Haus arbeiten redundant zueinander und greifen auf denselben Signalpool zu – auch auf das, was von außen ins Haus kommt. Im Zweifel produziert der Sender damit drei Formate parallel, ohne dass die Routings an eine feste Matrix gebunden wären.

Wichtiger als die Hardware sei ohnehin etwas anderes, sagt Rettig: „Wir bekommen von den Unternehmen Support, die die Technik in unserem Sinne mitdenken, die unsere Bedürfnisse abfragen und auf ihre Technik übersetzen. Alleine würden wir für diesen Weg Jahre brauchen." Riedel schult die eigenen Techniker mit, Panasonic und Samsung gehören ebenfalls zu den tragenden Partnern. Das Gros der Technik wurde über den Partner Teltec beschafft. Dass sich Schlereth und Thomas Riedel gut verstehen, hat nicht geschadet.

Ein Studio, das einen Kameramann freisetzt
Entworfen hat das große Multifunktionsstudio der Studiodesigner Fabian Bäter; wer genau hinsieht, erkennt in den Rauten eine Interpretation der Allianz Arena. Produziert wird aus mehreren Positionen: vor der 6,40 Meter breiten Samsung-Videowand aus zwei 16:9-Modulen mit 1,2 Millimeter Pixel-Pitch, in der Talk-Ecke für bis zu fünf Personen – und vor dem Fenster mit der Stadt im Rücken. Auf polarisierende Folien hat der Sender bewusst verzichtet. Rettig nimmt dafür in Kauf, dass der Hintergrund abends surreal aussieht: BMW Welt in Grün-Lila, der Turm rot-blau, die Straßenbeleuchtung als orangefarben beleuchtete Trennlinie. „Es hat uns keiner ins Lastenheft geschrieben, dass der Hintergrund natürlich aussehen muss."

Die drei Studiokameras kommen von Panasonic und sind mit hochwertigen Fuji-Optiken ausgestattet, das Licht ist komplett von ARRI – Flächenlicht wie Spots. Die Leuchten, erzählt Rettig, laufen im Studio auf rund 60 Prozent ihrer Leistung, was der Lebensdauer zugutekommen soll. Und der Artimo rechnet sich schlicht über die Besetzung: Ein Kameramann, der nicht täglich im Studio steht, kann stattdessen bei Außenterminen eingesetzt werden, sagt Rettig.
Gefahren wird das Studio aus der Hauptregie. Dort stehen ein moderner Sony-Bildmischer und ein Audiomischpult von Allen & Heath – laut Rettig eine persönliche Präferenz des Toningenieurs. Die Kameraaussteuerung läuft über drei SKAARHOJ-RCPs.

Nebenan produziert eine kleinere vMix-Regie die Nachrichten aus München und Ingolstadt, gedreht in einem Green-Screen-Studio und gekeyt über zwei Ultimatte-UHD-Keyer von Blackmagic Design. Die Münchner Ausgabe zieht demnächst ins große Studio und wird wieder live; dafür sollen perspektivisch die Heilbronner Nachrichten ins Grüne nachrücken. Gedreht wird der Content weiterhin vor Ort, nur die Moderation zentralisiert der Sender in München. Dass an dieser Stelle vMix steht und nicht das große Pult, hat einen nüchternen Grund: Die Prozesse lassen sich auf wenige Knöpfe legen, Standardformate also mit kleiner Besetzung fahren.
Künftig setzt das Technik-Team in beiden Studios auf zusätzliche PTZ-Kameras. Die neuen Panasonic-Modelle sind schon geliefert und sollen in Kombination mit der Remote-Steuerungseinheit in der Hauptregie neue Flexibilität schaffen.
Insgesamt ist die Studiolandschaft bewusst so gebaut, dass auch Externe sie nutzen können. Im kleineren Studio produziert künftig ein Mieter an sieben Tagen die Woche je vier Stunden; im großen zielt Rettig auf Corporate-Streams für Unternehmen mit Filialnetz. Das Angebot reicht von der reinen Fläche bis zur kompletten Produktion mit Personal, redaktionellem Konzept und Moderator. „Wir brauchen artverwandte Geschäftsmodelle, die zu unserem klassischen Modell passen", sagt Rettig – Erlösquellen, die sich ans Kerngeschäft anpflanzen lassen, ohne es zu stören.

32 Leute in der Redaktion – und rund fünf Stunden neu produziertes Programm am Tag
Die Redaktion im Stockwerk darüber zählt aktuell 32 Menschen, nach Rettigs Einschätzung die größte eines deutschen Lokalsenders. Sie produziert täglich zwischen viereinhalb und gut fünf Stunden Programm; „klassische Lokalsender kommen auf rund anderthalb bis zweieinhalb täglich neues Programm”, erzählt Rettig. Möglich ist das nur über konsequente Mehrfachverwertung: Ein Thema läuft im Magazin, wird zur Nachricht, wird zum Social-Clip. Gedreht wird mit einem, höchstens zwei Leuten pro Termin.

Ausgebildet wird überwiegend im eigenen Haus, verantwortet von Chefredakteurin Marion Gehlert. „Unsere Leute werden schnell ins kalte Wasser geworfen und müssen funktionieren", sagt Rettig – Raum zur persönlichen Entfaltung hätten sie dabei reichlich. Dass große Medienhäuser wirtschaftlich unter Druck stehen und teils Stellen abbauen, habe dem Sender zugleich geholfen, sich punktuell mit erfahrenen Kollegen zu verstärken. „Wir wachsen", sagt Rettig stolz.
Was als Nächstes kommt
Fertig ist das neue Headquarter noch nicht, hier und da wird eifrig gewerkelt. Die Räume werden nach und nach ausgebaut; aktuell entstehen zwei weitere Sets, die jeweils mehrere Zwecke erfüllen sollen – Produktionsfläche, Wartebereich vor der Sendung, Treffpunkt für Kunden und Bewerber. In zwei Jahren soll dann alles stehen. Parallel finalisiert der Sender einen eigenen kleinen Ü-Wagen. Auch eine dritte Regie ist im Bau: Sie wird auf Riedels SimplyLive ausgelegt, die Komponenten sind da, Konfiguration und Programmierung stehen aus. Danach folgt eine längere Trainingsphase, vor allem für den Zeitlupen- und Remote-Part.
Der übernächste Schritt heißt Virtualität, und dafür hat Rettig ein konkretes Ziel vor Augen. “Aber was wir damit machen, behalte ich noch für mich!”